Sinfonie Nr. 41, Köchelverzeichnis 551 von Wolfgang Amadeus Mozart,
Jupitersinfonie
19.11.2008 von Hermann Achenbach
Es gibt Musik, die man immer wieder hören kann. Nie wird man ihrer
überdrüssig. Hierzu gehört die Jupitersinfonie. Das
bestätigen Musikschaffende und Hörer gleichermaßen. Dabei
ist es nicht so, dass, wie in vielen Werken Mozarts, eine
einprägsame Melodie im Innern haften bliebe, die zum wiederholten
Summen, Pfeifen oder Singen Anlass geben würde, wie es
beispielsweise beim Klarinettenkonzert KV 622, bei vielen Arien der
Zauberflöte KV 620 oder der kleinen Nachtmusik KV 525 der Fall ist.
Mozart meldet in seinem eigenen Werkverzeichnis in lakonischer
Schlichtheit: "eine Sinfonie". Doch sie bildet einen oder den
Höhepunkt Mozartscher Sinfonik, die glanzvolle C-Dur-Sinfonie KV
551, datiert "Wien 10.08.1788". Ihr Name
"Jupitersinfonie" scheint zu recht unlösbar mit dem Werk
verbunden, wobei er wohl nicht von Mozart stammt. Dem Bonner und
Londoner Geiger Johann Peter Salomon wird die Herstellung des Bezuges zu
dem höheren geistigen Hintergrund zugeschrieben.
Nach Hesiods Theogonie ist Zeus bzw. Jupiter der höchste Gott. Die
Macht des Zeus hat ihresgleichen nicht: In ewiger Jugend und Kraft
thront er in des Olympos' schimmerndem Ätherglanze, seine Macht
gilt im Himmel und auf der Erde und unter der Erde und durch alle
Zeiten. Nach Homer deutet sein Name auf Himmel und Licht. Der Himmel in
Äther und Wolken ist sein Aufenthalt. Leben und Tod liegen in
seiner Hand.
Mozart scheint die Musik wie eine Offenbarung aus dem Kosmos, aus hohen
Gebieten - jenseits des menschlichen Zugriffs -, empfangen zu haben. Er
schrieb die Jupitersinfonie zusammen mit den beiden älteren, aber
sehr verschiedenen Schwestern, den Nrn. 39 und 40 des
Köchelverzeichnisses, innerhalb von sechs Wochen im Sommer 1788.
In strahlendem Glanz, Vielfarbigkeit und mit Facettenreichtum erklingt
die Sinfonie. Im Andante cantabile wendet sie sich kurzfristig, kaum
merklich, nach c-moll. Schwerelose Grazie durchzieht das Menuett und das
Kunstvollste ist ohne Zweifel der 4. Satz, das Molto Allegro. Er besteht
aus einer Synthese aus Homophonie und Polyphonie, von Sonatensatz und
Fuge und vereint Barock und Klassik auf höchster Ebene. Zuvor war
diese Aufgabe in der Musikgeschichte unlösbar.
Ich sitze im Konzertsaal und die Musik erklingt atemberaubend und
gleichzeitig auf selbstverständliche Art und Weise, mit
höchster Eleganz und Natürlichkeit. Mozart bejaht die
kosmische Ordnung, jede falsche Note wäre eine Verletzung
derselben. Der eigentliche Höhepunkt, die Coda, die lange vor
Beethovens Eroica in einem genialen Kraftakt alle kontrapunktischen
Künste konzentriert, scheint schwerelos, schwebend, voller
Geheimnis. Hohe geistige Konzentration berührt mich - eine
mozartsche Meditation? Pauken und Trompeten beenden die Sinfonie und
preisen Zeus mit einem sinfonischen Fest. Jupiter erscheint unsichtbar
auf ätherischen Wolken in majestätischer Größe und
Kraft.
Die Sinfonie ist ein Triumphgesang, gerichtet an das Göttliche, und
sie berührt das Göttliche im Menschen. Musikalisch wird der
Hörer zu kraftvoller Herrlichkeit erhoben - eine Beglückung
des Seins.
In wunderbarer Einheit verschmelzen die kontrapunktischen musikalischen
Bögen. Es findet eine Wechselwirkung zwischen Mikrokosmos und
Makrokosmos statt. Mozart kannte die Urgesetze, er führt den Kampf
und die Vermählung der Gegensätze zu höherer vollkommener
Einheit. Kaum ist die Empfindung schöner auszudrücken, als es
Grillparzer über den Genius Mozart formulierte:
Glücklich der Mensch, der fremde Größe fühlt
und sie durch Liebe macht zu seiner eigenen.
Denn groß zu sein ist wenigen vergönnt. -
Er aber klomm so hoch, als Leben reicht,
und stieg so tief, als Leben blüht und duftet,
und so ward ihm der ewig frische Kranz,
den die Natur ihm wand und mit ihm teilet.
Alfred Einstein spricht in seiner Mozartbiografie vom ewigen Augenblick
in der Musikgeschichte - ist dem noch was hinzuzufügen? Mozart
erreicht mit seiner Musik ein Niveau der Abstraktion, das dem Hörer
die Erfahrung ermöglicht, mit dem reinen geistigen Hintergrund, dem
schöpferischen Quell selbst, Kontakt aufzunehmen. Ist es vielleicht
die Aufgabe der großen Komponisten, mit ihren musikalischen
Impressionen zwischen den Welten zu vermitteln? Mozart lässt
jedenfalls die göttliche Lyra, die Harfen des Orpheus und des
Apollon erklingen.
Empfehlung: CD-Aufnahme mit den Wiener Symphonikern oder dem RSO Berlin,
Dirigent Ferenc Fricsay