Aus Blei wird Gold
19.03.2008 von Martin Greger
Das Bleierne und Trübe unseres allgemeinen menschlichen
Seelenzustandes gebiert den abtrennenden Intellekt. Durch seine
Vorstellungen sehen wir die Dinge einzeln, zerlegen wir Natur und
Materie und binden sie an die Polarität.
Die großen Alchemisten erkannten das Zusammenwirken von natura und
materia. Natura war für sie der energetische Aspekt, das Beseelte,
das gezwungen ist, die polaren Standpunkte und Zustände
einzunehmen. Materia nannten sie das Stoffliche, das sich der natura
fügt, die duldsame Gegenwärtigkeit des Stoffes, wie sie sich
dem Betrachter zeigt.
Wie kann Natur, das beseelte Wesen, aus der Polarität in ihrer
Zerrissenheit erlöst werden? Indem möglichst viele Menschen
den Heilenden Geist, den Heiligen Geist zur Wirksamkeit bringen. Er wird
auch als "Einwohnung" (hebr. Shekhina, arab. Sakina) bezeichnet.
Nicht durch ein mentales Abweisen von Urteilen oder ein meditatives
Verweilen "in der Nabe des Rades" kommt er zustande, sondern
durch das Miterleben der Radumdrehung der natura und das daraus folgende
tiefe Mitleiden. Es führt die Seele zum hingebungsvollen
"Stoßgebet". Die Sehnsucht flammt auf, sich mit dem Quell
des Lebens zu verbinden, nicht für sich selbst, sondern zur
Erlösung von Erde und Menschheit. In einem erfüllten Moment
verbindet sich die Seele mit der Essenz allen Seins. Als Folge davon
entsteht eine Gegenwärtigkeit im Absoluten, ein Schauen der Seele,
wie Plotin es nennt, ... und eine "Bekleidung" der Seele in
einer neuen natura. In wiederholter Hingabe wird das Seelenkleid
gewoben, beim Zusammenkommen vieler Gleichgesinnter kann es in einem
Kettenprozess weiter gegeben werden.
Am Anfang der Heiligung der menschlichen Seele, die die Heiligung der
natura zur Folge hat, steht also die Sehnsucht, das hingebungsvolle
Stoßgebet. Das Trennende des bleiernen Intellekts wird dadurch
überwunden, die Lähmung des Bleis schwindet. Auch die
untauglichen Versuche, neutral zu sein oder nicht zu bewerten,
hören auf. Wir nehmen kraftvoll und bewusst unseren Platz in der
polaren Welt mit ihrer Radumdrehung ein und im Wechselspiel unserer
inneren Sehnsucht mit der Gegenwärtigkeit im Geist wird das
Heilende wirksam. Die natura wird von Heiligen-Geist-Kräften
durchdrungen, von Kräften "der Mitte". Zartgolden und mit
Perlentoren, so erblickte Johannes diese Einwohnung. In rettender,
überwindender Alchemie wechselt der Buddhist vom Rad der
Wiedergeburten zum Rad der Lehre. Aus Blei wird Gold.