Gnosis
Was ist Gnosis?
von Angela G. Paap
Welche Rolle spielt Wissen auf einem spirituellen Pfad? Um welche Art
von Wissen geht es, und wie lässt es sich anwenden? Für die
Beantwortung dieser Frage ist es hilfreich, Ursprung und Anwendung des
Begriffes "Gnosis" (griech.: Wissen, Kenntnis) kurz zu
beleuchten.
Als sich im 2. Jahrhundert nach Christus die Vielzahl von urchristlichen
und verwandten Strömungen in Orthodoxe (griech.:
Rechtgläubige), und Gnostiker spaltete, wurde durch diejenigen, die
sich als orthodox bezeichneten, das Wissen vom Glauben getrennt, und der
Begriff "Gnostiker" wurde zum Synonym für Abtrünnige
und Ketzer.
Denn: Was kann der Mensch von Gott und vom Sinn seiner Existenz wissen,
und was nützt es ihm? Ist nicht alles Wissen Stückwerk? Die
Orthodoxie vertrat die Ansicht, dem Menschen sei Gläubigkeit
dienlicher als Wissenwollen.
Gnosis jedoch, und das wurde häufig verkannt, ist kein Wissen des
Verstandes, kein Wissen, das man sich aus Büchern aneignen kann,
auch wenn spirituelle Schriften die Tür zur Gnosis öffnen
können. Gnosis bedeutet Wissen aus erster Hand, also wirkliches
Bewusstsein von der wahren Art des Menschseins und seinem
göttlichen Ziel. Dieses Wissen, das eigentlich zum verborgenen
inneren Menschen gehört und von Ewigkeit her anwesend ist, kann
wach werden.
"Wisset ihr nicht, dass ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist
Gottes in euch wohnt?" (Paulus, 1. Korinther 3, Vers 16)
Wenn ich die obenstehenden Zeilen lese und in mich hineinhorche, kann
Verschiedenes geschehen - entweder ich nehme die in ihnen enthaltene
Behauptung und Frage zur Kenntnis und antworte: "Nein, in
Wirklichkeit weiß ich es nicht." Und, vielleicht: "Und ich
glaube auch nicht daran." Oder in mir erwacht ein vorher ungekanntes
Wissen, und ich antworte: "Ja, ich weiß es sicher; ich erinnere
mich wieder und wünsche, in Wahrheit dieser Tempel zu werden."
Und das ist möglich, denn Gnosis ist nicht nur Wissen, sondern
zugleich auch verwandelnde Kraft.