Jeder Mensch ist einzigartig und doch aus einer Einheit hervorgegangen
24.02.2010 von Silke Karwowski
Wisse, ...
dass die ganze Welt wie ein Spiegel ist; dass in jedem Atom hundert
strahlende Sonnen sind; dass hundert Ozeane entstehen, wenn Du einen
Tropfen Wasser zerteilst; dass in einem Teilchen Materie hundertfach
Adam gefunden werden kann; dass in einem einzigen Hirsekorn ein
Universum verborgen liegt; dass alles in einem Augenblick anwesend ist;
dass jeder Punkt eines Kreises aus Tausenden von Formen zusammen
gefügt ist; dass jeder Punkt in seiner Umdrehung einen Kreis
bildet, einen sich drehenden Umfang.
Mahmud Shabestari, gest. 1320 Iran
Mahmud Shabestari sieht die Welt wie im Kleinen so im Großen. Weil
wir Menschen von ganz unterschiedlicher Natur sind, sehe ich immer
wieder folgendes Bild vor Augen:
Einst sind alle Menschen aus einem Mittelpunkt heraus in das ganze All
geschleudert worden. In diesem Mittelpunkt gab es keine Zeit, keinen
Raum, keine Persönlichkeiten in Form von Individuen, keine
eingekerkerten Seelen. In dieser Mitte gab es keine Welt mit ihren
Gegensätzen, mit ihren Widersprüchen. Dort war etwas, was sich
unserer höchsten Vorstellung und stärksten Fantasie entzieht,
dort war einfach nur Licht. Dieses helle Licht kann die Sonne sein, und
um sie herum bewegen sich die Planeten, die Menschen, die sich von der
Sonne entfernt haben.
Heute sind alle Menschen einsam auf ihrer Bahn der Erfahrungen. Sie
bewegen sich alleine, zu zweit oder in Gruppen, und doch ist jeder
für sich. Jeder Mensch befindet sich in einem anderen Winkel zu
seinem ursprünglichen Mittelpunkt und hat daher eine andere Ansicht
der Dinge, Menschen und Situationen. Die Menschen verstehen sich nicht
mehr, sprechen verschiedene Sprachen.
Und doch gibt es sogenannte Schnitt- oder Begegnungspunkte. Da treffen
Menschen verschiedener Kulturen, Mentalitäten, Stände oder
auch großer Altersunterschiede aufeinander und verstehen sich auf
Anhieb. Ihre Seelen sprechen eine Sprache, die sich im Lachen, in der
Musik, im Gebet, aber auch in der Liebe äußert. Es sind
Momente, in denen sich die Menschen auf etwas Gemeinsames einschwingen;
sie verstehen sich untereinander, sprechen eine gemeinsame Sprache.
In einem bestimmten Zeitpunkt auf ihrer Lebensbahn, die ein Hin- und
Herpendeln zwischen gemeinsamem Erleben und Sich-nicht-verstehen ist,
stoßen die Menschen an eine äußerste Grenze des
unendlichen Alls, sie kommen nicht mehr weiter. Gleichzeitig hören
sie einen Ruf wie aus der Ferne.Dieser Ruf erinnert sie an ein einst
gekanntes unendliches Ewiges. Irgendwann wird dieses Rufen so stark wie
ein Magnet und erweckt eine große Sehnsucht. Und die Menschen
streben nach langen, langen Zeiten wieder ihrem gemeinsamen Mittelpunkt
zu, angereichert mit Erfahrungen, viel reifer als zu der Zeit, bevor sie
diesen Mittelpunkt verließen. Der Vater freut sich über den
heimgekehrten Sohn um einiges mehr als über den daheim gebliebenen,
so heißt es in der Bibel.
Jeder einzelne Mensch kommt aus einer anderen Richtung, und noch sind
sie verschieden, abgeschieden vom Licht. Aber das Wissen, dass jeder
anders sein muss und trotzdem der einen Mitte zustrebt, lässt eine
Toleranz, ein Verstehen, eine Liebe in jedem Reisenden erwachsen. Die
Freude wird immer größer, je mehr Ballast, Altlasten,
Gewohnheiten, Unbewusstheiten auf dem Weg abfallen. Die Menschen nehmen
einander immer klarer wahr.
Es ist, wie wenn ein Stück Holz lange, lange Zeit am Meeresgrund im
Dunkeln festgebunden war. Eines Tages reißt der Strick, und das
Hölzchen treibt wie von selbst an die Oberfläche des Wassers,
wo das Sonnenlicht sich spiegelt. Es ist seine Bestimmung, leichter als
das Wasser zu sein.
Mit den Menschen verhält es sich ebenso. Sie wenden sich
erleichtert wieder ihrem eigenen Mittelpunkt zu, dorthin, wo es Licht
ist. Diesen Pfad zur Mitte zu beschreiten ist so leicht - wie die
Geschichte vom Stück Holz es beschreibt -, dass die Menschen mit
ihrem komplizierten Denken und ihren Verstrickungen im Labyrinth der
Lebenssee gar keine Idee haben, wie sie das bewerkstelligen können.
Das Sich-umwenden zum Licht, zur hellen Oberfläche des
Meeresspiegels, geschieht im "Nichttun", im Wu Wei, wie die
alten Chinesen sagen. Das Hölzchen, das an die Oberfläche
getrieben wird, tut auch nichts. Das einzige, was die Menschen tun
können ist, "den Strick zu lösen", den Strick zum
Reißen zu bringen, der sie am Alten festhält.
Die wahre Bestimmung des Menschen ist es, sich wieder zum eigenen
inneren Mittelpunkt hin zu bewegen, der die Mitte aller Menschen ist,
der Mittelpunkt, der Gott oder Vater-Mutter in einem ist.
Foto: Hermann Achenbach