Von der Freiheit eines Geistesmenschen
03.03.2010 von Maria Deutsch
Raffael: Schule von Athen
Wir leben unter demokratischen Verhältnissen und genießen im
Gegensatz zu den Menschen an vielen anderen Orten der Welt
Informationsfreiheit der Medien. Informationsfreiheit existiert auch in
der Alltagswelt, in der Erfolg im Beruf und materieller Wohlstand eine
wichtige Rolle spielen.
Aber Medien informieren und unterhalten nicht nur, sie organisieren
auch, wie Neurobiologen bestätigen, die menschliche Wahrnehmung,
stellen eine neue Erfahrungswelt mit einer neuen sozialen Interaktion
dar und vermitteln uns eine Interpretation von Wirklichkeit, nicht die
Wirklichkeit selbst. Statt in die erhoffte Freiheit sind wir durch die
Bilderwelt der Medien leider in eine neue Konditionierung getreten.
Medien verändern auch: Da sie für junge Menschen in
zunehmendem Maße die soziale Interaktion ersetzen - so verfügt
jedes dritte Kind in Deutschland über einen PC und einen Fernseher
in seinem Zimmer - besteht die Gefahr, dass sich Jugendliche nicht mehr
in der Interaktion mit anderen erfahren, sondern in die Vereinsamung
geraten. Die Erfahrungen des Scheiterns nehmen dann zu: Beziehungen
wollen dann nicht mehr gelingen, eigene Unzulänglichkeiten und
Unfähigkeiten rücken ins Zentrum der Selbstwahrnehmung. Viele
psychische Erkrankungen sind die Folge.
Die fehlende Interaktion wirkt sich genauso verheerend auf die Kleineren
aus. Unsere Kinder kennen oft kaum noch Beziehungs- und Ordnungssysteme
und verhalten sich deshalb wie Tyrannen, sind aufsässig und
ausschweifend und teilweise gewalttätig.
Das sozial und auch seelisch verarmte Individuum wendet sich auf der
Suche nach Begegnung dem Netzwerk der Medien zu und findet Texte statt
Menschen. In der neuen Welt der Computer, des Hypertexts, der
Verbindungen und Netzwerke, wird die aus dem 19. Jahrhundert stammende
Vorstellung des Selbst als einer "Insel", als autonomes Wesen,
das fest und abgegrenzt ist wie das gedruckte Buch und physische
Güter, abgelöst von dem in Verbindung stehenden Online-Selbst.
Das Diktum Descartes': "Ich denke, also bin ich" wird
ersetzt durch: "Ich bin verbunden, also existiere ich." Wir
gleichen "Spinnen im Netz".
Ist das Freiheit? Was ist das für ein Menschsein: der
natürlichen Person nach identitäts- und beziehungslos?
Unsere Kultur ist offensichtlich krank, das "Atemfeld", aus dem
wir leben, ist verdorben. Es ist daher an der Zeit, sich auf unser
humanistisches Erbe zu besinnen. auf eine uneingelöste Utopie, von
der Ernst Bloch meinte, dass sie heute zu der philosophischen Kategorie
geworden sei, denn wir bräuchten eine Neuorientierung, nämlich
eine neue Religionsphilosophie und eine neue Ethik für die Welt von
morgen - oder es wird keine geben:
"Intendieren auf einen Stern, eine Freude, eine Wahrheit gegen die
Empirie ... ist der einzige Weg, noch Wahrheit zu finden, die Frage nach
Sinn ist das einzige Problem, und die Fassung dieses Selbst- und
Wir-Problems in allem ... ist das Grundproblem." (Ernst Bloch)
Die Welt und daher auch die Menschheit sind in eine neue
elektromagnetische Atmosphäre eingetreten, in die Atmosphäre
des Aquarius. Sie enthält hohe Schwingungen, die einen
Übergang in eine neue Zeit erzwingen. Alle reagieren darauf, jeder
auf seine Weise.
Die kosmische Strahlung ruft den Menschen auf, sich von der Verflachung
als bloßer Erdenmensch, als "homo", wieder auf die
griechische "Paideia", die qualitative, aufwärts
orientierte Entwicklung eines freien Geistmenschen zu besinnen. Zahllose
Mythen haben dieses Ziel der menschlichen Entwicklung angekündigt,
in unserem Kulturkreis zum Beispiel die Edda, die Nibelungen und der
Parzival-Mythos.
Das Ideal der "Humanitas" übersetzte Cicero aus dem
griechischen "Paideia", das Erziehung eines Kindes (pais) hin zu
Bildung und Wissenschaft, also eine qualitative, aufwärts
orientierte Entwicklung des Menschen bedeutete und für die
griechische Klassik kennzeichnend war. Das antike Rom machte daraus eine
quantitative Eigenschaft, eine menschenfreundliche Zutat für den
von der Erde - humus - stammenden "Homo" (Menschen), der im
Vergleich zu den Göttern von niedriger, weltlicher Herkunft ist
(lat.: humilis) und also seinen Schwerpunkt auf der Horizontalen hat.
Wenn man nur die horizontale Basis in Betracht zieht, erscheint die
Freiheit eines Geistesmenschen - Sanskrit "mens" = Geistmensch -
als eine Utopie des Menschseins. Doch obgleich der Mensch der Erde
entstammt, ist potentiell das Gutsein als Gottähnlichkeit in ihm
angelegt. Im Deutschen wurden zum Beispiel "gut" und
"Gott" aus einem Wortstamm gebildet.
Oder christlich ausgedrückt: "Allen aber, die ihn aufnehmen,
gibt er Macht, wiederum Gottes Kinder zu werden."
(Johannes-Evangelium)
Hier wird auf die noch uneingelöste Utopie der Freiheit
hingewiesen. Sie kann im Hier und Jetzt realisiert werden, doch dazu
müssen wir einen inneren Weg gehen, an dessen Beginn Erkenntnis
steht, Erkenntnis über unseren jetzigen Zustand. Dann kann sich ein
Ziel eröffnen, das in uns angelegt ist: die Kräfte der Ideale
können uns seelisch verwandeln, sie können uns eine neue Ebene
des Seins erschließen. Wir sollten einen solchen Weg gehen. Dem
Ziel zuliebe, das uns ruft, unseren Kindern zuliebe, der Menschheit
zuliebe.
Der deutsche Dichter Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) rang
kompromisslos um einen solchen Weg. In zwei folgenden Kolumnen soll das
gezeigt werden.
Abb.: Raffael: Schule von Athen, Quelle Wikipedia