Treu sein
20.08.2008 von Amay Franck
In einem Artikel über die Fähigkeit von Vögeln, sich an
veränderte Umweltbedingungen anzupassen, wurden einige interessante
Phänomene beschrieben. So heißt es da, dass in Berlin
Nachtigallen um bis zu 14 Dezibel lauter singen als ihre Artgenossen in
den umliegenden, ruhigeren Wäldern. Als ein weiteres Beispiel wurde
berichtet, dass Vögel, die in der Nähe von lauten
Wasserläufen leben, lauter singen als ihre Artgenossen, die in
ruhigeren Gegenden leben. Arten, die sich ihren Umweltbedingungen nicht
anpassen können, wie die Goldamsel, die Drosselrohrsänger oder
der Hausspatz, sind gefährdet und drohen auszusterben, da sie im
Lärm ihrer Umwelt die Partner nicht finden können. Eine
Mitteilung fand ich besonders interessant: Zebrafinken, so wurde
berichtet, sind normalerweise ihrem Partner lebenslang treu. Bei
Lärm verschwindet diese Monogamie. Als mögliche Ursache nimmt
man an, dass das Weibchen die vertrauten Laute ihres Lebenspartners
nicht hören kann.
Lebenslang mit seinem Partner in Treue verbunden leben - ist dies nicht
die Sehnsucht sehr vieler Menschen? Dem gegenüber stehen
Erfahrungen von Untreue, Verlassenwerden und Verlassen. Es gibt wohl
kaum einen Menschen, der hiervon verschont bleibt. Aber es war nicht nur
dieser nahe liegende Gedanke, der mich aufmerken ließ. Ich dachte
noch an etwas anderes: Sind wir vielleicht auch in unserer Beziehung zum
Göttlichen untreu geworden? Haben wir die Verbindung verloren, so
dass wir uns nun einsam, verlassen und von ihm getrennt vorkommen? Haben
wir uns "jemand anderem" zugewandt? Einer anderen Kraftquelle?
Jemandem, der uns liebenswerter oder attraktiver erscheint? Jemandem,
der unserem Ideal besser entspricht? Etwas, das uns mehr Glück
verspricht? Größere Zufriedenheit? Jemandem, der unsere
Bedürfnisse besser zu erfüllen scheint?
Die Monogamie der Zebrafinken geht verloren, weil das Weibchen - wie die
Forscher vermuten - den männlichen Partner nicht mehr hören
kann. Könnte es sich bei uns Menschen mit unserer Beziehung zum
Göttlichen ähnlich verhalten? Könnte es auch hier der
Lärm - der innere und der äußere - sein, der uns die
"Stimme der Stille" nicht mehr hören lässt? Der
"Lärm" unserer Gedanken und Emotionen? Der
"Lärm" unseres Ich-Seins? Die Stimmen, die lauter
tönen?
Sind wir deshalb untreu geworden, weil sich der Lärm zwischen uns
und die "Stimme der Stille" gedrängt hat oder besser, weil
wir es zuließen, dass er sich dazwischen drängen konnte? Haben
wir deshalb den Kontakt verloren? Wenn dies stimmt, und ich glaube, dass
es so ist, dann müssen wir, um unseren wahren Gefährten zu
hören und um ihm treu bleiben zu können, still werden.
Meister Eckhart hat es so formuliert:
"Der himmlische Vater spricht ein Wort und spricht es ewiglich, und
in diesem Worte verzehrt er alle seine Macht, und er spricht in diesem
Worte seine ganze göttliche Natur und alle Kreaturen aus. Das Wort
liegt in der Seele verborgen, so dass man es nicht weiß noch
hört, dafern ihm nicht in der Tiefe Gehör verschafft wird;
vorher wird es nicht gehört; vielmehr müssen alle Stimmen und
Laute hinweg, und es muss eine lautere Stille da sein, ein
Stillschweigen."
(Meister Eckhart, Die Deutschen und Lateinischen Werke. Herausgegeben im
Auftrag der Deutschen Forschungsgemeinschaft von Josef Quint, Deutsche
Werke )
Foto: CHACH