Von Idealen und anderen Bosheiten
14.01.2009 von Amay Franck
Vor einigen Tagen habe ich von einem Menschen gehört, bei dem
alles, was für ihn wichtig war, zusammen gebrochen ist. Ich
überlegte mir, woran das liegen könnte. Vielleicht hat sich ja
Folgendes abgespielt:
Ein Wesen, unbestimmt in Form und Farbe, saß in einer Ecke.
Sehnsüchtig schaute es in eine Welt, von der es doch so viel zu
holen gab. Immer kleiner und schwächer war es in der letzten Zeit
geworden, und nun drohte es zu sterben. Seine Nahrung fehlte ihm und die
Nahrung kam von den Menschen. Eines Tages jedoch wurde ein Kind geboren
und dem Wesen schien es, also ob dies einmal seine Nahrungsquelle werden
könnte. Alles passte, seine Anlagen, seine Familie, seine
Begabungen und die Begrenzungen, die aus seinem Karma und seiner
Erziehung erwuchsen. Sorgfältig beobachtete das Wesen das
Heranwachsen des Kindes. Von dem wirklichen Leben hielt das Kind sich
weitgehend fern und das kam dem Wesen zugute. Mit der Zeit wurde klar:
Von diesem Menschen und anderen, die ihm ähnlich sind, wird es sich
ernähren können.
Der junge Mensch wuchs heran und entwickelte seine Interessen, und aus
seinen Interessen wurden lebendige Bilder und er wollte, dass sich diese
Bilder in der Wirklichkeit erfüllen sollten. Ja, er wollte, dass
sich die Wirklichkeit seinen Bildern angleicht. Er entwickelte seine
Ideale. Er entwarf das Bild einer perfekten Welt, einer perfekten Frau,
eines perfekten Hauses, des idealen Berufs.
Aber dabei blieb es nicht. Wäre es dabei geblieben, dann wäre
das Wesen, das auf Nahrung lauerte, so schwach geblieben, wie es
ursprünglich war. Nein, der nunmehr Erwachsene versuchte, ein Ideal
zu verwirklichen. Mit dem ersten Versuch nahm das Wesen an Kraft zu. Und
was macht ein Wesen, das hungrig ist, aber schon so kräftig, dass
es nach Nahrung schreien kann? Es ruft nach dieser Nahrung. Und der
Mensch reagierte darauf. Er gab ihm weitere Nahrung, indem er versuchte,
ein weiteres Ideal zu verwirklichen. Es begann nun ein Kampf gegen
alles, was nicht seinen Idealen entsprach. Es war eine wahre
Sisyphusarbeit; ein Kampf gegen die Realitäten - gegen die
menschlichen Schwächen, das unvollkommene Haus, den unvollkommenen
Beruf, die unvollkommene Frau. Diese Sisyphusarbeit kostete viel Kraft,
und von dieser Kraft ernährte sich das Wesen. Lächelnd und
heimtückisch saß es in seiner Ecke und freute sich an jedem
Versuch des Menschen, seine Ideale zu realisieren.
Für ihn wurde es aber immer schwerer. Die Kosten wurden immer
höher. Inzwischen gab es verschiedene Wesen, die von ihm lebten.
Denn es war ja nicht nur ein Ideal, das er anstrebte. Und die Wesen
traten in einen Wettstreit miteinander. Welches Ideal würde
schließlich am meisten Kraft bekommen? Zu Beginn war der Wettkampf
noch unentschieden, aber nach einiger Zeit setzte sich ein Ideal durch
und der Mensch begann nun damit, ihm die anderen zu opfern. Ein Wesen
erhielt am meisten Nahrung. Gleichwohl wurde sein Hunger nur noch
größer. Für den Menschen war es nicht einfach, für
das Wesen aber, das sich von ihm ernährte, war es ein großes
Fest - ein gefundenes Fressen. Denn eigentlich musste es nicht mehr viel
tun. Es wurde immer stärker und kräftiger, und so forderte es
immer mehr: mehr Nahrung, mehr Aufmerksamkeit, mehr Hingabe.
Was aber geschah mit dem Menschen?
Es kam, wie es kommen musste: Er wurde immer schwächer. Keine Frau
konnte - oder wollte - seinem Idealbild gerecht werden. Er blieb allein
zurück, wurde ärmer und ärmer. Die Ideale hatten sein
Geld verschlungen, seine Freunde zogen sich angesichts seiner
Auffassungen zurück. Das kümmerte das Wesen, das Ideal, jedoch
nicht. Manchmal versuchte der Körper des Menschen noch, ihn zu
warnen und sandte ihm Symptome, die seiner Problematik entsprachen. Aber
er verstand sie nicht.
Das Wesen gab ihm den Impuls, sich mit einem immer subtiler werdenden
Nimbus zu umgeben. In seiner Verwirrung meinte er, er würde einem
Ideal dienen, das einer höheren Ordnung entstammt. Das war die
Falle, die sich das Wesen als letzte Bosheit ausgedacht hatte.
Hier ist die Geschichte zu Ende.
Ich glaube, dass sich in diesem Fall - und vermutlich ist das eine
Geschichte, die immer und überall spielen könnte - eine
gnostische Erkenntnis beweist: Wenn man in der natürlichen Welt,
der Welt der Gegensätze, das Ideale zu finden meint und dann
versucht, es hier zu verwirklichen, wird man Opfer eines Wahns. Ich
glaube, dass es nur einen Weg aus diesem zerstörerischen Spiel
heraus gibt, und das ist die Erkenntnis, die Idealität nicht hier
suchen zu wollen - weil wir sie hier niemals finden können.
Gemälde: Tina Juretzek