Impuls für ein Christentum der Zukunft?
Einleitung zum Symposium: Grenzüberschreitungen / Das
Thomas-Evangelium
Das Thomasevangelium gehört zu den bedeutsamsten der 52 Texte, die
1945 bei Nag Hammadi in Oberägypten entdeckt wurden. Gilles
Quispel, der renommierte Gnosis-Forscher, erklärte dem Finder in
einem Gespräch 1987: "Ihr Fund wird die Gedankenwelt von
Millionen Menschen verändern." Der Kulturhistoriker Jacob
Slavenburg, der eine Vielzahl von Werken über das Urchristentum und
die Gnosis verfasst hat, stellt fest, dass nach dem Fund von Nag Hammadi
die Kulturgeschichte des Westens neu geschrieben werden muss. Gnostisch
strebende Menschen wurden in den letzten 1700 Jahren als Ketzer
gebranntmarkt. Ein Teil der Texte von Nag Hammadi und darunter vor allem
das Thomasevangelium zeigt nun, wie eng gnostisches Denken mit den
Sichtweisen der frühen Christen verbunden ist. Damit wird auf das,
was Christsein einmal war und vielleicht wieder werden kann, ein neues
Licht geworfen.
Die ersten Anhänger Jesu waren Juden. Während des Aufstandes
gegen die Römer (66-70 n.Chr.), der zur Zerstörung Jerusalems
und des Tempels führte, zogen viele von ihnen über den Jordan
in die Gebiete, die wir heute als Jordanien, Libanon und Syrien kennen
und bis in den Südosten der heutigen Türkei. Sie nahmen, wie
Jacob Slavenburg in seinem Buch "Der Urknall des Christentums"
(Birnbach 2007) darstellt, ihren Glauben und ihre eigenen Evangelien mit
und verschwanden gleichsam von der Bildfläche. Als sie etwa 100
Jahre später wieder entdeckt wurden, hatte die Christenheit mit
ihren Zentren in Rom, Südfrankreich und Nordafrika einen Weg
eingeschlagen, der eine ganze Reihe frühchristlicher Auffassungen,
darunter solche der jüdischen Christen, zur Ketzerei erklärte.
Eine Vielzahl von Schriften – auch die des jüdischen und
alexandrinischen Christentums - wurden vernichtet.
Das Thomasevangelium entstammt dem Strom des ursprünglichen
jüdisch-christlichen Denkens. Darin sind sich die
Religionswissenschaftler weitgehend einig. Zugleich spiegeln viele der
Worte Jesu, der sog. Logien, aus denen das Evangelium besteht,
gnostische und hermetische Anschauungen wider. Und schließlich
beinhaltet die Schrift einen erheblichen Einfluss einer
frühchristlichen Strömung aus Alexandrien, die asketisch
geprägt war, aber auch platonisches Denken und Mysterienweisheit
mit dem Christentum vereint hatte. So wird auch an Hand des
Thomasevangeliums deutlich, dass das frühe Christentum sich viel
universeller darstellte, als es der heutigen christlichen Dogmatik
entspricht. Infolge der gnostischen und hermetischen Einflüsse
enthält es die Merkmale eines Einweihungsweges. Jesus
verkündigt im Thomasevangelium, dass der Mensch durch
Selbsterkenntnis zu Gott gelangen kann. Es geht nicht allein um den
Glauben, sondern vor allem um das Erlangen einer geistigen Sicht auf den
Weg, der zum Reich Gottes führt. Jesus will bei seinen Jüngern
ein geistiges Bewusstsein entflammen. "Das Reich des Vaters ist
schon über die Erde ausgebreitet, aber die Menschen sehen es
nicht" (Logion 113). Die Jünger indes sollen es schauen. Der
gnostische Hintergrund klingt schon am Anfang des Evangeliums an:
"Dies sind die geheimen Worte, die Jesus, der Lebendige, sprach
..." (Logion 1). Die Jünger sind aufgefordert, ihren
göttlichen Kern zu suchen und mit ihm zu verschmelzen. Daraus
entsteht eine Seelenverfassung, in der "das Männliche und das
Weibliche zu einer Einheit" werden (Logion 22). Das entspricht der
frühchristlichen alexandrinischen Strömung. Der Jünger
kehrt seelisch in die paradiesische Sphäre zurück, in den
Zustand, in dem Eva noch "in Adam" war. In der hermetischen
Tradition stehend, sagt Jesus: "Ich sage meine Geheimnisse allen,
die meiner Geheimnisse würdig sind" (Logion 62).
Die Vorträge dieses Symposiums, gehalten von Kennern urchristlicher
und gnostischer Schriften, wollen den Zugang zu einem universelleren
Christentum ermöglichen. Könnte der Weg der geistigen
Erkenntnis die Pforte zu einem Christentum der Zukunft sein?