Du bist frei!
08.07.2009 von Christa Zuch
Es gibt von dem Dichter Theodor Storm (1817-1888) den Vierzeiler:
Der eine fragt, was kommt danach,
der andre fragt nur, ist es recht,
und also unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.
Die verschiedensten Literaturkritiker, Dichter, Philosophen und
Theologen haben versucht, zu ergründen, wer nun der Freie und wer
der Knecht ist. Sie kommen zu keiner eindeutigen Lösung. Und
Theodor Storm selbst hat sich hierzu nie geäußert. Ich
möchte einige Gedanken an diese Verse anknüpfen.
Überall auf der Welt gibt es "Herr und Knecht"
-Verhältnisse. Der Herr ist alles, der "Knecht" nichts. Er
hat einen strengen Arbeitgeber und hat Angst. Ist das, was er zu
verrichten hatte, zur Zufriedenheit ausgefallen? Droht ihm eine
Entlassung? Es gibt genug Arbeitslose, die bereit sind, seine Stelle
anzutreten. Also demütigt er sich und verrichtet seine Arbeit noch
schneller, noch besser, selbst wenn es bis an die Grenze seiner
Gesundheit geht.
Anders verhält es sich mit dem, der sich nicht als "Knecht"
versteht. Er tritt selbstsicher auf und lässt sich nicht
einschüchtern. Als positiv denkender Mensch nimmt er das
"Negative", das ihn bedrängen will, zur Kenntnis, doch er
ist nicht willens, sich zu unterwerfen. Seine Ideen sind gut, seine
Planungen förderlich. Er vermag zu überzeugen. Er ist kein
"Knecht".
Ist die Schlussfolgerung richtig? Muss sich nicht der vermeintlich Freie
fragen, ob er zu selbstsicher ist, ob er zu weit geht, mag er nach
seiner Ansicht auch Recht haben? Ersetzbar ist jeder, auch er. Gerade er
kann von einer Entlassung betroffen sein. Was ist die Konsequenz
für ihn? Er fällt in eine Depression. Die Statistiken legen
beredtes Zeugnis davon ab.
So stürzen manche "Freien" ab und manche "Knechte"
finden die Kraft, auf ihrer Ebene zu bleiben und sich Wege zu
erschließen.
Die äußere Betrachtung der Vorgänge liefert kein
überzeugendes Ergebnis zur Frage, wer Herr und wer Knecht ist. Es
geht um Inneres, um die Lebenseinstellung. Welches Gewicht hat das, was
wir in uns selbst erleben? Wenn wir daran gehen, unseren Innenraum zu
erschließen, ist folgendes denkbar: Wir lauschen nach Innen und
hören die Stimme unserer Seele: "Magst du auch nach Außen
deinem Geschick folgen müssen, es wird dich nicht knechten, du bist
dem enthoben, wenn du die Demut hast, dein Denken und Fühlen auf
mich abzustimmen und dein Ego mir unterzuordnen. Ich zeige dir dein
Lebensgesetz und deine wahre Aufgabe."
In dieser Stimme, diesem Empfinden, das aus der Tiefe aufsteigt, liegt
für mich der Schlüssel. Demut hat heutzutage nicht unbedingt
Hochkonjunktur. Doch recht verstanden führt sie zu einer
realistischen Sicht der Dinge und Größenverhältnisse, zu
einer illusionslosen Selbsteinschätzung, zu einem Sich-Unterordnen
unter die innerste Stimme des Herzens. Sie ist der "Herr".
Die Beschreibungen in den Evangelien im Neuen Testament begreife ich als
bildhafte Darstellungen solcher Prozesse. Maria sprach in Demut, als ihr
der Engel erschien: "Siehe, ich bin des Herren Magd. Es geschehe,
wie Du gesagt hast" - und sie gebar den Sohn Gottes. Das ist die
Aufgabe: den Sohn Gottes, die unsterbliche Seele zur Geburt und zur
Entfaltung zu bringen. In der Hingabe an dieses Geschehen bin ich frei.