Gedanken zum Judasevangelium
01.05.2007 von Erich Franke
Das Judasevangelium, das im Frühjahr 2006 von der National
Geographic erstmals in Übersetzung der Öffentlichkeit
vorgestellt wurde, erregt seither großes Aufsehen. Wird in dem 1978
in Mittelägypten aufgefundenen Papyrus doch Judas nicht als
Verräter, sondern als der einzige Jünger dargestellt, der
Jesus wirklich erkannte und verstand und darüber hinaus auf dessen
Geheiß handelte.
Bei der Lektüre dieses gnostischen Evangeliums aus der Mitte des 2.
Jahrhunderts n.Chr. musste ich wieder an meine Schulzeit denken. Wie
vehement hatte ich mich doch im Religionsunterricht gegen die
Vorstellung eines liebenden Gottes als Schöpfer dieser Welt
gewandt. Es war für mich unvorstellbar, dass diese Welt, in ihrer
ganzen Geschichte bis heute durchzogen von Kriegen, Leid und Elend, von
einem Gott geschaffen sein könnte, der die Menschen wie ein
liebender Vater als seine Kinder ansieht. Wie kann zumal das Alte
Testament bis in die heutige Zeit als eine "heilige Schrift"
angesehen werden, in der ein blutrünstiger und eitler Jehova sein
auserwähltes Volk in Drangsale und Vernichtungskriege führt?
Erst viel später, als ich mit gnostischen Texten in Berührung
kam, entdeckte ich, dass ich mit meinen Bedenken nicht alleine dastand,
ja vielmehr bereits in frühchristlicher Zeit eine sehr verbreitete
Bewegung gegen eine orthodoxe Darstellung der Lehren Jesu opponierte.
Die vier Evangelien und die Schriften, die im 4. Jh. n.Chr.
zusammengestellt wurden und seither als "heilig" gelten,
entstammen alle dieser orthodoxen Richtung; viele andere urchristliche
Schriften, darunter eine ganze Reihe von Evangelien, wurden auf
Veranlassung der damaligen Kirche vernichtet. Durch überraschende
Funde im Laufe des vorigen Jahrhunderts steht uns ein Teil dieser
Schriften originalgetreu wieder zur Verfügung.
Ich habe mir immer die Frage gestellt, warum Worte und Lebenslauf eines
historisch beschriebenen Jesus wohl erst Jahrzehnte nach seinem Tod und
durch Schreiber, die ihn gar nicht mehr persönlich kannten,
aufgezeichnet wurden. Das war bei Buddha beispielsweise, der 500 Jahre
früher lebte, völlig anders. Brauchte man diese Dokumente, um
bei der angekündigten, aber ausbleibenden Wiederkunft Christi und
der Niederschlagung des Aufstandes der Juden um 68 n.Chr. durch die
römischen Besatzungsmächte die Gläubigen bei der Stange
zu halten?
Wie dem auch sei, für mich hatte die gnostische Kosmologie, die
auch viele vorchristliche Anschauungen, beispielsweise aus den
altägyptischen hermetischen Schriften, in sich aufnahm, eine sehr
viel größere Plausibilität. Wie es auch im
Judas-Evangelium dargestellt wird, gibt es eine für uns Menschen
unfassbare göttliche Sphäre, gekennzeichnet durch Harmonie und
Einheit, und im Rahmen zahlreicher Engelhierarchien demgegenüber
auch eine niedere Sphäre, geprägt durch den Schöpfergott
dieser materiellen Welt, den die gnostischen Schriften Yaldabaoth
nennen. Es geht nun darum, dass die im "Fleisch" gefangene Seele
die niedere Natur durch Erkenntnis, durch "Gnosis"
überwindet. Dazu verhilft ihr ein Lichtfunken, von den Stoikern
auch "Hegemonion", d.h. leitendes Prinzip, genannt. Die
Lichtfunkenträger, die sich dessen bewusst sind, können einen
Weg gehen, auf dem ihre Seelen zur ursprünglichen, göttlichen
Menschheit zurückkehren.
Es liegt auf der Hand, dass eine solche Kosmologie und ein solcher, auf
innerer Erkenntnis beruhender Befreiungsweg nicht als Grundlage für
eine staatstragende Kirche taugt. Deshalb hat Kaiser Konstantin –
bestrebt, die westliche und die östliche römische
Herrschaftssphäre auch geistig zu einen – Anfang des 4. Jh. auf dem
Konzil zu Nicäa die orthodoxe Anschauung der christlichen Kirche
durchgesetzt und dafür dann das Christentum als Staatsreligion des
römischen Reiches anerkannt. Damit wurden andere christliche
Richtungen zu Sekten. Die Verbindung von Macht und Religion führte
zur Verfolgung unter anderem der gnostisch orientierten Strömungen,
von denen die Manichäer die größte und mächtigste
war. Die Geistesgeschichte des Abendlandes erhielt damit eine einseitige
Prägung.
Ist es Zufall, dass die gnostischen Evangelien, die als vernichtet und
verloren galten und nur noch bruchstückhaft aus den Kampfschriften
der Kirchenväter wie Irenäus bekannt waren, in so großer
Fülle im vorigen Jahrhundert wie durch ein Wunder wiedergefunden
wurden? Für mich ist die Anhäufung solcher
"Zufälle" nach 1 ½ Jahrtausenden innerhalb
kürzester Zeit völlig unwahrscheinlich. Für mich sind es
Botschaften speziell für unsere Zeit des Umbruchs und der
intensiven spirituellen Neuorientierung.