Der heroische Mensch im unendlichen Universum
EINLEITUNG
Giordano Bruno (1548-1600), leidenschaftlicher Sucher nach der Wahrheit, zeugte von den absolut göttlichen Gesetzmäßigkeiten im unendlich Großen und im unendlich Kleinen. Seine Ideen sind für den heutigen Menschen besser zu verstehen als für seine Zeitgenossen, weil die Wissenschaft nun die Beweise seiner philosophischen Auffassungen herausgibt. Bruno erkannte, dass die wahre Identität des Menschen mit der unendlichen Materie zusammenfällt, die unteilbar, unzerstörbar und eins ist. Die Persönlichkeit bildet den zeitlichen Ausdruck, den Schatten, die veränderliche Seite einer unendlichen Ursache. Für diese Auffassungen, die für viele den Weg zum wirklichen Menschsein freimachten, bezahlte er mit seinem Leben; nach sieben Jahren Verhör und Folter wurde er von der Inquisition als Ketzer verbrannt.
In der Unendlichkeit eines entgrenzten Universums sucht der heroische Mensch, getrieben durch das Bild der Vollkommenheit, nach dem Einen. Das Bild der Einheit und des gesetzmäßigen Zusammenhangs der Dinge ist die Triebfeder, die ihn in der Welt der Vielheit nach der Ordnung der Einheit suchen lässt. Aber ist Versöhnung zwischen der Vielheit und der vollkommenen Reinheit des Alleinguten möglich? Die heroische Verzückung entrückt den Menschen dem Griff der Sinneswerkzeuge. Sie inspiriert ihn dazu, der Welt der chaotischen Vielheit zu entsteigen und ein Gott gleiches Leben zu führen in der Erkenntnis des Einen und Einzigen. Der heroische Mensch sieht die Essenz der übersinnlichen Welt durch alles hindurch strahlen; die Verzweiflung des Verlorenseins im Chaos der Zufälligkeiten verliert ihre Kraft. Im Bewusstsein der Begrenzung der Vielheit - Gut und Böse gehören dazu; sie verändern sich unaufhörlich, auch in der Zukunft - richtet er sich auf das Allerhöchste, die Einheit in der Unendlichkeit. Er sucht nicht die Überwindung des "Bösen", sondern sich in die Einheit einzufügen. Die Seele wird hierdurch gereinigt, der Mensch transformiert: der Mensch wird Gott.
Bruno schilderte ein unendliches Universum, bevölkert von unzählbaren Systemen und ihren Planeten. Umschlossen von diesem Universum, dem einzig Seienden, ewig und unveränderlich, existieren unendlich kleine Teile, alle von Leben beseelt. In diesem Universum ist das Endliche nicht vom Unendlichen, das Größte nicht vom Kleinsten zu unterscheiden. Minimum und Maximum fallen zusammen: das Minimum, das unmessbare, einfache, unteilbare und unzerstörbare Kleine, die Monade, das Atom oder der Punkt, bildet die hervorbringende Selbständigkeit aller Dinge, die Basis allen wirklichen Bestehens, begabt mit Verstand und Begriff. Ohne Monade, das kleinst Denkbare, ist das Bestehen des Maximums, des Größten, des unendlichen Universums, nicht möglich.
Die Monade ist das unendliche Wesen, ewig, unzerstörbar, göttlich. Bruno stellte die Ewigkeit nicht länger in die Jahrhunderte, sondern in die Unendlichkeit. Er erschloss die Magie der Monade, die Kernkraft der göttlichen Potenz im Menschen. Damit machte er das Tabu des göttlichen Werdens für das Bewusstsein transparent und befreite den Menschen so von seiner Abhängigkeit von Machtinstitutionen. Damit war er seiner Zeit weit voraus, sogar dem 20. Jahrhundert, in welchem die Tradition des jüdisch-christlichen Denkens dieses Tabu noch lange festgehalten hat. Bruno wurde von Hermes Trismegistos inspiriert, durch Plato, Cusanus und Ramon Llull. Er zeigte als heldenhaftes Vorbild, wie das ursprüngliche Feuer in Geistkraft gipfelt, in seiner Unbegrenztheit übereinstimmend mit der vollkommenen Liebe.
"Es ist deshalb unnütz zu untersuchen, was sich außerhalb des Raumes befindet, Leere oder Zeit. Denn es ist ein einziger Raum, eine einzige weite Unermesslichkeit, die wir leicht Leere nennen können. Darin befinden sich unzählbare Planeten wie der, auf welchem wir leben und sind. Dieser Raum ist unendlich, worin weder Vernunft, sinnliche Wahrnehmung noch Natur eine Grenze bilden. Es befindet sich eine unendliche Anzahl von Welten von derselben Art wie die unsrige darin."
Übersetzung: Ursula Klee
Bruno, flammend in Göttlichem Licht
Im Jahre 1578, als der Mann aus Nola, um den es heute während dieses Symposions geht, gerade wieder einmal mit der Kirche gebrochen hatte, erfuhr er eine direkte Erleuchtung, die ihn wie ein Blitzschlag traf. Die Türen der Wirklichkeit - so berichtet er selbst - wurden während eines zeitlosen Augenblicks für ihn geöffnet. Ihn erfasste eine Wirklichkeit, die nicht zu beschreiben, ein Einheitserleben, das kaum in Worte zu fassen ist. Nur annähernd kann Giordano Bruno Folgendes darüber sagen: "Denn wenn derjenige, der das Eine nicht begreift, nichts begreift, so begreift derjenige alles, der in Wahrheit das Eine begreift; und wer immer mehr zur Kenntnis des Einen durchdringt, nähert sich auch der Kenntnis von allem."
Und obwohl es ganz danach aussieht, sah er diese Einheit im Ganzen nicht
mystisch, sondern als höchste Erfüllung einer Idee, eine
Wahrheit, die ihn wie ein Hammer traf. Er erkannte dies denkend,
hermetisch und vollkommen logisch:
"Denn wenn du von einem Teil des Unendlichen sprechen willst, dann
musst du es als unendlich bezeichnen, und wenn es unendlich ist,
fällt das Einssein zusammen mit dem All: und somit ist das
Universum eins, unendlich und unteilbar."
"Innerhalb des Unendlichen ist nicht die Rede von einem größeren oder kleineren Teil, denn ein willkürliches größeres Teil nähert sich der Abmessung des Unendlichen nicht mehr an als ein willkürliches kleineres Teil, und das ist der Grund, dass in der unendlichen Dauer
die Stunde sich nicht unterscheidet vom Tag,
der Tag nicht vom Jahr;
das Jahr nicht vom Jahrhundert;
das Jahrhundert nicht vom Augenblick,
denn es bestehen genauso wenig Augenblicke wie Stunden oder
Jahrhunderte,
und die Erstgenannten verhalten sich in keinem kleineren Maße zur
Ewigkeit als die Letztgenannten.
Man kann der Proportion, Ähnlichkeit, Einheit und Identität des Unendlichen als Mensch nicht mehr nahen als eine Ameise, als Stern nicht mehr als ein Mensch, denn man nähert sich diesem Sein nicht mehr, ob man Mond, Stern, Mensch oder Ameise ist, angesichts dessen, dass in der Unendlichkeit kein Unterschied zwischen diesen Dingen besteht.
Und wenn diese Dinge im Unendlichen nicht von einander verschieden sind, nicht anders und keine Arten sind, dann folgt hieraus notwendigerweise, dass sie keine Menge haben und somit das Universum, wie gesagt, eins und unbeweglich ist." 1
* * *
Jedes Leben, jedes Menschenleben, steht unter einem bestimmten Licht, besitzt ein innerliches Licht, eine innerliche Flamme oder Beseelung, die durch den betreffenden Menschen selbst nach außen, in die Offenbarung gebracht wird. Das Resultat ist stets eine Mischung davon, was jemand von sich selber denkt, findet, verbreitet, und von dem, was nach außen kommt in und durch die Reibung mit der augenblicklich herrschenden Kultur, mit den Werten und Normen seiner Tage. Das Resultat ist die Summe der Intentionen und der innereigenen Kraft, angewandt angesichts der bestehenden Verhältnisse, die damit zusammenwirken oder überwunden werden müssen. Das Resultat ist kräftiger, wenn der Widerstand heftig ist, das Resultat ist mächtiger, reiner, wenn die eigene Seelenkraft und die eigene Geistesflamme groß und stark sind.
Brunos Leben ist von Anfang bis Ende durch eine solche Flamme, durch das Element Feuer, gezeichnet. Er wurde 1548 als Philippo, Sohn eines Beamten in spanischen Diensten, unter dem damals noch tätigen Vulkan Vesuv bei dem Dörfchen Nola in Italien geboren. Wie ein feuriger Komet zog er durch Europa, und überall, wohin er kam, hinterließ er Brandflecken. Und auf dem Blumenmarkt in Rom kommt sein Geist wieder frei von seinen Quälgeistern, entsteigt seine Seele durch die Flammen eines Scheiterhaufens der Erde, wo er so eifrig das Feuer des Geistes, des Kosmos, gesucht und gefunden hat. Nicht lange danach, "auf dem Petersplatz, vor den Treppen", wie die Inquisition es anordnete, wurde das Feuer noch einmal angezündet, dieses Mal für "alle seine Bücher und Schriften in Unserem Besitz", und das Urteil galt auch für alle zukünftigen Bücher und Schriften, die jemals in ihren Besitz geraten sollten.
Was ist dann das Lebensmysterium von Bruno? Können wir es 402 Jahre später noch vor uns sehen? Lange Zeit habe ich darüber nachgedacht, wie ich diesem Mysterium einigermaßen nahe kommen könnte, bis ich in einem bestimmten Augenblick in einem Gedicht von seiner Hand, das ihn genau mitten in sein Lebensmysterium stellt, einen Schlüssel zu finden glaubte.
Lieblicher Knabe, der du dein Schiffchen losmachtest vom Ufer und deine ungeübte Hand auf das zerbrechliche, nach der See verlangende Ruder legtest, nun bist du dir plötzlich deines Unglücks bewusst. Du siehst die verhängnisvollen Wellen der Verräter, deinen Vordersteven, der sich gleichmäßig zu viel hebt und senkt; und deine durch wachsende Sorgen übermannte Seele kann sich nicht behaupten gegen die Brecher und anschwellenden Wasserströme. Du überlässt die Riemen deinem bösen Feind, wartest schier unbesorgt auf den Tod und schließt dabei deine Augen, um diesen nicht zu sehen. Wenn nicht schnell befreundete Hilfe kommt, wirst du sicher alsbald die letzten Folgen deines durch Unwissenheit und Neugier eingegebenen Strebens erleiden. Mein grausames Los ist dem deinen gleich; denn verlangend nach Liebe erfahre ich die Härte des größten Verräters. 2
In den Jahren vor Brunos Geburt hatte das Dörfchen Nola, das unter spanischer Verwaltung stand, einen Aufstand gegen die spanische Inquisition gewagt. Dieser Aufstand war mehr oder weniger erfolgreich, aber das Dorf wurde mit vagen Versprechungen abgespeist. Dabei ging es der Nolanischen Bevölkerung nicht so sehr um das freie "andere, ketzerische" Denken, als einfach um das materielle Bestehen, bildete die Inquisition doch für den Stand des Bürgers eine direkte Bedrohung: wenn man verhaftet und verurteilt wurde, verfielen sämtliche Familienbesitzungen der Kirche und dem Staat.
Als Bruno etwa zwölf Jahre alt war, arbeiteten Kirche und Staat viel enger zusammen. Die direkte Folge davon waren u.a. der Massenmord an den Waldensern in Kalabrien, viele Judenverfolgungen im nahen Neapel und grässliche Hinrichtungen abtrünniger Lutheraner.
Das hat auf das Gemüt des jungen Philippo einen unauslöschlichen Eindruck gemacht. Er sieht, wie ein Bündnis der Ungeheuer zwischen Obrigkeit und Inquisition nicht allein das Denken in Bande legte, sondern gleichzeitig eine totale ökonomische Macht an sich zog. Die Faszination, die das Los der Unglücklichen verursacht, die so grausam, erniedrigt und entehrt ihr Ende fanden, wird ihn sein Leben lang nicht mehr loslassen. Es ist ein Schicksal, das ihn fast festbannt: er sieht es, fühlt es zutiefst in seiner Seele und, wie er es selbst ausdrückt, wird er wie der berühmte Schmetterling von der Kerzenflamme oder das Einhorn von der Jungfrau unwiderstehlich davon angezogen.
Aber vorerst zieht er guten Mutes nach Neapel, zu seiner Zeit eine Stadt mit zweihunderttausend Einwohnern, um dort seine intellektuelle Laufbahn zu beginnen. In diesen Tagen ist man viel jünger "erwachsen" als heute, Jungen und Mädchen heiraten im vierzehnten, fünfzehnten Jahr. Auch Philippo ist jung, dreizehn, vierzehn, er hat einen maßlos neugierigen und spielerischen Geist, und er kann sich in dieser Zeit nur mit großer Mühe entscheiden zwischen Philosophie und ... Theater!
In seinem Artikel 450 Jahre Giordano Bruno entwirft Professor Wolfgang Wildgen ein Bild des Jünglings, der fasziniert ist vom Reichtum der neapolitanischen Kultur. Bruno selbst zeichnet von dieser Periode ein Bild in seinem Lustspiel "Candaleio". Er erfreut sich am spielerischen Auftreten und dem freimütigen Betragen von Künstlern und Kurtisanen. Er entscheidet sich für ihre Seite und erschöpft sich in der Verspottung der abergläubischen, gierigen und verkrampften Bürgerschaft der alten Stadt. In den drei Jahren, die die Ausbildung am Institut zu Neapel dauert, an welchem zu seiner Zeit noch der gelehrte Scholastiker Thomas von Aquin (1224-1274) Aristoteles gelehrt hatte, muss er sich gleichwohl der Zucht des Internats des Klosters S. Domenico Maggiore unterwerfen (dem Mutterkloster der Dominikaner, mitten in der Stadt) und wird im klassischen Trivium unterwiesen: Grammatik, Logik und Rhetorik. Hier erwirbt er den Priestergrad, hier legt er die Basis für den grenzenlosen Tiefgang in seinem Denken, das letztendlich Gott in jeder Welt finden würde. Dieses Denken ist nicht kirchlich, sondern kosmisch-gewaltig. Es ist weltlich und zugleich tiefreligiös. So denkt nicht die Scholastik, die den Himmel mathematisch erklären konnte, und es ist auch nicht das mathematisch-analytische Denken der aufkommenden Naturwissenschaften, sondern ein Denken, das auf freier Assoziation basiert, das das grenzenlose Universum als Grenze und seine Fundamente in den hermetischen Werten von Gott, Welt und Mensch hat - eine Aufzählung, worin die Kirche nicht vorkommt und der Mensch nicht die Hauptsache, sondern ein Teilchen der Schöpfung ist.
Es ist die Kulmination des Denkens der so farben- und ideenreichen Glorie der italienischen Renaissance, die ein Jahrhundert vorher in Florenz begonnen und ganz Europa in einer dynamischen Erneuerung in Schlepptau genommen hatte. Wie ein neues Frühlingserwachen versuchte sie das Zusammenleben zur Blüte zu bringen. Dieser florentinische Frühling wurde jedoch von einer Anzahl aufeinanderfolgender Päpste absolut erstickt, ab dem Aufstand 1547, von welchem Bruno an seinem Geburtsort noch die Folgen zu spüren bekam, bis 1572. Es ist, als ob Brunos Jugend diesen Jahreszahlen auf dem Fuße folgt, und dies wird der Grundton seines Lebens sein.
Weshalb entscheidet er sich dann trotzdem, als er siebzehn ist, für eine Ausbildung zum Priester? Ist da schon etwas von der Faszination für den Konflikt, woran er seine Kräfte erproben will? Ist es so etwas wie der Wille, etwas Unmögliches zu vollbringen, indem man sich gegen den schwerfälligen religiösen Körper, der kein individuelles Denken akzeptiert, auflehnt? Möchte er dadurch, dass er in den Kreis aufgenommen wird, von innen heraus die Konfrontation beginnen? Von dem Moment an, an dem er als Dominikaner-Novize eintritt, muss er sich wehren. Als brillanter Schüler, der er ist, will er die traditionellen Heiligenbildchen in seiner Zelle nicht haben, wirft sie hinaus und empfiehlt einem Mitschüler auch noch, einmal etwas anderes zu lesen als das süßliche "Leben von Maria". Die Folge: sein erster Prozess vor der Inquisition wird eine Tatsache, aber dieser läuft noch glimpflich ab. Nach eigener Aussage diente dieser Prozess, angestrengt durch den Novizenaufseher, nur dazu, um ihn einmal eindringlich zu verwarnen.
Als dann später auch noch in seiner Zelle die Kommentare zu den Kirchenvätern von dem verabscheuenswerten - weil selbständig nach Verinnerlichung und Vertiefung suchenden - Erasmus und Schriften des Reformers Luther gefunden werden, ist das Maß aber voll. Ein zweiter Prozess läuft an, und dies ist eine viel ernstere Sache, denn nun kann er dem "weltlichen Arm" überliefert werden. Die Inquisition folterte natürlich nicht selbst, heilig und unbefleckt von menschlichem Leid wie sie war, sondern überließ diesen Teil dem Staat. Jedoch war sie dabei anwesend, um eventuelle Geständnisse wörtlich notieren zu können.
Bruno, der mittlerweile den Namen Giordano angenommen hat, wartet das Resultat nicht ab und flüchtet 1576 nach Rom. Doch welche Alternative hat er? Seine Karriere ist zerbrochen, bevor sie begonnen hat, jegliche eigene intellektuelle Aktivität ist fortan ausgeschlossen - ja, selbst sein Leben hängt ab von einer vollkommenen demütigen Unterwerfung. So hängt er die Kutte seines Ordens an den Nagel, sagt der Kirche ade und flüchtet nordwärts.
Von Rom aus reist er weiter nördlich, nach Genua, wo er sich mit Privatunterricht seinen Lebensunterhalt verdient. Von dort geht er in das norditalienische Noli, wo er sich einen Augenblick Ruhe gönnt. Aber dieser Ort ist zu klein für seinen Weitblick und großen Geist, "gefangen in einem konfliktverursachenden Körper", wie er es selbst einmal ausgedrückt hat. In Noli erhebt er seinen Blick aus der Kirche, und vielleicht richtet er ihn hier zum erstenmal weg von dem Renaissancebild vom "Menschen als Maßstab". Der Himmel, das ist es für ihn, diesen nimmt er künftig als das Maß der Dinge. Hier schreibt er seinen Erstling, das kleine Werk "De segni et tempi" ("Über die Zeichen und die Zeiten"), eine Arbeit über astronomische und meteorologische Zeichen, welche in Venedig gedruckt wurde, aber verloren gegangen ist. Noli ist zu klein, es glückt ihm hier kein länger dauernder Aufenthalt. Bruno versucht sein Glück in dem von Rom relativ unabhängigen Venedig, aber auch da kann er nicht lange verweilen. Niemand will ihn finanziell unterstützen. Er zieht um nach der brandneuen Stadt von Calvin, Genf. Anfangs ist er sehr enthusiastisch über den Plan und das Drum und Dran in dieser Stadt, aber es glückt ihm wieder nicht, seinen Mund zu halten und seine Feder im Zaum zu halten: Anlässlich seiner ungeschminkten Kritik über einen Prediger landet er im Gefängnis. Er weiß jedoch zu entkommen und flüchtet weiter in die mächtige Stadt des französischen Südens: Toulouse. Dort endlich glückt es ihm, auf akademischem Niveau unterrichten zu können. Als er dann weiter nach dem Norden reist, zieht er viele Vorteile daraus: seine Titel als lecteur und doctor an der Universität von Toulouse berechtigen ihn auch dazu, in Paris öffentlich zu lehren.
Nach Paris kommt Giordano Bruno im Jahre 1581, wo er Vorlesungen und Vorträge über das Thema "Die 30 göttlichen Attribute" hält. Er kommt in den Genuss königlichen Interesses: Heinrich III. hat ihn eingeladen, ihm zu erklären, ob Brunos Gedächtnisvermögen etwas Natürliches sei, oder ob es auf Magie beruhe. Die Antwort amüsiert den König sehr. Bruno, der dem König erklärt, dass es um eine Wissenschaft geht, widmet ihm sein Buch, das er darüber schrieb, und zwar "De umbris idearum" ("Über den Schatten der Ideen"). Der König revanchiert sich mit der Ernennung Brunos zum außerordentlichen Professor am brandneuen Collège Royal de Cambrai, dem unabhängigen, angesehenen Gegenpol der Sorbonne, der von der Kirche überwachten Universität. Dort erreicht Bruno den Höhepunkt seines Lebens. Er hält dort in zwei Perioden Vorlesungen: von 1581 - 1583 und vom Herbst 1585 bis Juli 1586. Die letzte Periode wird gekennzeichnet von einer heftigen Kontroverse über 120 Lehrsätze von Aristoteles mit dem Gelehrten Jean Hennequin.
Wer versucht, den Menschen Giordano Bruno etwas tiefer zu verstehen, trifft auf einen begabten Mann, beschlagen als Mathematiker, als Astronom, als Wissenschaftler - aber nicht im "vollblütigen" Sinn. Bruno ist mehr - und er will auch mehr sein. Er hat ein unwahrscheinliches Gedächtnis. Heute würde man von einem fotografischen Gedächtnis sprechen. Taucht man in Brunos Schriften unter - eine schöne und mühsame Aufgabe -, dann wird man nicht selten getroffen von der verblüffend paraten Kenntnis der antiken Schriftsteller, die Bruno oft wörtlich auswendig zu zitieren scheint. So wie in anderen Dingen auch ist er für den Leser kompromisslos - er setzt bei seiner Zuhörerschaft ein Niveau voraus, das minimal dem entspricht, was wir heute akademisch nennen würden. Er ist ein leidenschaftlicher Verfechter der neuen kopernikanischen Astronomie, und sowohl der Pariser Hof als auch die Studenten, die aus ganz Europa der Seinestadt zuströmen - man spricht von 20.000 Studenten jährlich, in der damaligen Zeit! - wollen alles über die neuen Theorien hören.
Bruno hält Vorlesungen über Kopernikus: Die Sonne ist der Mittelpunkt unseres Sonnensystems - und das Genie des Nolaners geht darin sogar noch einen Schritt weiter. Denn was Kopernikus getan hatte, war eine Art Umkehrung des alten Systems: die Erde auf den Platz der Sonne und die Sonne in die Mitte, wo vorher die Erde gedacht worden war. Bei diesem Weltbild saßen die die Fixsterne gleichwohl noch immer ganz fest am Firmament, nicht anders als im Bild von Ptolemäus am Beginn der Zeitrechnung. Aus dem Raum hinter diesen Sternen regierten die Engel und Gott das Universum.
Aber Bruno schaut, in Ekstase, in Entrückung - und wie herrlich muss es sein, als Erster innerhalb einer Kultur einen solchen Gedanken erfassen zu können - die Unendlichkeit. Und in diesem allem begreift sein Geist, ergreift sein Genie die Einheit in allem! Er weiß! Er ist der Magier, den Ficino erträumte. Er weiß, dass es Tausende von Sonnen gibt, Millionen Planeten, die alle denselben Gott, den gleichen Ursprung als Mitte haben. Das ist die Theorie von der Monade - weiter getragen als von John Dee, gekoppelt an den Hermetismus von Ficino. Und nicht allein ist derselbe Gott in der Mitte jedes Himmelkörpers, auch der Mensch ist in diesem Sinne ein Himmelskörper, ein Himmlischer. Denn wenn die Monade auf alle Welten angewendet werden kann, auf den Kosmos und auf alle Kosmoi, ist das auch möglich im Kleinen, im Mikrokosmos, und seit Pico della Mirandola ist das: der Mensch. Und allem liegt das Feuer, das alchemische Feuer des höheren Aries zugrunde. Darum ist der Mensch zwar ein bescheidenes Teilchen der Schöpfung, aber gleichzeitig ein Gottessohn!
Man kann die Entrüstung und die Bestürzung, die diese Ideen verursachten, mit nichts vergleichen. Was waren das für wahnsinnige Vorstellungen? Man konnte doch nicht anders, als diesen Bruno als staatsgefährlich anzusehen? Und dann war da noch etwas: der französische König hatte bei der Gründung des Collège - der Laienuniversität - versprochen, auf die Orthodoxie, auf die Rechtgläubigkeit in der katholischen Lehre aller Lehrer und Professoren zu achten. Stellen Sie sich nur einmal vor, dass die Sorbonne-Universität nur auf eine Gelegenheit wartete, um den trotz allem nicht so standfesten König zu kompromittieren. Die verschiedenen Faktionen innerhalb der Sorbonne, die Katholiken, wollten nichts lieber, als dem sich etablierenden Collège ein Bein stellen. Und wie konnte das besser geschehen, als dadurch, dass man innerhalb der Mauern von Cambrai einen Ketzer fand - und auch noch als speziell besoldeten lecteur du roi -, der einen echten Inquisitionsprozess angehängt bekäme?
So muss Bruno wieder weiter, will er sein Leben behalten. Ein Gesuch seinerseits, wieder in die Kirche aufgenommen zu werden, ist tabu, es sei denn, er würde sich einem Prozessverfahren unterwerfen. Aber das würde einem intellektuellen - und wahrscheinlich auch physischen - Selbstmord gleichen.
Indessen ist Bruno erst auf halbem Wege mit seiner Suche. Mit einem Empfehlungsschreiben Heinrichs III. in der Tasche will er nach Paris in London einen Höhepunkt seiner Karriere erreichen. Er möchte eine erleuchtete Form des hermetischen Denkens lehren, "den menschlichen Geist befreien, die Grenzen der Welt durchbrechen und den Weg zu den Sternen weisen". Sein Universum ist unendlich und enthält zahllose Welten. Es ist ein Universum, worin sich auch die Sonne... bewegt! In London wird er am Hofe von Queen Elizabeth, die den Papst ebenso wenig leiden kann wie Bruno, in den fortschrittlichen Kreis um Sir Philip Sidney aufgenommen. Hier erscheinen die Komödie "Der Eselsschwanz", eine beißende Satire auf das Leben in einem Dominikanerkloster, und das wichtige Werk "Das Aschermittwochsmahl". Darin verteidigt Bruno Kopernikus und setzt das Obengesagte nochmals auseinander. Aber was er sich als Siegeszug erhofft hatte, läuft auf eine bittere Enttäuschung hinaus.
Der englische Hof in London hört ihn gerne; aber Oxford hat Kopernikus den Rücken zugekehrt und will einzig das althergebrachte katholische Weltbild, welches noch immer ptolemäisch-aristotelisch ist. Die Unverträglichkeit und Kleingeistigkeit der englischen wissenschaftlichen Welt sieht Bruno in den schmutzigen Straßen von London und der Engstirnigkeit von Oxford verkörpert. Bruno wird des Plagiats beschuldigt (er arbeitete in seinen Lesungen mit Texten von Marsilio Ficino) - was er offen zugibt.
Im Aschermittwochsmahl stellt Bruno - stets scharf, stets kompromisslos - das vulgäre London dem erleuchteten englischen Hof gegenüber, der den neuen, blühenden Geist der Renaissance vergegenwärtigt. Erneut dieser Kontrast zwischen der konservativen Kirche und der Erneuerung! Die Königin und der direkte Kreis um sie hin - unter der Inspiration von Sir Philip Sydney - denken wohl wie er, ist dies doch ungefähr der Moment in der Geschichte, da Elizabeth die Anglikanische Kirche, die ihr Vater, Henry V., nach dem Bruch mit Rom gegründet hat, vom Katholizismus in eine abgemilderte Form des Calvinismus übergehen lässt. Aber sowohl in Oxford als auch in der schmutzigen Stadt London begegnet Bruno aufs neue dem Kontrast zwischen mentalen Gebäuden, Aristoteles folgend, und dem freiradikalen Denken der Kombination Plato-Hermes mit Kopernikus. Er schreibt: "O unbeständige Dialektik, nagender Zweifel, lästige Scheinbeweise, spitzfindige Zwangsargumentationen, dunkle Rätsel, verwirrte Labyrinthe, verfluchte Sphinxe - löse alles auf, oder lasse dich erlösen!"
Diese ganze spießbürgerliche Beschränktheit macht Bruno während einer Mahlzeit an jenem berühmten Aschermittwoch, dem 14. Februar 1584, lächerlich. Noch während seiner späteren Verhöre in Venedig bleibt er dabei, dass diese Gespräche wirklich stattfanden. Die Publikation dieser Schrift entfesselt einen wahren Sturm innerhalb der englischen akademischen Kreise, die Beschuldigungen und Vorwürfe der Blasphemie gegen Aristoteles Wellen von Protest und Entehrung. Das alles kommt über Giordano, und er sieht sich veranlasst, den Rest seines Aufenthaltes in England in freiwilligem Hausarrest in der französischen Botschaft zu verbringen. Die Mehrheit seiner Freunde kündigt ihm öffentlich die Loyalität auf.
Erneut Reisen: im Gefolge des französischen Botschafters geht er wieder nach Paris. Es ist in dieser Periode, dass er den einzigen bekannten Kontakt mit einem Niederländer gehabt hat: Aernoud van Buchel aus Utrecht berichtet 1585 in seinem Tagebuch darüber. Er hat Giordano Bruno während der vielen Lesungen sprechen hören, die der Nolaner in der letzten, heftigen Periode in Paris gab. Buchel sagt über ihn: "Giordano Bruno aus Nola in Italien ist ein Professor und als Philosoph brillanter als gut für ihn ist. Er hat den Vornamen Philoteus (Er, der Gott liebt) angenommen. Auch hat er eine Abhandlung über Gedächtnistechnik publiziert und schrieb in Italienisch "Über die heroischen Verzückungen" und die Komödie Der Eselsschwanz (den oben bereits genannten Candaleio)3."
Aber das Klima in Paris ist derartig verändert, dass Bruno dort nicht bleiben kann. Weiter zieht er, nach Deutschland, wo er hofft, eine für ihn bessere Gesinnung anzutreffen. Im zweiten Verhör in Venedig gibt Bruno eine kurze Zusammenfassung seines Aufenthalts in Deutschland:
"Ich verließ Paris wegen der Tumulte und zog nach Deutschland; meine erste Station war Mainz, eine Stadt mit einem Erzbischof -, der der erste Kurfürst des Reiches ist. Dort verweilte ich zwölf Tage. Angesichts dessen, dass ich weder dort noch in Wiesbaden eine Gesellschaft nach meinem Gefallen fand, ging ich nach Wittenberg in Sachsen. Dort traf ich zwei Parteien an, die eine philosophisch, die aus Calvinisten bestand, die andere theologisch, die sich aus Lutheranern zusammensetzte. Unter ihnen befand sich ein Gelehrter mit dem Namen Alberigo Gentile, gebürtig aus den Marken, den ich in England kennen gelernt hatte. Er lehrte Recht und half mir, so dass ich durch seine Gunst im Auditorium über das Organon von Aristoteles sprechen konnte. Diesen und andere Vorträge habe ich etwa über zwei Jahre verteilt gehalten.
Zu dieser Zeit, als der alte Herzog, ein Lutheraner, von seinem Sohn, welcher calvinistisch gesinnt war, abgelöst wurde, begann dieser letztere, seine Partei zu unterstützen, die gegen mich war. Darum nahm ich Abschied und begab mich nach Prag, wo ich sechs Monate blieb. Während ich mir dort aufhielt, ließ ich ein Buch über Geometrie drucken, das ich dem Kaiser widmete, der mich dafür mit einer Gabe von 300 Talern begünstigte. Mit diesem Geld verließ ich Prag und verbrachte ein Jahr an der Academia Julia zu Braunschweig. Dort war gerade der Herzog gestorben, der ein Ketzer war. Ich schrieb eine Rede für sein Begräbnis, in Konkurrenz mit vielen anderen Gefährten von der Universität. Dafür ließ mir sein Sohn und Nachfolger achtzig Scudi überreichen. Ich nahm Abschied und zog nach Frankfurt, um zwei Bücher drucken zu lassen; das eine De minimo etc. und das andere De numero, monade et figura etc. In Frankfurt verweilte ich circa sechs Monate und wohnte im Karmeliterkloster, wohin der Drucker mich gewiesen hatte, der verpflichtet war, mir ein Zimmer zur Verfügung zu stellen."
Als Privatdozent an der Universität von Wittenberg, der Lutherstadt, konnte Bruno für eine kurze Zeit die Ruhe einer relativ glücklichen Zeit genießen. Seine Aufmerksamkeit richtete sich erneut auf die Werke und Denkmodelle des Alchemisten und Philosophen Ramon Llull, des spanischen Denkers aus dem Mittelalter. Er preist in seiner Abschiedsrede Deutschland und seine Denker: Albertus Magnus, Cusanus, Kopernikus und Paracelsus. Er unterrichtet, aber es hilft ihm nichts. Kurze Zeit wird er von den Lutheranern akzeptiert, aber die Calvinisten können mit ihm nichts anfangen. In Helmstedt, wo Bruno auch noch gewesen ist, wird er von den Lutheranern verjagt. Allem Kirchlichen graut vor diesem Freidenker.
Die Bücher, auf welche er sich in obigem Zitat bezieht, die in Frankfurt publiziert wurden, gehören zu seinen besten Werken und sind ein Beweis für seinen unerhört visionären Blick. Für ihn ist das Universum nicht leer, sondern ein lebender Kosmos, gefüllt mit elementarem Leben, das er Äther nennt. Dieser manifestiert sich in unteilbaren Einheiten, in Elementarteilchen. Ein Zitat aus der niederländischen Auswahl von Brunos Werken: "Darin erschaut er das unendliche Universum (...) als zusammengesetzt aus elementaren Teilchen, und er unterscheidet dabei drei zusammenhängende Aspekte: auf metaphysischem Niveau manifestiert sich das Minimum als die Monade, auf physischem Gebiet als das Atom, auf geometrischem Gebiet als der Punkt. Aber im Gegensatz zu den klassischen Atomisten sieht Bruno die Atome nicht in einer Leere herumwirbeln, sondern verbunden durch feinstofflichen Äther".
Um 1588 folgt noch eine Periode, von Bruno in zwei Teilen erledigt, worin er sein oft versengendes Licht am illustren Hof des Magier-Königs Rudolph II. zu Prag scheinen lässt. Dieser Kaiser hatte seinen grandiosen und prachtvollen Palast, den reichsten von Europa, als Spiegelung eines Makrokosmos einrichten lassen; einen Mikrokosmos, worin das Schönste, Gelehrteste, Magischste, das die Erde hervorbringt, zu finden sein musste. Für seine Geometrische Abhandlung, dem Kaiser gewidmet, belohnt Rudolph ihn mit dreihundert Talern, ein Glücksfall in jenen Tagen. Aber auch hier zeigen sich die Umstände nicht günstig genug für unseren Nolaner. Er gerät in Konflikt mit Tycho Brahe, der ihm Altertümlichkeit vorwirft. Aber Bruno war kein Mathematiker, er war ein Visionär. Dem, was er vor sich sah, nähern sich nun, 410 Jahre später, einigermaßen die allerneuesten naturwissenschaftlichen Ansichten, z.B. in der Drei-Einheit des materiellen Universums, von dark matter und dark energy, oder in den Gedanken über das zero-point field (siehe den Beitrag von Frans Smit in diesem Band).
* * *
Auf der Suche nach dem Lebensmysterium dieses heroischen Mordskerls, als der er sich selber gerne sah, entkommt man nicht dem Gedanken, dass die Tragik, die Bruno begegnet, oft in ihm selber begründet ist: es scheint, als ob er in erster Linie mit Bruno selber streitet und gegen sich selber. Nicht dass man ihn als unausgeglichene Persönlichkeit sehen kann: es ist sein innerlicher Streit, um die Einheit, die Ätherverbundenheit alles Seienden, die er in sich und im gesamten Universum sah, zu verteidigen. Alle die Menschen, all die Wissenschaft -, all die Scheinwissenschaft -, all das aufkommende Materialistisch-Mathematische - er musste es niedersäbeln, weil er in sich selbst den Grund freisetzen und freihalten musste, um den ultimativen Gedanken von ungeheurer Schönheit ergreifen und festhalten zu können: dass das Eine sich in jedem Atom, jedem Planeten, jedem Lebewesen, wieder ausdrückt und ausdrücken will.
Er meinte es beweisen zu können, aber die Wissenschaft akzeptierte seine Beweisführung nicht. Sagten die Oxford-Engländer nicht: "Er unternahm es neben sehr vielen anderen Themen, die Meinung von Kopernikus zu festigen, dass sich die Erde dreht und der Himmel stillsteht, während es eher sein eigener Kopf war, der kreiselte und sein Verstand, der nicht stillstand". Bruno meinte, den Grund für den Glauben gefunden zu haben - aber die Kirche akzeptierte seine innerlichste Überzeugung, seinen Herzensgrund nicht. Seine Inquisitoren schrieben am 20. Januar 1600 in ihr Urteil: "...Wir verurteilen, verfluchen und verbieten alle Eure Ansprachen, Bücher und Schriften als ketzerisch und verräterisch, beinhaltend viele Ketzereien und Irrtümer, und verordnen, dass all diese Schriften, die in Unseren Besitz gekommen sind oder zukünftig in Unseren Besitz kommen werden, öffentlich vor den Treppen auf dem St. Petersplatz vernichtet und verbrannt werden sollen..."
Im gleichen Zusammenhang stand dort in raffinierter Weise geschrieben:
"Wir verurteilen und erklären in diesen Dokumenten, dass
vorgenannter Bruder Giordano Bruno ein verstockter Ketzer ohne Reue ist,
der deshalb alle kirchliche Zensur und Strafe des heiligen Kanons
verdient... Wir verordnen und befehlen, dass Ihr dem weltlichen Hof
überliefert werden sollt, damit Ihr mit dem dafür geltenden
Strafmaß gestraft werdet, wiewohl Wir ernstlich und aufrichtig
bitten, dass er (der weltliche Hof, die römische Obrigkeit) die
Strenge des Gesetzes im Hinblick auf die Leiden Eurer Person
mäßigen soll, damit Ihr nicht in Todesgefahr geraten oder
Beschädigung Eurer Gliedmaßen erleiden werdet."
Diese Formel bedeutete stets Folter und meist den Scheiterhaufen. Beide, Wissenschaft und Kirche, fanden Brunos Schlussfolgerungen zu weitgehend, zu gefährlich und potentiell ihren Bestehensgrund hinwegfegend.
Brunos Lebenstragik war, dass er nicht von außerhalb gegen einen religiösen Körper vorgehen wollte, in welchem bis dahin alles Denken streng geregelt war. Er wollte diesen großen Körper reinigen, und er wollte das von innen her tun. Er wollte ihn zurückführen zu dem einzigen, vollkommen logischen und doch metaphysischen Grund, auf welchem solch ein Körper bestehen kann. Auch die Kirche - wollte sie Kirche sein - würde eine Monade sein müssen, das göttliche Universum widerspiegelnd. Er dachte, wenn sie ihm nur zuhören würden, dass er die Einheit beweisen könnte, worüber auch Paulus spricht im: Omnia ab Uno, et Omnia ad Uno.
Das muss der Grund gewesen sein, dass er im August 1591 auf Einladung von Mocenigo nach Venedig zurückkehrt. Er arbeitet an seinem Buch Über die sieben freien Künste. Er will dieses Werk dem neuen Papst, Clemens III., widmen in der Hoffnung auf Vergebung, ja sogar auf eine Position in Rom - eine Position, die letztendlich der moderne Galileo Galilei erhielt. Aber im Mai 1592 verriet ihn sein "Freund" Mocenigo, aus Unzufriedenheit vielleicht, und wegen Sakrilegien - die alte Geschichte. Er zeigt Bruno beim Kirchengericht an. Die Inquisition von Venedig beginnt einen Prozess, der sehr bald von Rom übernommen wird. Acht Jahre lang kämpft Bruno, schreibt Bruno, erklärt und versucht er, seine kirchlichen Befrager und den Papst von dieser Vision zu überzeugen. Am Wintersolstitium 1599, dem 21. Dezember, sieht er endlich ein, was er als Zwölfjähriger bereits hätte wissen können: so etwas ist unmöglich, weil dafür kein einziges Wollen besteht, weil es nicht von Vorteil für die Kirche ist, und weil die Kirche nicht das ist, was sie hätte sein müssen.
Du siehst die verhängnisvollen Wellen der Verräter, deinen Vordersteven, der sich gleichmäßig zu viel hebt und senkt; und deine durch wachsende Sorgen übermannte Seele kann sich nicht behaupten gegen die Brecher und anschwellenden Wasserströme. Du überlässt die Riemen deinem bösen Feind, wartest schier unbesorgt auf den Tod und schließt dabei deine Augen, um diesen nicht zu sehen.
Am diesem bewussten Tag wirft er endlich das Handtuch in den Ring und erklärt gegenüber seinen Peinigern: "Ich will und kann nichts widerrufen. Es gibt nichts, das ich widerrufen kann. Ich habe keinen zu widerrufenden Lehrstoff, und ich weiß nicht, was ich widerrufen soll."
Und ein anderes Gedicht aus seiner Hand erscheint vor unserem geistigen
Auge:
"Voll Vertrauen breite ich meine Flügel aus nach dem Raum.
Ich fürchte keine Grenze aus Kristall oder Glas,
Ich durchschneide den Himmel und schwebe nach dem Unendlichen.
Und während ich von meiner eigenen Welt zu einer anderen reise
Und stets weiter eindringe in den ewigen Raum,
Lasse ich das, was andere von weitem sahen,
Weit hinter mir."
Vortrag: P.F.W. Huijs
1. Zitiert aus Giordano Bruno: Über die Ursache, das Grundprinzip
und das Eine.
In: Italiaanse Dialogen, herausgegeben von Yond Boeke und Patty Krone,
Ambo, Amsterdam 2000 S. 102-103)
2. Item, Die heroischen Verzückungen, S. 283
3. Zitiert aus Description de Paris par Diarium von Arnold van Buchel, traduite et annotée par A. Vidier, Paris 1900. Es handelt sich um einen Teil des Tagebuches von Van Buchel, das dieser während seiner Reise nach Douai und Paris führte. Mit Dank an G. Snoek.
Übersetzung: Ursula Klee
Bruno als Vorläufer seiner Zeit
Am 17. Februar des Jahres 1600 wird in Rom auf dem Campo di Fiori ein Scheiterhaufen errichtet. Das vorgesehene Opfer der öffentlichen Lebendverbrennung wird wie üblich ausgekleidet an einem Pfahl auf dem Scheiterhaufen festgebunden. Das Feuer wird angezündet. Ein Augenzeuge erzählt: "Als dem Sterbenden das Bild des heiligen Kreuzes vorgehalten wurde, wandte er mit Verachtung auf seinem Gesicht den Kopf weg..."
Der Mann, der hier dieser barbarischen Strafe unterworfen wird, hat den Namen, der "Fürst der Ketzer" zu sein. Er heißt: Giordano Bruno. Sieben Jahre lang war er wegen "verfluchter Ketzerei" auf der Engelsburg in Rom gefangen gehalten, vernommen und gefoltert worden. Ein grässlicheres und tragischeres Ende des Lebens dieses Zweiundfünfzigjährigen kann man sich nicht vorstellen.
Giordano Bruno führte ein tragisches und heroisches Leben. Er sterbe, so sagte er, für die Wahrheit, und bereue seine ketzerischen Ideen nicht. Im Gegenteil: den bei seiner Verurteilung durch die Inquisition anwesenden Kardinälen rief er zu: "Mit größerer Angst verkündet ihr vielleicht mein Urteil, als ich es in Empfang nehme!" Diese Worte sind typisch für ihn: ein heldenhafter Verteidiger der Wahrheit, der kein Blatt vor den Mund nahm. Seine Tragik war, dass er - wie es im Deutschen heißt - in seiner Kritik rücksichtslos war, die übrigens niemals persönlich war, und dass er sich wehrte gegen die herrschende wissenschaftliche und religiöse Praxis seiner Zeit. Umherschweifend in Europa blieb er in den akademischen Kreisen ein Außenseiter, nirgends wurde er als Philosoph und Schreiber - wie er sich selber nannte - anerkannt oder akzeptiert. Er richtete sich nicht allein an die Gelehrten, sondern auch an die Fürsten von Europa: der französische König, die Königin von England und der Kaiser des Habsburger Reiches, mit denen er Kontakt unterhielt, haben ihn nicht schützen wollen.
Jeder hat wohl von dem großen Konflikt zwischen der aufkommenden Naturwissenschaft der Renaissance und der römischen Kirche gehört. Und jeder wird auch von Galilei gehört haben, dem Exponenten des neuen wissenschaftlichen Denkens, der mit der etablierten Kirche kollidierte und gezwungen wurde, seine Auffassungen zu widerrufen. Bruno wird nur in einigen Fällen in einem Atem mit Galilei genannt. Dabei wird wirklich übersehen, dass Brunos Auffassungen denen seiner Gelehrtenkollegen diametral gegenüber stehen.
Seit Aristoteles lebte man in der Vorstellung, dass die Sonne und alle anderen Himmelskörper sich um die Erde drehen. Die Planeten und die Sonne, aber auch die sogenannten Fixsterne saßen fest in durchsichtigen Schalen, wie die Schalen einer Zwiebel. An jener Seite der äußersten Sphäre oder Schale dachte man sich Gottes Thron und den Verbleib der Auserkorenen. Der polnische Astronom Kopernikus brach mit diesem Weltbild: er entwarf ein Modell des Universums, wobei nicht die Erde, sondern die Sonne den Mittelpunkt der Planetenbahnen bildet. Die Entdeckungen von Galileo Galilei versetzten der geozentrischen Illusion den Todesstoß. Die Schockwelle, die seine Ideen zuwege brachten, können wir uns heute kaum mehr vorstellen. Für uns ist es logisch, dass die Erde sich um die Sonne dreht und nicht umgekehrt.
Und doch, genauer besehen, denkt die offizielle naturwissenschaftliche Welt bis auf den heutigen Tag noch immer "geo-zentrisch". Dies kommt durch das Folgende: während der Renaissance wurde angenommen, dass der Mensch das Maß aller Dinge ist. Dies wurde der Ausgangspunkt aller wissenschaftlichen Entwicklung. Dank Galilei und Newton und philosophisch untermauert von Descartes, wurde die abstrakte Struktur der Mathematik erhoben zum Wesen der Natur, zum "objektiven Geist". Obwohl die mathematische Sprache am dichtesten an der Sprache Gottes steht, kommt sie doch nicht über das Menschliche hinaus. Man kann sich vermittels der Mathematik von der Erde zu den höchsten Abstraktionen erheben, die Methode bleibt irdisch. Außerdem wird jegliches Bestreben außerhalb dieser Methodik als "subjektiv" (lies: unzuverlässig) abgetan. Die geometrische Methode führte zu und versandete letztendlich in Dogmatik - dem Los jeglicher irdischen Methode. Dazu kommt noch, dass das Qualitative allmählich und zum Schluss vollständig durch das Quantitative ersetzt wurde. Die bestürzende Schlussfolgerung muss lauten, dass die Naturwissenschaft seit Galilei die höchste Qualität, die wir kennen, das Leben selbst - aus ihrem Bereich ausgebannt hat.
Natürlich, es gibt viele, wenn nicht zahllose Theorien und Hypothesen über das Leben, aber sie sind und bleiben stets menschliche Produkte, die sich auf ein faktisch geozentrisches Weltbild stützen. Noch immer nehmen wir mit Descartes an, dass die Natur geronnene Geometrie ist. In dem kausal-mechanischen Weltbild, dem man auf den Universitäten anhängt und das in den Schulen noch immer unterwiesen wird, ist das Leben oder die Natur zu einer mathematisch zu messenden und zu beschreibenden Bewegung stofflicher Teilchen reduziert. Mit den Gesetzen der Mechanik werden die Fundamente der Natur erklärt.
Für Bruno jedoch war die Natur kein Mechanismus, sondern ein lebender Organismus. Bruno dachte - im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen - weder geo- noch heliozentrisch. Wir könnten sagen: er dachte mittelpunktfliehend, oder einfach ausgedrückt: grenzenlos. Ihm zufolge kann das Leben mit Hilfe der Mathematik niemals völlig erklärt und beschrieben werden. Der Begriff der mathematischen Gesetzmäßigkeit ist unvereinbar mit Brunos Idee der lebenden Einheit und Totalität der Natur. "Darum," so schreibt er, "ist es unnötig, sich auf mathematische Fantasien einzulassen."
Was Bruno vor Augen hatte und dem er sein ganzes Leben nachstrebte, war demnach eine qualitative Naturwissenschaft. Die moderne Naturwissenschaft hat die Mythe ins Leben gerufen, dass im geozentrischen Weltbild von Ptolemäus und Aristoteles keine exakte Voraussage über die Bewegungen der Sonne und der Planeten gemacht werden konnte. Nichts ist weniger wahr. Beide Systeme, das geozentrische und das heliozentrische, sind in diesem Punkt verlässlich. Es beruht auf Illusion, ja, ist eine Form des Selbstbetrugs, alle Beweiskraft auf die mathematische Methode zu legen und diese anderen Systemen abzusprechen. "Ohne die herrliche Kenntnis von Kopernikus," schreibt Bruno, "wäre die Kunst des Rechnens, Messens, Zeichnens und Entwerfens nichts anderes als ein Zeitvertreib für erfinderische Narren."
In der Tat, Bruno führte eine scharfe Feder! Damit stieß er viele ab und hat selbst mit zu seiner Tragik beigetragen. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass er Recht bekommen hat. An den Früchten erkennt man den Baum, oder, wie es Lewis Mumford in der Mythe von der Maschine 1977 sagte: "Durch seine ausschließliche Konzentration auf Quantität hat Galilei in letzter Instanz als Resultat die wirkliche Welt der Erfahrung disqualifiziert, und er hat auf diese Weise den Menschen aus der lebendigen Natur in eine kosmische Wüste vertrieben."
Ohne Übertreibung könnte man sagen, dass Bruno seiner Zeit 400 Jahre voraus war. Und dann denke ich nicht unmittelbar an das, was gegenwärtig holistische Wissenschaft genannt wird und vornehmlich dadurch die Aufmerksamkeit auf sich zieht, dass sie auf den Wogen von immer wieder neuen Modeerscheinungen mittreibt. Nein, es geht um aufstrebende Wissenschaftler renommierter Institute wie Princeton und Stanford, die vermittels der zero-point-field-Theorie zu der vorläufigen Schlussfolgerung gekommen sind, dass es so etwas wie einen leeren Raum nicht gibt. Dem Universum liegt eine Substruktur elektromagnetischer Felder zu Grunde. Dieses Feld ist imstande, alles - somit auch auf dem Bewusstseinsplan - festzulegen und mit einander kommunizieren zu lassen - faktisch ein großes Resonanzfeld. Der Schreiber eines Artikels hierüber, der unlängst in der Zeitschrift "Ode" erschien, fasst die Erkenntnisse wie folgt zusammen: "Die Idee der Individualität macht Platz für eine der unendlichen Verbundenheit." Damit wird bestätigt, was die uralten theosophischen Systeme aus Indien bereits seit vielen Jahrhunderten wussten: die menschliche Individualität ist im tiefsten Wesen vollkommen eins mit dem Ganzen, mit dem All-Sein, und jegliche Abgeschiedenheit beruht auf Wahn.
Das Wunderbare und vollkommen Neue dabei ist, dass diese kürzlichen Entdeckungen auf unerwarteten Umwegen geschehen sind. Was von Spinoza rein philosophisch beschrieben und von Schelling und Goethe auf naturphilosophischem Plan untersucht wurde, wird nun auf dem Wege des sinnlich wahrnehmbaren Versuchs und Experiments gefunden. Werden wir es noch miterleben, dass wissenschaftlich bewiesen wird, dass das Bewusstsein den ganzen sichtbaren und unsichtbaren Kosmos erfüllt und nicht - wie jetzt noch angenommen wird - ein Produkt der Gehirnaktivität ist?
Es erfüllt uns mit Ehrfurcht, zu wissen, dass Bruno diese Dinge vor uns gedacht hat. Bis auf den heutigen Tag wird Bruno in wissenschaftlichen Kreisen vollkommen negiert - der Philosoph Russell widmet ihm in seinem Standardwerk über die Europäische Philosophie keinen Buchstaben. Andere tun ihn geringschätzig ab als fantasiereichen oder dichterischen Verkünder eines spekulativen Weltbildes. Aber es muss bei ihnen doch mindestens Erstaunen erwecken, dass dieser gleiche Bruno feststellte, dass die sogenannten Fixsterne Sonnen sind und nicht, wie Kopernikus annahm, die äußerste Begrenzung des Alls. Beachten Sie: dies stellte er ohne Teleskop fest - dieses musste erst noch erfunden werden! Auch entdeckte er als Erster, dass die Erde an den Polen abgeplattet ist. Und er wies darauf hin, dass es hinter Saturn noch andere Planeten geben müsse - zweihundert Jahre vor der Entdeckung von Uranus 1781! Neptun und Pluto wurden erst 1846 und 1930 entdeckt.
Der berühmte Galilei nennt Bruno in seinen Werken nirgends, obwohl sie Zeitgenossen waren. Schlimmer noch: Galilei hat Texte von Bruno dazu benutzt, um seinen eigenen Thesen Gewicht zu geben, ohne sich ordentlich auf ihn zu beziehen. Auch für diese in wissenschaftlichen Kreisen bekannte Erscheinung - der Eine streicht durch die Ehre des Anderen Gewinn ein - gilt: es gibt nichts Neues unter der Sonne. Die Würdigung von Bruno als viel modernerer und radikalerer Wissenschaftler als Galilei lässt noch immer auf sich warten. Dieses Symposion möge dazu einen Beitrag liefern.
Die Universalität seines Geistes kann in einer Einleitung kaum zusammengefasst werden. Es sei hier allein noch darauf hingewiesen, dass Bruno die Begrenzungen der naturwissenschaftlichen Disziplin in hohem Maße überstieg. Er war auch und vor allem ein Forscher der Welt von Geist und Seele. So betonte er die Einheit der Einzelseele mit der Weltseele und beschrieb eine Form der Psychologie, die sich in nichts von der viel älteren Reinkarnationslehre aus dem antiken Griechenland oder Indien unterschied. Sein Menschenbild steigt noch darüber hinaus. Das Wesen des Menschen, so Bruno, macht die Monade aus, der unteilbare Seelenkern. Diese Monade ist ein lebendiger Teil des kosmischen Werdens, eine mitschöpfende Kraft. Wenn dieser Seelenkern sich wieder in harmonischer Übereinstimmung mit dem Urgrund des Universums, dem Absoluten, befindet - Resonanz -, verlässt die Seele den Kreislauf der Wiedergeburt und erreicht ihre Bestimmung: ein schöpferisches Werkzeug der Gottheit zu sein.
Der berichterstattende Augenzeuge von Brunos Ende auf dem römischen Scheiterhaufen schrieb: "Er, Bruno, sagte, dass er als Märtyrer sterbe, und dass seine Seele aus den Flammen zum Paradies aufsteigen werde. Aber nun wird er ja erfahren, ob er die Wahrheit gesagt hat." Zweiundzwanzig Jahre vorher, als Bruno gerade definitiv mit der römischen Kirche und dem Orden der Dominikaner gebrochen hatte, hatte er eine Erfahrung von direkter Erleuchtung, die ihn als Intuition wie ein Blitz traf. Die Türen zur Wirklichkeit wurden für ihn einen zeitlosen Augenblick lang geöffnet, zu einer Wirklichkeit, die nicht zu beschreiben, ein Einheitserleben, das kaum in Worte zu fassen ist. Nur annähernd konnte Bruno dieses darüber sagen: "Denn wenn derjenige, der das Eine nicht begreift, nichts begreift, so begreift derjenige alles, der in Wahrheit das Eine begreift; und wer immer mehr zur Kenntnis des Einen durchdringt, nähert sich auch der Kenntnis von allem."
Vortrag: F. Smit
De verbeelding van het denken. Red.: Jan Bor & Errit Petersma. Amsterdam-Antwerpen, 1995
Lynne McTaggart: The field, the quest for the secret force of the universe. Harper Collins.
Jochen Kirchhoff, Giordano Bruno. Rowohlt, Reinbek 1980
Übersetzt und erstellt von Ursula Klee
Die Verbotene Magie der Monade
Wir befinden uns hier in der Tradition des Symposions, das heißt, ausgehend von Platos Dialog über die Liebe, Spinozas Amor Dei und Ficinos De Amore stehen wir heute vor dem feurigen Bruno, der Ficino nicht nur öfters zu Rate gezogen hat, sondern der wie Ficino die Liebe als eine kosmische Kraft und in gewissem Sinne als überlegen im Hinblick auf intellektuelle Kenntnis ansieht. Bruno macht Gebrauch von der Dynamik der Liebe, indem er diese auf das Unendliche richtet.1
Das bedeutet kein Symposion innerhalb der formellen Rahmen, die sich besonders im letzten Jahrhundert als wissenschaftliche Kongresse entwickelt haben. Wir beabsichtigen deshalb etwas anderes als eine nähere wissenschaftlich-philosophische Erforschung von Brunos Werk, eine Untersuchung, die, wie in der niederländischen Dissertation über Bruno von Leen Spruit zu Recht erwähnt wird, eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt.2 Für wissenschaftliche Neuheiten gibt sich dieses Symposion vielleicht weniger her, und doch hoffen wir, einige Verbindungen aufzeigen zu können zwischen Monadologie, Pythagoras, der Mathematik des 20. Jahrhunderts von Kurt Gödel und den Ansichten von u.a. Gary Zukav, - das alles in der Hoffnung, dass sich dieses neue Jahrhundert der bis heute zu Unrecht als beladen angesehenen Magie der Monade entringen wird.
Bruno hat über die Monade ein schönes Büchlein geschrieben, das leider nicht in das Niederländische übersetzt worden ist: De Monade, Numero et Figura, publiziert 1591 in Frankfurt. Es handelt von der Monade, der Zahl und geometrischen Figuren in ihrem wechselseitigen Zusammenhang und geht aus von 10 Prinzipien oder Zahlen, genau wie Pythagoras. Über die unteilbare Monade sagt Bruno darin: "Das Eine ist das Zentrum im Mikrokosmos, das Herz. Davon gehen die Lebensgeister aus und verbreiten sich durch das ganze Wesen. Daran ist der universelle Lebensbaum befestigt und verwurzelt, und durch seine beschirmenden und instandhaltenden Kräfte kehren die Geister zurück. Dies ist das eine Zentrum in jeder willkürlichen Figur und in jeglicher Eigenschaft. Wir können die Monade in jedem zusammengesetzten Ganzen wiedererkennen und wiederfinden. Die gesamte Kraft in der Einheit ist dennoch ewig und unendlich; durch ihre Einfachheit stabil und ewig dauernd. Sie wird durch Einswerdung vermehrt und durch Zerstreuung vermindert. So stehen alle zusammengesetzten und koordinierten Dinge mit dem Kreis in Zusammenhang, dem unteilbaren Zentrum und seinen Vermögen, der unteilbaren Monade."3
Danach beschreibt Bruno bei der Zahl Fünf die Seelenmagie der Monade, das magische Handeln. Aus dem eingekreisten Pentagramm zieht diese Magie eine neue Spur, indem sie das Denken mit einer feurigen Kraft beseelt.
Es wäre zu einfach, auf die letzten sieben unglücklichen Jahre von Bruno hinzuweisen, um zu suggerieren, dass seine Magie verboten war. Das sind die Jahre, in denen er bedrängt ist durch physische Gefangenschaft. Worum es geht, ist u.a. das metaphysische Verbot aus humanistischen, wissenschaftlichen und theologischen Erwägungen heraus. Auch Francis Yates hat in ihrem Buch Bruno and the Hermetic tradition bereits angegeben, dass es damals sehr große Bedenken gab, so dass von einem Verbot der Magie von Brunos Metaphysik gesprochen werden kann.4 Das praktische Verbot fand da wieder regulär und abhängig von dem Maß der Unterdrückung seinen Ausfluss.
Übrigens ist in diesem Vortrag mit Magie nicht der sehr populäre Zweig der Mnemotechnik (Gedächtnisforschung) gemeint, die Bruno kannte und praktizierte und der momentan in Verbindung mit Vorstellungen von Computer-Vorstadien im Mittelpunkt des Interesses steht. Ein Buch darüber, ebenfalls von Yates verfasst, ist mittlerweile, wie Sie vielleicht wissen, ins Niederländische übersetzt worden.5
Die Magie der Monade, die in der werdenden Merkurkraft in der Seele zum Ausdruck kommt, entlehnte Bruno sehr wahrscheinlich u.a. von Hermes Trismegistos. Hermes wird manchmal selber auch Mercurius genannt. Merkur wird mit der Zahl Fünf in Verbindung gebracht, mit der Figur des Pentagramms. Francis Yates erwähnt es in ihrem Buch über die hermetische Gnosis als die gnostische Magie der unsterblichen Seele.6 Frau Yates stellt fest, dass Bruno vor allem auf die hermetische Tradition baute, und dieser Gedanke wurde kürzlich erneut untermauert in dem Werk von Frau Susanna Akerman mit ihrer Studie Rose Cross over the Baltic, erschienen 1998.7 Sie erwähnt darin den Schreiber Abraham von Franckenbergh, der 1644 bereits aufzeigte, dass das Bild des Universums, das Bruno zeichnet und worauf Herr Kaniok in diesem Büchlein noch tiefer eingeht, original hermetisch-pythagoräisch ist und sogar in Hermes Trismegistos' Gebrauch der Monade8 zum Ausdruck kommt.
Um Brunos Gottesbild besser verstehen zu können, ist das achte Buch von Hermes und besonders der Lobgesang ein guter Ausgangspunkt.9
Wer soll Dich zu hoch oder nach Deiner Würde loben können?
Wohin soll mein Auge sich richten für Dein Lob?
Nach oben, nach unten, nach innen oder nach außen?
Es gibt keinen Weg, keine Stelle, kein einziges Geschöpf,
die außerhalb Deiner gelegen sind; alles ist in Dir, alles ist aus
Dir.
Du gibst alles, und Du nimmst nichts, denn Du besitzest alles,
und es gibt nichts, was Dir nicht gehört.
Wann soll ich Dein Lob singen?
Denn es ist unmöglich, Deine Stunde und Deine Zeit zu erfassen.
Und warum soll ich Dein Lob singen?
Um dessentwegen, was Du geschaffen oder nicht geschaffen hast?
Um dessentwegen, was Du offenbart hast, oder um das,
was Du verborgen gehalten hast?
Und womit soll ich Dein Lob singen?
Als ob irgend etwas mir gehörte, ich etwas Eigenes besäße
Oder etwas anderes wäre als Du!
Denn Du bist alles, was ich nur sein kann;
Du bist alles, was ich nur tun kann;
Du bist alles, was ich nur sagen kann;
Denn Du bist alles, es gibt nichts als Dich.
Selbst das, was nicht besteht, bist Du.
Du bist alles, was geworden ist und alles, was nicht geworden ist:
Geist, wenn Du von der Geistseele angeschaut wirst,
Vater, wenn Du dem Weltall Gestalt gibst,
Gott, wenn Du Dich als aktive, universelle Kraft offenbarst,
der Gute, weil Du alle Dinge erschaffst.
Das Feinste der Materie ist Luft.
Das Feinste der Luft ist die Seele.
Das Feinste der Seele ist der Geist.
Das Feinste des Geistes ist Gott.
In diesem Lobgesang finden wir nicht nur eine doppelte Unendlichkeit (innen und außen und oben und unten), sondern überdies eine Idee von Gott als feinster Substanz, einer Substanz, die alles durchdringt.
Die Gnostikerin Frau Catharose de Petri sagt über dieses Gottesbild von Hermes in Das Lebende Wort10: "Wenn wir uns auf die Basis dieser Wirklichkeit stellen, wird deutlich, dass sie, die zu den gnostischen Mysterien durchdringen, sich auf eine vollkommen andere Weise auf die Gottheit besinnen, in Anbetung, Lobpreis und Dankbarkeit."
Wiewohl Brunos Philosophie mittlerweile deutlich ernst genommen wird, scheinen seine Ideen, seine Inspirationen, sein Erkenntnisweg und seine Monadologie wissenschaftlich doch noch immer einigermaßen diskriminiert zu werden, z.B. bei Bertrand Russell in seiner Geschichte der westlichen Philosophie. Selbst Professor Oskar Kristeller, der große Wiederentdecker der Renaissance-Philosophen nach dem 2. Weltkrieg, zieht Brunos Erkenntnismethode einigermaßen in Zweifel. Kristeller gibt Bruno einerseits die Ehre, dass seine Kosmologie die Konzeption der modernen Physik und Astronomie vorwegnimmt, und wohl auch noch, dass er damit den Unterschied zwischen Himmlischem und Irdischem in einer hierarchischen und religiösen Idee als Erster durchbricht. Kristeller weist darauf hin, dass Bruno sich dieser Neuheit bewusst ist. Aber Kristeller hält Bruno andererseits nicht für den Entdecker der modernen Wissenschaft und Philosophie.11 Warum nicht? Er meint, dass Bruno das nicht wissen kann oder nicht gewusst haben kann, so wie wir im 20. Jahrhundert Erkenntnis betrachten; denn er hatte keine Geräte, um über wissenschaftliche Methoden zu erkennen, was er behauptete, zu erkennen.
Wir kommen hier zu dem Punkt der Intuition der Seele, der Geistseele, wohlverstanden. Sowohl Bruno als auch Spinoza gründeten den Effekt des Gebrauchsfähigwerdens des höheren Teils der Seele auf Gott, auf die Ursubstanz (bei Bruno: die Monade). Spinoza sprach über die intuitio dei. Diese dritte Art der Erkenntnis von Spinoza liegt so dicht am Geist, dass die Frage entsteht, ob es göttliche Inspiration oder Geistseelen-Intuition ist. Beide sind in jedem Fall im 20. Jahrhundert wissenschaftlich nicht existent, und die Wirksamkeit der Monade wird dann auch als Tabu oder unwissenschaftlich angesehen.
Was wir lernen können, ist, dass nicht nur Vieles von Brunos Werk noch geprüft werden muss, sondern auch, dass der Widerstand und die Vorurteile einer begrenzten Haltung der Wissenschaft noch immer mitspielen. Auch jetzt ist für Viele die Magie der Monade noch immer tabu, nicht wissenschaftlich und manchmal sogar verboten. Bruno selbst hat für seine Ansichten im höchsten Maße Kopf und Kragen riskiert. Er zeigte sich letztendlich bereit zu einer letzten Anstrengung, die Sicht der Kirche auf der Basis seiner hermetischen Ansichten und naturwissenschaftlichen Standpunkte zu reformieren. Er konnte das auch tun auf Grund der Vorarbeit durch Ficino, der Hermes Trismegistos bereits übersetzt hatte und selbst auch in das kirchliche Milieu einführte, und vor allem auf der Basis der Vorarbeit von Cusanus, dem Kardinal, der noch früher den Unendlichkeitsgedanken des Universums vorbrachte, nota bene während er manchmal als Stellvertreter des Papstes auftrat.
Dessen ungeachtet war die Kirche alles andere als geneigt, ihre Ansichten durch Brunos Ideen reformieren zu lassen. Wir gefährlich sind Brunos Ideen denn, dass sie verboten werden? Wenn wir uns auf materielle Sicherheiten und die Persönlichkeit stützen, sehr gefährlich; denn die Liebe zur Unendlichkeit und Ewigkeit kann uns auch wahnsinnig machen, wenn wir am Niederen festhalten wollen. Diese Sicherheiten sind letztendlich Scheinsicherheiten, und wir enttäuschen uns in Wahrheit selbst damit. Es handelt sich um eine selbstgewählte Begrenzung in Raum und Zeit, die wohl sicherer scheint und mehr Halt bieten kann, aber sie hindert uns mittlerweile daran, über uns selbst hinauszusteigen, oder anders gesagt, uns selbst zu überwinden. Bruno sprach in diesem Zusammenhang über Transformation in Verbindung mit Monade und Form.12
Die Selbstbegrenzung ist übrigens nicht nur selbstgewählt: die jüdisch-christliche Kultur hat das "Ihr seid Götter" zu allen Zeiten als fast ketzerisch verworfen und ist dem entgegen getreten. Selbst der Hinweis auf die Möglichkeit eines verborgenen Umgangs mit Gott, wie Spinoza das als Amor Dei erwähnte, war bereits verdächtig in einem 17. Jahrhundert, das noch stärker durch Religionskriege heimgesucht wurde als Brunos 16. Jahrhundert. Nach Dr. de Graaf in seinem Buch Spinoza und die Krisis der westlichen Kultur wies Spinoza auf die verborgene jüdische Lehre der Kabbala13 hin und setzte die Verborgenheit mit den Sephiroth, die, wie auch bei Pythagoras üblich, aus zehn Einheiten bestehen, gleich.
Bruno gibt der Kabbala eine Funktion als mystische Erkennbarkeit der Genesis-Geschichte, und er teilt u.a. die Idee der ewigen Unendlichkeit Gottes (dem jüdischen En-Soph, das unfassbar ist) mit Spinoza und den Kabbalisten. Bruno bezieht sich auf die Dekade, als Qualität der Zahl 10 auch explizit auf die zehn Sephiroth.14
Warum hat - ungeachtet dieser verborgenen jüdischen Weisheit - die jüdisch-christliche Kultur (außer den Gnostikern) nahezu immer das "Ihr seid Götter" als ketzerisch verworfen? Der Autor Kimberley Cornish gibt in seinem Buch Ein jüdischer Junge15 an, dass dies daher kommt, weil für das Christentum wie auch für Judentum und Islam der Abstand zwischen Geschöpf und Schöpfer absolut ist. Er zeigt auf, dass im brahmanischen und buddhistischen Erleben dieser Abstand auf diese Art nicht besteht.
Die östliche Idee der Monade zeigt ein innereigenes göttliches Potential. Das ist über Pythagoras, der anscheinend aus der Gegend des Himalaya inspiriert worden ist, in Brunos Denken hineingekommen. Es ist dann auch nicht verwunderlich, dass Bruno Luthers Auffassung eines unüberbrückbaren Abstandes zwischen Gott, Mensch und Natur verwirft.16 Nach Bruno sehen wir u.a. bei Schopenhauer das deutliche Signal der göttlichen Potenz in uns selbst postuliert. Schopenhauer nennt diese Potenz das "bessere Ich", welches an Raum gewinnt, wenn wir unserem Willen entsagen. Schopenhauer war dabei sehr inspiriert durch die mystische Magie von Tauler und Eckehart17 und zugleich - wie bekannt - durch Buddha.
Die mystische Magie kann als ein wichtiger Teil der Magie der Monade angesehen werden, kaum toleriert im Mittelalter, aber Gottseidank nicht verboten. Danach ist diese Magie als exaltiert herabgesetzt und noch im 20. Jahrhundert durch den großen Historiker Huizinga in seiner Herbstzeit des Mittelalters lächerlich gemacht worden.18
Die hinter uns liegende Kulturperiode hat deshalb den bekannten Aufruf: "Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz seine Kraft verliert, womit soll man salzen.... Ihr seid das Licht der Welt..."19 nicht als das einsatzfähig Werden und Sein unserer göttlichen Herkunft auffassen können und dürfen, sondern im Gegenteil diese Magie der Monade - wie sich diese zu manifestieren begann in Bruno, Paracelsus, Böhme, Spinoza und in vielen anderen autonomen Geistern - verdächtig gemacht, in den Bann getan, verfolgt und dagegen gewirkt. Später, sagen wir, nach sicherem Zeitabstand nach ihrem stofflichen Tod - und der sichere Abstand war bei Spinoza groß und bei Bruno sehr groß! - wurde oft von Wissenschaftlern wieder auf sie verwiesen. Vor allem Böhme war ein großer Inspirator für Natur- und andere Wissenschaftler. Ungeachtet dieses Gegenwirkens hat man durch die Jahrhunderte hin ständig den gleichen Tenor gehört: Die Wahrheit oder die Gottheit ist eins und unteilbar, ungeboren, unveränderlich und unvergänglich: (Brahman.)20
Warum sollte die Entwicklung der göttlichen Potenz in uns, nach Brunos Ewigkeitsbegriff, eigentlich ein magischer und revolutionärer Prozess sein; warum muss eigentlich gesprochen werden von der Magie der Monade und nicht viel eher von der Evolution der Monade? Gibt doch auch der Lobgesang von Hermes dieselbe göttliche Substanz in verschiedenen Feinheitsgraden wieder: "Das Feinste der Seele ist der Geist, und das Feinste des Geistes ist Gott." Im Einen, in der Einheit, die bei Gott und in Gott ist, dem mystisch-magischen Bewusstsein, lässt sich gut verweilen. Im Frieden ruhend, der allen Verstand übersteigt, würden wir uns in ein dolce far niente, in ein seliges nirwanisches Nichtstun und in ein ultimatives Wu-Wei einkuscheln mit der Sicherheit eines Fortganges von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.
Hat die Welt nicht Recht, wenn sie Himmelsstürmer und verdächtige okkulte Experimente abweist und zum Tabu erklärt? Der oben genannte Kimberley Cornish versucht in seinem Buch aufzuzeigen, dass sowohl der Faschismus von Hitler als auch die Heilsstaaten des Kommunismus die gesellschaftlichen Folgen von dergleichen Experimenten sind, also der magischen Handhabung eines dämonischen Selbstes.21 Für den Faschismus war diesem Autor zufolge der Judenhass das magische Agens, aus welchem sich die Dynamik bildete.22
Die Schlussfolgerung dieser falschen Magie kann sein, dass die Magie des Menschen das Wort beweist "Je größer der Geist, desto größer das Biest". Gibt es denn eigentlich so etwas wie bonafide Magie? Können wir uns dem Stadium des Zauberlehrlings entreißen, bei dem alles schief geht und der einen Trümmerhaufen fabriziert?23 Und wenn wir dem entsteigen, werden wir dann ein neuer Lehrling werden zur vollkommenen Offenbarung der Monade? Läuft sich eine Entwicklung ohne die feurige Kraftwirkung und Transformation, die Bruno beabsichtigt, wirklich tot? Besteht nicht normalerweise eine allmähliche menschliche Entwicklung, für welche ein mächtiger Veränderungsprozess nicht wirklich nötig ist? Wie sagt Bruno es selbst? Im Dritten Italienischen Dialog, der Vertreibung der triumphierenden Bestie, bemerken wir erstmals, dass Bruno die Welt auch nicht als "die beste aller Welten" ansah, wie es sein Nachfolger in der Monadologie, Leibnitz, formulierte. Im Gegenteil, er plädierte für eine "renovatio mundi", Wiederherstellung der Naturordnung, wodurch Gerechtigkeit und Wahrheit zurückkehren könnten.24 Wir nehmen dann auch an, dass, was Bruno Sofia sagen lässt, auch seine eigene Stimme ist.
Über Magie sagt Bruno Folgendes: "Darum haben wir ... die Weisheit und das Urteil nötig, die Kunst, den Fleiß und den Gebrauch des sinnlich nicht wahrnehmbaren Lichtes, welche durch die ebenfalls nicht wahrnehmbare Sonne ... der Welt enthüllt werden. Diese Praxis wird Magie genannt: und insoweit sie übernatürliche Prinzipien zum Gegenstand hat, ist sie göttlich, und angesichts dessen, dass sie die Kontemplation der Natur und das Durchgründen ihrer Geheimnisse zum Gegenstand hat, ist sie natürlich; und sie wird Zwischenglied und mathematisch genannt, wenn sie aus den Urprinzipien und den Wirkungen der Seele besteht..."25
Dieses Dazwischenliegende und Mathematische und das Bestehen aus den Urprinzipien und den Wirkungen der Seele finden wir wieder bei der "Fünfheit aus der Monade", wovon Bruno selbst als einzige der 10 Figuren und Zahlen diese Fünfheit direkt als sich auf den Magier beziehend bezeichnet: "Die geometrische Figur der Fünfheit zeigt die Abbildung des Magiers."26 Die Abbildung ist natürlich das Pentagramm, die Seelenkonfiguration der Monade. Bruno beschreibt das Pentagramm innerhalb des Kreises der Ewigkeit. Zentral steht bei Bruno außerdem in der Fünfheit die Hand, die Tat - ein Signal mehr, dass es ihm um praktische Seelenmagie geht.
Inwiefern stehen wir in diesem Stadium noch auf der Basis der urindischen Auffassung von Brahman? Gehen wir davon aus, dass Bruno die Monade nicht allein von Hermes entlehnt, sondern über Pythagoras aus der indischen und brahmanischen Tradition übernommen hat, dann sehen wir doch einen großen Unterschied:
"Brahman, unaussprechlich und wortlos:
Wer Gott will finden, wird durch Sein' Glut erblinden.
Wer Brahman schaut, ihm stirbt das irdisch Sehen.
Alles, was Unterscheidung kennt und Farbe und Geruch, ist Maya,
ein Schleier der Täuschung."27
Wort und Zahl zugleich
Bruno hat einen viel dynamischeren Begriff hiervon; einerseits ist die Wahrheit zwar "über und an allen Dingen"; aber doch vor allem mit und in allen Dingen und besonders als Substanz davon.28 Überdies ist Brunos Monade überhaupt nicht wortlos, sie ist ursprüngliches Wort und Zahl, und das gleichzeitig. Die Zahl ist hier eins mit dem Wort. Wie offenbart die Monade sich denn als Wort und Zahl in einem? Dadurch, dass das Wort erzählt wird, er-zählt.29 Das ist nicht so sehr ein Wortspiel in Niederländisch, sondern auch im Deutschen (Zahl und erzählen) und es ist vielleicht noch stärker im Englischen, wo "to tell" schon wieder weiter weg von zählen steht. Man könnte sagen, dass die Engländer und Amerikaner besser auf ihr Zählen achten müssen...
Wir kommen hier zum Höhepunkt von Brunos Monadologie, der Einheit, die einfach ist und in unserem Herzen wohnt, in der mathematischen Mitte unseres Mikrokosmos, die die Ewigkeit erschließt und Unsterblichkeit impliziert. Neben der Quelle, auf die im indischen Denken die Monade zurückzuführen ist, hat Bruno sich sicherlich auch auf Euklid gestützt, der dem griechischen Wort für Einheit, nämlich "Monas", mathematisch und philosophisch Inhalt gab als dem Essentiellen, Unteilbaren, das die Basis von allem ist.30 In einer unversehrten Naturordnung würde es absolut zufriedenstellend sein, sich als Mensch mit dieser wunderbaren Tatsache zu identifizieren. Wenn wir in unserer Armut Brunos dritten Dialog über die Vertreibung der triumphierenden Bestie beurteilen - einer Armut, die Gerechtigkeit und Wahrheit entbehrt -, ist eine Magie der Monade unvermeidlich.
Bruno wird niemals müde, aufzuzeigen, dass der Geist, der nach dem
Höheren strebt, sich abstimmt auf diese erste, wesentlichste und
einzige Intelligenz, z.B. in dem Dialog über die heroischen
Verzückungen, worin er Maricondo sagen lässt, das es sich um
einen innerlichen Prozess handelt:"... er muss in das tiefste Innere
von sich selbst durchdringen und sich dessen bewusst sein, dass Gott
nahe ist, mit ihm, ja in ihm ist, mehr als er selbst sein kann, denn
Gott ist die Seele der Seelen, das Leben der Leben, die Essenz der
Essenzen"31
Die Magie der Monade ist hier Mystik, aber Bruno geleitet uns weiter zu
den folgenden Zahlen, Symbolen, von welchen ich nicht alle Revue
passieren lassen will, sondern nur diejenigen, die für die Magie
der Monade essentiell sind. Dies zeigt sich auch aus Brunos
Ausgangspunkt, dass es im Wesen nur eine absolute Monade gibt, das
heißt, Gott, und dass die menschlichen Monaden alle Stadien, alle
Zahlen durchlaufen müssen, bevor sie Unendlichkeit und Ewigkeit
werden. Dies stimmt überein mit der östlichen Weisheit, dass
die menschliche Monade infolge eines Entwicklungsweges zu ihrem Urquell
zurückkehren muss, der absoluten Gottheit32.
Auf der Abbildung von Brunos Monade ist ein Dreieck sichtbar, und die Drei-Einheit der Monade ist eigentlich vorausgesetzt. Ebenso wie die Zweiheit, die Bruno mit der Monade verbindet dadurch, dass als Ausgangspunkt gerade die Einheit der Gegensätze in Gott positioniert wird. Dies ist sehr wichtig, denn versuchen wir, dieses Zusammenfallen der Gegensätze (coincidentia oppositorum) von Kunst oder Wissenschaft aus zu positionieren, dann entsteht meist nur Verwirrung, Nichtbegreifen und höchstens Respekt für das Genie. Denken Sie hierbei z.B. an James Joyce's Finnegans Wake, wovon unlängst eine niederländische Übersetzung erschienen ist.33 Ein Rezensent dieser Übersetzung sah in Joyces Produkt einen Zusammenfall von Gegensätzen, entkam aber nicht der Schlussfolgerung von "verworrenem Zeug, Spielsprache und unnatürlicher Explosion von Kreativität in Sprache und Symbol".34
Die Einheit der Gegensätze - ein erprobtes Lehrstück, das Bruno von Cusanus entlehnte35 - ist völlig in Übereinstimmung mit der mystischen Magie, aber auch mit Hermes' berühmtem Ausspruch "Wie oben, so unten". So kann man also von einer doppelten Einheit der Gegensätze sprechen. Dies bildet wohl den Übergang zu der anderen, der philosophischen oder Seelenmagie. Nur die Seele, der Magier von und aus der Fünfheit als monadische Emanation, als verwirklichtes Pentagramm überwindet die Dialektik, die Gegensätze von und in der Welt, weil allein die Seele diese Gegensätze ins Gleichgewicht bringen kann.36
Nach der Einheit stehen wir vor allem still bei der Fünfheit, die Bruno explizit als magisch benennt. In der jüdischen Tradition mit dem Tarot verbunden, wird Aleph bereits als 1 magisch genannt und die Fünfheit die Zahl des Priesterkönigs oder Hierophanten. Das Leid der Dualität und der Gegensätze ist ausgestanden durch eine positive mystische Magie im Bewusstsein, dass Sie selbst das Zentrum des Ganzen sind, und dass Sie ohne sich selbst zu begreifen niemals die Wirklichkeit begreifen können. Die negative mystische Magie wie z.B. der Solipsismus37 schließt Gott aus und verursacht in der folgenden Phase der Magie das Unglück, bei Bruno das Gottesbild Veiovis. Der Solipsismus ist ein Egotraum, worin man sich nicht nur bewusst ist, selbst das Zentrum des Ganzen zu sein, sondern vor allem sich selbst als einzige Wirklichkeit erfährt, das heißt, man ist in ein Schauspiel gestellt, worin man selbst der Einzige ist, der besteht, die Hauptrolle spielt und die Geschichte bestimmt. Andere Spieler bestehen nur in der Geschichte und tragen nicht wirklich etwas bei. Es ist Mut und echte Liebe nötig, um aus dieser Geschichte aussteigen zu können, denn wenn etwas das Ego streichelt, ist es dieses Schauspiel oder dieser Film. Mittlerweile gibt es auch wirklich eine Filmversion davon, die Truman Show. Diese negative Vorgehensweise bildet auch ein Pentagramm, aber die Seele, das Bild Veiovis von Bruno, ist nicht dem Licht zugekehrt, sondern wendet sich davon ab. Worum es geht, ist die Figur des Diovis als Bild des Glücks, der Mensch im Pentagramm, das Gesicht dem Licht zugekehrt.38
Die positive Magie beginnt bei dem Einen, vor allem der Fülle des Einen, worin die Einheit der Gegensätze und die Drei-Einheit - Bruno zeichnet die Monade als Kreis mit einem Dreieck darin - enthalten sind. Die mystische Magie findet ihre Fortsetzung in der Seelenkonfiguration der Monade, dem Pentagramm mit dem Menschen in der Mitte, auf das Licht gerichtet. Zu Recht weist Bruno auf Mercurius hin, den erleuchteten Verstand, die philosophische Magie in Kombination mit dem Handeln. Er geht sogar so weit, diesen Magier als wirksame Kraft in Verbindung mit Handauflegung zu bringen, einer magischen Praxis, die von vielen Gnostikern ausgeübt wurde.
Bevor wir jedoch auf die Merkurwirksamkeit und das verbindende Feuer Amor bei Bruno eingehen, muss angemerkt werden, dass das Bild, das wir Ihnen heute vorstellen, eine Auswahl der Zahlen und Figuren bildet, speziell die Zahlen 1, 5 und 10, die Monade, der Kreis und das Pentagramm.
Die Zahl 10, die vollkommene Zahl bei Pythagoras und Bruno, stimmt überein mit Malchuth, über Kreis, Pentakel und Tempel verbunden mit Tiphereth aus den Sephiroth. Tiphereth steht im Hebräischen für die Herrlichkeit des reinen Ebenmaßes.39 Tiphereth ist die sonnige Mitte, oft auch in Verbindung mit dem Rosenkreuz gebracht40. Bruno empfiehlt, göttergleich zu werden. Dafür steht die Zahl 10, das vollkommene Ebenmaß des Königreiches. Der Auftrag vollkommen zu werden - das "Werdet vollkommen!" aus der Bibel - stellt den Menschen vor eine magische Handlung. Wie können wir vollkommen werden? Durch die Magie der Monade, der Zahl 5, die wir in die Wirksamkeit des Pentagramms stellen. Dann ist die Monade Gegenstück und Quintessenz zugleich!
Bruno zitiert in "De Monade" im Pentagramm, worin die Seele steht, Virgilius Maro, der sagt: "Im Minimalen liegt eine Bemühung und keine geringe Ehre, wenn die unheilbringenden Dämonen vom Kandidaten ablassen und der angerufene Apollo anwesend sein wird."41 Für Bruno gilt als Ausgangspunkt in De Monade die Pentagramm-Einteilung von Plato: Gott zuoberst, links die Seele, rechts die Intelligenz, links unten die Materie, rechts unten die körperliche Form. Die Materie und die Form werden "geteilt", erklärt Bruno diese platonische Tendenz, aber die Seele und die Intelligenz nicht, und Gott ist die Einheit und Fülle selbst.42
Die natürliche Magie der Seele "insoweit diese sich auf der Grenze befindet einerseits des Körperlichen und des Geistigen und dem Geistigen und Intellektuellen andererseits"43 nennt Bruno zwischenliegend und mathematisch, innerhalb der 1 und der 10. Als Christian Rosenkreuz für das Fest von Seele und Geist eingeladen wird, empfängt er ein Siegel, die sogenannte Monas-Hieroglyphe, eine Ganzheit von Zeichen in der Form von Mercurius, dem Gottmenschen. 1 und 5 kommen hier miteinander verbunden zum Ausdruck.44
Im 16. und 17. Jahrhundert ziehen Zahlen ihre Spur durch das Weltall nachdrücklicher, manchmal simpel und einfach, dann wieder komplex. Wenn wir an Bruno, Kepler und Leibnitz denken, aber auch an ein Buch wie die Alchymische Hochzeit von Christian Rosenkreuz, sieht es so aus, als ob nicht nur Zahlen-Symbolik, sondern auch Zahlenmagie zentral steht. Alles scheint durchzogen von der Zahl und zählen. Zu dieser Zeit ist die Zahl mächtiger als das Wort45.
Aber auch zur Zeit von Pythagoras hatte die ganze Zahl eine sehr große Bedeutung. In der Musik, wo sich die Schwingungsverhältnisse von pythagoräischen Entdeckungen herleiten, spielen die Zahlen 1, 5 und 10 eine ziemlich große Rolle. Ausgehend von der 1 ist die Quinte die erzeugende Verbindung, der zentrale Intervall. In der 5, der Zahl der Quinte, geht es einerseits um eine neutrale Seelenkonfiguration, aber andererseits unmissverständlich um die menschliche positive Magie, und dann in Relation zu Erkenntnis-Weisheit. Denn die Mercurius-Entwicklung schreitet keineswegs ungefährdet voran, so dass positive Magie notwendig ist.
Bruno unterscheidet eine Art Zweiteilung der Seele, die uns an Goethe denken lässt mit seinen "zwei Seelen in der Brust".46 Es geht darum, sich nicht von den niederen Funktionen und Aufgaben der Seele irreführen zu lassen.47 Das Ruder der Vernunft ist dabei notwendig. Der Weg der Seele nach oben ist keineswegs harmonisch. Bruno weist hierbei auf eine Weisheits-/Liebeskraft hin, die für das Vollkommenwerden der Seele nötig ist und die auch Gefahren mit sich bringen kann. Die Liebe kann nicht nur eine heilsame Wirkung ausüben auf das intellektuelle Vermögen der Seele, sondern sie kann auch blind machen.48 Bruno meint eine höhere Art der Liebe, die heroische Liebe. Die Seele muss sich dabei lösen von der Art der Liebe, wie sie in verkörperter Form üblich ist. Nur die höhere Art der Liebe kann die Seele zur "transformatio duplex" aus dem Schatten führen.49 Denn die Liebe kann als ein verzehrendes Feuer wirken und sowohl zu Weisheit als auch zu Geisteskrankheit führen. Brunos Liebe nimmt den Intellekt mit hinauf und lässt ihn nicht zurück an einem bestimmten Punkt. Das gemeinschaftliche Hinaufsteigen muss darum eine entscheidende Transformation des Intellektes als Funktion zur Folge haben.50 Die Liebe übersteigt auf eine bestimmte Art die Erkenntnis, nämlich in Dynamik und Effektivität.51 Wir können dazu eine Parallele finden in der bereits erwähnten Alchymischen Hochzeit von Christian Rosenkreuz, worin ebenfalls die Transformation der Seele mit dem Geist auf chemischem Wege einen Aufgang zur Folge hat.52
Die verbotene Magie der Monade ist die gnostische Magie von Hermes. Es ist die Seelenmagie, die die Merkurwirksamkeit aufruft, von Hermes der Gottesdienst des Denkens genannt. Diese wurzelt in der magischen Kraft des Pentagramms im Zirkel. Es ist dieselbe Seelenmagie, die die Katharer, dem Licht zugewandt im Pentakel stehend, zu Vollkommenen transformierte. Dieses große Geschehen fand statt in Südfrankreich in der Grotte von Bethlehem. Das aus der Felswand ausgehauene Symbol des Pentagramms war druidischen Ursprungs. Der Kandidat musste in diesem ausgehauenen Fünfeck stehen. Mit aufgerichtetem Haupt und ausgebreiteten Armen und Beinen bildete er so einen fünfzackigen Stern. Der Patriarch der Katharer, Antoine Gadal, schrieb darüber: "Nichts würde im Stande sein, den Menschen, der in Bethlehem (so heißt die Grotte mit dem ausgehauenen Fünfeck) neu geboren worden war, vor Angst erbeben oder vom guten Wege abweichen zu lassen. Niemand in der Welt war im Stande, die mysteriöse Kraft, die er vergegenwärtigte, zu überwinden."53 Wie wir hörten, deutet Bruno dies mit Apollo an.
Der Weg der Parfaits, der Weg der vollkommenen Katharer, wird auch der Weg der Sterne genannt, was nicht ganz dasselbe zu sein scheint als was Bruno mit dem Gang der Monade und besonders der magischen Wirkung im Pentagramm andeutet. Jedoch kannten die Katharer das ihrer höchsten Einweihung vorausgehende Endura, die Selbstersterbung der niederen Seelenkräfte, während Bruno die Magie der Monade in einen feurigen Prozess der Entwicklung der höheren Seelenvermögen stellt. Der Akzent liegt bei ihm auf dem Einen, das alles ist, und nicht so sehr auf dem Einen, das durch das Absterben des Niederen entstehen kann. Doch sehen wir bei Bruno auch eine deutliche Variante, die bei der Magie im Pentagramm von dem Niederen ausgeht. Zugleich spielt Transformation in beiden Prozessen eine Hauptrolle. Und auch Bruno spricht in Zusammenhang mit diesem Prozess vom Weg der Sterne.
Bei dem Verbot der Magie der Monade geht es nicht so sehr darum, zur
Veranschaulichung auf die brutalen Mordpraktiken der
römisch-katholischen Kirche bezüglich der oben genannten
Katharer hinzuweisen; denn dem liegen vor allem weltliche
Machtverhältnisse und -belange zu Grunde und nicht bewusste
Gegnerschaft hinsichtlich der gnostischen Magie. Es geht vielmehr um die
heutige Zeit, worin wir die Notwendigkeit der Magie der Monade einsehen
und dann gleichzeitig bemerken können, wie das Konzept von Bruno,
die Intention, die feurige amor, in dieser Zeit noch immer kaum ernst
genommen, verdächtig gemacht und als nicht sachlich zur Seite
geschoben wird. Wenn wir z.B. unseren Blick auf Gary Zukav richten, der
mit seinem Buch Die tanzenden Wu-Li-Meister54 in den 70er-Jahren einen
Weltbestseller schrieb. Als er aber später in seinem Buch Der Sitz
der Seele55 sehen ließ, was es für die Seele bedeutet, die
universelle Lebenshaltung anzuwenden auf der Basis einer wirklichen
Seeleneinsicht in monadischer Perspektive, da wurde er von denselben
Rezensenten negiert, die ihn vorher in den Himmel gehoben hatten. Es ist
natürlich kein Zufall, dass Zukav im Sitz der Seele die Auffassung
von Bruno über die Materie, Energie und Metaphysik im
Verhältnis zum Universum teilt. Zukav fragt im Kapitel
"Vertrauen": "Wie reagiert Ihr Herz auf den Gedanken, dass
das Universum lebt, voller Erbarmen ist, und dass Sie zusammen mit
diesem Universum und mit anderen starken und erleuchteten Seelen
Erkenntnis sammeln, um in einem Prozess der Zusammenarbeit die
Wirklichkeit, die Sie erfahren, zu erschaffen?
Bedenken Sie, was die Zukunft, die auf der Energie der
Persönlichkeit aufgebaut ist, für unsere Welt wahrscheinlich
bereit hält, und was die Zukunft, die auf der Energie der Seele
aufbaut, der Welt bringen könnte. Wofür entscheiden Sie
sich?"56
Es gibt etwas zu entscheiden - die Entwicklung der Monaden inmitten des Universums ist kein automatischer Prozess! Die Magie der Monade ist notwendig, und mit der feurigen Liebe, die Bruno befürwortet, kann schließlich der Geist der vollkommenen Zahl erreicht werden. In dieser Welt haben Gerechtigkeit und Wahrheit keine Chance, sofern die Monaden nicht dem Prozess der Gottwerdung folgen, indem sie die gnostische Magie der Entsterblichung der Seele anwenden.
Der belgische Gelehrte und Nobelpreisträger Prigogine hat einmal gesagt, dass das Gesetz der Entropie das ganze Theater des Lebens in das fahle Licht der großen Vergeblichkeit untertauchen lässt. Das Gesetz der Entropie beinhaltet, dass im All Energieteilchen in einen Zustand geraten, der nicht mehr umgesetzt, transformiert werden kann. Systeme mit hoher Entropie verlieren die Energie, die sie für ihre Selbsterhaltung brauchen: ihre strukturbildenden Kräfte gehen verloren, und sie fallen auseinander, wenn sie nicht von außen her Energie zugeführt bekommen; je stärker isoliert, desto größer die Zunahme von Entropie. Nun gibt es kein System, so erklärt Prigogine, das besser "isoliert" ist als das Universum in seiner Ganzheit, und somit wird letztendlich Entropie triumphieren. Das Gesetz der Zunahme von Entropie ist gnadenlos. Im Universum wirkt sozusagen eine Art thermodynamische Todessehnsucht. Der Mensch kehrt somit zum Staub zurück, und das Universum verwandelt sich in seiner eigenen Abwärme.57
Da haben wir eine ganz andere Vision als Brunos Metaphysik der doppelten Unendlichkeit und der Magie der Monade! Es ist natürlich dieselbe Natur und dasselbe Universum, aber aus einer anderen, d e r anderen Sicht gesehen, aus der Sicht der Erhaltung der Energie. Das Gesetz der Entropie ist nämlich eine Modifikation des Gesetzes der Energieerhaltung. Bruno war dagegen hermetisch und metaphysisch orientiert: "Alles empfangen, alles preisgeben und dadurch alles erneuern" ist nach Jan van Rijckenborgh der Sinn von Vers 15 aus dem 11. Buch von Hermes über den Verstand und die Sinneswerkzeuge.58 Darin spricht ein unverhohlener Holismus. Allein durch das Preisgeben von allem, was durch den Mittelpunkt unserer Monade von Gott empfangen wurde, werden wir transformieren, erneuern wir - reibungslos - unsere Existenz und treiben - magisch - einen Keil in die eigene Abwärme. Indem wir in uns selbst beginnen, heben wir das isolierte Universum auf. Es ist das Verdienst von Prigogine, dass er die Aussichtslosigkeit eines isolierten Alls auf eine sehr moderne Art für uns transparent und damit die absolute Notwendigkeit der Magie der Monade im Licht der Ewigkeit akzeptierbar gemacht hat.
Ein anderer aktueller wissenschaftlicher Standpunkt verbirgt sich in der durch die Aufklärung verursachten rationellen Annäherung von Zahlen und Entwicklungsprozessen. Entwicklungsprozesse kommen stochastisch zustande, das heißt, über trial and error, und da herrschen Zufall und unerklärbarer Fortschritt vor, resp. Degeneration. Zahlen sind quantitativ und alle gleichwertig, auch sind sie numerisch unterschiedlich. Zahlenmagie würde dagegen mittelalterlich oder, wenn Sie wollen, höchst romantisch sein. Damit würden Zahlen nicht archetypisch magisch und nach Pythagoras wirkend sein können. Bruno gebraucht selbst bereits das Wort "Archetypus".59
Auch hier bietet die moderne Wissenschaft einen neuen Ausweg, Und jetzt denken Sie vielleicht, dass ich damit den berühmten Ausspruch von Einstein meine, dass Gott nicht mit Würfeln spielt. Was den Zufall betrifft, würden Sie damit eine hohe Augenzahl werfen. Dennoch geht es mir auch um die Zahlenmagie, die als Aberglaube ein paar Jahrhunderte in die Ecke gestellt worden ist. Natürlich nicht im Sport oder im Börsenhandel! Da wurde und wird immer nachdrücklicher jede ganze Zahl "magisch" genannt: wie oft doch in der Börsen- und der Sportwelt magische Grenzen durchbrochen werden, ist nicht mehr zu zählen, in ganzen Zahlen natürlich!
Bereits 1931 hat der deutsche Mathematiker Kurt Gödel in einem berühmten Artikel über ganze Zahlen aufgezeigt, dass in der Praxis die Komplexität von 1,2,3 usw. durch kein einziges feststehendes System wiedergegeben werden kann.60 Das kann auch als ein deutlicher Hinweis darauf interpretiert werden, dass ganze Zahlen "magisch" sind, kopflastig von Komplexität. Eine ganze Zahl ist nicht nur so eine Quantität, sondern es spricht auch eine innerliche Qualität daraus, die einzigartig ist und nicht wiedergegeben werden kann durch welches System auch immer. Eins wie das andere bedeutet, dass Pythagoras, die Sephiroth und die Kaballah und auch die Monadologie von Bruno nach der Ordnung der ganzen Zahl 1, mündend in die vollkommene Zahl 10, aktuell sind und nicht so sehr mit Aberglauben zu tun haben, eher mit Musik. Auch das hat Einstein einen berühmten Ausspruch entlockt, worin er seine Ehrfurcht und sein Erstaunen gegenüber der mystischen Größe der Zahl 1 zum Ausdruck brachte. Die modernen Ansichten bedeuten u.a., dass die Magie der Monade nicht länger verboten und wahrscheinlich sogar erwünscht ist für das ganze Weltfeld.
"Die ganze Schöpfung schaut mit sehnsuchtsvollem Verlangen aus nach der Offenbarwerdung der Kinder Gottes."
In dieser Zeit ist die gnostische Seelenmagie das Mittel, um die eigene Seele zu einem Kriterium zu führen, zu einer Seelenentwicklung, die die Ewigkeit anziehen kann, von der Zahl 1 über die Zahl 5 zur Vollkommenheit der Zahl 10.
Werdet Ewigkeit, erhebt euch über alle Zeit, sagt Bruno.
Öffnen Sie aus Ihrer magischen Mitte heraus die Pforte zu dieser
Ewigkeit.
Verlangen Sie mit aller Liebe, die Sie haben, nach dieser Ewigkeit und
Unendlichkeit.
Richten Sie Ihre Liebe auf die Gesamtheit des unendlichen Universums.
Giordano Bruno hat für uns den hermetischen Gottesdienst des Denkens erschlossen und die Monade als geistiges Prinzip in einen dynamischen Prozess gestellt. Dieser dynamische Prozess ist wie ein Brand.
"Seelenglut schafft neues Denken, füllt mein Herz mit heil'gem Brand"61, ist ein Zeugnis aus der hermetischen Gnosis. Bruno hatte dieses Seelenfeuer aus dem Herzen.
Vortrag: Frans Spakman
1. Het probleem van de kennis bij Giordano Bruno, Leen Spruit, Amsterdam
1987, S. 213
2. item, S. 1
3. De Monade, Numero et Figuro, Giordano Bruno, 1591 Frankfurt/M., S.
347, 348
4. Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, Francis Yates, 1964, Kap.
IX
5. De geheugenkunst, Francis A. Yates, Bert Bakker, 1988
6. Giordano Bruno and the Hermetic Tradition, S. 246
7. Rose Cross over the Baltic, Susane Akerman, Brill, Leiden, 1988, S.
230
8. Oculus Sidereus, Abraham von Franckenberg, Danzig 1644
9. Het Levende Woord, Catharose de Petri, Haarlem, 1989, S. 144, 145
10. item. S. 146
11. Eight Philosophers of the Italian Renaissance, P.O. Kristeller,
1964, S. 138
12. Het probleem van de Kennis bij G.B., Leen Spruit, S. 223
13. Spinoza en de crisis van de Westerse Cultuur, Dr. F. de Graaf, 1977,
S. 37 ff.
14. De Monade..., G.B., S. 461-462
15. Een Joodse Jongen, Kimberley Cornish, 1998, Antwerpen, S. 254
16. Italiaanse Dialogen, Giordano Bruno, Amsterdam, 2000, S. 168
17. Arthur Schopenhauer, De Woelige jaren van de filosofie, Rüdiger
Safranski, Baarn 1990
18. Herfsttij der Middeleeuwen, J. Huizinga, 1919, Kap. 16: Realisme en
het bezwijken der verbeelding in de mystiek
19. Matthäus 5, Verse 13 und 14
20. De mens en zijn schaduw, P.v. Schilfgaarde, Brill Leiden, 1948, S.
208
21. Een Joodse Jongen, Kimberley Cornish
22. item, S. 193
23. Pentagramm, Rozekruis Pers, 2001
24. Italiaanse Dialogen, G.B.: de verdrijving van het triomferende beest
25. item, S 194
26. Über die Monas, die Zahl und die Figur, G.B., übers.
Elisabeth v. Samsonow, Hamburg, 1991, S. 83
27. De mens en zijn schaduw, van Schilfgaarde, S. 208
28. Über die Monas, G.B., Kap. II über die erste Figur, die
Monade
29. item, Einleitung Elisabeth v. Samsonow, Sprechen und Zählen
30. Pentagramm Nr. 2/2001, Die Monadenlehre und die Einheit
31. Italiaanse Dialogen, Bruno: over de heroische vervoeringen, S. 265
32. Geheimlehre, Blavatsky, 1888, London, Couvrier Den Haag, Teil 1, S.
133
33. Finnegans Wake, James Joyce, Polak V. Gennip, 2002
34. NRC Handelsblad 12.04.2002
35. Coincidentia Oppositorum, Cusanus
36. Das Nyctemeron von Apollonius von Tyana, J. v. Rijckenborgh, Haarlem
1968: Die 5. Stunde
37. Arthur Schopenhauer, de woelige jahren van de filosofie,
Rüdiger Safranski, Tirion, Baarn 1990
38. De Monade, Giordano Bruno, S. 417
39. De Kabbala, Dr. Erich Bisschoff, Amsterdam, Schors, S. 73
40. The New Living Qabalah, Will Parfit, 1988, S. 92
41. De Monade, Bruno, S. 417
42. item, S. 407 und 410
43. Italiaanse Dialogen, Bruno, S. 194
44. Die Alchymische Hochzeit entziffert, Munin Nederlander, Rotterdam
1998, S. 171
45. item, S. 25 ff.
46. Italiaanse Dialogen, Bruno, S. 273
47. Het probleem van de kennis bij Bruno, Spruit, S. 220
48. item, S. 223
49. De Gli Eroica, Giordano Bruno, 1007-1008
50. Het probleem van de kennis bij Bruno, Spruit, S. 225
51. item
52. Die Alchymische Hochzeit von Christian Rosenkreuz, Valentin Andreae,
1616, 5. Tag, der Turm von Olympus
53. Auf dem Weg nach dem Heiligen Gral, Antoine Gadal, Rozekruis pers
1960, S. 146
54. De Dansende Woe-Li Meesters, Gary Zukav, 1977
55. De Zetel van de Ziel, Gary Zukav, Kosmos, 1991
56. item S. 198
57. Het kwaad, Rüdiger Safranski, 1998, Amsterdam, S. 267
58. Die Ägyptische Urgnosis, Jan v. Rijckenborgh, Rozekreuis Pers,
1962, Teil III, S. 105
59. De Monade, Bruno Kap. XI, S. 459 ff.
60. Gödel, Escher und Bach, Douglas Hofstädter, 1978, S. 18
ff.
61. Tempellied Lectorium Rosicrucianum
Abbildung: Bruno wikipedia
Übersetzt und erstellt von Ursula Klee
Der große Raum
Etwa um das Jahr 1920 waren die Astronomen der ganzen Welt davon überzeugt, dass nur ein Milchstraßensystem, also eine Galaxie, existiere, nämlich die unsrige. Das griechische Wort galaxias bedeutet Milchstraße oder Sternsystem. Astronomen, die vermutet hatten, dass es vielleicht noch andere Galaxien geben könnte, wurden in naturwissenschaftlichen Kreisen als Ketzer angesehen und in den damaligen Fachzeitschriften heftig attackiert oder verhöhnt. Selbst Astronomen, die mit ihren Teleskopen sahen, dass diffuse Lichtpünktchen, sogenannte Nebelflecken, nicht zu unserer Milchstraße gehörten, sondern weit entfernte Galaxien waren, wurden nach dem altbekannten Spruch ins Unrecht gesetzt: Was nicht sein darf, gibt es nicht!
Am 2. Juni des Jahres 1592 sprach Giordano Bruno während seines Verhörs durch die Inquisition in Venedig die folgenden Worte aus, die wie ein Glaubensbekenntnis klingen, wie eine Zusammenfassung seiner Ansichten in Bezug auf Weltall und Mensch. Er sagte: "Ich glaube an ein unendliches Universum als Schöpfung einer unendlichen göttlichen Allmacht, weil ich es für unmöglich halte, dass die göttliche Güte und Allmacht eine begrenzte Welt erschaffen haben soll, während sie außer dieser Welt unzählbar viele andere Welten hätte entstehen lassen können. Darum habe ich die These vertreten, dass es unnennbar viele Welten gibt, die unserer Welt gleichen. Und genau wie Pythagoras bin ich davon überzeugt, dass die anderen Planeten und Himmelskörper auf die eine oder andere Weise der Erde ähneln. Ich glaube, dass alle Himmelkörper Welten sind. Ihre Zahl ist unbegrenzt, und zusammen bilden sie eine unendliche Natur innerhalb eines unendlichen Raumes - und das ist das unendliche Universum: sowohl was die Anzahl der Himmelskörper als auch was die Ausdehnung des Universums betrifft.
Ich weiß, dass dies nicht mit der allgemeinen Glaubenslehre in Übereinstimmung ist. Ich glaube, dass jedes Wesen, wo es im Universum auch sein mag, lebt und besteht und sich vervollkommnet nach einem göttlichen Plan, der göttlichen Vorsehung. Diesen göttlichen Plan sehe ich auf zwei Arten:
* zum ersten ist er anwesend - als Seele - im ganzen Körper. Und
darum nenne ich ihn Natur, Schatten oder Spur Gottes;
* zum zweiten ist dieser göttliche Plan auf eine unnennbare Weise
anwesend als Allgegenwart Gottes, als eine Allmacht in allem und
über allem. Nicht als Teil, nicht als Seele, aber auf eine
unerklärbare Weise."
Kurz zusammengefasst bedeuten diese Worte von Bruno: es gibt ein unendliches Universum, grenzenlose Ausdehnung. Darin sind unendlich viele Himmelskörper. Sie sind Ausdruck der unsagbaren göttlichen Allgegenwart und Allmacht, die zugleich ihre Natur und Spur in das Wesen des Menschen gelegt hat, damit der Mensch sich vollenden wird.
Verneinung ist manchmal der bequemste Weg; Annahme bedeutet meist auch Überwindung. Ein Teil der menschlichen Lebensgeschichte wird auf dem Spannungsbogen zwischen Verneinung und Zustimmung geschrieben. Das Los von Giordano Bruno vollzog sich auf diesem Bogen. Vor mehr als vier Jahrhunderten behauptete er, dass die Anzahl von Sternen oder Himmelskörpern unendlich ist. Die Herrscher seiner Zeit konnten und wollten diese Sichtweise nicht übernehmen.
Im Jahr 1925 veränderte sich die jahrhundertealte dogmatische Sicht der Wissenschaft. Der Astronom Edwin Hubble konnte mit seinem Teleskop auf dem Mount Wilson - damals das größte der Welt - beweisen, dass Nebelflecken in der Tat weit entfernte Sternsysteme sind. Bereits im Jahre 1755 sprach der deutsche Philosoph Immanuel Kant die Vermutung aus, dass mindestens einer dieser diffusen Lichtpunkte nicht zur Milchstraße gehört, sondern zu einem ganz weit entfernten Sternsystem: dieses System ist nun bekannt als der Andromedanebel. Wir können annehmen, dass Kant ein Fernglas oder ein Teleskop benutzte. Aber Giordano Bruno verfügte nicht über solche technische Hilfsmittel. Mit seinem bloßen Auge konnte er höchstens zwischen fünf- und sechstausend Sterne wahrnehmen. Das ist die Anzahl, die man in einer hellen Nacht ohne Teleskop sehen kann.
Soweit bekannt ist, wurde das erste Teleskop in Europa 1609 von Galileo Galilei benutzt. Wie kam Bruno dann zu der Überzeugung, dass in einem grenzenlosen Raum unendlich viele Himmelskörper seien? Vielleicht können wir die Antwort in der bereits zitierten Zusammenfassung seiner Ansichten über Universum und Mensch finden: Die göttliche Allgegenwart hat ihre Natur oder Spur in den Menschen gelegt - in und durch den Menschen sieht die Unendlichkeit sich selbst.
Lassen Sie uns annehmen, dass wir für einen gewöhnlichen, ruhigen Atemzug, das heißt Ein- und Ausatmung, ungefähr sechs Sekunden brauchen. Das sind dann zehn Atemzüge in der Minute. In der Zeit, die wir einmal ein- und ausatmen, hat die Erde ungefähr 200 Kilometer auf ihrer Bahn um die Sonne zurückgelegt. Unser Planet bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von mehr als 30 km/sek. fort. Dies ist kaum vorstellbar. Die Sonne, um welche sich unsere Erde dreht, steht auch nicht still. Sie nimmt uns und alle ihre Planeten mit auf eine Reise entlang der Milchstraße mit einer Geschwindigkeit von 230 km/sek. Die Fortbewegung der Erde ist jedoch komplizierter:
* Zum ersten dreht sie sich um die Sonne;
* zum zweiten reist sie mit der Sonne die Milchstraße entlang. Das
ist bereits eine doppelte, spiralförmige Bewegung;
* unsere Milchstraße bewegt sich mit 90 km/sek. in die Richtung
ihrer Nachbargalaxie, dem Andromedanebel. Der Abstand zwischen unserem
Milchstraßensystem und Andromeda wird auf etwa 2,5 Millionen
Lichtjahre geschätzt. Dieser Abstand verändert sich
ständig, weil alles in Bewegung ist. Wenn wir davon ausgehen, dass
Licht in einer Sekunde 300.000 km zurücklegt, dann ist der Abstand
in Kilometern zu dem Milchstraßensystem, das uns am nächsten
ist, die Zahl 22 mit 18 Nullen dahinter. In Worten würde das
heißen: zweiundzwanzig Quadrillionen Kilometer. Mit einer
Geschwindigkeit von 90 km/sek. fliegt oder rast oder schwebt unsere
Galaxie in die Richtung ihrer Nachbarin oder ihres Nachbarn.
Bruno deutet die Fortbewegung der Himmelskörper oft an mit dem Wort "schwimmen", weil für ihn der universelle Raum ein grenzenloses Äthermeer ist, die Weltseele, ein unendlicher Ozean von Energie und Intelligenz. Was die Bewegung und die Fortbewegungs-geschwindigkeiten der Erde, des Sonnensystems und unserer Milchstraße betrifft, hat uns unser Vorstellungsvermögen wahrscheinlich bereits völlig im Stich gelassen. Wir sind noch nicht so weit, und die Frage ist, ob wir jemals so weit sein werden. Unsere Milchstraße und der Andromedanebel gehören zu einer Zusammenballung von Galaxien, die man die Lokale Gruppe nennt. Das ist eine Versammlung von einigen Dutzend Milchstraßen- oder Sternsystemen. Und diese gesamte Gruppe von Galaxien, zu welcher also auch unsere Galaxie gehört, bewegt sich mit etwa 600 km/sek. in die Richtung des sogenannten Virgo-Clusters, einer anderen Gruppe von Galaxien, die sich selbst auch wieder in die Richtung einer viel größeren Ansammlung von Sternsystemen bewegt, die von den Astronomen den Namen Great Attractor (Die große Anziehungskraft) bekommen hat.
Unzählbar viele Himmelskörper, Sterne, Galaxien, Gruppen von Sternsystemen, unvorstellbare Bewegungen, nicht nachzuvollziehende Geschwindigkeiten in einem nicht zu erfassenden Raum. Aber das ist noch immer nicht die Unendlichkeit. Und wenn wir sagen "noch immer nicht", dann erwecken wir den Eindruck, dass wir Unendlichkeit irgendwann einmal erfassen könnten, indem wir unseren Blick nach oben oder nach draußen richten. Mit dem modernen Hubble-Teleskop, im Augenblick wahrscheinlich das beste, das es gibt, schauen Astronomen in eine Ferne von 15 Milliarden Lichtjahren. Eine Lichtsekunde sind 300.000 km. 15 Milliarden Lichtjahre ist keine Kleinigkeit, aber gemessen an der Unendlichkeit ist es weniger als eine Kleinigkeit.
Giordano Bruno erklärt, dass die Unendlichkeit sich nicht teilen lässt: nicht in Gebiete, nicht in Abstände, nicht in Zeitperioden. Es gibt nicht so etwas wie die Hälfte der Unendlichkeit. Jede imaginäre Hälfte würde vollkommen unendlich sein. Man kann von der Unendlichkeit keinen Millimeter abziehen, und selbst dieser Millimeter würde dann unendlich sein; denn es gibt nur eine Unendlichkeit. Keine zweite, dritte oder vierte oder wieviele dann auch. Die Vielfältigkeit ist eine Erscheinung in der und durch die Begrenzung für unser in drei Dimensionen arbeitendes Bewusstsein. Aber Unendlichkeit selber ist keine Erscheinung. Sie ist der absolute Urgrund alles Bestehenden; sie ist das Absolute. Alles, was in der Unendlichkeit erscheint, bewegt sich. Unendlichkeit selbst ist unbeweglich; denn es besteht außerhalb von ihr kein Raum, auf welchen sie sich zubewegen könnte. Wenn außerhalb der Unendlichkeit noch Raum sein würde, dann wäre die Unendlichkeit nicht unendlich. Wenn wir nachts unseren Blick auf den Sternenhimmel richten, dann schauen wir eigentlich auf ein gigantisches Spiel von Bewegungen, Veränderungen, Positionsverschiebungen und Geschwindigkeiten in einem immensen Raum, von dem wir uns keine Vorstellung machen können. Wir sehen einen kosmischen, einen interkosmischen Tanz, ausgeführt auf einem grenzenlosen Tanzboden.
Das uns am nächsten liegende Milchstraßensystem ist also ungefähr 2,5 Millionen Lichtjahre von uns entfernt. Astronomen schätzen die Anzahl von Galaxien bis heute auf 400 Milliarden. Das lässt uns still werden, still durch die unaussprechliche Größe des Mysteriums, das sich dahinter verbirgt. Und das sich auch im Menschen verbirgt! Deshalb das Suchen, das Verlangen nach Kenntnis und Weisheit, nach Einsicht, Erfassen und Umfassen. Das Gleiche zieht das Gleiche an, sucht das Gleiche. In und durch den Menschen sieht die Unendlichkeit sich selbst. Das Eine drückt sich aus in dem Vielen, differenziert sich in eine unendliche Verschiedenheit. Und der Mensch, Teilhaber an der Verschiedenheit, kann nach vielen Irrfahrten, nach vielen Tanzschritten auf dem kosmischen Tanzboden, bewusst Anteil erhalten am Unendlichen, dem absoluten Sein. Dann wird der Tanz ein immenser Freudentanz. Bruno nennt dies die Vollendung.
Wer kann sich eine Vorstellung von der Geschwindigkeit machen, mit welcher die Erde um die Sonne kreist, womit die Sonnen und die 400 Milliarden Galaxien und mehr durch den Raum schweben? Wer kann das umfassen? Wer kann die Abstände und die Räume zwischen den Sternsystemen - die Unendlichkeit - umfassen, erfassen?
Aber... warum sprechen die Menschen dann darüber? Weil das Unvorstellbare wohl eine Tatsache ist. Und diese Tatsache verweist auf das unnennbare Mysterium, das sich dahinter verbirgt, das Mysterium des Weltalls, das Mysterium des Lebens, das Mysterium des Menschen. Diese drei Mysterien sind eins, und der Schlüssel zu diesem Mysterium liegt im Menschen verborgen, sagt Giordano Bruno. In seinem De triplici minimo schreibt er: "O Du, unendlich Eins, Du lässt Deine ewige Flamme in meiner sterblichen Brust auflodern, Du lässt mein Herz im Glanz Deines Lichtes dahinschweben und in der Glut Deines Feuers entbrennen, damit ich, dem Weg der Sterne folgend, durch Deine unendliche Welt ziehen kann, gelöst von allen Schatten, losgelöst von der bindenden Last der trägen Materie, befreit von der Macht der Sinneswerkzeuge. Licht, all-schauendes Licht, Du erschaffst Licht, damit alles geschaut werden möge."
Und in einem Sonett aus der Schrift Über die Ursache, das Urprinzip und das Eine:
"Aus Dir, Ursache und Grund, aus Dir, ewig Eines,
strömt überall Leben, Sein, Bewegung.
Du gießt Dich aus in Höhe, Breite und in Tiefe,
damit Himmel, Erde, Unterwelt zum Vorschein kommen mögen!
Mit Herz, Verstand und auch mit meinem Geist
kann ich durchstreifen Dein' Unendlichkeit,
die keine Zahl kann messen,
wo überall der Mittelpunkt und nirgends Umkreis ist.
In Deinem Wesen lebt und ruht mein Wesen.
Obwohl Verblendung, Wahn und Meuterei
der Not der Zeiten sich verbinden,
obwohl gemeine Tat in Niedertracht ein Band mir schmiedet,
obwohl Ruchlosigkeit in düstrer Eifersucht Kielwasser fährt -
gelingt es ihnen nicht, die Luft zu decken mir mit Dunkel,
da dem Versuch zum Trotz mein ungetrübtes Aug' noch funkelt,
die Schönheit meiner Sonne ihre Strahlen schenkt."
* * *
In der Vorderasien-Abteilung des Pergamon-Museums, dem städtischen Museum von Berlin, befindet sich unter Katalognummer VA1243 die wahrscheinlich älteste Sternenkarte der Menschheit. Diese Karte ist beinahe 5.000 Jahre alt und stammt demnach aus dem dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung. Es ist eine Tontafel, die den Akkadern zugeordnet wird, die einst im heutigen Irak, dem Zweistromland, das sich zwischen Euphrat und Tigris befindet, lebten. Auf dieser Karte ist unser Sonnensystem korrekt wiedergegeben: in der Mitte die Sonne. Darum herum - in der richtigen Reihenfolge - der kleine Merkur, Venus und Erde (beinahe gleich groß), der Mond, dann Mars, die zwei großen Planeten Jupiter und Saturn und außerdem Uranus, Neptun und der Zwergplanet Pluto. Es ist sogar noch ein Planet wiedergegeben, der jetzt noch unbekannt ist, obwohl einige Astronomen seine Existenz vermuten.
Nikolaus Kopernikus hat im Jahre 1543 - fünf Jahre vor der Geburt von Giordano Bruno - sein Über die Kreisbewegungen der Himmelskörper publiziert, worin er die gefährliche Behauptung niederschrieb, dass sich die Planeten um die Sonne drehen. Aber 4.000 Jahre vor Kopernikus war das bereits bekannt! Diese Kenntnis ging jedoch im Labyrinth der Zeit verloren, wie so Vieles, das einstmals bekannt war, innerhalb bestimmter Gruppen oder Kreise verschiedener Kulturen verschwindet oder verborgen bleibt, um zu seiner Zeit wieder aufzutauchen und in größerem Umfang Eingang in das Bewusstsein der Menschen zu finden.
Brunos Schriften können wir unter anderem entnehmen, dass Pythagoras viel mehr über das Leben vom und innerhalb des Kosmos wusste als die Generationen, die nach ihm kamen. Es ist bekannt, dass Pythagoras vieles von seiner Kenntnis von den ägyptischen Priestern empfangen haben dürfte. Etwa drei Jahrhunderte nach Pythagoras - im dritten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung - kam durch Aristoteles das Weltbild, das bis in die Zeit von Giordano Bruno und noch lange danach das Denken und das Vorstellungsvermögen regieren würde. Das aristotelische Gedankengut wurde später bestätigt durch den griechischen Sternenkundigen, Geographen und Mathematiker Ptolemäus (zweites Jahrhundert nach Christus), der in Alexandria lebte und wirkte.
Bevor wir in Kürze ihr Weltbild beschreiben, machen wir einen Abstecher zu unserer eigenen optischen Wahrnehmungswelt. Wie schon gesagt: wenn Sie nachts Ihren Blick auf den Sternenhimmel richten, dann schauen Sie auf ein gigantisches Spiel von Bewegungen, Veränderungen und Geschwindigkeiten. Sie sind Zeuge eines kosmischen Tanzes in einem unermesslichen Raum. Aber sehen Sie das auch wirklich auf diese Art? Können Sie denn etwas von der Geschwindigkeit wahrnehmen, mit welcher sich die Erde um die Sonne dreht? Oder fühlen Sie, wie sich die Erde um ihre Achse dreht? Ist nicht eher unser rein optischer Eindruck, dass sich die Sonne um die Erde dreht? Wir sagen doch noch immer: Die Sonne geht auf, die Sonne geht unter.
Auf rein sinnesmäßigem Niveau erfährt der Mensch die Erde als unbeweglich. Die Sonne, die Planeten, das ganze Firmament dreht sich um uns. Der Eindruck von Unbeweglichkeit spielt dem Menschen einen Streich. Nicht nur der Blick auf das kosmische Geschehen, sondern auch der auf das Privatleben und das Zusammenleben wird oft bestimmt durch die Tatsache, dass wir uns selbst als Zentrum der Geschehnisse erfahren. Und von einem Zentrum geht stets etwas Dominierendes aus. Unser Sprachgebrauch unterstreicht das recht hübsch; wie oft sagen wir doch: Alles dreht sich um ihn oder sie. Oder wir gehen davon aus, dass sich alles um uns selber drehen muss...
Dafür gibt es ein treffendes Wort: ego-zentrisch. Die Erde als unbeweglichen Mittelpunkt des Alls zu sehen, ist - wie bekannt - das geo-zentrische Weltbild. Das griechische Wort für Erde ist ge. Und hier kommen wir wieder zurück zu Aristoteles und Ptolemäus. Sie sahen die Erde als Mittelpunkt des Kosmos. Die Erde steht still, und alles dreht sich um sie. (Übrigens ist es interessant, dass die Worte geo und ego aus den gleichen Buchstaben bestehen.) Die Erde ist der Mittelpunkt, und das Firmament dreht sich um sie. Das Wort Firmament sagt es bereits: das lateinische firmare bedeutet befestigen. Man sah den Himmel als eine Art transparentes, kristallenes Gewölbe, woran die Sterne und Planeten als unbewegliche Lichter befestigt sind (Bruno hat sich darüber wiederholt lustig gemacht), und dieses Gewölbe dreht sich in verschiedenen Lagen oder Sphären um die Erde. An diesem Weltbild durfte nicht gerüttelt werden, hatte doch die Erde als Zentrum des Universums eine ganz besondere Funktion. Für die Kirche gab es dann auch nur einen auserkorenen Himmelskörper, auf welchem der Sohn Gottes geboren werden konnte: das war die Erde, der Mittelpunkt des Alls.
Dass Nikolaus Kopernikus eines natürlichen Todes gestorben ist, ist fast ein Wunder, hatte doch die Inquisition seine Schriften 1616 auf den Index gesetzt. Kopernikus war der Begründer des sogenannten heliozentrischen Weltbildes. Für ihn war es deutlich, dass die Erde und die anderen Planeten sich um die Sonne drehen, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Alls ist, und dass die scheinbare Bewegung der Himmelskörper um die Erde entsteht, weil sich die Erde um ihre eigene Achse dreht. Wie Sie wissen, ist helios das griechische Wort für Sonne. Helio-zentrisch bedeutet: die Sonne ist Mittelpunkt des Alls und alles dreht sich um sie. Das bedeutet zwar einen Bruch mit der alten Sicht; aber die Sonne ist noch immer ein feststehendes Zentrum des Universums.
Bruno stützte sich auf die Thesen von Kopernikus, aber er ging weiter, viel weiter. Und der Bruch, den er verursachte, war unakzeptabel. Ihm zufolge ist der universelle Raum vollkommen unendlich, und Unendlichkeit kann keinen Mittelpunkt haben, kann nicht durch Koordinaten bestimmt werden. Jedes Fleckchen in der Unendlichkeit ist Mittelpunkt, jeder der unzählbaren Himmelskörper ist Mittelpunkt. Und nicht allein das, auch jedes Atom, jeder Punkt, jeder Energiepunkt oder jedes Energiequantum ist Mittelpunkt, und die Unendlichkeit ist ein unermesslicher Ozean von Energie. Etwas wie leerer Raum im Sinne eines totalen Vakuums gibt es für Bruno nicht. Den unendlichen Raum nennt er Weltseele, ein grenzenloses Feld von Energie und Intelligenz, wurzelnd in der Unendlichkeit selbst.
Die Unendlichkeit selbst ist Gott. Die Weltseele ist die allgegenwärtige Anwesenheit Gottes im Raum, als Raum. Raum ist Kraft, Energie, Intelligenz, Substanz und formgebendes Prinzip, ist eins, vollkommen eins, ist die Weltseele. Daraus ist alles geworden, und darum ist alles, wie verschieden es auch sein mag, im tiefsten Wesen eins. Durch das Mysterium der Begrenzung gibt es Verschiedenheit. Durch das Mysterium der unendlichen Differenzierung gibt es eine unendliche Vielheit. Wer das Schattendasein in der Begrenzung überwindet, erfährt die absolute Einheit. Das ist, nach Bruno, Vollendung.
In vielen Dingen war Bruno seiner Zeit Jahrhunderte voraus. Vieles von dem, was er sagte und schrieb, klingt für die Menschen unserer Zeit dank der modernen Naturwissenschaft nicht fremd. Atom- und Quantenphysik lassen uns wissen, dass feste Materie nichts anderes ist als Energie in einem bestimmten Zustand. Aus sich selbst besteht feste Materie nicht. Aus der Raumforschung geht hervor, dass es Hunderte von Milliarden Galaxien in einer Ausdehnung gibt, an die keine einzige Vorstellung heranreicht. Und doch gab es für Bruno mehr, viel mehr. In einigen seiner Visionen wird er jetzt durch Forschungsergebnisse bestätigt.
Aber sein Schauen ging tiefer. Für ihn ist der universelle Raum die Einheit, und die Weltseele kennt keine Leere in sich selbst. Sie ist allgegenwärtige Fülle, Intelligenz, Bewusstsein. Und deshalb ist alles beseelt, zwar auf verschiedene Weise, auf verschiedenem Niveau, aber doch beseelt. Ohne Beseelung könnte nichts bestehen.
Nun gibt es Wissenschaftler, die davon ausgehen, das es in der Tat keinen leeren Raum gibt. All das Schwarze, das nachts zwischen den Sternen zu sehen ist, ist ihnen zufolge Energie. Ein Kubikzentimeter des sogenannten leeren Raumes des Universums enthält so viel Energie, dass damit alles Wasser auf der Erde, also alle Ozeane, Seen und Flüsse, zum Kochen gebracht werden könnten. Man spricht von Tachyonen- und Nullpunkt-Energie. Das sind alles Hypothesen, Theorien. Es bleiben Fragezeichen. Der Naturwissenschaftler Stephen Hawking ist jedoch optimistisch. Im Vorwort seines Buches Das Universum, 1988 geschrieben, sagt er: "Innerhalb weniger Jahre werden wir wissen oder dürfen wir glauben, dass wir in einem Universum leben, das sich selbst vollkommen umfasst, ohne Anfang oder Ende."
Für Bruno ist das Sein der Weltseele, das Sein des unendlichen Energie- und Bewusstseinsfeldes keine Frage. Ihm zufolge befindet sich eine besondere Konzentration der Weltseele im Zentrum jedes Himmelskörpers und wird somit jeder Planet, jede Sonne aus ihrem Kern bewegt. In der Mitte jedes Himmelskörpers treibt und wirkt die lebendig-bewegende, steuernde Kraft. Jeder Himmelskörper ist Mittelpunkt in der Unendlichkeit. Natürlich stehen die Kräfte auch in Interaktion, aber jeder Himmelskörper, jedes Wesen lebt und bewegt sich aus seinem Kern heraus. Der Quell von diesem allem ist die Weltseele, die in der Unendlichkeit, dem Einen, wurzelt.
Im Dialog Über die Ursache, das Urprinzip und das Eine schreibt Bruno: "Somit ist das All eins, unendlich, unbeweglich. Eins, sage ich, ist die absolute Möglichkeit, eins die Wirklichkeit, eins die Form oder Seele, eins die Materie oder der Körper. Eins ist die Ursache, eins das Wesen. Eins ist das Größte und das Beste, das nicht besser verstanden werden kann und deshalb unbestimmbar und unbegrenzbar ist, das dadurch auch unbeschränkt und unbestimmt ist und daher unbeweglich."
Aus derselben Schrift kommt das folgende Zitat: "Denn wenn derjenige, der das Eine nicht begreift, nichts begreift, so begreift derjenige alles, der in Wahrheit das Eine begreift; und wer immer mehr zur Kenntnis des Einen durchdringt, nähert sich auch der Kenntnis von allem."
Der deutsche Philosoph Ernst Bloch nannte Bruno "Minnesänger der Unendlichkeit". Und vor zwei Jahrhunderten nannte Friedrich Hegel Bruno einen Kometen, der von der Planetenbahn abgewichen sei, worin die Gelehrtheit und die Schulphilosophie sich bewegten - einen Kometen, der in dreihundert Jahren zurückkehren würde. Laut Hegel werden also die Ansichten Brunos in naher Zukunft in das Denken und das Bewusstsein des Menschen Eingang finden. Vielleicht ist das so.
Hier noch einige Spuren, die der italienische Dichter-Denker mit seinem visionären Intellekt und seinem flammenden Herzen der Menschheit hinterlassen hat. In der Hauptsache sind diese seinen folgenden Schriften entlehnt und in eigenen Worten wiedergegeben: De Immenso (lateinische Werke), Die Vertreibung der triumphierenden Bestie und Über die heroischen Verzückungen (italienische Werke). Die Welten, so stellt Bruno fest, die Weltsysteme und alle sichtbaren Wesen, sind ständig in Bewegung, sind veränderlich und vergänglich. Ewig ist allein die schöpferische Energie, aus welcher alles hervorging. Ewig ist die Urkraft, die in jedem Atom wirksam ist. Jedoch die Konstellationen, die Zusammensetzungen, Formen und äußeren Erscheinungen sind veränderlich.
In der und durch die Unendlichkeit strahlt die Weltseele, die allgegenwärtige göttliche Intelligenz. Sie ist gleichzeitig All-Energie, All-Substanz. Diese Urpotenz differenziert sich ewig in unendlich viele Einheiten. Auf stofflichem Niveau sind das Atome oder, noch kleiner, sub-atomare Energie-Einheiten. Auf der Seelen- und Geistebene nennt Bruno diese Einheiten "Monaden". Der Unterschied zwischen Monaden und Atomen ist nur ein gradueller in Bezug auf ihre innerlichen Zustände. Man könnte auch sagen: ein Unterschied in der Konzentration der Urpotenz oder All-Intelligenz.
Der Kern des menschlichen Wesens ist eine geistige Monade, eine Einheit, keine Konstellation oder Zusammensetzung anderer Einheiten, und somit nicht vergänglich. Die geistige Monade ist eine Konzentration göttlicher Intelligenz, Vertreter der Unendlichkeit im Menschen, ein geistiges Prinzip mit der Freiheit der Wahl.
Die stoffliche Welt besteht aus veränderlichen Konstellationen von Atomen, von mehr oder weniger schlafenden Monaden. Manchmal nennt Bruno sie die Welt der Schatten. Ebenso wie die Himmelskörper ihre Bahnen ziehen, so zieht der Wesenskern des Menschen seine Bahn durch die stoffliche Welt. Das Ziel dieser Entwicklungsreise ist bewusste Einswerdung des geistigen Prinzips im Menschen mit seinem Urgrund, mit der göttlichen Intelligenz oder göttlichen Wahrheit.
Für Bruno ist der Mensch, der wirklich auf der Suche nach der Wahrheit ist, ein Heros. Das griechische Wort heros bedeutet Göttersohn, Halbgott, Held. Der Mensch ein Halbgott! Nach seinem geistigen Kern göttlich, ewig, nach seiner Form eine vergängliche Erscheinung, halb göttlich, halb sterblich. Der Mensch, der sich unerschrocken einen Weg zur letztendlichen Wahrheit bahnt, ist ein Held; denn er überwindet sich selbst, er überwindet, was an ihm sterblich ist, was ihn von der göttlichen Wahrheit scheidet.
In seiner Schrift Über die heroischen Verzückungen erzählt Bruno die folgende Geschichte aus der griechischen Mythologie: Aktäon, Enkel des Königs von Theben, befindet sich mit seinen Hunden auf der Jagd in einem fast undurchdringlichen Wald, ohne es zu wissen. Er wird von seinem Verlangen nach der Jagdtrophäe vorangetrieben und nähert sich so einer Lichtung mitten im Wald. Dort befindet sich ein See, worin Artemis, die Göttin der Jagd, gerade badet. Aktäon, der Jäger, lugt durch die Sträucher, die den See einrahmen, und sieht Artemis in Begleitung einiger Jungfrauen, die sich ebenfalls alle ihrer Kleider und Hüllen entledigt haben. Er ist tief betroffen von ihrer Schönheit und gerät in Verzückung. Die Jungfrauen entdecken ihn und machen Artemis mit aufgeregtem Rufen auf seine Anwesenheit aufmerksam. Hierauf besprüht die Göttin Aktäon mit Wasser. In dem Augenblick, in dem das Wasser ihn berührt, verwandelt sich der Jäger in einen Hirsch, der in den Wald hinein flüchtet. Der Jäger wird zum Gejagten. Die Hunde stürmen hinter ihm her, schlagen ihre Zähne in seinen Hals und töten ihn.
Außergewöhnlich ist die Auslegung dieser Mythe durch Giordano Bruno. Es gibt viele Arten von Jägern: Jäger nach Glück, Ansehen, Macht und Genuss, Jäger nach irdischen Gütern, Jäger nach mehr Kenntnis. Es gibt auch den Jäger nach der göttlichen Wahrheit, den Heros. Auf seiner Suche kommt er in einen fast undurchdringlichen Wald - in sich selbst, in seinem irdischen, chaotischen, sterblichen Wesen. Die Hunde symbolisieren sein Denken und seinen Willen, die er - jedenfalls anfangs - braucht, um seinem Ziel hinterher jagen zu können. Und dann kommt der wunderbare Augenblick, dass der Held das Mysterium, die göttliche Artemis oder Diana anschauen darf. Das ist der Moment der totalen Veränderung. Der Jäger wird das Gejagte, der Sucher wird oder ist das Gesuchte, oder, wie auch oft gesagt wird: der Wahrnehmer ist das Wahrgenommene.
Bei der Jagd nach dem Göttlichen, dem Allumfangenden, wird man letztendlich selbst durch das Göttliche gefangen. Man wird vollkommen davon in Besitz genommen. Man geht darin auf. Der geistige Kern des Menschen hat seinen Urgrund wiedergefunden. Er wird bewusst eins damit. Und hierdurch verändert sich der Mensch. Aktäon wird Hirsch. Er steigt über sein irdisches Menschsein hinaus und verlässt in Wahrheit die gewöhnliche Welt. Er tritt in den Wald, die Einsamkeit, ein. Schließlich steigt er auch über diesen Zustand hinaus. Er wird losgelöst von allen Banden, Verwirrungen und Illusionen der Sinneswerkzeuge. Er wird befreit aus dem Kerker des körperlichen Seins, was durch den Tod symbolisiert wird. Das ist kein buchstäblicher Tod, sondern der mythische Tod der totalen innerlichen und äußerlichen Veränderung. Der Schauende und das Geschaute sind nun eins. Es gibt keinen Wald mehr, keine Sträucher, die einen Abstand zwischen dem Sucher und dem Gesuchten herstellen. Die Jagd ist zu Ende, der Jäger ist verschwunden. Das geistige Wesen des Menschen ist eins geworden mit der großen Urmonade - mit dem unendlichen Sein, dem unendlichen Selbst.
In seiner Schrift Die Vertreibung der triumphierenden Bestie kleidet Bruno die Reise des Menschen aus seinem irdischen Bestehen zu seiner wahren Bestimmung in ein anderes prächtiges Bild. Er vergleicht den Menschen mit einem Schwan, der tief in seinem Wesen Schmerz und Reue wegen seiner Gefangenschaft im irdischen Bestehen fühlt. "Dieser Schmerz ist der Stachel der Reue, und die Reue können wir eine Tugend nennen. Die Reue gleicht einem Schwan. Er kann sich nicht erheben, weil das Bewusstsein der Erniedrigung ihn auf dem Boden festhält. Darum kehrt er sich von der Erde ab und sucht das Wasser. Das Wasser ist die Träne, vergossen wegen der Gewissensbisse. Und in diesem Wasser trachtet der Schwan sich zu reinigen, um der unberührten weißen Unschuld gleich zu werden.
Der Schwan oder die Seele hält Einkehr bei sich selbst. Sie erinnert sich ihres erhabenen Erbes und beginnt, zuerst zögernd, von all dem Schlechten Abstand zu nehmen. Aufs neue wächst ihr Gefieder, sie erhebt sich, wird erwärmt durch die Sonne und entflammt in Liebe zum Göttlichen. So wird sie ätherisch und verändert sich in ihr eigenes ursprüngliches Wesen. Waren auch Irrtum und Sünde die Ursache der Reue, nun nenne ich die Seele die purpurne Rose, wachsend zwischen scharfen Dornen. Ich nenne sie einen leuchtenden Funken, der, geschlagen aus hartem Kiesel, sich erhebt zur Sonne, mit welcher er innig verwandt ist."
Vortrag: Erich Kaniok
Übersetzung: Ursula Klee

