Diesen Kuss der ganzen Welt
17.10.2007 von Hermann Achenbach
Der Entstehungszeit ist die französische Revolution vorausgegangen,
weg von den privilegierten Ständen (Staat und Klerus) hin zum Volk,
das somit die Nation sei. Die Ideen der Veränderungswelle brachten
die Erklärung der Menschenrechte nach amerikanischem Vorbild
hervor.
Die europäischen Staaten blieben von diesen Vorgängen nicht
unbeeinflusst. Das Naturrecht der Aufklärung erlebte erneut einen
Triumph. Freiheit und Gleichheit des Menschen wurden als politische
Ziele verkündet. Das Meinungsäußerungsrecht und das Recht
des Eigentums wurden ausdrücklich festgestellt. In vielen
europäischen Ländern entstanden, wenn auch mit großen
Widerständen, neue Verfassungen. Napoleon stieg auf und
überzog die alte Welt mit Kriegen. Die Freiheitsrechte waren eher
fraglich als sicher. Der preußische Staat wurde modernisiert.
Waterloo! Die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress!
Demokratiebestrebungen in einer Reihe deutscher Staaten! Großer
diplomatischer und politischer Einfluss ging von Österreich aus.
Beethoven hatte bereits Anfang des 19. Jahrhunderts seine dritte
Sinfonie Napoleon gewidmet. Hierin dokumentierten sich die Hoffnungen
auf die "Verwirklichung der platonischen Republik und die
Grundsteinlegung zum allgemeinen Weltenglück". Er notierte auf
der Partitur: "Geschrieben auf Bonaparte". Als Beethoven am 18.
Mai 1804 von der Kaiserkrönung Napoleons hörte, zerriss er die
Widmung des bereits vollendeten Werkes mit den Worten: "Also ist er
auch ein gewöhnlicher Mensch. Nun wird er ein Tyrann werden und die
Freiheitsrechte mit Füßen treten.
Trotz sehr angegriffener Gesundheit und fast völliger Taubheit
beginnt 1817 Beethoven seiner 9. Sinfonie Gestalt zu verleihen. Mit
unmissverständlicher Deutlichkeit und Eindringlichkeit sollten die
Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit aller Menschen
angesichts des "verzweiflungvollen Zustandes" der Welt in einem
Kunstwerk festgeschrieben werden. Der Rückgriff auf Schillers
"Ode an die Freude" für das Kantatenfinale, die von
Beethoven als "Ode an die Freiheit" verstanden wurde, macht
deutlich, dass von ihm die Idee der Gleichheit und Verbrüderung
noch nicht ausgeträumt war.
Nachdem der Bariton im 4. Satz der Sinfonie mit Beethovens Worten
"freudenvollere Töne" einfordert stimmt er in die
Freudenmelodie des Orchesters ein. Er singt die 1. Strophe Schillers
Ode: "Freude schöner Götterfunken..." Chor und
Solisten treten nacheinander und dann gemeinsam hinzu. In wunderbarer
Weise verbindet sich der Gesang der Menschenstimmen mit dem Geflecht der
Orchesterinstrumente zu einer hymnischen Rhythmik. Feierlich erreicht
die Musik den Ausruf: " Und der Cherub steht vor Gott!" Hier
wird deutlich, dass die höchste göttliche Kraft in allen
Universa angesprochen wird. Dreimal werden die Worte "vor
Gott" mit großer Kraft wiederholt. Mit einem genialen
Wechsel von A-Dur nach F-Dur erstrahlen die Stimmen in wunderbarem
Glanz. Die Komposition der Worte ist ebenso phantastisch wie die der
Musik. Kann man in einer schöneren Sprache mit der Menschheit
kommunizieren? "Seid umschlungen Millionen. Diesen Kuss der ganzen
Welt!"
Und nun decken sich die Gottessichten Schillers und Beethovens
offensichtlich. Musikalisch wird dem höchsten Wesen geopfert. Es
rieselt erschauernd über den Rücken: "Brüder,
überm Sternenzelt muss ein lieber Vater wohnen". Der
musikalische Nachdruck liegt auf dem Wort "muss". "Ahnst Du
den Schöpfer, Welt? Such ihn überm Sternenzelt!" Leise
wiederholt das Orchester die Melodie: Die Sterne flimmern vor Augen! –
Kann man Menschheitsverbrüderung in der Kunst überhaupt
darstellen? – Wohl nur Musikalisch! Was reicht an diese Musik heran? –
Das Motiv der Freude "Freude schöner Götterfunke; Tochter
aus Elysium" wird in einer schier unvorstellbar schönen
Doppelfuge mit der Verbrüderungsmelodie "Seid umschlungen –
Millionen" übereinander gelegt. Die göttliche Kraft muss
in diese Welt eintreten, im einzelnen Menschen Raum erhalten und wie in
einer atomaren Kettenreaktion alle Menschen ergreifen: Seid umschlungen
Millionen! – Und ist es nicht eine unbeschreibliche Freude: "Alle
Guten, alle Bösen folgen ihrer Rosenspur".
Das Orchester rast mit unbeschreiblicher Kraft dem Abschluss entgegen:
Der Kuss der ganzen Welt aus dem Elysium! Zur gleichen Zeit komponierte
Beethoven seine Missa solemnis. Er schrieb über die Partitur:
"Von Herzen – möge es wieder zum Herzen gehen". Dies gilt
ohne jeden Zweifel auch für die Neunte.
Und ich sitze tief bewegt und erschüttert im Konzertsaal. Brausende
Wogen des Applauses, standing ovations. – Ich staune über die hohen
Ideale, die Wahrheitsaspekte, die Menschenliebe und das tiefe Wissen von
der einen unkennbaren, unbeschreiblichen, wirkenden Kraft, die in allen
Kunstgattungen zu finden ist. Sie wird uns Menschen offenbar, wenn wir
mit dem Herzen wahrnehmen. – Wie lange lebt dieses Gefühl und die
Erfahrung einer Einheit auf einer höheren Ebene in uns? – Noch
viele Tage nach dem Konzert steigen immer wieder Melodien und Schillers
Worte in mir auf. Die tiefe Bewegung ist unverändert in mir. Worte
vermögen nicht auszudrücken, dass diese unbekannte Kraft sich
in uns manifestieren will. – Sie will uns von der Möglichkeit
mitteilen. – Sie will Herz und Haupt zur Einsicht anleiten. – Sie will
uns den Weg andeuten. – Gehen müssen wir ihn selbst!