Über das Wesentliche im Menschen
von Dr. phil. (rer.nat.) Roger Kalbermatten, Kesswiel/Bodensee
Symposium: Paracelsus - Vom Sichtbaren zum Unsichtbaren
Große des Geistes haben oft ein philosophisches Gebäude
hinterlassen, dessen Kraft und Ästhetik uns heute noch erbaut.
Nicht so Paracelsus! Paracelsus war ein Zerbrecher und Erneuerer. Er
beunruhigte und bewegte. Seine Botschaft enthält Sprengstoff, der
bis heute noch kaum gezündet wurde. Darum verfolgen Sie im letzten
Teil dieser Vortragsreihe aufmerksam seine revolutionärsten Worte.
Die drei Ebenen
Paracelsus ist zeitlos. Seine Botschaft spannt einen Bogen von der
Vergangenheit über die Gegenwart bis in die Zukunft. Für viele
hat Paracelsus nur noch eine historische Bedeutung. Für andere ist
er sehr aktuell. Und für wenige enthält seine Botschaft eine
zukünftige Dimension, die jetzt schon vorbereitet wird.
Diese drei Zeitaspekte spiegeln die drei Ebenen seines Wirkens.
Paracelsus setzte neue Impulse auf der körperlichen und auf der
seelischen Ebene und führt uns schliesslich zum göttlichen
Kern im Menschen.
Auf der materiellen Ebene fordert Paracelsus eine unvoreingenommene
Beobachtung der Phänomene. Der Arzt und Naturforscher soll das
Überlieferte, die alten Hypothesen kritisch hinterfragen und eigene
Nachforschungen und Beobachtungen anstellen.
Diese Forderung wird durch die exakten Naturwissenschaften - die Physik
und Chemie - erfüllt. Für sie hat Paracelsus eine rein
historische Bedeutung im Sinne eines Pioniers der objektiven Forschung.
Doch die Biologie und mehr noch die Medizin stoßen mit ihrem
mechanistischen Paradigma an Grenzen. Herrscht nicht grosse Rat- und
Machtlosigkeit in der Schulmedizin angesichts der meisten
Zivilisationskrankheiten?
Der Grund dafür ist offensichtlich: Leben kann nicht auf der
materiellen Ebene allein erklärt werden. Um Leben zu verstehen,
muss man eine höhere Ebene einbeziehen, eine
feinstofflich-energetische Ebene.
In den Hochkulturen aller Zeiten wusste man von einer Lebenskraft, die
den materiellen Körper belebt. Es war Paracelsus, der die
Lebenskraft und die Seele in einen kosmischen Bezug setzte. Er
erklärte, wie der stoffliche Körper belebt und beseelt wird
durch ein feinstoffliches Abbild des Kosmos, den Mikrokosmos. Der
Mikrokosmos ist durch ein vielfältiges Beziehungsnetz in den
Makrokosmos eingebettet.
Der Arzt soll also, laut Paracelsus, nicht nur den stofflichen
Körper betrachten, sondern den Menschen als Mikrokosmos sehen und
seine Beziehungen zur großen Welt in seine Diagnose und Therapie
mit einbeziehen. Diese Botschaft ist heute wieder aktuell geworden.
Paracelsus wird als Pionier für die Ganzheitsmedizin, die die
feinstofflich-energetischen Zusammenhänge berücksichtigt,
gesehen.
Ein grosses Verdienst gebührt dabei Rudolf Steiner, dem
Begründer der Anthroposophie. Durch seine geisteswissenschaftlich
erweiterte Naturwissenschaft und Medizin erfährt das, was
Paracelsus in einer Übersicht, wie in einer Vogelperspektive
dargestellt hat, eine ganz wesentliche Vertiefung und wurde praktisch
anwendbar.
Doch darin erschöpft sich das Lebenswerk des Paracelsus noch nicht.
Die zwei bisher behandelten Ebenen bilden erst das Fundament, das
nötig ist, damit Paracelsus sein Hauptanliegen, seine geistige
Botschaft übertragen konnte. Diese Botschaft enthält eine
gewaltige Zukunftsperspektive, die dem Menschen seine geistige
Würde wiederzugeben vermag. Doch es sind erst wenige, die die
Kernbotschaft des Paracelsus verstehen und umsetzen.
Der geistige Kern seiner Lehre lautet:
Der Mensch ist nicht nur ein sterbliches körperlich-seelisches
Wesen, das in den Kosmos eingebettet ist, sondern er ist potentiell auch
ein ewiges, geistiges Wesen, das über dem sichtbaren Kosmos steht.
Es ist auffallend, wie nachdrücklich Paracelsus immer wieder
betont, dass das natürliche Lebenssystem des Menschen, also der
materielle Körper und der feinstofflich-kosmische Körper,
beide sterblich sind. Doch im Herzen des Menschen liegt ein Prinzip des
ewigen Menschen verborgen, der einstmals als Bildnis Gottes erschaffen
wurde. - Doch darauf möchten wir später noch eingehen.
Verhältnis von Philosophie und Naturerkenntnis
Es ist allgemein bekannt, dass Paracelsus ein grosser Arzt war, der
viele ans Wunderbare grenzende Heilungen vollbrachte und ausserdem ein
umfangreiches, schriftliches Werk hinterliess.
Man könnte nun annehmen, dass in seinem Werk viele hochwirksame
Rezepturen und geheime Formeln als Schätze verborgen liegen, die
man bei eifrigem Nachforschen wieder entdecken und anwenden kann.
Doch die Ausbeute an konkreten Angaben ist - gemessen am Umfang seines
Werkes - enttäuschend. Denn es geht Paracelsus immer ums Prinzip,
um die Philosophie, um das Verständnis von Mensch, Natur und Gott.
Es geht ihm nicht um praktisch anwendbare Methoden und Rezepturen. Wenn
er dennoch einige Hinweise über konkrete Heilpflanzen, Mineralien
oder Rezepturen gibt, will er damit das zugrunde liegende, geistige
Prinzip verständlich machen.
Eine Paracelsusmedizin kann nicht darin bestehen, Rezepturbeispiele
dieses großen Arztes aufzuspüren und nachzumischen. Damit
würde man ihn geradezu ad absurdum führen - ihn, der doch
immer wieder betont, wie jede Zeit ihre eigenen Krankheiten hat und
daher auch ihre eigenen Heilmittel braucht. Es würde seinem Geist
zutiefst widersprechen, da er doch alle Bücherweisheit über
Bord warf und zu autonomer Forschung aufrief.
Es ging ihm nicht um das fertige Rezept, sondern um das wahre
Verständnis vom Menschen und seinem kosmischen Bezug. Paracelsus
war eine leuchtende Fackel am Beginn einer neuen Zeit. Er beschritt
einen neuen Weg und rief mit lauter Stimme: Mir nach, mir nach! Doch er
hinterließ keine Wegbeschreibung, der man einfach folgen konnte,
sondern er zeugte vom Licht, in dem jeder diesen Weg selber erkennen und
beschreiten muss.
Es ist ein Weg, dem im Licht der Natur nachgefolgt werden muss. Das
Licht der Natur muss uns führen, wenn wir die Zusammenhänge
von Mensch und Natur, von Krankheit und Heilung erforschen wollen. Wenn
wir in der Tugend stehen und dem Licht der Natur folgen, dann kann
für uns einmal das ewige Licht aufgehen, das ewige Licht, das hoch
über dem Licht der Natur steht.
Untersuchen wir nun den Begriff "Licht der Natur". Was versteht
Paracelsus darunter?
Um Erkenntnis und Weisheit zu erlangen, benötigen wir Licht.
Deshalb spricht man vom Licht der Erkenntnis oder von Erleuchtung.
Sie befinden sich zum Beispiel in einem völlig dunklen Raum und
müssen sich bewegen. Sie werden sich stossen und vielleicht auch
fallen, denn sie können sich nicht orientieren. Nun wird ein
Fenster geöffnet und Licht strömt in den Raum. Sofort
können Sie sich orientieren und finden ihren Weg.
So ist das Licht der Natur. Das Licht der Natur ist ein kosmisches
Strahlungsfeld, mit dem unsere Seele in Resonanz treten kann. Dadurch
entsteht ein seelisches Vermögen, wodurch die verborgenen
Zusammenhänge zwischen innerer und äusserer Welt, zwischen
Seele und Körper, zwischen Mensch und Natur erkannt werden
können.
Jedoch die wissenschaftliche Erkenntnis steht nicht im Licht der Natur.
In unserem Gleichnis vom dunklen Raum entspricht der Intellekt nur dem
Abtasten mit den Händen. Wissenschaftliche Erkenntnis ist auf das
Äussere beschränkt. Sie führt zur Kenntnis der Anordnung
und äusseren Form der ertasteten Gegenstände. Doch die inneren
Zusammenhänge können nicht erkannt werden.
Der Mensch, der im Licht der Natur zu schauen vermag, erkennt das Wesen
der Dinge, er erkennt die Beziehungen zwischen den verschiedenen
Ereignissen, auch wenn sie keinen linear-kausalen zeitlichen
Zusammenhang haben. Bei der Erkenntnis im Licht der Natur ist das Haupt
und das Herz beteiligt. Es ist die Weisheit durch die Intuition des
Herzens.
Damit das Licht der Natur in uns aufgehen kann, muss das Bewusstsein von
der Einheit aller Geschöpfe im Kosmos vorhanden sein. Alles ist mit
allem verbunden. Nichts besteht isoliert vom anderen.
Doch ist wirklich alles eins? Wenn sich das Bewusstsein allein auf den
Körper beschränkt, kommt eher das Gefühl eines
Getrennt-Seins auf. Wir erfahren doch immer wieder schmerzhaft die
Begrenztheit und Einsamkeit unserer körperlichen Existenz.
Damit von Einheit gesprochen werden kann, bedarf es eines vermittelnden,
seelischen Prinzips. Das, was die Teile zu einem höheren Ganzen
verbindet und unter ein einheitliches Gesetz stellt, ist der Kosmos mit
seinen Lichtern, Strahlungen und Energien. Sie beherrschen und bewegen
mit ihren Bahnen und Rhythmen alle und binden alles zusammen.
Der elementische und der firmamentische Leib
Auch der Mensch besitzt einen immateriellen, energetischen Körper,
dessen Struktur ein Abbild des Firmaments, des Kosmos ist. Paracelsus
nennt ihn den firmamentischen Leib. Dieser Leib ist eine verkleinerte
Kopie des Kosmos, also ein Mikrokosmos.
Da der Kosmos verschiedene Strata, d.h. Energiefelder verschiedener
Dichte besitzt, ist auch der firmamentische Leib in mehrere Ebenen
unterteilt. Hören wir Paracelsus über die Zusammensetzung des
Menschen:
Erstens (ist da) der Leib, nach dem Leib der Regierer; nach demselben
der empfindsame Leib, nach demselben sein König, der ihn regiert;
danach ein König, der den Menschen regiert.(Peukert, Paracelsus Bd.
3)
Wer vertraut ist mit der anthroposophischen oder esoterischen
Terminologie, findet hier Bekanntes:
- Zuerst ist also der Leib, der grobstoffliche Körper. Paracelsus
spricht vom elementischen Leib, da er aus den 4 Elementen
zusammengesetzt ist: aus festen, flüssigen und gasförmigen
Stoffen sowie aus dem Element der Wärme.
- Dann ist da der Regierer, das heisst die Kraft, die den materiellen
Körper bewegt und belebt, der Ätherleib.
- Danach kommt der empfindsame Leib, d.h. der Astralleib, der die
Sinneswahrnehmungen, die Empfindungen, Gefühle und Begierden
ermöglicht.
- Weiter gibt es den König, der den Astralleib regiert, also das
Ich oder den Mentalkörper.
- Dann unterscheidet Paracelsus noch ein fünftes Wesensglied des
Menschen, den König, der den Menschen regiert, das ist das
höhere Selbst.
Dieses höchste Glied bezeichnet Paracelsus auch als das fünfte
Wesen. Das fünfte Wesen sei ein Auszug aus den Elementen und dem
Firmament. Es ist das Wesentliche, die Quintessenz des Menschen.
Quintessenz darum, weil es als fünftes über den vier anderen
Gliedern steht und diese führt, eben wie ein König. Und er
fügt noch hinzu, es gäbe zwei Quintessenzen, eine wirksame,
sterbliche und eine latente, unsterbliche.
Der Mikrokosmos, dieses komplexe Lebenssystem Mensch sei
vollumfänglich sterblich. Nicht nur der aus Elementen
zusammengesetzte stoffliche Leib also ist sterblich, sondern auch das
belebende und beseelende mikrokosmische Prinzip ist vergänglich.
Er erklärt: jeder Leib stirbt in seinem Gebiet. Der elementische
Leib wird in das Grab gelegt und stirbt in den Elementen, der
firmamentische Leib kommt nach dem Tod ins Firmament und wird dort
aufgelöst.
Paracelsus sieht deshalb keinen grundsätzlichen Unterschied
zwischen der bisher dargelegten Zusammensetzung des Menschen und dem
Tier. Denn auch das Tier besitzt einen elementischen und einen
firmamentischen Leib und ist sterblich in beiden. Paracelsus stösst
den Menschen gnadenlos von seinem Sockel als Krone der Schöpfung
und stellt ihn auf die gleiche Stufe wie das Tier. Seine ganze Weisheit
und Vernunft sei viehisch. Er wird nicht müde, dies zu
unterstreichen.
Diese Degradierung des Menschen geschieht aber nur, um ihm seine wahre
Würde von Gottes Gnaden wieder geben zu können. Doch die wahre
Würde liegt nicht im vergänglichen Mikrokosmos, der ein Abbild
des ebenso vergänglichen Kosmos ist.
Wir wissen, auch die Sterne erlöschen einmal und somit ist das
sichtbare Universum vergänglich. Das Wesentliche im Menschen aber
ist ewig. Das Ewige im Menschen steht nicht unter dem Gesetz des Kosmos.
Es steht über dem Firmament.. Paracelsus bezeichnet das Ewige im
Menschen als den Geist des Bildnisses. Mit Bildnis meint er den
ursprünglichen, ewigen Menschen, der von Gott nach seinem Bildnis
geschaffen wurde.
Das Gottesbildnis steht über dem sterblichen Gestirn. Aber dieses
Bildnis besteht nicht mehr als entfaltetes, wirksames Wesen, sondern nur
als Geist des Bildnisses.
Paracelsus benutzt den Begriff "Geist" in diesem Zusammenhang,
um ein verborgenes Prinzip anzudeuten.
So ist der Geist des Bildnisses das latente Prinzip des
ursprünglichen göttlichen Menschen. Hören wir Paracelsus
in seinen eigenen Worten: "Wenn ich gleichwohl den Menschen ein Tier
nenne, so weiss ich doch wohl die Unterschiede zwischen dem Menschen und
den Tieren; die liegen allein im Geist des Bildnisses. Das muß ich
auf das höchste beton." (Peukert, Paracelsus Bd. 3)
Obwohl sterblich, vermag der Mensch grosse Weisheiten und Künste zu
entwickeln.
Durch das Bewusstsein, als Mikrokosmos eins mit dem Kosmos zu sein,
erschliessen sich dem Menschen die Quellen des Lichtes der Natur. In
diesem Lichte fließen dem Menschen zahlreiche Kenntnisse und
Vermögen zu.
Das Licht der Natur
In seinem Hauptwerk, der "Philosophia sagax" beschreibt er diese
Vermögen im Licht der Natur. Er zählt 9 Kategorien von
Fähigkeiten auf: magia, nigromantia, nectromantia, astrologia,
signatum, artes incertae, medicina adepta, philosophia adepta und
mathematica adepta. Jede Kategorie ist wiederum unterteilt und wird
ausführlich beschrieben.
Was wir hier lesen können, ist atemberaubend. Es ist eine
Aufzählung aller nur denkbaren Spezialisierungen auf dem Gebiet der
sogenannten höheren Vermögen. Alles, was sich ein Magier,
Esoteriker, Okkultist, Kabbalist, Astrologe, Hellseher, Prophet, Arzt,
Geistheiler, Philosoph oder Mathematiker an geistigen und
übersinnlichen Fähigkeiten in seinen kühnsten
Träumen nur vorstellen kann, wird detailliert beschrieben.
Greifen wir nur ein Beispiel unter vielleicht hundert heraus: Es wird
die magische Kunst erwähnt, mit bloßen Händen in den
Körper eines Kranken zu greifen und ein Geschwür zu entfernen,
ohne Öffnung und Verletzung. Dass dies nicht eine bloße
Phantasterei ist, wissen wir heute: Es gibt Geistheiler zum Beispiel
auf den Philippinen, die genau dies tun.
Es handelt sich um Vermögen, die weit über das normale
Bewusstsein und über die gewöhnlichen Fähigkeiten
hinausreichen. Vor solchen Gaben und Vermögen haben die meisten
Menschen hohen Respekt und betrachten sie als Geschenk des Himmels.
Für viele besteht kein Zweifel, dass solche übersinnlichen
Vermögen als Gaben Gottes zu betrachten sind.
Hören wir dazu ein Zitat aus einem Buch über
Paracelsusmedizin, das vor einigen Jahren erschienen ist: "Wer schon
mit medial veranlagten Personen zu tun hatte oder selbst Erfahrungen
dieser Art besitzt, kann bei Paracelsus sofort das
"Channeling-Phänomen" erkennen. Dies ist eine Gottesgabe,
über die viele wahrhaft bedeutende schöpferische Menschen
verfügen (Inspiration durch geistigen Kontakt mit anderen Menschen
oder Geistwesen)."
Wer in diesem Zusammenhang von Gottesgaben spricht, hat die geistige
Botschaft des Paracelsus jedoch nicht verstanden. Paracelsus ist sehr
weit davon entfernt, diese Vermögen im Lichte der Natur als
Gottesgaben zu bezeichnen. Er sagt: "Gleicherweis, wie die Speis den
Leib führet .. und .. erquickt, so gibt die äußere Welt
dem Menschen all seine Vernunft, Kunst und Weisheit und
Geschicklichkeit, und das kommt nicht aus besonderen Gnaden von Gott,
sondern aus dem Licht der Natur."(Peukert, Paracelsus Bd. 3)
Paracelsus will uns klarmachen, dass das ganze Pantheon geistiger und
übersinnlicher Fähigkeiten natürliche Künste sind,
erworben im Licht der Natur. Zwar ist das Licht der Natur sehr
mächtig und führt uns zu einer großen Weisheit, doch es
ist vergänglich - wie Paracelsus sagt, sogar tödlich.
Das Licht der Natur ist nicht göttlich, denn Gott ist ewig. Darum
steht über dem Licht der Natur das ewige, göttliche Licht.
Paracelsus:
"Es sind zwei Weisheiten in dieser Welt, eine ewige und eine
tödliche. Die ewige entspringt unmittelbar aus dem Licht des
Heiligen Geistes, die andere unmittelbar aus dem Licht der Natur. Die
aus dem Licht des Heiligen Geistes hat nur eine Art an sich, das ist die
gerechte, ungeteilte Weisheit. Die aber aus dem Licht der Natur hat
zwei Arten an sich, die gute und die böse Weisheit." (Peukert,
Paracelsus Bd. 3)
Gott war und ist für viele Menschen ein sogenannter
Lückenbüßer, ein Grund für unerklärliche
Phänomene. Als in der Vergangenheit noch zahlreiche
Naturerscheinungen wie z.B. der Blitz unheimlich und unerklärlich
waren, wurden sie dem Wirken Gottes zugeschrieben. Später konnten
diese Phänomene durch die Wissenschaft erklärt werden, und so
wurde der Wirkbereich Gottes immer enger.
Heute sind wir im Bereich des Übersinnlichen nicht weit vom
Mittelalter entfernt. Es gibt viele übersinnliche, wunderbare
Gaben, die einem göttlichen Einfluss zugeschrieben werden. Damals
kam die Wissenschaft und entmystifizierte alle Naturerscheinungen durch
rationale Erklärungen. So kommt auch Paracelsus und zerschmettert
mit seiner "Philosophia sagax" unsere noch verbliebene
Gottesvorstellung. Sagax heißt weise. Aber auch scharf. Die Sagax
ist eine scharfe Axt, mit der unser Gotteswahn, unsere begrenzte
Gottesvorstellung zertrümmert wird.
Damals vor 500 Jahren akzeptierte man Paracelsus nicht mit seiner
Ganzheitsmedizin. Heute ist er auf diesem Gebiet anerkannt. Tausende
verehren ihn als großen Pionier. Doch die Ganzheitsmedizin war nur
ein Teil seiner Mission.
Seine Hauptmission war und ist die Vermittlung eines echten
Gottesbegriffs. Dafür musste der Wahnbegriff von Gott zuerst
zerbrochen werden. Er musste die übersinnlichen Spezialgebiete bis
ins Detail erklären, damit niemand mehr behaupten kann, die
Fähigkeiten im Lichte der Natur - und seien sie noch so erhaben -
seien göttliche Gaben.
Doch diese Botschaft kann und will man heute genauso wenig hören
wie vor 500 Jahren seine Forderungen in der Medizin. Paracelsus:
"Lerne, die ewige von der unnützen Weisheit zu scheiden, und
beide zu erkennen, während es sonst ein ganzer Irrtum bliebe. Denn
das ist ein wichtiger Punkt, dass ihrer viele sind, die da von der
Ewigen Weisheit schreiben, aber nicht von der Ewigen Weisheit geboren
sind." (Peukert, Paracelsus Bd. 3)
Man muss also zur ewigen Weisheit geboren werden. Und er führt
weiterhin aus:
"Und merket auch, dass zwo Seelen im Menschen sind, die ewige und
die natürliche, das ist, zwei Leben, eins ist dem Tod unterworfen,
das andere widersteht dem Tod... So auch die zween Geist, der ewige und
der natürliche. Was natürlich ist, das ist im gestirnten Leib,
und der gestirnte Leib ist im corporalischen, und sind also beide e i n
Mensch, aber zween Leib.
Denn es sind zwei Fleische auf Erden, das aus Adam und das aus der neuen
Geburt durch Christum. Das Fleisch aus Adam sieht Gott nicht, aber das
Fleisch aus der neuen Geburt durch Christum, das sieht Gott."
(Peukert, Paracelsus Bd. 3)
Unermüdlich ermuntert uns Paracelsus, die Fähigkeiten im Licht
der Natur zu entwickeln und ein tätiges Leben unter ständiger
Vermehrung von Erkenntnis und Kunst zu führen, doch mit der
gleichen Eindringlichkeit weist er darauf hin, dass all diese
Fähigkeiten unvollkommen sind und nicht zum wahren Leben
führen.
Das Hauptanliegen des Paracelsus liegt darin, den Menschen auf das
Wesentliche hinzuweisen. Das Wesentliche liegt in der ewigen Seele
begründet, deren Keim im Herzen wohnt: im Geist des Bildnisses.
Dort ist der Ausgangspunkt für eine neue Geburt, für einen
unsterblichen Menschen. Dieser neue Mensch hat nicht nur eine
unsterbliche Seele, sondern auch einen neuen unsterblichen Körper.
Auf diesen ewigen Menschen hinzuweisen, das ist die wahre Botschaft des
Paracelsus, die bis heute noch größtenteils unverstanden ist.
Das Ewige
Wir sprechen im allgemeinen Sprachgebrauch oft vom Neu-geboren-Werden.
Nach der Genesung von einer schweren Krankheit, nach einer seelischen
Läuterung, nach dem guten Ausgang eines schicksalhaften Ereignisses
können wir uns wie neu geboren fühlen. Diese Beispiele sind im
Sinne einer seelischen Erneuerung zu verstehen, vergleichbar mit der
Renovierung eines alten Hauses.
Doch Paracelsus meint etwas ganz anderes. Er meint die Wiedergeburt zum
ewigen Menschen nicht im Sinne einer seelischen Erneuerung, sondern
substanziell. Er spricht von einer unvergänglichen Substanz, aus
der die neue Geburt erfolgt.
Wenn wir z.B. ein Haus renovieren, ist der Baukörper, die
Grundsubstanz immer noch dieselbe. Wenn nun der Baukörper aus
hinfälligem Material besteht, bringt die Renovierung nur eine
kurzzeitige, äußerliche Verbesserung. Um nachhaltig zu
erneuern, müsste die Grundsubstanz ausgewechselt werden, d.h. der
alte Bau müsste abgebrochen und ein Neubau aus beständigem
Material errichtet werden. So sieht es Paracelsus auch mit dem Menschen.
Nun könnte vielleicht die Frage auftauchen, ob nicht der eine oder
andere große Geist ein solcher neuer Mensch ist. Es gibt zwei
Merkmale, woran dies einfach zu erkennen ist. Paracelsus sagt
darüber etwas, was unsere gewohnten Vorstellungen von einem Gott
geweihten Wesen gänzlich umstößt: Der göttliche
Geist wirkt aufbrechend in Bezug zur Natur und zum natürlichen
Menschen und aufbauend allein für die neue Geburt.
Ein Meister also, der in unserer Welt aufbauend wirkt, der wirkt aus dem
Licht der Natur, nicht aus dem ewigen Licht. Ein Botschafter des ewigen
Lichts greift diese Natur und uns sterbliche Menschen an. Er zerbricht
unseren Wahn. Seine aufbauende Kraft wirkt allein auf das Ewige in uns.
Auch Christus wird in diesem Sinne zitiert: "Ich bin nicht gekommen
Frieden zu bringen, sondern das Schwert!"
Paracelsus war ein Botschafter des göttlichen Lichtes, ein
Theophrastus. Er hat uns keinen Frieden und schöne Worte gebracht.
Er hat uns unermüdlich dazu aufgefordert zu unterscheiden, zu
untersuchen, zu Einsicht zu gelangen, das Wahre vom Falschen zu trennen.
Er hat uns das Schwert gebracht, um uns damit von allem Wahn und aller
Täuschung zu heilen.