Friede auf Erden
24.12.2008 von Dr. Martin Zichner
"Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den
Menschen ein Wohlgefallen", so lautet die Botschaft der Engel an die
Hirten auf dem Felde im Lukasevangelium. Es ist die klassische
Weihnachtsbotschaft.
Nach 2000 Jahren können wir uns heute fragen: Ist Friede nur ein
Traum der Menschen? Denn die Geschichte der Menschheit war zu allen
Zeiten bis heute eine Kriegsgeschichte.
Wo liegt das Problem? Aus dem 5. Jh. nach Christus gibt es bereits eine
Feststellung, die uns ganz aktuell erscheint: "So wie es niemanden
gibt, der keine Freude haben will, so gibt es auch niemanden, der keinen
Frieden haben will." Der Autor ist Augustinus, der diese Bemerkung
im 19. Buch seines "Gottesstaates" verfasst hat. Aber er
beobachtete das Verhalten seiner Mitmenschen mit modern anmutender
Nüchternheit und konstatiert: "Viele Menschen wollen den
Frieden nicht um jeden Preis, sondern nur zu ihren Bedingungen." Und
daher herrscht im Kleinen wie im Großen immer Krieg. So war es
immer - bis heute.
Aber bei dieser resignierenden Feststellung will es wohl niemand
bewenden lassen. Die einen kämpfen mit politischen Appellen
für eine bessere, glücklichere und auch friedliche Zukunft.
Andere appelieren auf moralische Weise an den guten Willen, an
Konfliktlösungen auf diplomatischem Wege. Und seit vielen Jahren
gibt es für verdienstvolle Taten auf dem Gebiet friedlicher,
gewaltloser Bemühungen den Friedensnobelpreis und auf dem Gebiet
der Wissenschaft die Friedensforschung. Dem Weltfrieden sind wir dadurch
allerdings nicht näher gekommen.
Einen ganz anderen Ansatz findet aber bereits der antike Philosoph
Epikur. Er verlegt den Unruhe- und Kriegszustand ursächlich in das
Menscheninnere und prägte die Forderung nach der "Windstille
der Seele" (Ataraxia). Ein solcher innerer Friede lässt sich
nur finden, wenn der Mensch von seinen leidenschaftlichen und
selbstsüchtigen Motiven und Bestrebungen ablässt, die sich oft
raffiniert und subtil maskieren. Ohne Selbsterkenntnis und dem
Bemühen um Bewusstheit kommt man diesem Frieden nicht näher,
dieser Quelle wahrer Nächstenliebe.
Epikur war kein politischer Mensch. Deshalb gab er auch den Ratschlag:
"Lebe im Verborgenen", um in sich und um sich Frieden zu
verbreiten. Die "Stillen im Lande" werden von den wenigsten
Menschen wahrgenommen. Sie wirken als Oasen der Stille und helfen, so
manchen Sturm zu stillen. Aber sie werden, so sah es auch wohl Epikur,
die Welt nicht verändern und "draußen" Kriege
verhindern.
Anders die christliche Weihnachtsbotschaft im Neuen Testament. Es ist
eine Heilsbotschaft, die sich an die ganze Welt richtet. Und so fordert
auch z.B. Paulus im Brief an die Kolosser dazu auf: "Der Friede
Christi regiere eure Herzen" oder im Brief an die Philipper:
"Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre
eure Herzen und Sinne in Christus Jesus". Natürlich muss sich
innerlich auf eine schwierige Bergtour begeben, wer sich diesen
höchsten Normen nähern will. So heißt es in der
Bergpredigt, der offensichtlich eine spirituelle Bergbesteigung voran
gegangen ist: "Selig sind die Friedfertigen!". Wenn wir diesem
Zustand nachspüren, dann können uns so manche Schuppen von den
Augen fallen. Denn wenn jemand "fertig", vollkommen sein will
auf dem Weg des inneren Friedens, dann muss er seine Selbstbehauptung
und alle Ambitionen in diesem Leben hinter sich gelassen haben. Das ist
dann nicht un-menschlich, sondern kennzeichnet den wahren Menschen als
Nachfolger Christi.
So sollte sich in diesem Sinne jeder Mensch selbst zum
Weihnachts-Geschenk machen: er kann dann wahre christliche Liebe
ausstrahlen, weil er nichts mehr für sich selbst verlangt, und
Frieden in die Herzen der Menschen bringen. Und Paulus macht auch uns
dazu Mut und will gleichzeitig einer verhängnisvollen Resignation
vorbeugen, wenn er sagt: "Nicht, dass ich das bereits erreicht
hätte, aber ich jage ihm - diesem Zustand wahrer christlicher Liebe
- nach".
Das ist der Kardinalpunkt, um wirksam und beispielhaft am
endgültigen Frieden für alle mitzuwirken.