Lessings Weg der Freiheit
17.03.2010 von Maria Deutsch
Lessing stehend
Der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) unterscheidet
in seinem Ringen um Wahrheit zwischen den gesetzes- und schriftgetreuen
Verfechtern des "Evangeliums des Fleisches", die sich die
Befolgung äußerer Zeremonien und die Frömmigkeit zur
Pflicht machen und den Verfechtern des lebendigen Glaubens, die der
"regula fidei" getreu leben.
Was ist die "regula fidei"? Hierzu sagt er:
"Dieser Catechismus ist sehr kurz und bestehet nur aus einem
Artikel:
"Kinderchen, liebt euch! Weil es der Herr befohlen. Weil das allein,
wenn es geschieht, hinlänglich genug ist."
Es handle sich, so führt er aus, um einen "von Christo selbst
verfassten Inbegriff aller Glaubens-Lehren, den die ersten Christen
regulam fidei nannten." Und er belegt seine Ansicht mit den Worten:
"Diese Sätze habe ich aus eigner, sorgfältiger,
mehrmaliger Lesung der Kirchenväter der ersten vier Jahrhunderte
gesammelt."
Dies sei zugleich das Evangelium Johannis. Es sei der wahre Fels, auf
dem die Kirche Christi erbaut worden sei. Dem stünden Petrus und
seine Nachfolger als Vertreter der Gesetzestreue gegenüber. Lessing
spielt wahrscheinlich auf den Lieblingsjünger Jesu an, auf
Johannes, der zu den Stammvätern der Gnostiker zählt. Einer
der Kirchenväter, Hiernoymus, erklärte, die Offenbarung des
Johannes sei "für alle Völker des Universums"
geschrieben.
Eine Kultur in der Christusnachfolge hat sich nach Lessing nicht
philosophisch, sondern in tätiger Lebenspraxis zu vollziehen, damit
die Menschheit dem göttlichen Erziehungsziel gemäß ein
"neues ewiges Evangelium" zu leben lerne, wie es in Johannes 10,
34 zu lesen sei: "Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe
gesagt: Ihr seid Götter." Diesem göttlichen Auftrag der
Entelechie (der Geist-Realität des Menschen, die ihr Ziel in sich
selbst hat, en = in, Telos = das Ziel, echein = haben) sollen die
Menschen durch Entwicklungsschritte im Verlauf von Inkarnationen
näher kommen.
Der Impuls der Entelechie wohne der ganzen Schöpfung inne, denn
"die ganze materielle Welt ist bis in ihre kleinsten Theile
beseelt" und drängt im permanenten Werden nach Vervollkommnung
und Heimkehr in die Einheit mit Gott.
Wendet sich der Mensch jedoch mit seinem zum Selbstsein erhobenen
Eigenwillen gegen diesen Plan, so gibt er den Widersachermächten
Raum, die ihn von seinem Wege abzuziehen und an die Trägheit der
Materie zu binden versuchen, so dass er deren Gesetzen und Wirksamkeiten
weiterhin unterworfen bleibt.
Wenn der Mensch als beseeltes Wesen dem Pfad der Sehnsucht folgt und
sich der Immanenz Gottes zuwendet, entwickelt sich das Unsterbliche in
ihm, so dass er stets größere Freiheit gegenüber der
Natur und ihren Gesetzen erwirbt und in seinem Herzbewusstsein erstarkt.
Lessing sagt hierzu:
"Unsere Lehre ist aus der Halle Salomonis, nach dessen Grundsatze
der Herr in der Einfalt des Herzens zu suchen ist."
Die ewige Wahrheit eines solchen Weges erweist sich zu allen Zeiten,
auch heute.
Abb.: Quelle wikipedia