Gnosis und die Neuentdeckung des Lebens
08.05.2007 von Gunter Friedrich
Als Kind hatte ich oft das beängstigende Gefühl, hier nicht
wirklich zu Hause zu sein. So tauchte ich in Phantasiewelten ein.
Später formulierte sich deutlich die Frage: Was hat es mit dieser
Existenz auf sich?
Zunächst fand ich erstaunlich wenig Menschen, die aus innerer Not
dieselbe Frage stellten. Inzwischen sind einige Jahrzehnte vergangen.
Habe ich nun eine Antwort gefunden? Ich habe Erfahrungen gesammelt,
Gruppen kennen gelernt, Schriften gelesen. Was sich als Antwort
eingestellt hat, ist nur schwer kommunizierbar; es besteht kaum in
Worten, sondern ist eher eine Sichtweise, eine Lebenseinstellung. Ich
habe durch das intensive Suchen das Leben gleichsam neu entdeckt. Die
Augen haben sich verändert. Mit dem Denken, Empfinden und Handeln
erschaffen wir uns unsere Realität. Und wenn sich diese drei in
ihrer Art ändern, ändert sich unser Bewusstsein. Die
Möglichkeit, etwas hiervon zu formulieren, haben mir Schriften mit
gnostischer, hermetischer oder rosenkreuzerischer Thematik gegeben.
Heute kann ich sagen: Die höheren Dimensionen des Daseins gibt es
und wir können daran Anteil erhalten.
Die Schrift "Das Evangelium der Wahrheit" – die 1945 zusammen
mit anderen gnostischen Schriften in Oberägypten entdeckt wurde –
beginnt mit den Worten: "Das Evangelium der Wahrheit ist
höchste Freude für alle, die vom Vater der Wahrheit die Gnade
empfangen haben, ihn zu erkennen durch die Kraft des Wortes, das aus der
Fülle der Fülle gekommen ist ... ." Aus den Sphären,
die "oberhalb" unserer Welt liegen, geht ein Rufen zu uns aus,
das kann erfahren werden. "Wenn der Vater einen beim Namen ruft, so
gewinnt dieser Erkenntnis." Das, was hier "Erkenntnis"
(griech. Gnosis) genannt wird, ist die innere Erfahrung der höheren
Welten. "Wird jemand beim Namen gerufen, so hört er, antwortet,
wendet sich dem zu, der ruft, steigt zu ihm empor und gewinnt in diesem
Ruf Erkenntnis." "So geht das Wort des Vaters hinaus ins All
..."
Man kann dem inneren Ruf folgen. Das Leben erhält dann eine
Dimension, die man sich vorher nicht träumen lässt. Eine
bisher nicht gekannte Freude des Herzens tritt auf – und zugleich
führt ein solcher Weg zum Durchleben einer Reihe ganz eigener
Schmerzen.
Ein Gefühl für die Einheit des Lebens wächst dabei heran.
Ich erfahre mich als Teil eines großen Geschehens und beginne,
etwas von einer übergreifenden Aufgabe zu ahnen. "Durch die
Einheit empfängt jeder sich selbst. Denn in der Erkenntnis reinigt
ein jeder sich aus der Vielheit zur Einheit ...", so heißt es
im "Evangelium der Wahrheit". Wenn wir die Einheit des Lebens
erspüren, verhalten wir uns anders gegenüber Menschen, Tieren
und der Erde. Wir gelangen zwangsläufig zu einem Umdenken. Die
Beziehung zur Gottesnatur, die hinter unserer Welt steht, ruft in uns
Inspiration, Verständnis und Mitgefühl hervor. Und brauchen
wir dies nicht gerade in unserer heutigen Zeit dringend?