Der Bambus
01.07.2009 von Christa Zuch
Es war einmal ein wunderschöner Garten, der lag im Westen des
Landes mitten in einem Königreich. Dort pflegte der Herr des
Gartens in der Hitze des Tages spazieren zu gehen. Ein edler Bambusbaum
war ihm der schönste und liebste von allen Pflanzen, Bäumen
und Gewächsen im Garten. Jahr für Jahr wuchs dieser Bambus und
wurde immer anmutiger. Er wusste es wohl, dass der Herr ihn liebte und
seine Freude an ihm hatte.
Eines Tages näherte sich der Herr nachdenklich seinem geliebten
Baum und in einem großen Gefühl von Verehrung neigte der
Bambus seinen mächtigen Wipfel zur Erde. Der Herr sprach zu ihm:
"Lieber Bambus, ich brauche dich!" Es schien, als sei der Tag
aller Tage gekommen, der Tag, für den der Baum geschaffen worden
war. Der Bambus antwortete leise: "Ich bin bereit, gebrauche mich,
wie du willst."
"Bambus", die Stimme des Herrn war ernst: "Um dich
gebrauchen zu können, muss ich dich beschneiden." "Mich
beschneiden? Mich, den du, Herr, zum Schönsten in deinem Garten
gemacht hast? Nein, bitte das nicht, bitte nicht! Verwende mich doch zu
deiner Freude, Herr. Aber bitte, beschneide mich nicht."
"Wenn ich dich nicht beschneide, kann ich dich nicht
gebrauchen." Im Garten wurde es ganz still. Der Wind hielt den Atem
an. Langsam beugte der Bambus seinen herrlichen Kopf. Dann
flüsterte er: "Herr, wenn du mich nicht gebrauchen kannst, ohne
mich zu beschneiden, dann - tu mit mir, wie du willst und beschneide
mich."
"Ich muss aber auch deine Äste abschneiden." "Ach,
Herr, davor bewahre mich! Zerstöre meine Schönheit, aber lass
mir doch bitte Blätter und Äste." "Wenn ich sie dir
nicht abhaue, kann ich dich nicht gebrauchen." Die Sonne versteckte
ihr Gesicht. Ein Schmetterling flog ängstlich davon. Und der
Bambus, zitternd vor Erwartung dessen, was auf ihn zukam, sagte leise:
"Herr, schlage sie ab."
"Mein Bambus, ich muss dir noch mehr antun, ich muss dich mitten
durchschneiden und dein Herz herausnehmen. Wenn ich das nicht tue, kann
ich dich nicht gebrauchen." Da neigte sich der Bambus bis zur Erde:
"Herr, schneide und teile!"
So beschnitt der Herr des Gartens den Bambus, hieb seine Äste ab,
streifte seine Blätter ab, teilte ihn in zwei Teile und schnitt
sein Herz heraus. Dann trug er ihn dahin, wo schon aus einer Quelle
frisches sprudelndes Wasser sprang, mitten in den trockenen Feldern.
Dort legte der Herr vorsichtig den Bambus auf den Boden. Das eine Ende
des abgeschlagenen Stammes verband er mit der Quelle, das andere Ende
führte er zu der Wasserrinne im Feld.
Das klare, glitzernde Wasser schoss durch den zerschlagenen Körper
des Bambus in den Kanal und floss auf die dürren Felder, die so
darauf gewartet hatten. Dann wurde der Reis gepflanzt und die Tage
vergingen, die Saat ging auf, wuchs, und die Erntezeit kam, und sie
brachten eine große Ernte ein.
Diese kleine Erzählung von Marie-Luise Stangl las ich vor langer
Zeit und sie blieb mir unvergesslich. Nicht nur, weil sie schön
geschrieben ist und das Herz zu berühren vermag, sondern weil es
mich danach drängte, mich selbst zu befragen: Wie würde ich
als Bambus reagieren?
Da ist das Wissen um die Sohnschaft Gottes, die in einem jeden von uns
vorhanden ist. Und da ist die Sehnsucht und Liebe zu diesem Sohn, doch
ist sie geprägt von einem im "Hier und Jetzt" sein und
bleiben Wollen. Dafür ist der Bambus ein gutes Bild. Er steht
für Ausdauer und Hartnäckigkeit. Sein Stamm wiegt sich im
Wind, aber er bricht nicht und bleibt deshalb Sieger. Bleibt er Sieger?
China ist die Heimat des Bambus und in China lebte im 6. Jh. v. Chr. der
Eingeweihte Lao Tse. Er schreibt in seinem berühmten "Tao Te
King": "Immer stirbt, bevor er stirbt, der eigenwillig
handelt." Und: "Aus dem Allgrund des Nicht-Seins erhebt sich DAS
SEIN." Um zu diesem Zustand zu kommen, bedarf es eines inneren
Prozesses der Wandlung. Doch Gott weiß um unser Bemühen, und
in Liebe wartet er, bis wir bereit sind, uns selbst in unserer
Eigenwilligkeit zu vergessen, um durch die Hingabe an IHN im Dienst an
unseren Mitmenschen zu stehen. Wie unendlich schön wird dies sein!