Lessing Ringen um Wahrheit
10.03.2010 von Maria Deutsch
Gotthold Ephraim Lessing
Wer war Lessing ?
Ein Grenzgänger, für den alles denkbar war. Er lebte von
1729-1781. Schon als 17jähriger Theologiestudent - er kam aus einer
Pastorenfamilie - brach er aus seiner vorgeschriebenen Lebensbahn aus
und gesellte sich dem Leipziger Komödiantenmilieu zu, und zwar mit
der Begründung: "Ich lernte einsehen, die Bücher
würden mich wohl gelehrt, aber nimmermehr zu einem Menschen
machen." Durch die Arbeit des Theaters aber "lernte ich mich
selbst kennen".
Er strebte Selbsterkenntnis und Einsicht in profunde Lebensfragen an.
Dieser Maxime zu folgen, hieß - unter den Bedingungen von
Absolutismus und Despotie des 18. Jahrhunderts in Deutschland - als
Theologe, Altertumskenner, freier Schriftsteller, Rezensent und
Bibliothekar einen bruchstückhaften Lebenslauf der gescheiterten
Hoffnungen zu führen, der Flucht, der Zerwürfnisse, der
Verluste geliebter Menschen und der immer neuen Hindernisse, vor die ihn
die Gesellschaft und die Obrigkeit stellte: So wurde ihm zum Beispiel
unter Androhung von Todesstrafe untersagt, weiter philosophische
Schriften zu publizieren.
Lessing erkannte, dass die Probleme der Menschheit sich nicht von
demselben Wissensstand aus lösen lassen, aus dem heraus sie
entstanden. Deshalb stellt er radikal die Fragen nach dem Woher, Wohin
und Wozu.
Auf der Suche nach dem Weg zum Wesentlichen setzt er sich mit den
orthodoxen Glaubensansprüchen der Kirchen auseinander. Er reduziert
sie auf bloße historische Wahrheiten und bezeichnet das
Kirchenchristentum als eine kulturhistorisch vorübergehende
Erscheinung. Statt dessen fordert er von einer Religion, dass sie den
"Beweis des Geistes und der Kraft" erbringen müsse, denn
der Buchstabe, auf dem die Kirche so sehr beharre, sei nicht der Geist,
und Christus als Person zu verehren, sei ein "moderner
Aberglaube".
Lessings Verständnis von Religion lautet:
Es "war die Religion, ehe eine Bibel war. Das Christentum war, ehe
Evangelisten und Apostel geschrieben hatten." Denn aus "ihrer
inneren Wahrheit müssen die schriftlichen Überlieferungen
erklärt werden."
Alle positive Religion lehnt er, ganz im Sinne Sloterdijks, ab, der
Religionen als metaphysische Denkmuster bezeichnet und zu
dem Resultat kommt: Es gibt keine Religion.
Lessing begreift die Denk- und Glaubensmuster als Fessel der Erkenntnis
und der Entwicklung der Menschheit; sie schneiden den Menschen von
seinem inneren Quell ab: "Das Wesentliche wurde in einer
Sündfluth von willkürlichen Sätzen versenkt."
Um die Religion in ihrer Lauterkeit wieder herzustellen, so dass die
Wahrheit der Religion Christi von jedem Menschen als ein ehrlicher
Mann" wieder erlebt werden könne, rät er, überall mit
seinen eigenen Augen zu sehen, jeden Glaubenssatz furchtlos zu
prüfen und zu Ende zu denken. So nimmt Lessing für sich in
anarchistischer Manier das Recht auf absolute Freiheit im Denken in
Anspruch.
Er versucht, unter den Trümmern der verfallenen Kultur ein Erbe
freizulegen, das in die Ursprünge der Menschheitsgeschichte
zurückreicht, um von hier aus den Weg für den Aufstieg der
Menschheit zu einer neuen Erde aufzuzeigen.
Hierbei gerät er zunächst an die Erkenntnisgrenzen der
menschlichen Vernunft: "Die grübelnde Vernunft dringt sich in
alles ein, und will, wo sie nicht herrscht, doch nicht entbehret seyn.
Ihr flucht der Orthodox; denn sie will seinem Glauben, der blinde Folger
heischt, den alten Beifall rauben... Gebieterisch schreibt sie vor, was
unsern Sinnen tauge, macht sich zum Ohr des Ohrs, und wird des Auges
Auge. Dort steigt sie allzu hoch, hier allzu tief herab, der Sphär
nie treu, die Gott ihr zu erleuchten gab."
Auf dem Weg der bloß sinnlichen Wahrnehmung lasse sich die Wahrheit
auch nicht finden, denn "im Taumel unserer Empfindungen"
können wir sie nicht erhaschen.
Doch ein Funken Wahrheit sei dem Menschen eigen, der zwar nicht die
objektive Wahrheit des Göttlichen selbst erfassen könne, wohl
aber über den Trieb nach Wahrheit verfüge, "das
göttlichste Geschenk, das aus des Schöpfers Hand den schwachen
Menschen krönt." Und Lessing fragt:
"Haben wir ... darum gar kein Gefühl vom Guten und Bösen?
... Hat denn eine geoffenbarte Wahrheit gar keine inneren Merkmale? Hat
ihr unmittelbar göttlicher Ursprung an ihr und in ihr keine Spur
zurückgelassen?"
Lessing vertritt ein Wahrheitsverständnis, wonach im Herzen des
Individuums ein Element des Ewigen, Göttlichen verankert sei.
Schelling sagt in ähnlicher Weise:
"Wir haben in uns einen einzigen offenen Punkt, durch den der Himmel
durchscheint. Dieses ist unser Herz."
Lessing bezieht sich auf den aristotelischen Begriff der Entelechie,
d.h. die unsterbliche Realität, die Geist-Realität des
Menschen, die ihr Ziel in sich selbst hat (en = in, Telos = das Ziel,
echein = haben).
Trotz der Verwicklung mit den Widersachermächten, die den Menschen
auf vielerlei Weise angreifen und in seiner Erkenntnisfähigkeit
beieinträchtigen, so dass er die Wahrheit unter den Bedingungen von
Raum und Zeit nur "zerteilt" wahrnehmen kann und einer Welt der
Dualität von Gut und Böse ausgesetzt ist, gilt: "Denn
Böses ist nie ohne Gutes, und Gutes nie ohne Böses".
Deshalb vermag sich das wahrheitsstrebende Individuum aus der Macht der
Gegenkräfte zu befreien, soweit es das Göttliche in sich aktiv
und strebsam erhält: "Ich glaub', es ist ein Gott, weil ich
es glauben muss, nicht weil es mir gefällt. Genug, wer Gott leugnen
kann, muss sich auch leugnen können. Bin ich, so ist auch Gott. Er
ist von mir zu trennen. Ich aber nicht von ihm. Er wär,
wär' ich auch nicht; Und ich fühl' was in mir, das
für sein Dasein spricht. Weh dem, der es nicht fühlt, und doch
will glücklich werden, Gott aus dem Himmel treibt, und dieses sucht
auf Erden!"
Wir haben heute, mehr noch als Lessing zu seiner Zeit, alle
Möglichkeiten, um nach der tieferen Wahrheit über unsere
Existenz zu forschen. Die Krise unserer Zeit fordert, dass wir diese
Chance nutzen.
Abb.: Quelle wikipedia