Der Tiger
26.08.2009 von Olivia Robles
Ich stieß auf einen kurzen spanischen Text, der auf schöne
Weise deutlich macht, wie in unserer Welt alles, was über sie
hinaus ragt, heruntergezogen und - wenn möglich - vernichtet wird.
In allen Kulturkreisen gibt es Menschen, die auf einem geistigen Weg
fortgeschritten sind. Das dienende Werk, das ihnen aufgegeben ist,
können sie nur verrichten, wenn sie bescheiden, ja fast unscheinbar
auftreten.
Ich habe den Text, der von Manuel Vincent aus Madrid stammt,
sinngemäß ins Deutsche übersetzt:
Während eines Gewitters, das plötzlich über der Savanne
ausbrach, wurde ein Tiger von einem Blitz getroffen. Es war ein
großes Aufleuchten des Lichtes. Aber anstatt den Tiger zu
töten oder zu verletzen, zog der Stromschlag auf seinem Fell
lediglich einen neuen Streifen. Er hatte die Farbe des Feuers und man
sah ihn aus weiter Ferne leuchten. Dass er anders geworden war, brachte
dem Tiger die Bewunderung der Raubtiere seiner Gattung ein, ja sogar die
Löwen verehrten ihn. Bis er eines Tages von Wilderern entdeckt
wurde, die sogleich einen unbändigen Jagddrang nach ihm empfanden,
sobald sie seine Einzigartigkeit erkannt hatten. Er hatte sich in eine
exklusive Jagdtrophäe, in ein hochgeschätztes Beutestück
verwandelt.
Die Habgier spaltete die Wilderer in zwei Lager: die einen spekulierten
damit, den Tiger einem bekannten Zoo zu übergeben, um aus ihm einen
modernen Star zu machen. Die anderen wollten ihm das Fell abziehen, sein
Fleisch den Geiern vorwerfen und das Fell dem berühmtesten Gerber
verkaufen. Es sollte den Körper einer faszinierenden Primadonna
zieren und im Metropolitan Opera House von New York in Erscheinung
treten.
Der Tiger erfuhr bald von der Leidenschaft, die er unter seinen
bewaffneten Bewunderern entfacht hatte, deren Zahl von Tag zu Tag wuchs.
Bald hörte er in der Nähe die erste Kugel pfeifen. Das war die
Botschaft eines Jägers an ihn, die ihm zeigen sollte, wie sehr er
ihn liebte. Dem Schuss folgten noch viele. Bevor die Mündungen der
Gewehre einen unüberwindbaren Liebeszirkel um ihn bilden konnten,
gelang es dem Tiger, Zuflucht in einem kleinen Waldgebiet der Savanne zu
finden. Dorthin kamen aber bald andere Jäger mit Pusterohren und
Betäubungsspritzen. Er konnte nicht einmal auf den Schutz der Nacht
warten. Denn der Feuerstreifen auf seinem Fell leuchtete in der
Dunkelheit. Obwohl alle Wildtiere ihn liebten, flüchteten sie doch
vor ihm, als sie im Licht des Feuerscheins für die Wilderer
erkennbar waren. Je stärker die Leidenschaft wurde, die der
Feuerstreifen entfachte, desto größer wurde die Einsamkeit um
den Tiger. Der Blitz hatte ihn für die Glorie auserwählt und
zugleich verurteilt. Der Tiger wusste nun, dass er verloren war. Sein
Instinkt ließ ihn erkennen, dass Schönheit nur dann sicher ist
und unberührt bleibt, wenn sie unerreichbar ist oder wenn sie sich
hinter den Gewändern dieser Welt verbergen kann.
Detail aus Gemälde von Franz Marc