Was ist Gott?
10.10.2007 von Albrecht Drobnig
Im Dom von Siena, diesem christlichen Gotteshaus, ist auf einer Intarsie
des Fußbodens Hermes Trismegistos abgebildet (Hermes Trismegistos:
der Dreimalgrößte, der griechische Name des ägyptischen
Gottes Thot).
Aus der Tradition des Hermes Trismegistos stammt unter anderem das
"Buch der vierundzwanzig Philosophen". Es zeigt das Universelle
der hermetischen Lehre, die wie eine allgemeine Grundlage ist, auf der
viele Religionen, ganz unterschiedlichen Inhalts, aufbauen können.
Alles läuft auf die eine Weisheit zurück, auf die eine
übergreifende Wahrheit. Die kurze Schrift hat folgenden Inhalt:
Prolog
Vierundzwanzig Philosophen waren versammelt. Nur ein Problem blieb ihnen
offen: Was ist Gott?
Da beschlossen sie nach gemeinsamer Beratung, sich Bedenkzeit zu lassen
und einen Termin festzusetzen, noch einmal zusammenzukommen. Dann sollte
jeder seine These über Gott vorlegen, und zwar in der Form einer
Definition. Aus den verschiedenen Definitionen wollten sie etwas
Gewisses über Gott ermitteln und mit allgemeiner Zustimmung
festsetzen.
Die vierundzwanzig Definitionen
Gott, das ist das, was ganz ist in jedem seiner Teile.
Gott, das ist der Geist, der ein Wort erzeugt und dabei ganz bei sich
bleibt.
Gott, das ist das, worüber hinaus Besseres nicht gedacht werden
kann.
Gott, das ist das, im Vergleich zu dem jedes Wesen nur eine Eigenschaft
und jede Eigenschaft nichts ist.
Gott, das ist der Grund ohne Grund, der Prozess ohne Veränderung,
das Ziel ohne Ziel.
Gott, das ist die Liebe, die sich desto mehr verbirgt, je mehr wir sie
festhalten.
Gott, das ist das, dem allein alles gegenwärtig ist, was
irgendeiner Zeit gehört.
Gott, das ist das, dessen Können nicht gezählt, dessen Sein
nicht abgeschlossen, dessen Gutsein nicht begrenzt wird.
Gott, das ist das, was jenseits des Seins steht, allein mit sich im
Überfluss, sich genügend.
Gott, das ist das, dessen Willen seiner gottbewirkenden Macht und
Weisheit gleichkommt.
Gott, das ist die Ewigkeit, die in sich tätig ist, ohne Aufteilung
und ohne Eigenschaft.
Gott, das ist der Gegensatz zum Nichts vermittels des Seins.
Gott, das ist das, dessen Weg zur Gestalt die Wahrheit und dessen Weg zu
Einheit das Gutsein ist.
Gott, das ist das einzige Wesen, das, seines Vorrangs wegen, Wörter
nicht bezeichnen und das, der Unähnlichkeit wegen, auch Geistwesen
nicht erkennen.
Gott, das ist die einzige Selbsterkenntnis, die kein Prädikat
duldet.
Gott, das ist die Kugel, die so viele Umfänge wie Punkte hat.
Gott, das ist das Immerbewegende, das unbewegt bleibt.
Gott, das ist das einzige Wesen, das von seinem Intellekt lebt.
Gott, das ist die Finsternis in der Seele, die zurückbleibt nach
allem Licht.
Gott, das ist das, aus dem alles ist, was ist, ohne dass er aufgeteilt
würde, durch den es ist, ohne dass er sich verändern
würde, in dem es ist, ohne dass er sich mit ihm vermischen
würde.
Gott, das ist das, was der Geist allein im Nichtwissen weiß.
Gott, das ist das Licht, das ohne Brechung leuchtet. Es kommt
herüber. Aber in den Dingen ist es nur als Gottförmigkeit.
Die vierundzwanzig Philosophen waren klug genug, das Ergebnis ihrer
endgültigen Prüfung nicht aufzuschreiben.
Ich spüre: Das Ergebnis kann nur innerlich erlebt werden.