Von der Verneinung
25.06.2008 von Angela G. Paap
[Das Ewige] "zeigt sich in keiner einzigen wahrnehmbaren Form,
sondern schenkt allen Dingen eine wahrnehmbare Form." (Hermes
Trismegistos, Corpus Hermeticum, 8. Buch); "Es ist mein Selbst, das
alle Wesen hervorbringt und trägt, aber es wohnt nicht in
ihnen." (Krishna, Bhagavad Gita); Mein Reich ist nicht von dieser
Welt." (Jesus Christus, Johannesevangelium).
In den Weltreligionen spielt die Verneinung eine unterschiedlich
große Rolle bei der Definition des ewig Wirklichen. Alles, was
über das Ewige, Göttliche gesagt wird, wird immer wieder in
einen Kontext der Verneinung gestellt. Jede Beschreibung des
Göttlichen erscheint in einem Rahmen der Unfassbarkeit, der
Unantastbarkeit.
Den drei Textzitaten aus der hermetischen, hinduistischen und
christlichen Weisheit ist eine Haltung gemeinsam: Das Wahrnehmbare ist
nicht das Wesentliche; das Wesentliche ist nicht wahrnehmbar. Dabei geht
das Wahrnehmen über das physische Erfassen eines Gegenstandes
hinaus; es beinhaltet auch das Empfinden und das Denken.
Die obenstehenden Texte zeigen eine Leerstelle: Das Ewige ist nicht zu
fassen. Können solche Verneinungen mehr bedeuten als bloße
philosophische Unterweisung? Was folgt daraus, wenn ich annehme, dass
ich das Wesentliche, Ewige weder wahrnehmen noch fühlen oder denken
kann? Wer eine Zeitlang mit solcher Philosophie umgeht, stellt fest,
dass sie zweierlei bewirken kann: Die Bindungen an das Sicht-,
Fühl- und Denkbare beginnen sich zu lockern; der Blick richtet sich
gleichsam auf das, was dahinter ist. Natürlich ist damit der
Spekulation und dem Wunschdenken noch nicht der Grund entzogen, doch
jede Spekulation zerschellt an der Klarheit einer solchen Aussage:
"Was göttlich ist, hat keinen Teil an der Vergänglichkeit,
und das Sterbliche hat keinen Teil am Göttlichen."
Aber auch: "Die offenbarenden Kräfte Gottes richten sich nicht
nach oben, sondern nach unten." (Hermes Trismegistos, Corpus
Hermeticum, 5. Buch). So rücken die Dinge an den Platz, den ihr
zeitliches Wesen ihnen zuweist. Zwischen den Dingen, den Wünschen
und Gedanken öffnet sich ein Raum, der nicht mehr vom Ich, vom
vergänglichen Selbst, gefüllt werden kann, ein Raum für
die Handreichung Gottes. Dieser stille Raum ist zuerst im Herzen. Er
wird nach und nach auch im Außen wahrnehmbar, als Freiheit und
Kraft. Da ist nichts, das erfasst und benannt werden kann. Aber etwas,
das alles durchdringt und trägt. So kann es beginnen, dass wir im
Grundlosen Grund finden, wenn wir nicht mehr in den Dingen zuhause sind,
die man mit den Händen berühren und den Armen umfassen kann,
wenn kein Wunsch und kein Gedanke mehr als Anker für das Selbst
taugt - wenn ein allumfassendes Zuhause Gegenwart wird.
Ein grundloser Grund: Wir werden Reisende zu einem unfassbaren Ursprung,
zu einem Allwesen, dessen kleinsten Funken wir in uns tragen