Das zwischen den Dingen Liegende
von Christian Thomas Kohl
Rudyard Kipling, der berühmte, in Indien geborene, Autor des
"Dschungelbuches", schrieb einmal die folgenden Worte: "Oh,
East is East and West is West and never the twain shall meet".
"Oh, Osten ist Osten und Westen ist Westen und die beiden werden
sich nie treffen". Ich werde hier zeigen, dass Kipling nicht
vollständig recht hatte. Ich versuche auf die gemeinsame Grundlage
der buddhistischen Philosophie und der Quantenphysik hinzuweisen.
Es gibt eine überraschende Parallelität zwischen dem
philosophischen Wirklichkeitsbegriff in der Philosophie Nagarjunas und
dem physikalischen Wirklichkeitsbegriff in der Quantenphysik. Für
beide sehr verschiedene Bereiche, mit sehr verschiedenen
Größenordnungen, ist die Wirklichkeit ohne Grundlage und
besteht aus einem Zusammenspiel von abhängigen Objekten. Für
beide sind weniger die Objekte selber, als das zwischen ihnen Liegende
wichtig. Zunächst gebe ich eine kurze Zusammenfassung der
Philosophie Nagarjunas. Dann werde ich etwas zur Quantenphysik sagen. Am
Ende werde ich die Wirklichkeitsbegriffe von beiden Gebieten
vergleichen.
""Kümmert euch nicht so sehr um den Sokrates, sondern weit
mehr um die Wahrheit, und wenn es euch scheint, ich sagte etwas
Richtiges, dann stimmt mir zu, wenn aber nicht, dann gebt mir nur
möglichst Kontra, damit ich nicht im Eifer des Gefechts mich und
euch zugleich betrüge", sagt Platons Sokrates
bezeichnenderweise in Phaidon 92c"". [Christian Schäfer
(HG.), Platon-Lexikon, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt
2007, Seite 18]
Einleitende Bilder: Was ist Wirklichkeit? In den buddhistischen Texten
gibt es viele Bilder, mit denen auf diese Frage eine Antwort angedeutet
werden soll. Hier drei Beispiele:
1. « Zur Zeit des Buddha gab es einen Mönch, der eine
besondere Almosenschale besaß, an der er sehr hing. Als er starb,
wurde er, noch bevor sein Körper verbrannt war, in Gestalt einer
Giftschlange wiedergeboren, die sich sogleich auf den Weg zu einer
Bettelschale machte, sich dort zusammenrollte und jeden, der sich
näherte, zischend mit dem Tod bedrohte. Als dem Buddha dies
berichtet wurde, erklärte er, wie es dazu gekommen war. Dann
ermahnte er die Schlange mit den « Worten der Wahrheit », ihre
negativen Gedanken aufzugeben. Worte der Wahrheit :
« Gleich einer Sternschnuppe, Halluzination, Kerzenflamme, einer
Illusion, einem Tautropfen, einer Luftblase, einem Traum, Blitz, einer
Wolke, so müsst ihr die Welt der Phänomene sehen »[Dilgo
Khyentse, Erleuchtete Weisheit, Die Einhundert Ratschläge des
Padampa Sangye [Kamalashila], Theseus Verlag Berlin 2003, Seite 26]
2. « Seht zum Beispiel diese Jungen, die Sand zusammentragen und
Paläste, Dörfer und Häuser bauen. Sie sagen, es sei Reis
oder Mehl. Sie lieben das, sie binden sich daran, sie bewachen und
schützen es. Doch wenn der Abend kommt, lässt ihr Interesse
nach, sie zerstören es mit ihren Füßen, sie zerbrechen
es, lösen es auf und beseitigen es. Die profanen Dummköpfe
handeln ebenso: solange sie nicht ihr Verlangen aufgegeben haben,
empfinden sie für die Dinge Liebe und binden sich; aber sobald sie
ihr Verlangen aufgegeben haben, und die Dinge sehen, wie sie wirklich
sind, lösen sie sie auf, zerstören und verwerfen sie »[
Traité, Seite 2108].
3."Es ist so, als ob der Fluss des Ganges eine dicke Schaumblase mit
sich trüge und ein scharfsinniger Mensch sie sähe, auf sie
meditierte und sie gründlich untersuchte. Dadurch würde er sie
leer, hohl und wertlos finden. Welchen Wert, oh Mönche, könnte
eine Schaumblase haben? Ebenso verhält es sich mit jeder
vergangenen, zukünftigen und gegenwärtigen Materie, ob sie nun
nahe oder ferne sei. Wenn ein Mönch sie sieht, auf sie meditiert
und sie gründlich untersucht, findet er sie leer, hohl und wertlos.
Welchen Wert, oh Mönche, hat die Materie?" [Traité, Seite
2062]
Vorbemerkung: Aus einer Hymne Nagarjunas an den Buddha: «
Dialektiker behaupten, dass das Leid aus sich selbst heraus, durch etwas
anderes, durch beides oder aber ohne eine Ursache [substantiell]
entstanden ist. Du aber hast erklärt, dass es abhängig
entstanden ist ». [1]
In diesem Vers ist in Kurzform die ganze Philosophie Nagarjunas
enthalten, die Zurückweisung von vier extremen Sichtweisen, die
sich nicht mit der grundlegenden Abhängigkeit der Dinge vereinbaren
lassen.
Nagarjuna war einer der bedeutendsten buddhistischen Philosophen
Indiens. Wahrscheinlich lebte er um 250 nach Christus. In seinem
Hauptwerk, Mulamadhyamaka-Karika war die erste Frage nicht die nach dem
Geist oder dem Bewusstsein, sondern nach den Dingen der Welt, in der wir
leben. Besonders hat Nagarjuna auf die Abhängigkeit der physischen
Objekte von anderen Objekten hingewiesen. Dadurch hatte er eine neue
Sichtweise für das zwischen den Dingen Liegende eröffnet. Hier
einige Beispiele von abhängigen Objekten: Nagarjuna untersuchte ein
Ding & seine Ursache, einen Geher & die begangene Strecke, einen
Seher & das gesehene Objekt, Ursache & Wirkung, Tat &
Täter, Feuer & Brennstoff, Anfang & Ende, Leid &
Ursachen des Leids, Bindung & Befreiung, Entstehen & Vergehen,
das Reine & das Unreine. Bei diesen abhängigen Objekten, die
aus Zwei-Körper-Systemen oder aus zwei polaren Begriffen bestehen
sind die beiden Körper oder Begriffe nicht eins, aber sie fallen
auch nicht auseinander. Sie sind nicht unabhängig, sondern sie sind
von einander abhängig. Das ist der erste und wichtigste Aspekt der
Philosophie Nagarjunas. Er soll uns öffnen für das zwischen
den Dingen Liegende. Der zweite Aspekt besteht aus Hinweisen auf die
inneren Widersprüche von vier extremen Wirklichkeitsbegriffen. Die
Wirklichkeitsbegriffe werden nicht ausführlich dargestellt, sondern
nur in ihren Prinzipien. Allerdings kann man leicht erkennen, auf welche
Denkweisen sich diese Prinzipien beziehen und das ist wichtig, denn
dabei geht es um unsere extremen metaphysischen Denkweisen, die es uns
nicht gestatten, die Wirklichkeit zu erkennen. Es geht nicht nur um eine
Auseinandersetzung mit der traditionellen Metaphysik Indiens. Diese vier
extremen Ansätze beziehe ich auf vier extreme Denkweisen der
modernen Welt. Sie hindern uns daran, die Wirklichkeit zu erkennen und
auf das zu achten, was zwischen den Dingen passiert. Um diese Denkweisen
wirkungsvoll unterlaufen zu können, muss man sie als solche erst
einmal erkannt haben. Deswegen sollen sie hier ohne
Vollständigkeitsanspruch in kurz gefasster Form skizziert werden:
1. Substanz. Eigenes Sein. Die Welt der Ideen. Platon hatte zwei Formen
des Seins unterschieden. Er unterschied besonders im zweiten Teil des
'Parmenides' Einzeldinge, die alles, was sie sind, nur durch
Teilhabe sind und insofern kein eigenes Sein haben, und Ideen, die ein
eigenes Sein haben. Die Ideen sind unveränderlich, sich selbst ewig
gleich, von nichts anderem abhängig, durch sich selbst existierend.
Sie sind der Daseinsgrund für alles andere, die immaterielle
Grundlage der Welt, in der wir leben. Diese dualistische Trennung der
Welt wurde von der traditionellen Metaphysik übernommen. Seit Kant
hat die traditionelle Metaphysik an Boden verloren. Allerdings sind ihre
zentralen Begriffe, wie Idee, Sein, Substanz, durch substantielle
Denkweisen moderner Naturwissenschaftler ersetzt worden. Nun sollen
Atome, Elementarteilchen, Energie, Kraftfelder, Naturgesetze, invariante
Strukturen, oder aber Symmetrien der Daseinsgrund für alles andere
sein.
2. Subjekt. Selbstbewusstsein. Die Welt der Einzeldinge. Das
'Philosophische Wörterbuch‘ schreibt zum Stichwort
'Platon': "Die Materie für sich allein existiert nicht,
zur Wirklichkeit wird sie erst durch die Ideen erweckt, die in ihr
anwesend sind"[2]. Etwas ausführlicher, aber noch immer ohne
einen Vollständigkeitsanspruch, soll eine Zusammenfassung von
Hans-Georg Gadamer zur Sprache gebracht werden. In seinen
Heraklitstudien schreibt Gadamer über den Subjektivismus der
modernen Philosophie. Gadamer schreibt, « dass die Philosophie der
Neuzeit ihre philosophische Selbstbegründung auf dem Begriff des
Selbstbewusstseins errichtet hat. In der Regel beruft man sich für
diese Wendung, die mit der Entwicklung der modernen Naturwissenschaften
einsetzte, auf die berühmte Zweifelsbetrachtung des Descartes. Dort
wurde das 'cogito ergo sum' als die unzweifelhafte Realität
dessen, der denkt und zweifelt, und als das sicherste und
unerschütterliche Fundament aller Gewissheit ausgezeichnet. Das war
zwar noch nicht Reflexionsphilosophie im vollen Sinne des Wortes, die im
Begriff der Subjektivität gründet und von der aus sich der
Sinn von Objektivität neu definiert. Aber seit Kant diese
cartesianische Auszeichnung der 'res cogitans' in die kritische
Beweisführung für seine Transzendentalphilosophie aufgenommen
und die Rechtfertigung der Verstandesbegriffe auf die Synthese der
Apperzeption, auf die Tatsache, dass das « ich denke » alle
meine Vorstellungen muss begleiten können, gegründet hat, war
der Begriff der Subjektivität zu einer zentralen Stellung erhoben.
Die Nachfolger Kants, vor allem Fichte, entwickelten es als Programm,
aus dem Prinzip des Selbstbewusstseins alle Wahrheitsrechtfertigung,
alle Geltungsbegründung überhaupt abzuleiten. So wurde der
Primat des Selbstbewusstseins gegenüber dem 'Bewusstsein von
etwas' zum Stigma des modernen Denkens »[3].
3. Holismus. Der dritte Ansatz versucht dem verhängnisvollen
dualistischen Schema der ersten beiden Ansätze zu entgehen, indem
er alles zu einem Ganzen fusionieren lässt, bei dem es genau
genommen keine Teile mehr gibt, nur eine Identität. Es ist alles
eins. Das Ganze wird verabsolutiert und mystifiziert, es wird zu einer
Einheit, die unabhängig von ihren Teilen besteht. Bei dem
Philosophen Schelling, bei Hölderlin, bei dem sogenannten 'New
Age', und bei ökologischen Denkweisen ist dieser Ansatz zu
finden. In der Quantenphysik war David Bohm ein wichtiger Vertreter des
Holismus [4].
4. Instrumentalismus. Der vierte Ansatz besteht in einer
Zurückweisung oder Ignorierung von Subjekt & Objekt. Statt den
einen oder den anderen Ansatz zu bevorzugen oder beide zusammen, weist
dieser Ansatz beide zurück. Die Frage nach der Wirklichkeit ist
für ihn belanglos oder sinnlos. Hier wären die Physiker Niels
Bohr, Anton Zeilinger und Stephen Hawking als wichtige Vertreter dieser
Denkweise zu nennen.
Diese vier extremen Wirklichkeitsbegriffe werden von Nagarjuna in ihrem
Ansatz zurückgewiesen, weil sie sich nicht mit der
Abhängigkeit der Dinge vereinbaren lassen und auch nicht mit der
Sichtweise, das zwischen den Dingen Liegende zu beachten. Was liegt denn
nun zwischen den Dingen? Darüber hat Nagarjuna nichts gesagt.
Offenbar war er davon überzeugt, wir könnten es nicht mit
unseren Augen sehen. Um die Wirklichkeit zu erkennen müssen wir uns
innerlich öffnen und mit unseren inneren Augen sehen. Oder, um es
mit den Worten der traditionellen buddhistischen Philosophie zum
Ausdruck zu bringen: « Nicht-Ergreifen [anadhyavasana], die
Loslösung, die Abwesenheit einer Grundlage, die Substanzlosigkeit,
das Nichtkennzeichen [animitta] und das Nicht-in-Betracht-Ziehen
[apranihita] sind die eigentlichen Lehren » [5].
Quantenphysik.
"Es bedurfte eines kühnen Gedankensprunges, um zu erkennen,
dass nicht das Verhalten von Körpern, sondern das von etwas
zwischen ihnen Liegendem, das heißt, das Verhalten des Feldes,
für die Ordnung und das Verständnis der Vorgänge
maßgebend sein könne" [Albert Einstein, Leopold Infeld,
Die Evolution der Physik, Rowohlt, Hamburg 1957, Seite 194].
Einer der ersten modernen Europäer, der das zwischen den Dingen
Liegende für ebenso wichtig hielt wie die Dinge selbst, war der
Physiker Michael Faraday. Maxwell schreibt über Faraday in der
Einleitung seines Werkes 'Treatise on Electricity and Magnetism'
im Jahre 1873: « Faraday sah beispielsweise vor seinem geistigen
Auge Kraftlinien, die den gesamten Raum durchdringen, wo Mathematiker
Kraftzentren sahen, die sich über eine Entfernung hinweg anziehen;
er gewahrte ein Medium, wo jene nichts anderes als Distanz sahen »
[6]. Aber ganz besonders hat die Quantenphysik die Prozesse betont, die
zwischen den Quantenobjekten ablaufen und sie hat dadurch einen neuen
Wirklichkeitsbegriff geschaffen, an den wir uns erst noch gewöhnen
müssen. Denn unser Denken ist sehr stark von den vier extremen
Wirklichkeitsbegriffen geprägt, die ich eben genannt hatte, von den
idealistischen Denkweisen mit ihren beiden getrennten Teilen der
Wirklichkeit, vom Holismus oder vom Instrumentalismus und auch vom
Atomismus des griechischen Philosophen Demokrit. Der Atomismus Demokrits
ist eine spezielle Form der substantiellen Denkweise. Nach dem Atomismus
sollen den Dingen kleine, atomare, elementare Teilchen zugrunde liegen,
die Substanz haben. Außer diesen Atomen soll es nur den leeren Raum
geben.
Der Wirklichkeitsbegriff der Quantenphysik lässt sich an drei
Schlüsselbegriffen ausmachen: Komplementarität,
Wechselwirkungen und Verschränkungen. Haben diese drei
verschiedenen Begriffe Gemeinsamkeiten? Liegt ihnen ein Prinzip
zugrunde? Bei der Komplementarität geht es um die Abhängigkeit
des Quantenobjekts vom Messgerät. Schickt man ein Quantenobjekt
durch einen Spalt, dann wird es als ein Teilchen gemessen, schickt man
es durch einen Doppelspalt, dann wird es als eine Welle gemessen. Ein
Quantenobjekt ist also von dem Messvorgang abhängig und von seiner
Umgebung. Von den 4 elementaren Wechselwirkungen möchte ich hier
nur 2 erwähnen. 1. geht es um die Kraft, die zum Beispiel Erde
& Mond miteinander verbindet: die Träger dieser Kraft sind
Gravitonen. Erde & Mond werden durch Gravitonen zusammengehalten, so
nennt man die Austauschteilchen, die allerdings noch nicht experimentell
nachgewiesen sind. Und 2. geht es darum, was Proton & Elektron
miteinander verbindet: die elektromagnetische Wechselwirkung. Die
Träger der elektromagnetischen Wechselwirkung sind Photonen.
Auch wenn die Quantenphysik im Kern aus Mathematik besteht und auf
Anschaulichkeit verzichtet wird, hat sie sehr präzise
Beschreibungen über das hervorgebracht, was um die Quantenobjekte
herum und zwischen ihnen passiert. Hier möchte ich nur ein
Beispiele anführen, obwohl sich noch viel mehr sagen ließe.
Der Physiker Gerhard t' Hooft schreibt, "daß ein Elektron
von einer Wolke aus virtuellen Teilchen umgeben ist, die es ständig
emittiert und wieder absorbiert. Diese Wolke besteht nicht nur aus
Photonen, sondern auch aus Paaren geladener Teilchen, beispielsweise
Elektronen und ihren Anti-Teilchen, den Positronen... » [7].
Gerhard t'Hooft ist Nobelpreisträger, er ist kein
Außenseiter der Physik. Dementsprechend können wir auch in
einem physikalischen Lehrbuch von Haken und Wolf lesen: "Man muss
sich allerdings vor Augen halten, dass man in der Quantentheorie nicht
mehr von Elektronenbahnen sprechen darf, sondern dass der Begriff der
Ladungswolke im Vordergrund steht" [Hermann Haken, Hans Christoph
Wolf, Atom-und Quantenphysik, Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New
York 2000, Seite 178].
Nun komme ich zu dem vielleicht wichtigsten Begriff der Quantenphysik,
es ist der Begriff der Verschränkung. Ich möchte
Verschränkung mit einem Zitat aus der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung erklären: Es heißt dort: «Zwei Photonen
können nicht nur bezüglich ihrer verschiedenen
Polarisationszustände quantenmechanisch miteinander
verschränkt sein, sondern auch hinsichtlich ihrer Impulse und
Energiezustände. Julio T. Barreiro und seine Kollegen haben einen
Laserstrahl zunächst durch zwei optische Kristalle geschickt, die
aus jedem ankommenden blauen Photon zwei miteinander korrelierte rote
Lichtteilchen erzeugten. Dann schickten sie jedes Photon durch eine
optische Vorrichtung, die unter anderem aus Polarisationsfiltern,
Flüssigkeitskristallen und Glasfasern bestand, was die Messung von
Polarisation, Energie und Impuls erlaubte. Eine Koinzidenzmessung
brachte Erstaunliches zutage: Die Photonen zeigten in all ihren
Eigenschaften Einsteins spukhafte Fernwirkung. Wurde eine Eigenschaft
des einen Lichtquants bestimmt, so lag augenblicklich auch der
entsprechende Zustand des anderen Teilchens fest"[8].
Um die Quantenobjekte herum und zwischen ihnen passiert also einiges.
Der Mathematiker Roger Penrose hat quantenphysikalische Experimente, die
sich mit Verschränkungen beschäftigen mit den folgenden Worten
interpretiert: « Die Objekte sind weder richtig getrennt noch
richtig miteinander verbunden » [9]. Das scheint mir eine klare
Formulierung eines Prinzips der Quantenphysik zum Ausdruck zu bringen,
weil zwischen getrennten, aber verschränkten Photonen etwas
passiert. Sie bleiben von einander abhängig, selbst wenn sie 100
Kilometer von einander getrennt wurden. Allerdings wissen wir nicht, was
passiert. Wir wissen nur, dass sie instantan, im selben Moment, ohne die
Verzögerung der Lichtgeschwindigkeit, in Hinsicht auf Polarisation,
Energie und Impuls verschränkt sind.
Ich habe eben die Frage gestellt, ob den drei Begriffen der
Komplementarität, der Wechselwirkung und der Verschränkung ein
Prinzip zugrunde liegt. Das zugrunde liegende Prinzip ist meines
Erachtens die Abhängigkeit der Quantenobjekte.
Ergebnis. Die grundlegende Wirklichkeit ist nichts Eigenständiges,
Festes, Unabhängiges, sondern sie besteht aus Systemen
abhängiger Komponenten. Es gibt keine Systeme, die aus weniger als
zwei Komponenten bestehen. In der Quantenphysik werden solche
Zwei-Komponenten-Systeme Erde & Mond, Elektron & Positron, Quark
& Antiquark, Elementarteilchen & Kraftfeld genannt. Nagarjuna
nennt seine Systeme Geher & begangene Strecke, Feuer &
Brennstoff, Tat & Täter. [Die Gehirnforschung, die hier nur am
Rande erwähnt werden soll, hat es mit der grundlegenden Zweiheit
von Gehirn & Bewusstsein zu tun.] Die beiden Bestandteile dieser
jeweiligen Systeme können nicht von einander getrennt werden, die
Bestandteile sind nicht identisch miteinander, aber sie fallen auch
nicht auseinander. Die Systeme haben eine fragile Stabilität, die
auf manchmal bekannten, manchmal noch nicht vollständig bekannten
und manchmal auf vollkommen unbekannten Abhängigkeiten ihrer
Bestandteile beruht. Zu den vollkommen unbekannten Abhängigkeiten
gehören die Verschränkungen zwischen Zwillingsphotonen und die
Wechselwirkungen zwischen Gehirn & Bewußtsein. Nagarjuna und
die Quantenphysik haben uns die Augen geöffnet für eine
Sichtweise, die sich mit dem beschäftigt, was zwischen den Dingen
liegt. Man kann das ein ganz dürftiges Ergebnis nennen. Trotzdem
hat es die Kraft, falsche Sichtweisen zurückzuweisen, besonders
diejenigen Sichtweisen, die ein Ding auf eine unabhängige Idee oder
auf eine Substanz oder auf das Subjekt, auf den Beobachter reduzieren
möchten. Aber auch die alles umfassende Sichtweise des Holismus
wird der Abhängigkeit der Dinge nicht gerecht. Und schließlich
können instrumentalistische Sichtweisen durch das Prinzip der
Abhängigkeit der Dinge zurückgewiesen werden. Es sind vier
extreme Sichtweisen, die in der Philosophie, in der Quantenphysik und in
den alltäglichen Denkweisen stark vertreten sind. Sie lassen sich
nicht mit der Erkenntnis der Abhängigkeit der Dinge vereinbaren.
Damit bin ich am Ende angekommen. Ich wollte Ihnen keine neuen Tatsachen
nennen, sondern eine neue Sichtweise der Dinge. Es ist eine Sichtweise,
die sich für abhängige Dinge interessiert und für das
zwischen den Dingen Liegende.
Anhang. Das zwischen den Dingen Liegende ist auch im tibetischen
Buddhismus wichtig. Hier zwei Hinweise: Über den tibetischen
Begriff 'bar nang' [tib.: bar - snang] schreibt Dagyab
Kyabgön Rinpoche in der Zeitschrift des Tibethauses Frankfurt am
Main, « Chökor », Nr 43, Juli 2007, Seite 17: « Der
Zwischenraum bezeichnet einen Raum zwischen zwei Objekten oder zwischen
Subjekt und Objekt. Er spielt zum Beispiel eine Rolle in der tantrischen
Ermächtigung, in dem Moment, in dem der Vajrameister die
Schüler bittet, das rote Band abzunehmen und die sogenannte
'Farbe des Zwischenraumes' wahrzunehmen. Er unterscheidet sich
klar vom Begriff 'Raum', Tibetisch: nam kha [nam – mkha], oft
auch mit 'Himmel' oder 'transzendenter Raum'
übersetzt ». Auch Seine Heiligkeit der Dalai Lama schreibt in
seinem Buch 'Dzogchen' : « Eine Methode, von der in der
Dzogchen-Tradition gesprochen wird, besteht darin, 'den Geist in die
Augen zu lenken, und die Augen in den offenen Raum zu richten'. Das
ist nützlich, da unser visuelles Bewusstsein sehr kraftvoll ist.
Das bedeutet nicht, dass man etwas in der äußeren Welt
anschaut, sondern eher, dass man den Blick in den offenen Raum zwischen
sich selbst und den äußeren Phänomenen lenkt »[Seine
Heiligkeit der Dalai Lama, Dzogchen. Die Herz-Essenz der Großen
Vollkommenheit, Theseus Verlag, Berlin 2001, Seite 63].
Anmerkungen
[1] Chr. Lindtner, Nagarjuniana, Copenhagen 1982, p. 135
[2] Georgi Schischkoff [Hg], Philosophisches Wörterbuch, Alfred
Kröner Verlag, Stuttgart 1991, Seite 568
[3] Hans-Georg Gadamer, Der Anfang des Wissens, Universal-Bibliothek Nr.
9756, Reclam jun. GmbH, Stuttgart 1999, Seite 35
[4] Vgl. Karen Gloy, Das Verständnis der Natur, Bd II, Die
Geschichte des ganzheitlichen Denkens, C.H. Beck'sche
Verlagsbuchhandlung, München 1996
[5] [Etienne Lamotte, Traité de la Grande Vertu de Sagesse de
Nagarjuna, Tome I-V, Louvain 1944 ff, Seite 2134-2135
[6] Maxwell zitiert in: « Maxwell: Der Begründer der
Elektrodynamik », Spektrum der Wissenschaft, Biografie 2/2000,
Heidelberg 2000, Seite 48
[7] Gerhard 't Hooft, Symmetrien in der Physik der
Elementarteilchen, in: Teilchen, Felder und Symmetrien, mit einer
Einführung von Hans Günter Dosch, Spektrum, Akademischer
Verlag, Heidelberg 1995, Seite 56.
[8] Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23-11-2005 Als eine
Ergänzung soll hier ein Kurzbericht aus der Frankfurter Allgemeinen
Zeitung aus dem Jahre 2008 erwähnt werden. Der Bericht stützt
sich auf die Zeitschrift « Nature » und er gibt den Stand der
Forschung in der experimentellen Quantenphysik wieder: « Die
sogenannte Verschränkung ist wohl das seltsamste Phänomen der
Quantentheorie. Zwei miteinander verschränkte Teilchen verhalten
sich stets wie ein siamesisches Zwillingspaar, unabhängig davon,
wie weit sie von einander entfernt sind. Bestimmt man durch eine Messung
die Eigenschaft eines Teilchens, wird augenblicklich auch der
Quantenzustand des Partners festgelegt. Heutzutage sieht man die
Verschränkung weitgehend als Essenz der Quantenphysik an. Albert
Einstein und andere Physiker allerdings konnten sich mit dem
Phänomen nie richtig anfreunden. Schließlich kann sich
gemäß der speziellen Relativitätstheorie nichts schneller
ausbreiten als Licht – also auch nicht die Information darüber, was
mit einem verschränkten Teilchen augenblicklich geschieht. Einstein
sprach deshalb von einer spukhaften Fernwirkung, die zwei
verschränkte Teilchen miteinander verbindet. Wissenschaftler von
der Universität Genf sind nun der Frage nachgegangen, wie rasch
zwei miteinander korrelierte Teilchen Informationen über ihre
jeweiligen Zustände austauschen können, falls die
Verschränkung durch ein Signal vermittelt würde.
Die Forscher um Nicolaus Gisin, die für ihre Freilandversuche
bekannt sind, in denen sie die Gültigkeit der Verschränkung
auch über große Distanzen hinweg untersucht haben, erzeugten
Paare von verschränkten roten Photonen, indem sie in ihrem Labor
auf dem Universitätscampus einen blauen Lichtstrahl durch einen
speziellen Kristall lenkten. Anschließend schickten sie von jedem
Paar ein Photon durch einen Lichtleiter in annähernd
entgegengesetzte Richtung. Während das eine Lichtteilchen zum
östlich von Genf gelegenen Dorf Jussy flog, eilte das andere
Lichtteilchen in westliche Richtung nach Santigny. Die
verschränkten Lichtteilchen legten dabei jeweils gleich lange Wege
von 17,5 Kilometern zurück.
An den Zielorten wurde die Verschränkung mit Interferometern
überprüft. Das Ergebnis entsprach den Erwartungen. Fast alle
aus Genf kommenden Teilchenpaare waren stark miteinander korreliert,
wobei sich die Eigenschaft eines Photons an einem Ort unmittelbar
änderte, sobald der Zustand des Partners am anderen Ort feststand
und umgekehrt. Die Forscher konnten ausschließen, dass die
Eigenschaften des einen und des anderen Teilchens schon von Anfang an
bekannt waren. Erst durch die Messungen in Jussy und Satigny wurden sie
festgelegt. [...]
Anschließend berechneten die Forscher die Geschwindigkeit, mit der
die vermeintliche Quantenbotschaft über den geänderten
Quantenzustand von einem Ort zum anderen hätte eilen müssen.
Sollte eine solche endliche Fernwirkung tatsächlich existieren, so
müsste sie sich mindestens zehntausendmal so schnell ausbreiten wie
das Licht, berichteten die Forscher in der Zeitschrift « Nature
» [Bd. 454, Seite 861]. Dass sich Quanteninformationen mit
Überlichtgeschwindigkeit fortpflanzen können, halten die
Forscher allerdings für äußerst unwahrscheinlich. Sie
sind wie viele ihrer Kollegen vielmehr davon überzeugt, daß
sich Verschränkungen tatsächlich gleichzeitig an jedem Ort und
zu jedem Zeitpunkt zeigen können, ungeachtet der Gesetze der
speziellen Relativitätstheorie. Dadurch wird aber selbst für
Spezialisten wie Gisin kaum klarer, wie zwei Teilchen gleichzeitig zu
wissen scheinen, was mit dem anderen gerade passiert. »[Manfred
Lindinger, F.A.Z. 21. August 2008]
[9] Roger Penrose, Das Große, das Kleine und der menschliche Geist,
Spektrum, Heidelberg, Berlin 2002, Seite 89
Christian Thomas Kohl hat Politische Wissenschaften und
Wissenschaftsgeschichte studiert, seine Schwerpunkte sind Geschichte der
Quantenphysik aber auch die Geschichte des frühen Buddhismus. Seit
1975 ist sein Schwerpunkt Asien. Zunächst hat er indonesische Musik
bei Gutama Soegijo in Berlin studiert, dann widmete er sich
Konzertveranstaltungen mit asiatischer Musik in Freiburg und seit 1985
bemüht er sich darum, die Prinzipien der buddhistischen Philosophie
mit denen der Quantenphysik zu vereinen. Seit 1985 gehört er zur
Sakya-Tradition des tibetischen Buddhismus. Buchveröffentlichung:
Christian Thomas Kohl, Buddhismus und Quantenphysik. Die
Wirklichkeitsbegriffe Nagarjunas und der Quantenphysik, Aitrang 2005,
302 Seiten. Zusammenfassung: http://ctkohl.googlepages.com
Abb. Quelle Wikipedia