Johannes Brahms und die Inspiration
15.08.2007 von Hermann Achenbach
Vor kurzem hörte ich zur Vorbereitung auf ein Sinfoniekonzert, in
dem u. a. die 2. Symphonie von Johannes Brahms aufgeführt werden
sollte, einen Vortrag über Brahms und seine Werke. Verwundert nahm
ich zur Kenntnis, dass sich Brahms gegen Ende seines Lebens in einem
Interview erstmals zur Frage der Inspiration und deren Quelle
äußerte und dem Fragesteller das Versprechen abnahm, seine
Äußerungen nicht vor Ablauf von 50 Jahren nach seinem Tod zu
veröffentlichen.
Auf die Frage nach seiner Inspiration zitiert Brahms zunächst die
Jesusworte aus dem Johannesevangelium: "Der Vater, der in mir wohnt,
der tut diese Werke. Wer an mich glaubt, der wird diese Werke auch tun,
die ich tue, und wird größere denn ich tun". Im weiteren
spielt er auf eine Äußerung Ludwig van Beethovens an, der
einmal erklärt hatte: "Als ich diese Stelle schrieb, war ich
mir bewusst, von Gott dem Allmächtigen inspiriert worden zu
sein."
Brahms sagt dazu: "Beethoven empfand das gleiche wie ich. Mit der
Allmacht in Verbindung zu treten, geschieht nicht nur durch die
Willenkraft über das bewusste Denken, das ein Entwicklungsprodukt
des physischen Bereiches ist und mit dem Körper stirbt. Es kann nur
durch die inneren Seelenkräfte geschehen – durch das wirkliche Ich,
das den Tod körperlich überlebt. Diese Kräfte ruhen
für das bewusste Denken, wenn sie nicht vom Geist erleuchtet
werden."
Und dann beschreibt Brahms sehr konkret, wie sich die Inspiration in ihm
vollzieht:
"Wenn ich den Drang in mir spüre, wende ich mich zunächst
direkt an meinen Schöpfer und stelle ihm zuerst die drei in unserem
Leben auf dieser Welt wichtigsten Fragen – woher, warum, wohin? Ich
spüre unmittelbar danach Schwingungen, die mich ganz durchdringen.
Sie sind der Geist, der die inneren Seelenkräfte erleuchtet, und in
diesem Zustand der Verzückung sehe ich klar, was bei meiner
üblichen Gemütslage dunkel ist; dann fühle ich mich
fähig, mich wie Beethoven von oben inspirieren zu lassen. In
solchen Augenblicken wird mir die ungeheure Bedeutung der höchsten
Offenbarung Jesu bewusst: 'Ich und der Vater sind eins'. Ideen
strömen auf mich ein, direkt von Gott; ich sehe nicht nur bestimmte
Themen vor meinem geistigen Auge, sondern auch die richtige Form, in die
sie gekleidet sind, die Harmonien und die Orchestrierung. Takt für
Takt wird mir das fertige Werk geoffenbart. Ich muss jedoch darauf
achten, dass ich das Bewusstsein nicht verliere, sonst entschwinden die
Ideen. Der Geist ist das Licht der Seele. Der Geist ist allumfassend.
Der Geist ist die schöpferische Energie des Kosmos".
Ich finde es großartig, wie Brahms diesen geistig-seelischen
Prozess der Inspiration bewusst wahrnehmen und in klare Worte fassen
konnte. Das Resultat ist der Nachwelt in seiner genialen Musik erhalten
geblieben.
Hinweis: Lesenswert ist das antiquarische Buch von Arthur M. Abell:
Gespräche mit berühmten Komponisten, aus dem Schröder
Verlag Garmisch-Partenkirchen. Diesem Buch wurden obige Zitate
entnommen.