Wo beginnt der Pfad?
18.11.2009 von Angela G. Paap
Wenn Menschen einen Pfad gehen können, der von der Unvollkommenheit
und Sterblichkeit in die Vollkommenheit und Unsterblichkeit führt,
oder besser: wenn sich im Menschen der noch verborgene Ewige entfalten
kann, dann muss auch der Weg dahin im Menschen verankert sein. Da dieser
Weg das wahre Leben sein muss, müssen seine Kräfte wesenseins
mit dem Menschen sein.
Man muss den Beginn des Weges im eigenen Wesen erfahren und ergreifen
können.
Daher der Selbstversuch: Was nehme ich davon wahr?
Wenn ich mich so befrage, dann stelle ich fest, dass ich zuerst
Vorstellungen von erhabenen Kräften, die mich einfach in die
"mir gemäße Vollkommenheit" erheben, überwinden
und aus dem Weg räumen muss. Immer wieder. Danach finde ich
zunächst das Chaos der alltäglichen Bewegtheiten:
Wünsche, Zwänge, Befürchtungen; Begehren und Aufbegehren.
Dahinter wird langsam ein Grundmuster sichtbar, das ich kaum noch
konkret benennen kann. Ich finde in mir die Überzeugung, dass mein
Leben wichtig und sinnvoll ist, wenngleich ich den Sinn von Atemzug zu
Atemzug suchen und verwirklichen muss. Ich finde die Hoffnung, etwas
Großes tun zu können. Wenn ich als Kind Heldengeschichten
gelesen habe, dann war mir klar, dass auch ich solch ein Held bin, der
unbewegt inmitten der Gefahren steht und alles zum Guten wendet. Im
wirklichen Leben richtet sich diese Hoffnung auf wirkliche Dinge, und
diese sind so vielfältig wie die Welt: groß und klein, Selbst-
und Weltverbesserung, Liebe, Kunst, Karriere, Menschendienst, die
große Heldentat, das Eigenheim und das neue Paar Schuhe. Vom
Innersten, Ungreifbaren, wird die Kraft auf das Äußere
(an-)gewendet. Und mit Liebe werden die Dinge dann getan. Oder unter
Druck; voll Eifersucht; im Streben, den Anderen zuvorzukommen; um sich
oder anderen etwas zu beweisen. Und wenn die Dinge getan und die Ziele
erreicht sind, sind sie zumeist sehr schnell gleichgültig und ganz
offensichtlich nicht das wirklich Gewünschte. Immer wieder.
Alles, was ich aus diesen Ur-Kräften gemacht habe, löst sich
auf zu nichts. Doch das Vertrauen, die Hoffnung und die Liebe, sie
bleiben bestehen, unberührt und unantastbar. Die Handelnde nur
verfehlt das Eigentliche, sie wendet die Kräfte an wie ein Kind,
das von der Mutter zum Einkaufen geschickt wird, aber den
Besorgungszettel vergisst. So holt das Kind die Dinge, die es selbst
gerade am liebsten hat.
Und ich sehe mich in einem großen Raum umhereilen, den ich niemals
erfassen kann. Wenn ich dann still stehe, scheint er sich noch zu
weiten, und es entsteht in ihm eine andere Bewegung: die Erhebung, die
Bewusstwerdung und Befreiung - ganz natürlich, wie ein Aufatmen.
Und ich weiß: Der wahre Mensch wird in dieser Bewegung sichtbar.
Was habe ich dann dabei zu tun?
Es wahrzunehmen, zu verstehen und mein Leben danach einzurichten. Und
mich der Veränderung anheim zu geben, die entsteht aus: Glaube,
Hoffnung und Liebe.
Foto: Hermann Achenbach