Das Lob Gottes in der Musik
01.04.2009 von Hermann Achenbach
Vor nicht allzu langer Zeit hörte ich die Worte des 150. Psalms:
Halleluja!
Lobet den Herrn in seinem Heiligtume;
Lobet ihn in der Feste seiner Macht!
Lobet ihn in seinen Taten,
lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!
Lobet ihn mit Posaunen,
lobet ihn mit Psalter und Harfen!
Lobet ihn mit Pauken und Reigen,
lobet ihn mit Saiten und Pfeifen,
lobet ihn mit hellen Zimbeln;
lobet ihn mit wohlklingenden Zimbeln!
Alles, was Odem hat, lobe den Herren!
Halleluja!
13 mal die Aufforderung, Gott zu loben. Vollkommen uneigennützig.
Ein Gebet ohne Bitte um etwas. Nur das an Gott gerichtete Loben und
Preisen ... Tief drangen die Worte in mich ein und sogleich suchte etwas
in mir nach Kompositionen, die das Gotteslob äußern.
Zuerst "hörte" ich eines der letzten Werke Anton Bruckners:
den 150. Psalm, ein leuchtendes romantisches Sopran- und Chorwerk.
Beethoven vor Augen, komponierte er, maß sich an der Qualität
des Schlusschores der 9. Symphonie. Auch Bruckner hatte noch eine Neunte
zu schreiben ... Voller Freude, laut, extrovertiert, enthusiastisch
erklingt seine großartige Motette. Wenn er nur wüsste, welche
Freude er damit noch über 100 Jahre nach seinem Tod Musikfreunden
bereitet, alle Zweifel angesichts der "Beethovenschen
Übermacht" könnten posthum verfliegen ...
Felix Mendelssohn-Bartholdy, der "Brückenkomponist"
zwischen Klassik und Romantik, fällt mir mit seiner 2. Symphonie
für Solisten, Chor und Orchester, dem "Lobgesang", ein.
"Lobe den Herrn, meine Seele!" Wieder das Vorbild: Beethovens 9.
Symphonie. Zuerst der sinfonische Teil, dann der Vokalpart: In
wunderschönen Melodien wird das Gotteslob zelebriert, das
Gralsmotiv wird erfunden, das Jahre später Richard Wagner,
Mendelssohns Kritiker, in seine größten Opern integriert. Ohne
Mendelssohn, gäbe es da Wagners Parsival und Lohengrin? Der
musikalische Kerngedanke, das Gralsmotiv, das Symbol tiefster
Spiritualität, würde fehlen.
Gottes Lob in der Musik. Hier taucht in mir auch Georg Friedrich
Händel, der großartige Barock-Komponist auf , in Halle
geboren, der seine meisten Werke in England schrieb: sein "Dettinger
Te Deum", eine der schönsten Messen des Barock. Gotteslob und
Gottesfreude in wunderbarem barockem Gewand und Stil. Nach einer
herrlichen Ouvertüre der erste Chorsatz:
Herr Gott! Dir sei Lob.
O Gott,
Wir preisen Dich, Gott;
Wir bekennen Dich, Du bist der Herr!
Und dann der vierte Chorsatz, der seit meiner frühesten Kindheit in
mir verankert ist. Mein Vater liebte Händels Musik. Er hatte sie
aus britischer Gefangenschaft mitgebracht. Gotteslob nach bitterer Zeit.
"Vor Dir Cherubim und Seraphim, von Ewigkeit zu Ewigkeit lobsingen
sie vor dir."
Der Inhalt einer solchen Aussage ist ja eigentlich unverständlich!
Aber warum ist hier eine Resonanz in mir anwesend? Könnte es sein,
dass im tiefsten Grund der Seele "Erinnerungen" vorhanden sind
an Zustände, die denen der Engel gleichen? Wie auch immer, ich
werde diese Musik wohl noch auf meinem Totenbett in mir hören.
Wolfgang Amadeus Mozarts Gotteslob: Exultate Jubilate, KV 165. Eine
Sopranmotette. Frische, Wohlklang, wunderbare Melodien! Der Sopranstimme
wird alles abgefordert. Freude, Gotteslob, Existenz-Tiefe, das Halleluja
hebt uns in höchste Höhen! Die Musik des 17-jährigen
Mozart ist in Worten nicht zu vermitteln!
Und zuletzt der Ungar, Béla Bartok: In seinen letzten Lebensjahren
1940 - 1945 lebte er in den USA am Existenzminimum. Der Atheist Bartok
komponiert, bereits vom Tode gezeichnet, sein 3. Klavierkonzert. Der 3.
Satz muss von einem ungarischen Freund zuende geschrieben werden. Der 2.
Satz - Adagio religioso - wird noch von Béla Bartok mit
überirdischer Schönheit in Noten gesetzt. Nur ein Mensch mit
spiritueller Resonanz kann solche Musik schreiben.
Auch in diesem Konzert ist der Bezug zu Beethoven vorhanden: zum
Streichquartett op. 132, dem "Heiligen Dankgesang eines Genesenden
an die Gottheit". Wer Bartoks Lebenswerk einigermaßen kennt,
weiß von dem Revolutionären, dem Schroffen, dem schmerzhaft
Unverständlichen, aber auch von der ungarischen und
rumänischen Seele. Die Urmusik aus diesen Ländern mit deren
Freude und Melancholie ist untrennbar verwoben mit Bartoks Werken. Das
Adagio religioso versöhnt mit dem Leben und mit Gott.
Was hindert uns daran, die geistige, göttliche Sphäre in uns
selbst zu suchen? Warum macht man Gott zu einer Institution, die man
anbettelt und um die Verbesserung der Alltagsumstände bittet?
Warum sollten wir nicht in die große innere Freude eintreten?
Rilke endet sein Gedicht "Siehe" mit den Worten: Wer widerruft
Jubel?... Wer widerruft Jubel?
Abbildungen z. T. von Wikipedia
Musikempfehlungen:
Bruckner: Eugen Jochum, Berliner Philharmoniker, Maria Stader, Sopran,
Chor Dt. Oper Berlin
Mendelssohn: Kurt Masur, Gewandhausorchester Leipzig, Rundfunkchor
Leipzig, Solisten: Barbara Bonney, Edith Wiens, Peter Schreier
Händel: Helmut Koch, RSO Berlin, Günther Leib, Bariton,
Berliner Rundfunkchor
Mozart: Ferenc Fricsay, RSO Berlin, Maria Stader, Sopran
Bertók: Ferenc Fricsay, SO des Bayerischen Rundfunks, Annie
Fischer, Klavier