Mensch, lerne tanzen
11.08.2010 von Christa Zuch
Tanz der Sufi
"Und er tanzte mit aller Macht vor dem HERRN her und war
gegürtet mit einem leinenen Leibrock". Dies ist in der Bibel
der älteste Bericht über das Tanzen - und es war der
König der Könige - David (2. Samuel 6, 14).
Das Wort "Tanz" leitet sich ab von italienisch danza und hat die
Bedeutung von ausgeführten Körperbewegungen als Ritual,
Brauchtum, darstellende Kunstgattung, Berufstätigkeit, Sportart,
Therapieform oder schlicht Gefühlsausdruck.
Mit dem Tanz sind viele Lebensäußerungen verbunden. Schon
kleine Kinder fangen an zu tanzen, um ihrer Lebensfreude Ausdruck zu
geben, selbst wenn sie nie jemanden tanzen gesehen haben. Der Tanz kann
einem spontanen Gefühlsimpuls entspringen, er kann ein
Zusammengehörigkeitsgefühl zum Ausdruck bringen oder ganz
einfach Zeitvertreib sein. Ist das Leben insgesamt nicht ein Tanz? In
der Bewegung des Tanzens liegt Verzauberung. Märchen berichten von
den im Reigen schwebenden Elfen. Bei Tieren gibt es - zur Brautwerbung -
eine Art des rituellen Tanzes.
Die ältesten erhaltenen Dokumentationen des Tanzens sind indische
Höhlenmalereien, die in dem Zeitraum zwischen 5000 und 2000 v. Chr.
entstanden. Im Hinduismus wird der Gott Shiva als ein tanzender gedacht,
und im antiken Ägypten gab es rituelle Tänze, die Tod und
Wiedergeburt des Gottes Osiris darstellten. Die alten Hellenen
systematisierten den Tanz nach Gottheiten und den mit ihnen verbundenen
Gefühlsausdrücken. Als wichtiges Zeitzeugnis gilt Homers
Beschreibung des Tanzes Chorea in der Ilias aus dem 8. bis 6.
Jahrhundert v. Chr. Ekstatische Tänze waren Teil der Verehrung des
Gottes Dionysos, des Gottes der Fruchtbarkeit und Lebensfreude.
Musik und Tanz sind eng miteinander verbunden, in einigen Kulturen -
etwa im afrikanischen Tanz - sogar so eng, dass es für beide
zusammen nur eine Bezeichnung gibt. Berühmt für eine Art des
Tanzens in Begleitung von Trommeln sind die indischen und
türkischen Derwische und ihre "Trancetänze". Im
Mittelpunkt steht die Konzentration auf den eigenen Körper in
Verbindung mit Meditation. Es ist der Schlüssel zu ekstatischen,
bewusstseinserweiternden Seinzuständen, in denen die Tanzenden in
andere Sphären aufzusteigen vermögen, neue Dimensionen
entdeckend. Verschiedene Welten berühren hier einander im Tanz.
Doch für welche Zwecke auch immer, wie ist es möglich, dass
unser Körper tanzen kann? Der Körper, so wie wir ihn sehen,
spüren, so wie wir uns durch ihn bewegen, besteht aus Materie und
Materie ist starr, leb-los. Es ist der Ätherkörper, ein
feinstofflicher Körper, der den physischen Körper
umschließt und ihn durch seine Vibration, seine Schwingung dazu
befähigt, sich zu bewegen. Durch den "Tanz des Atems" wird
das Bewusstsein in die verschiedenen Körperteile gelenkt, und
Körper und Bewusstsein vereinen sich in vollkommener Weise. Der
Tanz des Atems erleichtert durch die Vielfalt seiner Formen und Rhythmen
vor allem das Fließen der Energie.
Hier ist es interessant, zu lesen, was der Physiker Fritjof Capra in
seinem Buch "Das neue Denken - die Entstehung eines ganzheitlichen
Weltbildes im Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft und Mystik"
schreibt. "Nicht nur, dass die Bahnen von Materieteilchen durch
Verzerrungen der Raumzeit beeinflusst werden - die Anwesenheit der
Materie ist es, die ihrerseits diese Verzerrungen erst hervorruft! In
Einsteins Universum spielt sich damit ein immerwährender Reigen ab,
bei dem Materie und Raumzeit sich gegenseitig beeinflussen: Eine
gegebene Materieanordnung verzerrt die Geometrie der Raumzeit (und das,
nebenbei bemerkt, nicht nur über ihre Masse, sondern beispielsweise
auch über Energie, innere Spannung oder Druck); die Geometrie der
Raumzeit bestimmt, wie sich die Materie weiterbewegt. Entsprechend der
durch die Bewegung leicht veränderten Materiekonfiguration
verändert sich auch die Raumzeitgeometrie, diese veränderte
Geometrie beeinflusst die weitere Bewegung der Materie ..."
Tanzen. Es wurde vom Ätherkörper und seiner Funktion
gesprochen. Er seinerseits wird beeinflusst vom
"Astralkörper", durch den es uns möglich ist zu
fühlen. Und er wiederum wird geprägt von unserem Denken und
Wollen. Denken, Fühlen und Wollen lenken unser Leben. Ihre
Qualität bestimmt die Qualität unseres Bewusstseins. Wir
mögen stolz sein auf unsere intellektuellen, wissenschaftlichen,
esoterischen Errungenschaften, doch: "Was hülfe es dem
Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme Schaden an
seiner Seele" (Matth. 26)?
Es gibt einen Tanz der Seele "in geheiligter Sphäre", ein
Mitbewegen in einem Schwingungsfeld, in dem göttliche Kräfte
die Seele erfüllen. In der Gemeinschaft Gleichgesinnter kann ein
solcher Tanz erlebt werden. "Mensch, lerne tanzen", sagte
Augustinus, "sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir
anzufangen."