Schuberts Traum
27.06.2007
Manchmal trifft man auf Gedanken, die aus einem sehnsuchtsvollen Herzen
geboren wurden und die einen tief berühren. So ging es mir mit
einem Text, den der berühmte Komponist Franz Schubert (1797-1828)
als junger Mann schrieb und den er "Mein Traum" nannte. In die
Worte sind biografische Elemente eingeflossen und besonders das
problematische Verhältnis zu seinem Vater. Schubert beschreibt
darin folgende Vision:
" ... mit einem Herzen voll unendlicher Liebe für die,
welche sie verschmähten, wanderte ich abermals in ferne Gegend.
Lieder sang ich nun lange, lange Jahre. Wollte ich Liebe singen, ward
sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er
mir zur Liebe. So zerteilte mich die Liebe und der Schmerz. Und einst
bekam ich Kunde von einer frommen Jungfrau, die erst gestorben war. Und
ein Kreis sich um ihr Grabmal zog, in dem viele Jünglinge und
Greise auf ewig wie in Seligkeiten wandelten. Sie sprachen leise, die
Jungfrau nicht zu wecken. Himmlische Gedanken schienen immerwährend
aus der Jungfrau Grabmal auf die Jünglinge wie leichte Funken zu
sprühen, welche sanftes Geräusch erregten. Da sehnte ich mich
sehr, auch da zu wandeln. Doch nur ein Wunder, sagten die Leute,
führt in diesen Kreis. Ich aber trat langsamen Schrittes, innen
Andacht und fester Glaube, mit gesenktem Blick auf das Grabmal zu, und
ehe ich es wähnte, war ich in dem Kreis, der einen wunderlieblichen
Ton von sich gab; und ich fühlte die ewige Seligkeit wie einen
Augenblick zusammengedrängt."
Das Motiv der schlummernden Jungfrau gibt es in vielen Märchen. Es
ist ein Sinnbild der verborgenen Sophia, der religiösen Weisheit,
die latent in uns ruht. Für Franz Schubert nahm die religiöse
Sehnsucht im Bild der Jungfrau Gestalt an. In der "Fama
Fraternitatis", dem "Ruf der Rosenkreuzer Bruderschaft",
gibt es die Vorstellung von einem Grabtempel, in dem sich der
Körper des Christian Rosenkreuz – unverweslich – befindet.
Man kann den geistigen Brennpunkt im eigenen Wesen erfahren. Eine
entscheidende Hilfe ist es dabei, wenn sich eine Gruppe von Menschen der
Existenz der Sophia und der Zugangsmöglichkeit zu ihr bewusst ist
und sich gemeinsam meditativ darauf richtet. Da diese Manifestation
einer spirituellen Kraftquelle dem irdischen Verstand unbegreiflich ist,
hält er es für ein Wunder. Wer sich jedoch dem Mysterium
demütig zu nähern weiß, kann den Kreis der Seligkeit
finden.