Eine heile Welt - kann es sie geben?
von Dr. Martin Zichner
Kürzlich sprach ich mit Bekannten über die heutigen
Zeitumstände. "Wir leben schon lange nicht mehr in einer heilen
Welt", sagte einer. Ein anderer warf ein: "Gab es denn schon
einmal eine heile Welt?"
Wir sprachen länger hierüber. In den uns bekannten Zeiten gab
es niemals vollkommene Lebensumstände. Oswald Spengler hat das in
seinem Werk "Der Untergang des Abendlandes" eindrucksvoll
dargestellt. Viele nachdenkliche Menschen vermuten heute, dass die
Entwicklungen immer mehr zu einer Art Fassungslosigkeit führen. Wir
beobachten eine beispiellose Beschleunigung des weltweiten
Geschichtsverlaufs.
Die Lebensumstände waren schon immer einer Wandlung unterworfen.
Doch vollzogen sich die kulturellen Veränderungen früher
langsamer. Die Antike wurde abgelöst, indem sich über
Jahrhunderte hinweg neue kulturelle Strömungen ausbildeten. Das
Mittelalter ging zu Ende, als sich die christliche Kultur mit
griechischen und römischen Werten, aber auch mit arabischen und
byzantinischen Einflüssen durchdrang.
Heute erleben wir, wie die Kulturen weltweit von der westlichen
Zivilisation und dem damit verbundenen Denken überschwemmt werden.
Naturwissenschaft und Technik, gepaart mit den Medien und globalen
Wirtschaftsstrategien verändern die Welt. Machtkonzentrationen
ungeahnten Ausmaßes finden statt. In ihnen drückt sich eine
Maßlosigkeit aus, die meines Erachtens einer Besessenheit gleicht.
Auch das Kriminelle organisiert sich weltweit. Der Gedanke einer heilen
Welt, der in der Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert die Geister
noch beseelen konnte, rückt ins Utopische.
Ein Gesprächsteilnehmer verband die Beschleunigung der Entwicklung
mit Gedanken der Relativitätstheorie. Dort geht es unter anderem um
Masse, Geschwindigkeit, Energie und Zeit. Wenn man bedenkt, wie viel
Energie heute weltweit angewandt und freigesetzt wird, so sei es
nachvollziehbar, dass auch der Faktor Zeit als Folge hiervon eine
Beschleunigung erfährt. Die vermehrte Energie beschleunigt alle
Lebensabläufe.
Das kann zur Folge haben, dass wir einer Katastrophe entgegen steuern.
Die Erkenntnis drängt sich auf, dass wir das, was für uns
wichtig ist, nicht mehr leichtfertig auf morgen verschieben dürfen.
Die Menschheitsentwicklung hat nicht nur im Außen gewirkt, sondern
hat auch einen Innenraum in uns geschaffen, ein Ich, ein
Selbstbewusstsein. Viele merken heute, dass wir in diesem Innenraum sehr
wohl eine positive Verwandlung herbeiführen können. Eine heile
Welt im Äußeren erscheint als Illusion. Doch im Inneren kann
sie - mit Beharrlichkeit und der Bereitschaft, Egoismen und
Verkrustungen aufzulösen - herbeigeführt werden. Viele sind
heute zu einem solchen "inneren Weg" herangereift. Wenn sie sich
erfolgreich um ihn bemühen, wirkt sich das auch im
Äußeren positiv aus. Unsere Zeitumstände machen es
notwendig, dass sich möglichst viele zusammenfinden und dieser
Aufgabe weihen.
Gemälde: Ulla Schreiber Detailansicht