Presbyter und Sheik
01.10.2008 von Martin Greger
Das deutsche Wort "Priester" kommt von Presbyter und bedeutet -
wie Sheik - Ältester. Es wird im Christentum oft
veräußerlicht auf 2. Mose 18,13 bezogen, wo Mose,
"redliche Leute, die Gott fürchten", als Älteste
einsetzte.
Wir kennen Priester meistens als Menschen, die metaphysische Gesetze aus
den Berichten von Propheten entwickeln und eine die Emotionen
begrenzende Moral erarbeiten und überbringen. Wenn man die
historischen Priesterschaften der Hochreligionen ansieht, gibt es einige
interessante Phänomene:
Gemäß der Tradition schreiben Rabbiner, Priester, Imame,
Mönche und Nonnen die Schriften ihrer Lehrer und Propheten ab,
lesen sie, übersetzen sie, verlesen sie, interpretieren sie im
Gespräch. Talmud, Katechismus und die Hadithen sind zum Beispiel
Ergebnisse solcher Interpretationen und Diskussionen. Ferner kennen wir
die mündliche Überlieferung. Bei dem sehr umfangreichen Buch
Jesaja zum Beispiel wurden über 1000 Jahre mündlich
überlieferte Aussagen zu einem bestimmten Zeitpunkt schriftlich
fixiert und man stellte in der Folgezeit fest, dass sie nicht im
geringsten von bekannt gewordenen ältesten Schriftfunden abwichen.
Es gab zu allen Zeiten eine Schulung bei Priestern die sie lernen
ließ, Texte einfach nur weiter zu geben und der Versuchung zu
widerstehen, sie zu kommentieren. Auch der Zen kennt eine solche
Disziplin. Sie ist nicht nur Mittel, um Emotionen und Triebe zu
kanalisieren, sondern auch ein Brauch, um mit dem Intellekt und dem
damit verbundenen Selbstbewusstsein umzugehen. So gab es stets
Tätigkeiten, die den Intellekt in Bewegung hielten. (Wie einem
gefährlichen Raubtier wurden ihm "Fleischstücke"
hingeworfen.) Und es gab Aufgaben, bei denen Texte in absoluter
Disziplin zu übertragen waren, ohne dass etwas hinzugefügt
werden durfte. Die Texte sollten so, wie sie sind, auf das Bewusstsein
wirken.
In dem Wechselspiel von eigener, bewertender intellektueller
Tätigkeit einerseits und Stille und Disziplin andererseits wurden
die Priester irgendwann unbemerkt am Intellekt und seinen Wertungen
vorbei mit dem Grenzenlosen und Allerbarmenden verbunden. Tröpfchen
für Tröpfchen sickerte etwas von der All-Liebe und dem
begriffslosen Wesen des Geistes in die Köpfe hinein. Das Hohelied
Salomos und die Hymnen des Paulus, die Sehnsucht nach Befreiung in den
Psalmen, das Erbarmen in den Geschichten von Jesus, das durchscheinende
Tao, Nirvana und Advaita in den asiatischen Lehren, die Basmalla und
Shahada, sie bahnen sich ganz leise ihren Weg, bis "Der, der immer
da ist", erfahrbar wird. Der Alte, das Ewige im Menschen, erscheint.
Die Schleier der rastlosen Mentalität weichen der sanften, sich
entwickelnden Liebe.
Auf einem solchen Weg dem "Älteren" im eigenen Innern zu
begegnen, ist nicht an ein Amt, eine Konfession oder Kultur gebunden.
Allerdings muss, wie in der biblischen Geschichte, der Geliebte (David)
dem Goliath beständig einen Stein an den Kopf werfen. Dann kann das
Geistige im Innern, der Alte, der voller Liebe ist, endlich sichtbar
werden. Priesterliches Leben findet, wenn man es so erlebt, nicht hinter
Klostermauern statt, sondern überall, wo der Intellekt auf seinen
Platz gewiesen und vom Anderen durchbrochen wird.
Diese Art von Priesterschaft ist noch ziemlich unbekannt, obwohl sie in
allen Kulturen und Religionen angelegt ist und von denen, die es fassen
konnten, auch immer umgesetzt wurde.
Nicht jeder Mensch hat die Muße und die Möglichkeiten, heilige
Schriften zu studieren, viel zu philosophieren, nachzudenken oder zu
meditieren. Viele Menschen sind durch soziale Umstände heute aber
in der Lage, mit einer solchen mentalen Vertiefung und Verfeinerung zu
beginnen. Sie haben durch die unbemerkten mystischen Anteile in den
Schriften die Möglichkeit des Geistkontaktes und können
"den Ältesten" in sich kennen lernen. Deshalb gab und gibt
es die priesterlichen Methodiken, die in priesterliche Lebensweisen
einmünden sollen, durch die man irgendwann das Sein nicht mehr zu
erdenken braucht, sondern einfach ungetrübt an ihm teil hat.