Der Urknall des Christentums
von Dr. Jacob Slavenburg
Symposium: Urknall des Christentums
Im selben Jahr, in dem ein schrecklicher Weltkrieg beendet wurde, fand
eine Entdeckung statt, eine Aufsehen erregende Entdeckung. Im Dezember
des Jahres 1945 fand ein arabischer Bauer in Ägypten einen Krug.
Als er diesen Krug zerschlug, kam eine große Anzahl Schriften zum
Vorschein, mehr als 50 Stück, Jahrtausende alt und auf
Papyrusblätter geschrieben. Da dieser Fundort nicht weit von der
ägyptischen Stadt Nag Hammadi entfernt ist, wurden sie Nag
Hammadi-Schriften genannt. Erst in den späten Siebziger Jahren des
vorigen Jahrhunderts wurden sie in Englische übersetzt und einige
Jahrzehnte später ins Deutsche und Niederländische.
Als der niederländische Hochschullehrer Gilles Quispel 1987 dem
Finder dieser alten Schriften in Ägypten begegnete, sagte er zu
ihm: "Ihr Fund wird die Gedankenwelt von Millionen Menschen
verändern. Ich bin froh, dass ich Ihnen begegnet bin."
In einem meiner Bücher habe ich festgestellt, dass nach dem Fund
von Nag Hammadi die Kulturgeschichte des Westens neu geschrieben werden
muss, weil sich zeigt, dass unsere Wurzeln ganz woanders liegen, als die
kirchliche Tradition es uns überliefert.
Was ist so Besonderes an den Nag-Hammadi-Schriften, das solche
Schlussfolgerungen rechtfertigt?
Unsere Kultur kennt – grob gesagt – drei Wurzeln: das
griechisch-römische Denken, die jüdische und christliche
Offenbarung und die esoterische Tradition. Die Nag Hammadi-Schriften
stehen im Zeichen der letzteren. Es geht hier nicht um
äußerliche Philosophien und in Dogmen und Lehren festgelegte
Glaubenswahrheiten, sondern um das innere Erleben dieser Wahrheiten. Das
führt uns zur Gnosis, dem griechischen Wort für Erkenntnis,
Einsicht. Es ist die Einsicht in das Wesen und den Zusammenhang aller
Dinge. Gnosis ist eine Kenntnis des Herzens und nicht nur des Hauptes.
Jüdisches Christentum
Wenn wir hier über den "Urknall des Christentums" sprechen,
und zwar aus Anlass des in diesen Tagen in Deutschland erscheinenden,
gleichnamigen Buches, dann sprechen wir auch über Gnosis. Und wir
sprechen über eine noch ältere Tradition, die tief in die
Gnosis hineingewirkt hat: die des jüdischen Christentums. Das ist
in etwa die Periode, die unmittelbar dem Auftreten Jesu folgte und bis
zum Fall Jerusalems im Jahr 70 n. Chr. dauerte.
Die ersten Anhänger Jesu waren Juden, so wie Jesus selbst als Jude
geboren wurde und als Jude starb. Diese Juden blieben der Synagoge treu
und besuchten auch regelmäßig den Tempel. Sie nahmen jedoch
ebenfalls an besonderen Zusammenkünften teil, um Christus zu
feiern. Diese Zusammenkünfte leitete Jakobus, ein Bruder Jesu. Er
trug den Ehrentitel "Jakobus der Gerechte" und führte bis
zum Jahr 62 die Gemeinde in Jerusalem, also dort, wo alles begann.
Während des jüdischen Aufstands gegen die Römer, der
unter anderem zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels
führte, zogen viele jüdische Christen über den Jordan und
in die Gebiete, die wir heute als Jordanien, Libanon und Syrien kennen
und bis in den Südosten der Türkei. Sie nahmen ihren Glauben
und ihre eigenen Evangelien mit und verschwanden gleichsam von der
Bildfläche.
Als sie jedoch gut 100 Jahre später wiederentdeckt wurden, hatte
die Christenheit einen Weg eingeschlagen, der das authentischste
Christentum, das der jüdischen Christen, als Abweichung von der
inzwischen gefestigten Lehre be- und verurteilte. Genau wie die
Gnostiker wurden die jüdischen Christen zu Ketzern erklärt und
ihre Schriften, ursprüngliche Evangelien, vernichtet.
Der Mensch Jesus
Die jüdischen Christen wussten noch, dass Jesus ein Mensch war,
geboren aus der Gemeinschaft zwischen seinem Vater Josef und seiner
Mutter Maria. Das Dogma der ewigen Jungfräulichkeit Marias gab es
in diesen Tagen noch nicht. Erst viel später hat man das Dogma der
physischen Jungfräulichkeit auf die Geburt Jesu zurück
projiziert.
In der Zeit, in der Jesus geboren wurde, war Jungfräulichkeit als
Symbol für besondere Geburten weit verbreitet. Plato soll so
geboren worden sein, auch Äneas, der Gründer der Stadt Rom,
und noch viele andere. In seinem Buch "The Hero with a Thousand
Faces" erwähnt der große Mythologe Joseph Campbell, dass
jungfräuliche Geburten zum allgemeinen Menschheitserbe
gehören.
Aus Amerika stammt eine bemerkenswerte Geschichte über den
Gottmenschen Quetzalcoatl, welche die Azteken und die Mayas
erzählen. Danach war er von einer Jungfrau geboren und die
Religion, die sich um ihn herum bildete, benutzte das Kreuz als Symbol.
Auch dieser Gottmensch soll gesagt haben, dass er zurückkehren
würde, um sein Reich auf Erden zu gründen.
Aus dem Osten hören wir vom Buddha, der durch jungfräuliche
Geburt in die Welt kam. Er senkte sich vom Himmel in der Gestalt eines
milchweißen Elefanten in den Schoß Mayas. Dies war ein Symbol
für die seelische Reinheit. Das Kind, das dann geboren wurde,
verfügte über ein enormes Potenzial. Die Kirche hat das
später auf die physische Ebene herabgezogen.
Aber wenn Jesus nicht als Christus, als Sohn Gottes, geboren wurde, wie
die Kirche lehrt, wann wurde er dann zum Christus? Darüber lauten
die ältesten Quellen vollkommen übereinstimmend: Bei der Taufe
im Jordan! Die kirchliche Theologie schob dieses Ereignis als eines der
weniger wichtigen Elemente im Leben Jesu auf ein Nebengleis.Dennoch
beginnen alle vier Evangelisten ihren Bericht über das Leben Jesu
gerade mit dieser Taufe im Jordan. Zwar gibt es im Matthäus- und im
Lukas-Evangelium Berichte über die Geburt Jesu. Sie wurden aber
erst später den ursprünglichen Evangelien hinzugefügt.
Übrigens sind diese Erzählungen so unterschiedlich, dass
Rudolf Steiner äußerte, es handle sich hier um zwei
verschiedene Jesus-Kinder.
In meiner Studie "Der ‚logische’ Jesus" weise ich darauf hin,
dass die Taufe im Jordan in der früh-christlichen Literatur als
absoluter Wendepunkt im Leben Jesu bezeichnet wird. In alten
Bibelhandschriften wird berichtet, dass sich während der Taufe Jesu
der Himmel öffnete und eine Stimme zu hören war, die sagte:
"Du bist mein geliebter Sohn. Heute habe ich dich gezeugt!"
Das ist, wie auch der bekannte amerikanische Theologe Bart Ehrman sagt,
die älteste und originale Version. Stattdessen steht jetzt in der
Bibel: "Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen
habe." (Matth. 3/17) Die älteste Version: "Heute habe ich
dich gezeugt" ist an vielen Stellen in der früh-christlichen
Literatur zu finden. Dort, an diesem Ort, im Jordan, in dieser Zeit, um
das fünfundzwanzigste bis dreißigste Lebensjahr, wurde Jesus
von Nazareth zum Christus, wurde er im übertragenen Sinn zum
"Sohn Gottes".
Die spätere Kirche erklärte diese Auffassung zur Ketzerei und
zwar zur Ketzerei des Adoptianismus. Sie verstand nicht mehr, dass eine
große Kraft Jesus überstrahlte, welche die Menschen jener Zeit
noch als den "Logos" erkannten.
Der Logos war im alten griechischen Denken – insbesondere bei Heraklit -
das symbolische "Wort Gottes"; das, was in Gottes Denken lebt,
nicht in einem materiellen, sondern in einem ideellen Denken. Dieses
Denken ist zugleich die Liebe als universelle, schöpferische
Kraft.Gnostiker aus dem ersten Jahrhundert berichten, dass Jesus bereits
als Kind etwas Besonderes war. Er war sich schon früh seines
gigantischen Auftrags bewusst.
Dafür heiligte er sein Leben. Ungefähr in seinem zwölften
Lebensjahr erreichte bereits er den Zustand, den wir heute als
"Selbstverwirklichung" bezeichnen oder in der Terminologie von
Carl Gustav Jung als "Individuation". Es hat dann noch etwa
zwölf weitere Jahre gedauert, ehe die kosmische Vereinigung des
universellen Logos mit dem menschlichen Wesen Jesu stattfinden konnte.
Der Logos war Fleisch geworden.
Jesus als Christus
Jesus hat diese Christus-Kraft einige Jahre lang getragen. Er zog durch
Palästina und lehrte die unbewussten Menschen, sich ihres wahren
Wesens bewusst zu werden. Er lehrte sie den Weg zum Königreich,
über das es im ältesten Evangelium, das wir kennen, dem
"Evangelium nach Thomas" – ebenfalls gefunden in dem Krug bei
Nag Hammadi - heißt:
"Seine Schüler fragten ihn: Wann wird das Königreich
kommen? Jesus sagte: Es kommt nicht dadurch, dass ihr es erwartet oder
sagt: Siehe hier oder siehe da. Sondern das Königreich des Vaters
ist über die ganze Erde ausgebreitet, jedoch die Menschen sehen es
nicht."
In demselben Evangelium verbindet Jesus das Königreich mit dem
Prozess der Selbsterkenntnis oder der Gnosis oder Individuation:
"Jesus sagte: Wenn eure Lehrer sagen: Siehe, das Königreich ist
im Himmel, dann werden die Vögel des Himmels vor euch dort sein.
Und wenn sie sagen: Es ist im Meer, dann werden die Fische vor euch dort
sein.
Aber das Königreich ist in euch und außerhalb von euch. Wenn
ihr euch selbst erkennt, werdet ihr auch erkannt werden, und ihr wisst
dann, dass ihr Söhne des lebenden Vaters seid. Aber wenn ihr euch
selbst nicht erkennt, lebt ihr in Armut und ihr seid die Armut."
Das "Evangelium nach Thomas" - jedenfalls sein ältester
Teil - wurde in der Gemeinde von Jerusalem um das Jahr 40 herum
niedergeschrieben. Das ist das Ergebnis der lebenslangen Untersuchungen
des Professors Gilles Quispel und einiger amerikanischer Forscher. In
der Gemeinde zu Jerusalem wusste man auch, dass der Tod Jesu am Kreuz
nicht das Ende des Christus war. Christus, der Logos, blieb nach dem Tod
Jesu in seinen Anhängern wirksam. Das wird im "Evangelium nach
Philippus" - das ebenfalls bei Nag Hammadi gefunden wurde - so
schön ausgedrückt mit den Worten: Wer den Weg geht, "ist
nicht länger ein Christ, sondern ein Christus!". Der Weg –
darum ging es in dem ältesten Christentum. "Die Welt ist eine
Brücke. Gehe hinüber, aber bleibe nicht darauf sitzen",
soll Jesus einmal gesagt haben.
Als die Kirche im zweiten Jahrhundert wieder Berührung mit
verstreuten Gruppen jüdischer Christen in den Gebieten jenseits des
Jordan bekam, waren inzwischen anderslautende Dogmen gebildet worden.
Jesus soll nun schon bei seiner Geburt Christus gewesen sein. Denn dass
der Gottessohn aus einer in den Augen der Prälaten verderblichen,
sexuellen Gemeinschaft geboren sein sollte, erschien ihnen
unerträglich. Noch später wurde Jesus Gott gleichgestellt und
in eine männliche Drei-Einheit aufgenommen.
Es ist bemerkenswert, dass hervorragende theologische Erforscher des
jüdischen Christentums wie Professor Klijn und Hans-Joachim Schoeps
zwar feststellen, dass das jüdische Christentum (nach den Worten
Schoeps’) "schon bis in die ersten Anfänge der Urgemeinde
zurückreicht", dass sie aber nicht wagen, daraus die
Schlussfolgerung zu ziehen, dass das spätere Christentum eigentlich
eine Ketzerei sei. Wie anders würde das Christentum aussehen, wenn
dieses Urchristentum nicht verketzert worden wäre!
Die Urgemeinde
Untersuchungen zeigen immer wieder, dass es in der Urgemeinde ganz
anders zuging als in den heutigen kirchlichen Gemeinschaften. Erstens
gab es keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Auch Frauen
predigten, prophezeiten, lehrten, tauften und führen rituelle
Handlungen aus. Der wichtigste Apostel war im übrigen eine Frau!
Maria Magdalena wurde als apostola apostolorum angesehen, als Apostel
über den Aposteln.
Es gab allerdings noch keine kirchliche Obrigkeit. Päpste,
Kardinäle und Bischöfe gehören einer viel späteren
Zeit an. Die jüngste Gemeinde war auf zwei Elementen aufgebaut: auf
Christus-Erfahrungen und Worten Jesu.
Die meisten von uns kennen die Geschichte der Bekehrung des Paulus vor
den Pforten der Stadt Damaskus. Christus erschien ihm in einem
überwältigenden Licht. Im ersten Brief an die Korinther
schreibt Paulus, dass Christus "…gesehen worden ist von Kephas,
danach von den Zwölfen. Danach ist er gesehen worden von mehr als
fünfhundert Brüdern auf einmal, deren viele noch leben,
etliche aber sind entschlafen. Danach ist er gesehen worden von Jakobus,
danach von allen Aposteln Am letzten nach allen ist er auch von mir als
einer unzeitigen Geburt gesehen worden." (1. Kor. 15/5-8)
Berichte über Christus-Erscheinungen in Träumen, Visionen oder
als Scheingestalt sind in der alt-christlichen Literatur häufig zu
finden. Diese Erfahrungen hinterließen in der Seele der Juden, die
sie durchlebten, einen tiefen Eindruck. Denn - noch einmal - die erste
Gemeinde bestand anfänglich aus Juden, die der Synagoge und dem
Tempel treu blieben. Aber sie hatten etwas, das sie gemeinsam feierten:
Christus. Christus bekennende Juden wurde lange Zeit als eine Sekte
innerhalb des damals sehr vielgestaltigen Judentums angesehen.
Das zweite Element in der Urgemeinde waren die überlieferten Worte
Jesu. Sie wurden als Wegweiser zum Königreich betrachtet. Die
Lehren Jesu halfen dem Menschen in seinem Transformationsprozess, dem
Prozess der "Menschwerdung". Paulus nennt das "Christus
anziehen". Das alte Ich stirbt und es findet eine Wiedergeburt
statt. Später wurden diese Worte Jesu in pseudo-biographische
Erzählungen eingepasst, zum Beispiel in die biblischen Evangelien.
Dadurch treten Jesu Worte in den farbenreichen Schilderungen der
Ereignisse etwas in den Hintergrund. In der Urgemeinde war man, wie
auch Paulus, an biographischen Einzelheiten des Menschen Jesus weniger
interessiert. Christus stand im Mittelpunkt, die Christus-Kraft, die
darauf wartet, im Wesen des Menschen aufzuerstehen. In alten
Textüberlieferungen stehen die Worte Jesu: "Ich habe Feuer auf
die Welt geworfen und siehe, ich wache darüber, bis es
aufflammt". Andere überlieferte Worte Jesu lauten: "Ich bin
euch so nahe wie die Kleidung eurem Körper".
Entwicklung
Nach dem Fall Jerusalems veränderte sich viel. Das reiche,
vielgestaltige Judentum verengte sich zu einem rabbinischen Judentum;
die Linien wurden strenger. Am Ende des ersten Jahrhunderts wurde der
jüdische Kanon festgelegt, das heißt, es wurde bestimmt, was
zum Alten Testament gehört und was nicht.
Aber auch in der Christenheit veränderte sich viel. Ihr Kern
verlagerte sich stets mehr in den Westen: nach Italien - vor allem nach
Rom - sowie nach Nordafrika und Südgallien. Dort entwickelte es
sich zu einem orthodoxen, dogmatischen Christentum. Dem ging ein Streit
voraus. Die Richtung der Gnosis, das innere Erleben, wurde von der
vorwiegend auf das Äußere gerichteten Kirche stets mehr
verleugnet.
Ende des zweiten Jahrhunderts erschienen zahlreiche Bücher, in
denen die Anschauungen der Gnostiker, der Erben der Urgemeinde,
verurteilt wurden. Bis dahin konnte man von einem brüderlichen und
schwesterlichen Zusammenleben sprechen. In einer echten Gemeinschaft,
einer Ekklesia, konnten verschiedene Sichtweisen nebeneinander bestehen.
Es ging schließlich um die eigene Erfahrung. So lautete anfangs die
verbreitete Auffassung.
Das Christentum war damals noch großenteils eine
Einweihungsreligion. In Ägypten und Teilen des Mittleren Ostens war
es noch weit bis ins dritte Jahrhundert so. Schüler, die in
Christus getauft werden wollten, nahmen zunächst in einer Art
Einführungs-Phase Kenntnis von den antiken philosophischen
Traktaten und befassten sich danach mit den "allgemeinen"
christlichen Schriften.
Erst wenn man für die Taufe in Christus reif genug war, konnte man
Kenntnis nehmen von den "geheimen Büchern", esoterischen
Texten wie: "Das geheime Buch des Jakobus", "Das geheime
Evangelium des Markus", das erst kürzlich gefunden wurde und
das "Evangelium nach Maria Magdalena", das eine Offenbarung Jesu
an Maria Magdalena enthält über die Reise der Seele nach dem
irdischen Tod und andere, wunderbare Textstellen. Wie gesagt, hat man in
der Gnostik Elemente aus dem frühesten und authentischsten
Christentum bewahrt, nämlich dem Christentum der Urgemeinde von
Jerusalem.
Im ersten und zweiten Jahrhundert entstanden immer mehr Schriften und
Evangelien, die erklärten, was Jesus lehrte, nämlich dass das
Königreich im Menschen beschlossen liegt und ein Weg der
Bewusstwerdung nötig ist, um es zu entdecken. In der Gnostik wird
Jesus oft als göttlicher Botschafter dargestellt, der den Menschen
aus seinem bewusstlosen Schlaf erweckt. Die Wurzeln hierzu finden wir
auch in alten, jüdisch-christlichen Gruppen, in denen Jesus als
Prophet angesehen wird, der dem Menschen die wahren Absichten Gottes
erklärt. Jesus als Weisheitslehrer begegnen wir ebenfalls im
"Thomas-Evangelium" und im "Evangelium der Wahrheit",
das auch bei Nag Hammadi gefunden wurde.
Sophia
Die Weisheit, Sophia, wurde nicht nur in diesen Kreisen als
schöpferische Kraft gesehen, durch die offenkundig wird, was in
Gottes Gedanken lebt, sondern bereits vorher innerhalb des Judentums.
Gott ist eins und unteilbar. Im "Geheimen Buch des Johannes",
das wir gleich in drei Versionen bei Nag Hammadi in dem Krug fanden und
von dem wir auch noch aus einem Fund von 1896 ein Exemplar in Berlin
besitzen, stoßen wir auf den Begriff metropater: Mutter-Vater. Gott
ist gleichzeitig Mutter und Vater.
Manchmal wird die weibliche Kraft Gottes auch Heiliger Geist genannt.
Der Heilige Geist wurde als weiblicher Engel oder wahre Mutter erfahren.
Kirchenväter aus dem zweiten, dritten und sogar dem vierten
Jahrhundert zitieren noch einen Ausspruch Jesu aus einem später
vernichteten jüdisch-christlichen Evangelium. Er sagt dort:
"Als ich auf dem Berg Tabor betete, wurde ich von meiner Mutter, dem
Heiligen Geist, emporgezogen." In schönen, mystischen Texten
wird diese Kraft Sophia, Weisheit, genannt.
So lesen wir in dem "Buch der Weisheit", das zum Alten Testament
gehört: "Alles Verborgene und alles Offenbare habe ich erkannt;
denn es lehrte mich die Weisheit, die Meisterin aller Dinge. In ihr ist
ein Geist, gedankenvoll, heilig, einzigartig, mannigfaltig, zart,,
beweglich, durchdringend, unbefleckt, klar, unverletzlich, das Gute
liebend, scharf, nicht zu hemmen, wohltätig, menschenfreundlich,
fest, sicher, ohne Sorge, alles vermögend, alles überwachend
und alle Geister durchdringend, die denkenden, reinen und zartesten.
Denn die Weisheit ist beweglicher als alle Bewegung; in ihrer Reinheit
durchdringt und erfüllt sie alles.
Sie ist ein Hauch der Kraft Gottes und reiner Ausfluss der Herrlichkeit
des Allherrscher; darum fällt kein Schatten auf sie. Sie ist der
Widerschein des ewigen Lichtes, der ungetrübte Spiegel von Gottes
Kraft, das Bild seiner Vollkommenheit."
Auch Philo von Alexandrien, ein Zeitgenosse Jesu, folgt den
jüdischen Sichtweisen über den androgynen Gott. Der
"Vater" und die "Mutter", schreibt er, sind einander
gleich, nur ihre Kraft ist unterschiedlich. Der Weltenschöpfer ist
der Vater alles dessen, was ins Dasein tritt; das ist jedoch nur
möglich mit Hilfe der Mutter. Durch das Zusammenwirken der beiden
ist er fähig, zu erschaffen und vermag sie es, die Saat in sich
aufzunehmen, um "den Sohn", die stoffliche Welt, zu
gebären.
Der Sohn, der Logos, Christus, ist das Bewusstsein des Mutter-Vaters.
Ein gewisser Ptolemäus, Schüler des großen Mystikers
Valentinus, der im zweiten Jahrhundert beinahe zum Bischof von Rom
gewählt wurde, schreibt an seine Schwester Flora: "Da war in
unsichtbarer und unaussprechlicher Höhe vor allen Zeiten die
vollkommene Ewigkeit, welche Tiefe genannt wird. Unbegreiflich und
unsichtbar, ewig und ungeworden bestand sie in erhabener Ruhe
während endloser Ewigkeiten.
Und mit ihr war die Stille. Und die Tiefe nahm den Gedanken auf, den
Ursprung des Alls aus sich hervorzubringen und vertraute dieses Denkbild
gleichsam als Saat dem Mutterschoß der Stille an. Sie empfing es,
wurde schwanger mit dem Gedanken und gebar Bewusstsein, gleich denen,
die sie hervorgebracht hatte und allein fähig, die Größe
des Vaters zu umfassen; und damit kam die Wahrheit hervor."
Die Tiefe ist vertikal, eine männliche Kraft. Die Stille ist
horizontal, eine weibliche Energie, Aufeinander gelegt bilden sie ein
Kreuz, unter anderem das Symbol für das Christentum. Das Herz des
Kreuzes ist Bewusstsein, in der religiösen Tradition das Alpha und
das Omega, der lapis philosophicum, der Stein der Weisen der
Alchimisten, das Krishna-Bewusstsein bei den alten Hindus, die
Buddha-Natur bei den Buddhisten, der Nous bei den zeitlosen Hermetikern
und das Christus-Prinzip bei den Christen. Es ist das Bewusstsein von
der wahren Herkunft des Menschen aus der "hohen Welt Gottes",
wie der Mystiker Jakob Böhme es ausdrückte, vom Menschen als
Abbild Gottes.
Gewiss nicht zufällig zitiert der große christliche Philosoph
der Renaissance Pico della Mirandola Worte, die Hermes an Asklepius
richtete: "Der Mensch ist ein großes Wunder". Denn der
Mensch trägt in sich das göttliche Bewusstsein, das Abbild
Gottes.
Erkenne dich selbst
In der christlichen Dogmatik des vierten Jahrhunderts und danach wurde
der Mensch zum Sünder. Sündig vom Haupthaar bis zu den
Fußsohlen, zu nichts Gutem im Stande, von Natur aus krank, so lesen
wir es im Heidelberger Katechismus. Auf diese Weise wurde die Menschheit
Jahrhunderte lang niedergedrückt. Und der Mensch fand keinen Grund
dafür, tiefer in sich selbst zu schauen.
Es war ein Bruch mit der jahrhundertelangen Tradition des gnooti
seauton, des "Erkenne dich selbst" der Antike. Dieser Spruch
zierte im mystischen Delphi in Griechenland das Portal des Tempels, der
dem Lichtgott Apollo geweiht war. Auch Sokrates benutzte die Worte oft,
als er Plato unterrichtete. Und wir finden sie ebenfalls in einem
alt-ägyptischen, Hermes Trismegistos zugeschriebenen Zitat:
"Wer sich selbst kennt, kennt alles."
Und Jesus sagt: "Wer alles zu kennen meint, aber nicht sich selbst,
weiß nichts". Zu seinem Bruder im Geist, Thomas, sagt er:
"Wer sich selbst nicht gekannt hat, hat nichts gekannt. Aber wer
sich selbst gekannt hat, hat auch Kenntnis über die Tiefe des Alls
erhalten."
Der Urknall des Christentums vollzog sich einst in Jesus von Nazareth,
einem jungen Mann aus einem galiläischen Dorf, Sohn jüdischer
Eltern. Dieser junge Mann hatte eine starke innere Entwicklung hinter
sich. Er verfügte über besondere Gaben, die noch vertieft
wurden durch eine Lehrzeit bei den heiligen Essenern, die einige Jahre
dauerte. Wie praktisch jeder junge Mann in seiner Zeit heiratete er und
arbeitete in Stille bis zu dem Moment, in dem eine Verbindung stattfand
mit etwas Unnennbarem: einem geistigem Kraftfeld, das schon früher
im Bewusstsein von Sehern und Propheten aufgeleuchtet war.
Diese geistige Kraft, der Logos, das, was in Gottes Denken anwesend ist,
verband sich mit dem physischen Menschen Jesus. Diese Christus-Geburt
fand im Jordan statt. Das wurde früher in der alten Kirche am 6.
Januar als Erscheinung (epiphania) Christi gefeiert. Im Westen verlegte
man das Datum auf den 25. Dezember, an dem die Römer die Geburt
ihres Sol Invictus, des Sonnengottes, feierten.
Aber es wurde nicht mehr der Taufe im Jordan gedacht, sondern der Geburt
Jesu Christi aus der jungfräulichen Mutter Gottes. Drei Jahre lang
zog Jesus durch Palästina: durch Galiläa, sein Geburtsland,
Samaria, das jüdische Stiefkind und Judäa mit der Hauptstadt
Jerusalem.
Es waren drei Jahre, in denen die Christus-Kraft in ihm lebte. Menschen
wurden tief bewegt durch seine Worte, seine Taten und seine
Ausstrahlung. Die Worte wurden lange Zeit mündlich weitergegeben
und später auch niedergeschrieben.
In dem Krug von Nag Hammadi wurden Sammlungen der Aussprüche Jesu
wieder gefunden, rein, unberührt und noch nicht von beschreibenden
Erzählungen überwuchert. Nach drei Jahren wurde der Mensch
Jesus gekreuzigt. Die Christus-Kraft nicht. Diese Kraft ist nicht zu
kreuzigen.
Als man später den Unterschied zwischen Jesus und Christus nicht
mehr verstand, verurteilte man die Anschauungen der Gnostiker, die
sagten, dass Christus nicht am Kreuz gestorben sei. Das sagten nicht nur
die mystischen Gnostiker, sondern davor bereits die jüdischen
Christen, die bekannten, dass Jesus nicht in einem physischen
Körper auferstanden ist, sondern dass der Christus in jedem
Menschen "auferstehen" kann, der den Weg zum Herzen
einzuschlagen wagt. Der Urknall des Christentums pflanzte sich als
bewusstseinsbildende Kraft in vielen Menschen fort. Es ist ein
Bewusstsein, das sich - so wie das physische Universum nach dem Big Bang
– noch stets weiter ausbreitet.
Wir fragen in unserer Zeit oft, was die Relevanz der Dinge ist.
Geschichte erscheint uns nur dann noch als relevant, wenn wir von der
Vergangenheit Lektionen lernen können, die uns vor Unheil
behüten. Das ist meistens eine Frage des Verstandes, die sich in
praktischen Entscheidungen konkretisiert. In gewissem Sinn gilt das aber
auch für unsere religiöse Geschichte.
Hier kommt noch eine Dimension hinzu: das Erleben, und zwar das Erleben
mit dem Herzen. Mit dem Verstand können wir die reichen Funde, die
uns geschenkt werden, zur Kenntnis nehmen, wie zum Beispiel die vom
Toten Meer, die kürzlich entdeckten hermetischen Texte und
natürlich die Nag Hammadi-Schriften. Wir können es aber auch
geschehen lassen, dass sie sich mit unseren Herzen verbinden. Das aber
ist zu allen Zeiten eine Entscheidung des individuellen Menschen, die
absolut respektiert werden muss.
Ich hoffe, dass durch das Schreiben des Buches "Der Urknall des
Christentums" und durch diesen Vortrag diese innere Entscheidung
für Sie etwas einfacher geworden ist. Ich wünsche Ihnen viel
Inspiration.
Abbildung: Gemälde von William Turner