Der Fluss
14.07.2010 von Christa Zuch
Ist unser Leben nicht wie ein Fluss, in unaufhörlicher Bewegung,
immer auf der Suche nach Etwas? Der Körper verändert sich, und
ebenso die Gedanken und Gefühle. In dem einen Augenblick sind wir
dies, und im nächsten Augenblick etwas anderes. Die
Veränderung geschieht täglich, sie ist fortwährend,
allgegenwärtig, und sie kennt keinen Aufschub. Ist denn die
Vorstellung, dass es etwas objektiv Seiendes gibt, das ewig bestehen
bleibt, eine Illusion?
Wenn wir den Verlauf eines Flusses betrachten, fällt uns auf, dass
er nicht in einem geraden Weg zum Meer verläuft, sondern sich in
vielen Biegungen windet. Zu Beginn, von der reinen Quelle gespeist, ist
er noch ein kleines Flüsschen. Es nimmt bei seinem
zögerlichen Lauf da und dort Kiesel, Sand, Erde mit sich, die es
seitlich ablagert. Andere kleine Flüsse münden ein, auch sie
Sand, Erde, Kiesel enthaltend. So werden nach und nach die Ablagerungen
immer größer, beengen den Lauf. Es müssen immer wieder
Umwege gesucht, neue Flussbetten geschaffen werden, um mit stets
wachsender Kraft das von Anfang an gesuchte Ziel, das Einmünden in
das Meer und das Einswerden mit ihm, zu erreichen.
Ist dies nicht wie ein Symbol unseres eigenen Seins im Laufe der
Inkarnationen? Und auch des Weges in Gemeinschaften, in denen wir einem
geistigen Weg folgen? Die kleinen Flüsse entsprechen den aus den
verschiedensten Richtungen kommenden Weggefährten, die neuen
Flussbetten der Notwendigkeit, die universelle Lehre der Befreiung immer
wieder dem veränderten Verständnis anzupassen und das
zurückzulassen, was sich als stagnierender Ballast angehäuft
hat. Es weitet sich das Blickfeld, verinnerlicht sich, lässt uns
immer mehr ein Tropfen des großen, göttlichen Weltenmeeres
sein.
In manchen Religionen gehört es zum Ritual, in einen Fluss zu
steigen. Das ist nicht nur für die äußere Reinigung
gedacht. Es gibt gewisse "heilige" Flüsse, wie zum Beispiel
den Ganges. Sie sind durch die bewusste spirituelle Hinwendung der darin
Badenden an das urewig Göttliche, das sich von Anbeginn an der
Menschheit mitteilt, zu einem Kraftfeld geworden. Wer immer sich ihm
öffnet, kann diese spirituelle Kraft erfahren. Und so ist es nicht
nur eine Legende, sondern eine geistige Realität, wenn im Neuen
Testament berichtet wird, wie auch Jesus sich im Jordan von Johannes dem
Täufer taufen lässt (Matth. 3,16). Es heißt dort:
"Und da Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser;
und siehe, da tat sich der Himmel auf über ihm. Und er sah den
Geist Gottes gleich als eine Taube herabfahren und über ihn kommen.
Und siehe, eine Stimme vom Himmel herab sprach: "Dies ist mein
lieber Sohn, an welchem ich Wohlgefallen habe." Jeder Mensch kann
durch Eintauchen in ein spirituelles Feld, einen spirituellen Strom, die
Gotteskindschaft erringen.
Wenn wir das bewusst erleben, lernen wir zugleich, uns dem ewigen Wandel
der Dinge vertrauensvoll hinzugeben. Sind wir in diesem Vertrauen bereit
für den kommenden Tag, einen Tag erneuter, schrittweiser
Veränderung? Gleich dem Fluss, der unbeirrt von allen Hindernissen
voll des Verlangens dem unendlichen Meer zuströmt, gelingt es auch
uns, wieder zu IHM, unserem ursprünglichen Zuhause,
zurückzukehren. Wie tröstlich ist das!
Foto: Hermann Achenbach