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Das Symposium als Seelennahrung
Weil viele Menschen Gott feuriger lieben können, als Ihn wirklich zu kennen, ist der Weg der Liebe sicherer für die Menschheit und besser geeignet für das unendliche Gute, das sich selbst an so viele Menschen wie möglich wegschenken will.
Paul Oskar Kristeller, der große Ficino-Kenner und derjenige, der Ficino ursächlich für uns, die Nachwelt, wieder zugänglich gemacht hat, unterstrich 1987 auf einem Symposium in Figline, dem Geburtsort von Ficino, von welch eminenter Bedeutung Marsilio Ficino gewesen ist. Frappierend war, dass diese Bemerkung nicht so sehr Ficinos Einfluss auf das europäische Denken meinte, sondern auf Ficino persönlich hinwies als Mensch und als Wissenschaftler:
"Ficinos größte Bedeutung liegt in der Tatsache, dass er ein wichtiges Glied in der goldenen Kette darstellt, die die Tradition des metaphysischen Denkens bildet und von den Prä-Sokratikern und Plato bis zu Kant, Hegel und weiter führt. In meiner langen Karriere als Wissenschaftler - und oft quer durch äußerst mühevolle, manchmal sogar elende Zeiten - ist dies für mich ein Fels von intellektueller und moralischer Hilfe gewesen - was für mich nützlicher war als die vielen wechselnden, der Mode unterworfenen Theorien meiner Wissenschaftler-Kollegen."
Heute wollen wir untersuchen, worauf die Wertschätzung dieses großen Denkers zurückzuführen ist, dieses Mannes, der schon einmal beschrieben wurde als "ein Mensch mit einem diamantenen Verstand und der Seele eines Engels". Und während wir mit dem Vergrößerungsglas diese kleine Gestalt betrachten, sehen wir unmittelbar, dass Ficino selber, in seiner Zeit, in seiner eigenen Umgebung, als ein Katalysator, als ein Vergrößerungsglas gewirkt hat.
Die Umgebung war das Florenz des 15. Jahrhunderts, das Florenz, das auf allerlei Arten durch das Wohl und Wehe der berühmten Familie de´ Medici gezeichnet war. Welche Assoziationen ruft dies doch bei uns westlichen Menschen am Ende des 20. Jahrhunderts hervor! Und gleichzeitig: wie sehr ist doch unser Blick getrübt
- durch die Jahrhunderte Kirchen- und Denkergeschichte, die zwischen
damals
und heute liegen,
- durch das Denken der Aufklärung, das ganz sicher ein Gegenpol zu
Ficinos
neuem Platonismus ist,
- durch die Romantik, z.B. Rilke oder die Prä-Rafaelliten, die
danach strebten,
das 15. Jahrhundert im reinen "Gefühl" zu verstehen,
- und durch unsere eigene, weit vorangeschrittene mentale Besetzung der Begriffe "Schönheit" und "Wahrheit", sowie das Leben im allgemeinen.
Im 15. Jahrhundert stellte das sehr reiche, aber auch sehr enge Zusammenleben in Norditalien eines der wichtigsten Zentren der gesamten intellektuellen und spirituellen Bewegung dieser Periode dar. Und die sich öffnende Blume der Renaissance, die Rinascimento, blühte in Florenz - ihre Krone, ihre Kelchblätter wurden von einem ziemlich kleinen Kern sehr begabter Menschen gebildet.
In der Umgebung der Medicis sind das vielleicht etwa 100 bis 150 einflussreiche Persönlichkeiten gewesen, die eine enorme Bewusstsseinsveränderung zuwege brachten, und die Europa kräftig und definitiv aus dem langen Schlaf des dunklen Mittelalters wachrüttelten.
Das sagt man eben so. Man spricht oft von dem "dunklen Mittelalter". Um nicht weiter in Klischees zu verfallen, wollen wir zu allererst diesen Ausdruck so formulieren, dass nach keiner Richtung eine Begriffsverwirrung entstehen kann. Der "Schlaf" oder das "Dunkle" betrifft nicht die kleinen, vollkommen christlich zu nennenden Gemeinschaften, die in den Resten des großen, aber dünn bevölkerten karolingischen Europa versuchten, die Weisheit der vorangegangenen Periode zu bewahren. Dafür war eine sehr aufgeweckte Mentalität nötig!
Äußerst sorgfältig kopierten sie minutiös die Schriften der griechischen und römischen Klassiker. Dank dessen sind die "Humanoria", die klassischen Wissenschaften aus dieser Zeit, bewahrt geblieben und wurde durch die Zeiten hin die Basis bewahrt, auf welcher vielleicht wohl 90 % der späteren Wissenschaft aufbaute. Auf zahlreiche Arten versuchten sie, diese Wissenschaften anzuwenden und für die Nachwelt zu erhalten. Diese Mönche - denn das Kopieren war hauptsächlich Mönchsarbeit - waren sich sehr wohl bewusst, dass das klassische lateinische Altertum dabei war, zu verschwinden und größtenteils bereits verschwunden war. Unter ihnen waren einige, die sehr präzise angeben konnten, wann dieser Augenblick gewesen war: nämlich als 526 n.Chr. die alte, ruhmreiche und auch sehr einflussreiche Akademie verboten worden war. Die Akademie, die damals vor neun Jahrhunderten, im 5. Jahrhundert v.Chr., von Plato gegründet, von Xenokrates weitergeführt wurde und danach durch Aristoteles die Form bekam, in welcher sie so viele Jahrhunderte wichtige Strömungen der griechisch-römischen Gedankenwelt beeinflusste, hörte im 6. Jahrhundert auf zu bestehen, und ihre Gelehrten mussten nach Osten fliehen. Von diesem Moment an gab es keinen Brennpunkt mehr, aus welchem erneuernde Impulse durch das analytisch wahrnehmende Denken aufgefangen und über eine mehr oder minder "zivilisierte" Welt ausgestrahlt werden konnten. Das junge Christentum war der Beginn einer neuen Periode; aber man kann das noch keine neue Kultur nennen oder behaupten, dass eine neue, selbständige oder intellektuelle Oberschicht in Sicht war. Noch lange nicht!
So wollen wir heute den "Schlaf" des Mittelalters sehen: auf der einen Seite noch lange kein Selbstbewusstsein auf der Basis des jungen, neuen Christentums, auf der anderen Seite das Unvermögen, sich über das unbewusste Bewahren der klassischen Weisheit zu erheben. Und in dem gleichen Bewusstseinszustand sehen wir den mittelalterlichen Menschen: vollkommen im Geist des Mittelalters ist er ein Teil, ein Teilchen einer gesellschaftlichen Struktur. In die strikt unterteilte Bevölkerung war jedes Mitglied nahtlos mit festem Platz und Aufgabenbereich eingepasst. Die Klassen waren streng voneinander geschieden.
Das Ziel eines Menschenlebens war, einfach ein Kettenglied zu sein, damit die Kette nicht zerbräche. Der Bauer war der Abtei, dem Bischof oder dem Stift verpflichtet, von dem er Land pachtete; er versorgte den Lehnsherrn mit Nahrung, der Lehnsherr verschaffte dem Grafen oder Bischof Nahrung und Kriegsleute, und der Kaiser war fern in den Hintergrund gerückt. Umgekehrt beschützte der Bischof eine Gruppe von Lehnsherren, und jeder Lehnsherr seinerseits bot seinen Bauern Schutz - wenn er nicht zu spät kam! Jeder war ein Sünder, Teilhaber an der Erbsünde, und aus dem Bewusstsein verschwand für lange Zeit das helle, starke Denken der Spätklassiker. Es war der leibliche Christus, an den geglaubt wurde - als Sühneopfer für die Seele. Selbstbewusstsein, Geist, das war jedenfalls in unserem Europa nicht zu finden, umso mehr, als die Kirche im 9. Jahrhundert während des Konzils von Konstantinopel den Geist formell abgeschafft hatte. Körper und Seele, darum ging es! Die Erde musste bearbeitet, gepflügt, besät werden, und zwar mit dem der Hölle unterworfenen Körper und der sündigen Seele! Und doch, sehr, sehr langsam bekamen die Reste des großen Karolingisch-Römischen Reiches Selbstbewusstsein. In den Jahrhunderten nach Karl dem Großen - der 800 den Papst überzeugt hatte, wie nötig es sei, ihn in Nachfolge der römischen Cäsaren zum Kaiser zu krönen, auch als Gegengewicht gegen das andrängende östliche Byzantinische Reich, das bereits geraume Zeit nach Italien, nach Ravenna, ausgedehnt war - konnte das große Reich nicht mehr zusammengehalten werden. Langsam entwickelten die immer mehr voneinander isolierten Gebiete eine Art von Selbstbewusstsein, eine Art Nationalgefühl - übrigens oft die Ursache für viele moderne Konflikte! Die kleineren, nationalen Belange nahmen zu, Konflikte mit Nachbarstaaten blieben nicht aus, und man konnte von einem zunehmenden Reichtum sprechen.
Vergeben Sie uns, dass wir mit großen Sprüngen durch die ersten Jahrhunderte des nun fast abgelaufenen Millenniums gehen. Das neue, beginnende Selbstbewusstsein drückt sich vielleicht wohl am stärksten in einer eigenen Sprache aus. Oder vielleicht, dass die Sprache die ältesten Spuren dieses Selbstbewusstseins trägt: Überall in Europa beginnen Sänger, Dichter und Erzähler das Latein der vorangegangenen Jahrhunderte hinter sich zu lassen. Ihre Lieder erklingen nun in einer eigenen Sprache. Eine der frühesten - und schönsten - Formen davon ist vielleicht wohl das Okzitanisch. Aber nicht lange danach entsteht eine französische Sprache, eine deutsche und eine niederdeutsche Sprache, das Spanisch und auch das Italienisch.
Das beginnende Selbstbewusstsein drückt sich auch in den frühen Werken der italienischen Literatur aus: man denke an Petrarca und vor allem an Dante Alighieri, der Florenz - und der Welt - seine unvergängliche Divina Commedia schenkte, ein Gedicht, ein Epos, möglicherweise geschrieben aus Heimweh wegen seiner Verbannung aus Florenz, aber sicherlich ein universelles Wissen wiederspiegelnd. Dante verwendet hier wieder Personen und Namen aus dem Altertum, nun jedoch in ein christliches Welt- und Himmelsbild gestellt. Sein Werk zeigt einen Aufbau, der starke Übereinstimmung mit dem Weltbild des Dionysius Areopagita aus dem fünften Jahrhundert aufweist, von welchem man zu Ficinos Zeit glaubte, dass er ein Zeitgenosse, ein Schüler von Paulus gewesen ist. In Dante können wir in diesem Sinne den letzten mittelalterlichen Menschen sehen - oder den Vorläufer des Menschentypus, der dem folgenden Jahrhundert einen solch besonderen Glanz verleihen würde.
Das ist, wie wir in ein paar groben Zügen skizzieren durften, der intellektuelle Hintergrund des Florenz, in welchem der einfache Cosimo de Medici seinen enormen Reichtum zusammenträgt. Das ist die Umgebung, wo der brillante Ficino von ihm entdeckt wurde, Sohn seines Leibarztes aus der toskanischen Umgebung von Florenz. Cosimo sorgt für seine Erziehung und Ausbildung, lässt ihn bereits in jungen Jahren Plato übersetzen und gibt ihm 1462 eine griechische Schrift des ägyptischen Hermes, des dreimal Großen, die er 1460 zum Geschenk erhalten hatte. Und in dieser Umgebung gründet Cosimo seine Academia. Marsilio soll diese leiten, und nach Cosimos Tod war es dieser, in enger Freundschaft mit Cosimos Enkel Lorenzo, der der Akademie Form, Glanz und Pracht verlieh und die Basis für jahrhundertelangen Ruhm legte.
Tatsächlich hat Ficino sein ganzes Leben hindurch gelehrt. Er ist ein gewissenhafter Verfasser und Redakteur seiner eigenen Briefe gewesen, die er Stück für Stück in Kopie aufbewahrte, mit besonderer Sorgfalt umgab und publizierte. Diese Briefe, von welchen bei der Rozekruis Pers zwei Bände erschienen sind, zeichnen sich durch ihren klaren Stil aus. Sie scheinen persönlich und sind leicht verständlich geschrieben, aber sie sind zugleich deutlich für Information und Unterricht bestimmt: meistens behandeln sie ein Thema, endigen fast immer mit einer Perspektive und weisen stets auf die Möglichkeit hin, unter allen Umständen Seelenqualitäten im Menschen zu entwickeln.
Worum geht es dann bei der so bedeutungsvollen Veränderung, die Ficino und der Personenkreis um ihn im Bewusstsein der Menschen zu Wege brachten? Dürfen wir es kurz sagen: Nicht mehr die Erde muss bearbeitet werden, sondern die Seele! Es ist der Übergang von dem Menschen, der sich als ein vielleicht wertvolles, aber doch winzigkleines Teil eines Ganzen erfährt, zu dem Menschen, der sich selbst als eine autonome Entität erkennt. Als ein Ganzes, wie es die berühmte Zeichnung darstellt, wo der Mensch an fünf Punkten die äußerste Grenze seines Mikrokosmos berührt: nicht mehr als ein Kleingläubiger, sondern als ein Machthaber, selbstbewusst seinen Einfluss in das umringende Weltall ausbreitend. So steht er da in da Vincis Zeichnung. Er ist stolz und selbstbewusst die Mitte sowohl des Kosmos als auch des Mikrokosmos, er unterliegt Einflüssen, die aus dem Universum auf ihn einwirken, und umgekehrt ist er derjenige, der Ursachen für eine Entwicklung schafft.
Dies ist nicht nur eine Zeichnung. Es ist der Ausdruck einer neuen Erkenntnis des Seins, ein Ausdruck, der schon einmal beschrieben wurde als "der Frühling des europäischen Selbstbewusstseins", und es ist gleichzeitig unter anderem das Resultat des Denkens und Wirkens von Ficinos Academia. Es ist der Mensch, dem das Prädikat Uomo Universale verliehen wird. Es wird Sie heute, innerhalb des Kreises des Rosenkreuzes als Veranstalter dieses Symposions, nicht erstaunen, wenn wir sagen, dass die ursprüngliche Aussagekraft dieses Begriffes heutzutage wenn auch nicht verloren, so doch ernstlich abgewertet ist.
Denn der Uomo Universale war nicht der Mensch, der in intellektuellem Sinne von allem einige Kenntnis besaß. Die Akademie sah den Menschen nicht als ein Wesen an, das so viel wie möglich Wissen sammeln sollte, sondern als ein Wesen, begabt mit Bewusstsein und mit einem Selbst, das in vollkommener spiritueller Freiheit wie eine Sonne strahlte. Und der Brennstoff war nichts anderes als die mächtige Kraft der Liebe, die das Selbst des Universums ist. Für ein Mitglied von Ficinos Akademie galt - und markiger als Marsilio es zusammengefasst hat, geht es kaum:
"Er kann nicht anders als brennen, denn er brennt auf himmlischen Befehl. Und etwas anderes als brennen kann er nicht, denn beim Suchen nach Erleuchtung gibt er dem Feuer erst recht dauernd Nahrung mit dem Trank, womit er es vergebens zu löschen hofft. Woher rührt solch eine herrliche Mischung von Freiheit und Zwang, es sei denn von Gott allein? Denn Gott ist äußerste Notwendigkeit und äußerste Freiheit, und wir verlangen alle und über die Maßen das äußerste Gut. Wir können nicht anders wünschen, noch wünschen, dass wir es könnten."
Das ist es, was jeder ehrliche Forscher von Ficino lernen kann; obwohl dies sicherlich keine neuen Gedanken sind. Es gibt jedoch noch einen Aspekt, dem man weniger oft begegnet, den wir aber an diesem besonderen Ficino-Tag nicht vergessen wollen, in unsere Überlegung mit aufzunehmen: sowohl in seinem eigenen Schicksal als auch im Menschheitsschicksal im Ganzen sah Ficino nur allzu deutlich, dass, obwohl der neue Uomo Universale das absolute Bewusstsein, die absolute Sicherheit in sich trug, in dem prächtigen, strahlenden Mikrokosmos trotzdem die angeborene menschliche Schwäche herrschte, die Paulus den Stachel des Todes nennt.
Kein einziges Argument, wie prächtig auch formuliert, wie poetisch ausgedrückt, wie frühlingshaft auch geschildert, konnte diesen Tod verneinen oder zunichte machen. Das galt für ihn selbst, für die Akademie-Besucher und für alle seine Korrespondenten. Dafür war notwendig: das große Geheimwissen der Eingeweihten, das Geheimnis des Lebens aus dem Tod, das Geheimnis der Auferstehung. Kurzum: das Geheimnis vom Wesen des Christus, den Ficino den Meister des Lebens nennt. Es ist das Geheimnis des letzten, heiligen Abendmahls.
Viele moderne Renaissance-Kenner wollen diesen Aspekt zu leicht abtun, weil es im revival of the pagan gods - die heidnischen Götter, die in diesem fünfzehnten Jahrhundert wieder zum Leben kommen - etwas schwierig unterzubringen ist. Viele Esoteriker sehen lieber Ficinos glasklare Auseinandersetzungen in seinen 18 Büchern über Plato oder seine besonders scharfsinnigen astrologischen Ansichten näher beleuchtet. Auch gibt es Stimmen, die darauf hinweisen, dass die Wiederbelebung der Klassik keine gute Sache für die Entwicklung des europäischen Menschen gewesen ist, der dazu vorbestimmt war, eine nur esoterisch-christliche Entwicklung zu durchlaufen.
Aber für Ficino war es gerade diese Synthese des klassischen und des christlichen Impulses, die ihn instandsetzte, eine bessere und tiefere Einsicht in das Christusmysterium zu erhalten und in der Seele den alten Saturn (und wir verstehen: die Erde oder den Körper), der ihm so oft Streiche spielte, zu überwinden und dem Geist näher zu kommen, über welchen er so viel nachgedacht hatte. Nach seiner Ansicht konnte man Jesus den Herrn nicht ohne Plato rein genug verstehen, und Plato und Sokrates nicht, ohne zu erkennen, dass sie auf den Christus hinwiesen.
Wie können wir heute von der Florentinischen Akademie ein Bild entwerfen? Wir können Namen von Persönlichkeiten nennen, die zu Ficinos Kreis gehörten - und wie oben erwähnt, sind es beeindruckende Namen. Allein schon alle seine Briefe sind an mehr als hundert berühmte Personen geschrieben, von denen wir noch heute die Malereien, die Gedichte, die Philosophie und meist die Lebensgeschichte kennen; denn über die italienische Renaissance wurde schrecklich viel geschrieben. Aber es ist jetzt vielleicht spannender zu hören, wie Ficino dies selber sah. Die Art und Weise und die Form, innerhalb derer diese Freunde zusammenkamen, erzählt uns wahrscheinlich mehr; das war das Festmahl, das Symposion. Wir können den Geist der Akademie ausgezeichnet in den sympathischen Richtlinien und Ratschlägen erkennen, die Ficino über die Ausführung, das Ende, die Form, den Proviant, die Vorschriften und den Einfluss des Festmahls gibt.
Das Festmahl bedeutete in den Worten von Ficino - und nun folgt ein
langes Zitat:
"Ausruhen von der Arbeit, Befreiung von Sorgen und Förderung
von Talenten; es ist ein Vorbild von Liebe und Glanz, Nahrung des
Wohlwollens, Kräuter der Freundschaft, es gibt Glanz und Licht und
ist der Trost des Lebens." Sie verstehen, der blumenreiche Ficino
selber spricht. Anzahl und Qualität der Teilnehmer sind von
größter Bedeutung. Ziel ist: nicht nur Teilhaben an einem
Mahl, sondern Austausch, das Aufgehen in einer gemeinschaftlichen
Emotion; nicht nur Lebensmittel, sondern vor allem Geistesgut teilen.
Und das Resultat: die Gliedmaßen werden gestärkt, die
Lebenssäfte aufgeweckt, der Geist wird wiederhergestellt, die
Gefühle empfangen Freude, und die Rede kultiviert sich.
Sehen wir nicht direkt die Übereinstimmung mit den symposia von Plato - und heißt die Akademie deshalb nicht auch die Platonische Akademie, wo Sokrates seine weisen und zugleich spitzfindigen Lehren zum Besten gab? Göttliches wird besprochen bei denjenigen, die maßvoll sind - welch ein Segen! Die Konversation soll variabel, angenehm und kurz sein. Den Sprechern wird empfohlen, die Natur zum Vorbild zu nehmen, denn sie, Meisterin über die Schöpfung und Geliebte des Lebens, bringt die allersüßesten Früchte hervor; nun wohl, so sollen die Sprecher mit ihren Worten Liebe und Freude erwecken. Natürlich können sie Liebe mit Bissigkeit vermischen, Humor mit Ernst, Nutzen mit Spaß. Lasst sie geistreich und gesalzen sein in ihrer Intelligenz, aber niemals beleidigend oder bitter. Ein Festmahl kann sicher Essig vertragen, aber kein Vitriol. Ein Festmahl in unserem Sinne ist nicht aus auf Pracht und Prahlerei, artet aber auch nicht in sklavische Armut aus. Wir wünschen eine sorgfältig gedeckte, schöne Tafel, und alles muss gewürzt werden mit dem Salz der Begabung und erleuchtet sein mit den Strahlen von Aufmerksamkeit und guten Manieren, so dass die Düfte sich ausbreiten und am folgenden Tag noch süßer sind.
Rechtfertigung für das Festmahl fand Marsilio Ficino vollauf: "Der Himmel selbst umfasst die Milchstraße, den Weinkrug von Vater Waage, Krug und Krebs, Fische und Vögel. Es ist überdies eine Form, die an das Abendmahl von Jesus dem Herrn erinnert, das zentral steht. Und wer weiß nicht, dass Christus, der Meister des Lebens, oft einem Festmahl beiwohnte und bei einem davon sein erstes Wunder vor dem Volk verrichtete, als Er Wasser in Wein verwandelte? Ebenso nährte er rund um den See von Galiläa viele Tausende mit einigen Broten und Fischen. Was kann eine (volle) Honigwabe mehr für sich selbst wünschen? Und war es nicht während einer Mahlzeit, dass Er seinen Jüngern die höchsten Mysterien in wohlgesetzten Worten enthüllte? So hat er uns das wunderbare Sakrament des heiligen Abendmahls gegeben."
"Und warum all das Geschreibsel," so schließt er, "über das Festmahl? Einfach um zu erreichen, dass wir wieder zusammen an der Einheit des Glücks teilhaben mögen, da wir gewöhnlich im Elend eines abgetrennten und einzelnen Bestehens leben. Lasst uns außerdem nicht vergessen, dass die wahre Nahrung des Menschen nicht so sehr Pflanze oder Tier ist, sondern der Mensch selber, und die vollkommenste Nahrung für den Menschen nicht so sehr der Mensch, sondern Gott selber ist, der den menschlichen Hunger und Durst mit Seinen Himmlischen Speisen ständig weckt und vergrößert, bis er letztendlich auf wunderbare Weise und im Überfluss gesättigt wird. So wird in Ihm allein die höchste Freude vereint mit der höchsten Sättigung."
So formulierte Ficino vor 523 Jahren die Voraussetzungen für ein gelungenes Symposion. Wir sehen es vor uns, sehr geehrte Teilnehmer an diesem Symposion, wie Ficino seine Tischgenossen inspirierte und ihre Gedanken immer wieder mit dem Allerhöchsten zu verbinden wusste. Und wirklich, es waren sicherlich nicht die Geringsten, die daran teilnahmen, und der Begriff Uomo Universale erhielt in diesem Glanz eine völlig andere und viel tiefere Bedeutung.
Wie können wir nun die Beiträge dieses kleinen Mannes aus Careggi vor uns sehen? In drei Dingen:
- Für den Verstand entschlüsselt er den ursprünglichen Plato, der uns mit der Welt der Reinen Idee verbindet, und ist er ein Neuplatoniker par excellence;
- für das Gemüt bestimmt er Hermes Princeps, den Quell; so ist er der erste Pansophist;
- für den Mikrokosmos stellt er uns vor den Christus, den Meister, der durch seine Liebe das Mysterium des Lebens für uns öffnet und die kleine Welt im Geistfeuer entzündet; so ist er ein wahrer Christ.
Durch das harmonische Verbinden dieser drei in eine erleuchtete und wirksame Einheit ist Ficino ein absoluter Erneuerer. Verstehen Sie uns gut, auf keine einzige Art will das Rosenkreuz Ficino vereinnahmen. Er war Priester und Dominikaner, und die Gnostiker aller Jahrhunderte haben durch Schaden und Schande gelernt, die nötige Vorsicht gegenüber allem, was aus diesem Orden kommt, walten zu lassen. Nach dem Geist ist er gleichwohl ein Erneuerer zu nennen, weil er Wissenschaft mit christlichem Hermetismus verbindet und seine Geistverwandten in einer Bruderschaft zusammenfügt: der Academia. Und damit tut er genau das, was Andreae und die Seinen im siebzehnten Jahrhundert aufs neue vor Augen hatten, und was die moderne Geistesschule des Lectorium Rosicrucianum, allerdings von noch einem anderen Standpunkt aus, noch immer beabsichtigt.
So steht am Vorabend des einundzwanzigsten Jahrhundertes der Uomo Universale noch immer als ein zu verwirklichendes Ideal vor uns: der universelle Mensch, nicht zu verstehen als Mittelpunkt der intellektuellen Erde. Sicherlich hat das Wissen in jedem Fachgebiet und in jeder Wissenschaft seither tausendfach zugenommen. Aber der Begriff Einheit, das Bewusstsein der Menschenwürde, die Kraft eines geläuterten Willens und die heilende Kraft der Liebe sind heute womöglich weiter entfernt denn je. Wie Marsilio Ficino sprechen wir mit Ihnen über den universellen Menschen, zu verstehen als wiederhergestellte, wohltätige, wirksame kleine Welt, worin als Basis das gleiche spirituelle Liebesfeuer brennt wie im Kosmos und der Stachel des Todes durch die wirkliche Erkenntnis des Geistes weggenommen ist.
Und so stellen wir uns vor, dass unser Beisammensein hier ebenfalls ein Festmahl sein kann, bei welchem uns Nahrung in Form von Inspiration oder geistigen Eindrücken innerlich stärken kann, so dass "wir wieder zusammen an der Einheit des Glücks teilhaben mögen", wie Ficino es ausdrückt, weil wir gewöhnlich ein gegenteiliges Leben führen: "im Elend eines abgetrennten und einzelnen Bestehens". Die Einsicht wird Ihnen leicht fallen, dass auch in dieser Zeit nur wenige dazukommen können. "Die Masse," so schreibt Ficino, "lebt von Unsinn," während das Festmahl dem Leben tiefen Sinn verleiht.
Diesen tiefen Sinn in unser Leben tragen zu können, ist gleichzeitig die Rechtfertigung unseres Gedenktages für Ficino. Diese Verinnerlichung in ihrem Leben zu erfahren, ist auch das einzige Ziel derer, die sich in der Schule des Goldenen Rosenkreuzes zusammenfinden, von welcher dieses Symposion ausgeht, und ihre Rechtfertigung ist: wirklich wirksames Licht zu bringen, das die vielen abgetrennten und vereinzelten Leben zur Einheit zurückzuführen vermag. Denn darum geht es: dass auch in unserer Zeit die unentbehrliche Nahrung für die Seele - das ist das eigentliche menschliche Selbst, und dürfen wir es hier so formulieren: der Christus im Menschen - durch die Erkenntnis des Lichtes und durch rechte Anstrengung gefunden werden kann, damit einst die Seele den Geist in und nach aller innerlichen menschlichen Entwicklung von Angesicht zu Angesicht erkennen wird.
Wollen wir diese Einleitung dann beschließen mit einem Wort, das
Ficino dem von ihm so verehrten und oft kommentierten Plato entlehnte:
"Dass jeder von uns jede andere Art der Kenntnis hinter sich lasse
und nur eine Sache suche und ihr nachfolge, wenn es ihm möglich ist
.... den Unterschied zwischen Gut und Böse."
Dafür benötigt man das unterscheidende Licht der Liebe, das
das Herz im All-Guten entzündet. Und dann kann es sein, wie
Marsilio sagt, "dass einer, gewöhnlich langsam vom Feuer
angezogen, unerwartet ergriffen und dann in Feuer und Flamme gesetzt
wird durch die flammende Pracht des göttlichen Strahls, der uns in
seiner Schönheit so herrlich erleuchtet."
Vortrag: P.F.W. Huys
Übersetzung ins Deutsche: Ursula Klee
Literatur:
Arthur Field, The Origins of the Platonic Academy of Florence.
Princeton, New Jersey, Princeton University Press, 1988
P.O. Kristeller. Marsilio Ficino and his work after five hundred years.
Olscki Editore, 1987
P.O. Kristeller. Die Philosophie des Marsilio Ficino. Frankfurt am Main,
Klostermann, 1972
M. Ficino. Geef vrijelijk wat vrijelijk ontvangen is. Brieven deel II.
Haarlem, Rozekruis Pers. 1996, p 78
Die Entdeckung des unversehrten Körpers von Hermes
Marsilio Ficino ist für die Renaissance und für die europäische Kultur wegen seiner Übersetzung der hermetischen Schriften, bekannt unter dem Namen Corpus Hermeticum, von eminenter Wichtigkeit gewesen.
Im Jahre 1406 brachte ein Mönch von einer Reise durch Macedonien eine griechische Handschrift mit, die er dem Stifter der "Platonischen Akademie", Cosimo de' Medici, schenkte. Cosimo gab zwei Jahre später, 1462, dem Leiter der Akademie, Ficino, den Auftrag, die Handschrift in Latein zu übersetzen, eine Arbeit, die dieser 1463 vollendete. Anfangs zirkulierten Abschriften der Übersetzungen unter den Mitgliedern der Akademie in Florenz, später, 1471, erschien das Werk im Druck. Diese Ausgabe hatte einen ungeahnten Erfolg und wurde viele Male aufgelegt.
Bis zur Wiederentdeckung der Handschrift waren während des Mittelalters nur Bruchstücke des Corpus Hermeticum bekannt gewesen. Der Einfluss der gedruckten Ausgabe der hermetischen Schriften von 1471 auf die humanistische Renaissance kann schwer eingeschätzt werden. Pico della Mirandola, der 1486 die berühmte Oratio, die Rede über die Menschenwürde, verfasste, nannte Hermes Trismegistos eine der größten Quellen für die Philosophie, wodurch die Offenbarung des Christus bewiesen werde. Giordano Bruno rühmte gleichfalls den legendären Ägypter und verbreitete selber die "ketzerische" Lehre, worin die "gute Religion", wie er die ägyptische Magie nannte, durch das aufkommende römische Christentum vertrieben worden war. Dank Ficino und Cosimo de' Medici sah "das westeuropäische Christentum sich plötzlich mit einer zweiten göttlichen Offenbarung konfrontiert, die noch deutlicher war als die der Bibel".
Der ägyptische Weise Hermes Trismegistos wurde im griechischen und römischen Altertum als der älteste Menschheitslehrer angesehen, der Plato und Pythagoras beeinflusst haben sollte, ja sogar Moses. In der Renaissance glaubte man mit den hermetischen Schriften den Bronnquell in Händen zu haben, woraus der biblische Glaube und die griechische Philosophie geschöpft hatten - eine Meinung, die durch neuere Untersuchungen, u.a. von Professor Quispel, stark gestützt werden konnte.
Hermes wurde von dem römischen Geschichtsschreiber Herodot mit der ägyptischen Gottheit Thoth gleichgesetzt. Thoth galt als derjenige, der der Menschheit die Schrift, die Basis für alle Wissenschaft und Kultur, gebracht hatte. Auf dem berühmten Stein von Rosette, der zur Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen führte, kommt sein Beiname vor: Trismegistos, der "dreimal Große", denn er war ein Großer auf dem Gebiet von Gottesdienst, Wissenschaft und Kunst.
Die offene und alles einschließende Religiosität der hermetischen Weisheitslehre, die nach Ficinos Übersetzung und Buchausgabe zur Blüte kam, enthielt eine organische, beseelte Kosmologie, worin Gott, Kosmos und Mensch zusammen ein magisches Dreieck bilden. Die Blütezeit der hermetischen Philosophie dauerte bis zur ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wir sollten dabei nicht nur an ein mystisch gefärbtes philosophisches Gebilde denken. Es ging den Hermetikern um die Einheit von Wissenschaft und Weisheit, des Wissens in all seinen Facetten. Der Unterschied zwischen esoterischer und exoterischer Kenntnis, den wir heute machen, war damals noch nicht bekannt.
Die Sicht der Hermetiker befasste sich hauptsächlich mit dem Platz des Menschen im Kosmos. Daraus entstanden drei Hauptströme. Der erste davon ist die Magie, das heißt die Kenntnis und die Mittel zur Beschwörung des Göttlichen zu Gunsten des Menschen. Der zweite Strom der Kenntnis ist der der Astrologie: also Kenntnis der Konstellationen und der Bahnen der Himmelskörper und Sterne und ihres Einflusses auf das irdische Leben. Zu dieser Strömung gehörte auch die Kenntnis auf dem Gebiet der Pflanzen- und Heilkunde, kurzum: die Naturphilosophie. Die dritte Strömung ist die der Alchemie, der Kenntnis, die auf innerliche und äußerliche Transformationsprozesse in Natur und Mensch Bezug hat. Es ist vor allem die Alchemie gewesen, die in der Renaissance einen enormen Einfluss ausgeübt hat.
Der Mensch steht also in der hermetischen Philosophie, Magie und Alchemie zentral. Denn der Mensch ist - in den Worten von Asklepios (einer der Hauptfiguren aus dem Corpus Hermeticum) - ein "großes Wunder". Er ist nämlich ein Wesen von sowohl sterblicher als auch unsterblicher Art. Nach seinem Körper ist er sterblich, nach seinem göttlichen Kern, seinem Innersten, ist er unsterblich. Im Wesentlichen ist der Mensch Gott gleich. Der göttliche Funke im Menschen liegt jedoch durch die Begierden des Körpers in tiefem Schlaf, in tiefer Betäubung. Und es ist der Auftrag an den Menschen, sich seiner göttlichen Herkunft zu erinnern, sich seines göttlichen Wesenskerns bewusst zu werden und den Schwerpunkt in seinem Leben zu verlegen, indem er diesem Kern sein "Ich" übergibt. Dies ist der Sinn seines Bestehens.
Bei diesem Erwachen braucht der Mensch Hilfe, Kraft und Unterweisung. Das Ziel des menschlichen Bestehens ist die Erfahrung des Göttlichen im eigenen Wesen, das Sich- bewusst-werden der göttlichen Wirklichkeit. Der Unterricht ist dabei von sekundärer Wichtigkeit. Die hermetische Lehre kann den Menschen nur begleiten. Die göttliche Erleuchtung kann nicht gelehrt werden. Das erwachende göttliche Urprinzip im Menschen kommt ihm als Kraft zu Hilfe, und diese wird für ihn der neue Quell für Inspiration und Intuition, der neue Lebensbronn.
Der wahre, wesentliche Mensch ist gekennzeichnet durch den Besitz von Geist und Verstand. Der Geist ist die göttliche Offenbarung, die als Intuition Einsicht schenkt und die Einheit mit dem Göttlichen erfahren lässt. Der Verstand lässt den Menschen verstehen, was die Intuition ihm als Gabe beschert. Obwohl alle Menschen Verstand besitzen, doch nur wenige die Gabe der göttlichen Intuition, stellt die hermetische Weisheitslehre Offenbarung und Verstand doch auf gleiche Höhe. Diese Auffassung bedeutete einen Bruch mit der christlich-kirchlichen Lehrmeinung, welche die Offenbarung über den Verstand stellte.
Der Verstand kann als Prüfmittel für dasjenige dienen, was entlang des Weges der Offenbarung oder Intuition - also aus erster Hand - zu uns kommt. Die Erkenntnis, wie sie in den hermetischen Schriften steht, ist davon ein Niederschlag. Zu dieser Erkenntnis gehört die zentrale Auffassung über den Menschen als Mikrokosmos, somit einer Welt, eines Kosmos im kleinen.
Der Mensch besitzt im Herzen einen Berührungspunkt der göttlichen Welt, ein übersinnliches Prinzip. Dieses geistige Urprinzip ist unter verschiedenen Namen bekannt, z.B. als "das Juwel in der Lotosblüte" der östlichen Tradition, "die Rose im Herzen" der westlichen esoterischen Tradition oder "der Geistfunke" der modernen Rosenkreuzer. In den hermetischen Schriften wird vom "Nous" oder "Pneuma" gesprochen. Es ist dieses geistige, latente Prinzip, das den Menschen zu einem göttlichen, unsterblichen Wesen macht und das ihn zurückführen kann zur Einheit mit der ursprünglichen gottmenschlichen Welt. In diesem Urprinzip wird der alte Gegensatz zwischen immanent-transzendent oder auch innerlich-äußerlich aufgehoben. Denn der göttliche Funke ist innerlich, also persönlich, als eingeborenes Prinzip. Es ist übersinnlich in Wirkung und Kraft, erleuchtet den Menschen von innen heraus und lässt ihn über sich selbst hinauswachsen.
Eine klassische Art, diese abstrakten Gedanken zu übertragen, ist, diese in lebendige Bilder und Personifikationen zu fassen, die vermittels Geschichten vorgetragen werden. An Hand dieser Geschichten steht die Idee des mikrokosmischen, göttlichen Menschen als ein lebendiges, inspirierendes Bild vor unseren Augen. Denn darum geht es: dass wir dadurch erweckt und inspiriert werden und so zum Praktizieren der innerlichen Alchemie übergehen!
Wir möchten Ihnen dann zwei Geschichten übertragen, wovon die erste und älteste uns einen Eindruck davon geben kann, was Ficino antrieb und inspirierte. Zugleich wird mit beiden Geschichten die Verbindung zwischen der hermetischen Weisheit und der Weisheit der Rosenkreuzer gezeigt. Aber mindestens genauso wichtig ist, dass die Aktualität dieser Geschichten vor uns aufleuchtet; haben sie doch Bezug zu unseren Leben, hier und jetzt. Diesen zwei Geschichten wollen wir auch noch die Beschreibung einer bestehenden Situation anfügen, einen sichtbaren Beweis, der uns davon überzeugen kann, dass die alten Geschichten - sollte für Sie noch ein kleiner Zweifel bestehen - nicht auf Phantasie beruhen, sondern auf die Wirklichkeit der göttlichen Welt hinweisen.
Die erste Geschichte ist die von der Tabula Smaragdina, der Smaragdenen
Tafel von Hermes Trismegistos. Es kursieren davon verschiedene
Versionen. In einem der Texte, Apollonius von Tyana zugeschrieben, wird
von einem Grabtempel erzählt. Wir zitieren: " Und siehe, ich
kam herzu zu einer unterirdischen Kammer, gefüllt mit Finsternis
(...). Wegen der Dunkelheit sah ich keine Möglichkeit, in die
Kammer einzudringen, und dem starken Wind hielt auch kein Lichtstrahl
stand."
Dann erschien ein Greis von "genau gleicher Gestalt und Erscheinung
wie ich selber; und er sprach zu mir: 'O Balinus, stehe auf und gehe
in die Kammer hinein, damit du Kenntnis in Bezug auf die Geheimnisse der
Schöpfung erwirbst und damit zur Darstellung der Natur kommen
kannst.'
Als Balinus - die Ich-Figur der Geschichte - den Greis fragt: "Wer
bist du, der mir diese Wohltat erweist?", antwortet dieser: "Ich
bin dein eigenes, vollkommenes, feinsinniges Wesen." Darauf geht
Balinus - erweckt und voll Freude - in die Kammer hinein, welche nun
erleuchtet ist, und wird konfrontiert mit dem geistigen Vater Hermes
Trismegistos, sitzend auf einem goldenen Thron, in seiner Hand eine
Tafel aus grünem Smaragd, auf welcher geschrieben stand:
"Dies ist die Beschreibung der Natur." Und vor der Figur stand
ein Buch mit der Inschrift: "Dies ist das Geheimnis der
Schöpfung und die Kenntnis in Bezug auf die Ursachen der
Dinge."
Eine andere Version erzählt von der Auffindung des unversehrten Körpers des "Vaters der Philosophen", Hermes. In seiner Hand liegt ein Stein oder eine Tafel, die Tabula Smaragdina, in welche das bekannte hermetische Axiom eingraviert ist:
"Es ist wahr! Es ist sicher! Es ist die volle Wahrheit!
Was unten ist, ist gleich dem, was oben ist,
und was oben ist, ist gleich dem, was unten ist,
damit die Wunder des Einen sich vollziehen."
Außerdem steht da die Urformel der Alchemie:
"Scheide liebevoll und mit großer Einsicht und Weisheit die
Erde
vom Feuer, das Feingewobene von dem, was hart, dicht und erstarrt
ist."
Jan van Rijckenborgh sagt hierüber in seinem Kommentar zum Grundtext in dem Buch "Die Ägyptische Urgnosis und ihr Ruf im Ewigen Jetzt" (Teil I): "Und deshalb möchte uns die Tabula Smaragdina bereits im ersten Beginn sagen: Wir sprechen mit Ihnen nicht über eine Wahrheit, die in einem gegebenen Moment für einen bestimmten Menschen von großer Bedeutung war, wie vielleicht die romantische Schilderung eines Lebensgangs, sondern über eine Wahrheit, die erfahren werden muss, keine einzige Spekulation enthält, und die vollkommen ist, das heißt: für die ganze Menschheit bestimmt."
Dass in dieser Geschichte die Symbolik eines unterirdischen Grabes gewählt wurde, führt uns zu dem Gebrauch der Einweihungsgrotten des Altertums zurück, die zu "der anderen Welt" Zugang gewährten. In diesen Grotten lag allzeit der Schatz verborgen. Bei den Mayas zum Beispiel war dies das lebenspendende Wasser. Die Mysterien der Fruchtbarkeit und Wiedergeburt waren also in den Erdentiefen verborgen. Die großen Urtypen der Menschheit wurden immer in Grotten oder Grabtempeln begraben. Tief in der Erde fand ihre Auferstehung statt. Dass der Körper von Hermes Trismegistos in seinem Grabtempel in unversehrtem Zustand aufgefunden wird, deutet auf seinen Status der Unsterblichkeit hin. Die unantastbare Wahrheit des göttlichen Makrokosmos wurde in seinem eigenen mikrokosmischen System befestigt.
Sehr umfassend wird diese Begebenheit bei der Auffindung des Grabtempels von Christian Rosenkreuz dargestellt, erzählt in dem Manifest "Der Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft". Hierin wird von einer Anzahl Brüder der Bruderschaft des Rosenkreuzes gesprochen, die nach dem Grab ihres Vater-Bruders Christian Rosenkreuz - dem Stifter der Bruderschaft - auf die Suche gehen. Dabei finden sie eine Gedenktafel, auf welcher die Namen aller, die zur Bruderschaft gehören, stehen. Wir zitieren: "In dieser Gedenktafel ragte ein großer Nagel etwas stärker hervor, so dass, als dieser mit Kraft herausgezogen wurde und ein ziemlich großes Stück der dünnen Mauer oder des Verputzes, der die verborgene Mauer bedeckte, mitgerissen wurde, die Tür unerwartet freigelegt wurde, worauf wir mit großer Freude und Verlangen die übrige Mauer wegbrachen und die Tür reinigten, auf welcher ganz oben mit großen Buchstaben geschrieben stand: Nach hundertzwanzig Jahren werde ich aufgehen (...)."
"Am Morgen öffneten wir die Tür, hinter der sich ein Gewölbe mit sieben Seiten und sieben Ecken befand (...). Obwohl dieses Gewölbe niemals von der Sonne beschienen wurde, war es doch von einer anderen Sonne hell erleuchtet, die dieses Vermögen von der Sonne gelernt hatte und die sich obenan in der Mitte der Decke befand. In der Mitte befand sich anstelle eines Grabsteins ein runder Altar mit einer Bronzeplatte und darauf die Inschrift: A.C.R.C. Diese Zusammenfassung des ganzen Alls habe ich, in meinem Leben, mir zu einem Grabe gemacht. Um den ersten Kreis herum stand: Jesus mihi omnia (Jesus ist mir alles). In der Mitte befanden sich vier Figuren, die von Kreisen umschlossen waren, um die herum geschrieben stand:
1. Es gibt absolut keinen leeren Raum
2. Das Joch des Gesetzes
3. Die Freiheit des Evangeliums
4. Gottes Herrlichkeit ist unantastbar
Noch hatten wir den toten Körper unseres so sorgsamen und weisen Vaters nicht gesehen. Darum versetzten wir den Altar; dann konnten wir eine schwere bronzene Platte aufheben, unter der sich ein schöner und edler Körper befand, unversehrt und ohne die geringste Auflösungserscheinung (...). In der Hand hielt er ein Buch, mit goldenen Buchstaben auf Pergament geschrieben, T. genannt, das nun, nach der Bibel, unser größter Schatz ist."
Aus diesem Text geht hervor, dass wir hier vor dem Mysterium von Tod und Auferstehung stehen. Christian Rosenkreuz ist der reinste Repräsentant für dieses Mysterium. Sein Grabtempel ist ein Kompendium der großen, alles durchdringenden, göttlichen Welt, der "einen großen Wirklichkeit". Die "kleine Welt", der Mikrokosmos von Christian Rosenkreuz, ist das vollkommene Ebenbild der ewigen, göttlichen Welt. "Was die kleine Welt betrifft", so steht an anderer Stelle in dem Text der Fama oder des Rufes zu lesen, "diese fanden wir in einem kleinen Altar aufbewahrt; sie war schöner als selbst ein auf diesem Gebiet kundiger Mensch sich vorstellen kann. Wir werden diese jedoch nicht abbilden, ehe man nicht auf diese unsere aufrichtige Fama (Ruf) in Vertrauen geantwortet hat."
Der Ruf, über den hier gesprochen wird, erklingt innerlich im Menschen als ein Appell zum Erwachen aus der Benebelung der Sinne. Was soll das heißen? Die Welt, die wir mit unseren Sinneswerkzeugen wahrnehmen, gehört zum veränderlichen und vergänglichen Teil des Kosmos. Fixierung auf die Außenseite der Dinge führt zu Benebelung; die Wahrheit liegt verborgen in der Kraft, der Wirkung hinter den Erscheinungen. Wer dem innerlichen Ruf vertraut, der von dem innewohnenden Geistfunken ausgeht, und dann in positiver Lebenshaltung darauf reagiert, also die davon ausgehenden Suggestionen beantwortet, wird ein Bild von seinem eigenen Mikrokosmos wahrnehmen können. Er bekommt, mit anderen Worten, Impressionen aus seinem göttlichen Kernprinzip in der Form von inspirierenden Kräften und Intuitionen, die seinen Mentalkörper erleuchten, sein Gefühlsleben reinigen und zur Ruhe bringen und seinem Lebenskörper neues Gleichgewicht und sprühende Energie verleihen.
Kurzum: mit dem Beantworten des innerlichen Rufes wird mit der Wiederherstellung, der Regeneration des gesamten Mikrokosmos in seinem ursprünglichen Glanz ein Anfang gemacht. Die sterbliche, vierfältige Gestalt wird im Mikros die Funktion eines "Dienstknechts im Hause" erfüllen; gleichzeitig wird im mikrokosmischen System ein neuer Körper von ätherisch-stofflicher Art entstehen. Und das ist der Körper, auf den die unversehrten Körper von Hermes und Christian Rosenkreuz hinweisen.
Ein bekanntes hermetisches Axiom lautet: "Wer sich selbst kennt, kennt das All." Wer seinen eigenen Ursprung von göttlicher Art kennen lernt, lernt also auch den göttlichen Ursprung der Welt, der ganzen Natur, kennen. Er wird ein "Wissender"; er durchschaut die Welt der Erscheinungen bis in den Kern und dringt bis in das Innerste jedes Wesens und jedes Geschöpfes durch.
Nun wird im Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft, aber auch in der Alchemischen Hochzeit von Christian Rosenkreuz, die Hauptfigur dargestellt als ein lebender Mensch (ein Deutscher von Herkunft), der sich auf den Weg ins Heilige Land macht, jedoch nach Damcar, die Stadt der arabischen Weisen, verschlagen wird, wo er deren Sprache und Wissenschaften lernt. In Ägypten und Fez lernt er die Magie, die Kabbala und die Geheimnisse der Natur. Durch all die neuen Axiome und Kenntnisse bereichert, kehrt Christian Rosenkreuz über Nordafrika nach Europa zurück, um seine neu erworbene Kenntnis mit den Gelehrten zu teilen. Jedoch, anders als in Arabien, wo er gastfrei und offen empfangen worden war, trifft er in Europa lediglich auf Widerstand und Abweisung, worauf er beschließt, die Bruderschaft des Rosenkreuzes zu gründen.
Wiewohl Christian Rosenkreuz als eine historische Person beschrieben wird, muss er in erster Linie als Prototyp des wiedergeborenen, wahren Menschen gesehen werden. Konkret bedeutet das, dass dieser Prototyp in jedem Menschen verwirklicht werden kann. Darüber, ob wirklich jemals eine Person dieses Namens existiert hat, kann nicht eindeutig Aufschluss gegeben werden. Die Erlebnisse von Christian Rosenkreuz, wie in der Fama beschrieben, lassen wohl einen Menschen vermuten, der in dieser Welt steht, aber nicht von dieser Welt ist. Seine Lebensdomäne ist das Königreich, von dem Christus zeugte, die Welt "seines Vaters", die zwar nicht aus dieser Welt zu erklären ist, aber sehr wohl in dieser Welt wirksam und drängend ist. Denn - so stellt ein alter hermetischer Text fest - "die Ewigkeit formt die Welt zu einer Ordnung, indem sie die Materie mit Unsterblichkeit und Dauer durchdringt."
Der Mensch hat bei seinem Involutionsgang in die Materie seine heutige Selbständigkeit und sein Ichbewusstsein erworben. Christian Rosenkreuz zeigt als lebender Prototyp den Weg der Evolution, der Selbstverwirklichung des Menschen in göttlichem Sinn.
Hier kann noch angemerkt werden, dass Hermes Trismegistos von Osten nach Westen geht. Wir meinen hiermit, dass sich durch den Impuls von Ficino dieser Urquell jüdisch-ägyptisch-griechischer Weisheit über Europa ausbreitet. Christian Rosenkreuz geht von West nach Ost, von Europa nach Arabien und Ägypten. So ist der Kreis geschlossen. Der Urtyp von Hermes, Vater der Philosophen, findet in dem Prototyp von Bruder Christian Rosenkreuz seine Nachfolge und seine Vollendung. Mit dieser Begegnung beginnt für die Welt eine neue Renaissance.
Hieran anschließend möchten wir auf die Geschichte einer historisch nachweisbaren Person eingehen, nämlich die des Maya-König-Priesters Pacal Votan aus dem 7. Jahrhundert. Der wirklich existierende Grabtempel von Pacal Votan in Mexiko weist nämlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit den symbolischen Grabtempeln von Hermes Trismegistos und Christian Rosenkreuz auf. Eine der bemerkenswertesten Übereinstimmungen ist, dass der mexikanische Archäologe Alberto Ruz, als er 1949 in Palenque seine Suche nach dem Sarkophag des Maya-Fürsten begann, auf einen besonders großen Stein stieß, in welchen zwei Reihen Löcher gebohrt waren, wovon jedes mit einem steinernen Stöpsel verschlossen war. Dabei denkt man doch sofort an den Nagel in der Geschichte über das Grab von Christian Rosenkreuz.
Nach dem Entfernen der Stöpsel konnte der Stein hochgehoben werden. Darunter befand sich ein mit Schutt gefülltes Treppenhaus. Es kostete das Archäologenteam vier Saisonzeiten, all den Schutt wegzuräumen. Unten an der Treppe entdeckten sie eine Kammer, die auf einer Seite durch einen dreieckigen Stein verschlossen war. Als sie diesen entfernten, konnten sie einen Gang betreten, der zur Tumba des Maya-Fürsten führte. Zu ihrer großen Überraschung schien die Tumba noch vollkommen intakt zu sein. Die Mauern des 9 x 7 Meter großen Raumes waren mit Stuckreliefs verziert. Die Grabstätte selbst war mit einer riesigen rechteckigen Platte bedeckt, reich mit komplexen, außergewöhnlich stilisierten Reliefs versehen.
Wir können hier unmöglich alle Abbildungen auf dieser imposanten Grabplatte aufzählen, aber zwei davon erwecken unmittelbar die Aufmerksamkeit. Zentral auf der Platte ist der Lebensbaum zu sehen, darum herum die fünf Welten oder fünf Paradiese der Mayas. Als zweites nimmt die Abbildung einer Fledermaus und eines Vogels mit einer Kette im Schnabel einen bevorzugten Platz ein.
Unter der Grabplatte befanden sich die stofflichen Überreste von Pacal Votan, der laut den Maya-Inschriften ein erleuchteter Fürst und großer Eingeweihter gewesen sein muss. In seinem Mund lag ein Jadestein - Symbol der Unsterblichkeit. In beiden Händen hielt er ebenfalls Jadesteine, einen Kubus und eine Kugel. Der dreieckige Stein vor der Tumba, das Viereck und der Kreis in den Händen des Priester-Königs: die drei mächtigen Symbole des göttlichen Menschen! Eine Symbolik, die wir auch bei den Rosenkreuzern antreffen: Kreis, Dreieck und Viereck stehen für die wiederhergestellte Einheit von Geist, Seele und Körper im wiedergeborenen Menschen.
Auf der Grabplatte sehen wir Pacal Votans Einweihung in die Mysterien von Tod und Wiedergeburt abgebildet. Die Fledermaus, Symbol des Todes, landet auf dem Mund von Pacal Votan: er stirbt. Darüber fliegt ein Quetzalvogeljunges, symbolisierend die Wiedergeburt von Pacal als der Geist von Quetzalcoatl, des obersten Gottes der Mayas. Um den wiedergeborenen Fürsten stehen die Symbole von Makrokosmos, Lebensbaum und den fünf Paradiesen.
Aus den Schriften der Mayas geht hervor, dass sie glaubten, dass der Mensch als Mikrokosmos ein Teil des großen, göttlichen Makrokosmos ist. Dieser Glaube erstreckte sich bis zum "Selbst", und damit wurde jeder Mensch in seinem wiedergeborenen Zustand als ein Teil der alles umfassenden Einheit angesehen.
Das heilige Buch der Mayas, das Popol Vuh, sagt über die Wiedergeborenen, die Eingeweihten: "Sie waren gesegnet mit Intelligenz, sie sahen und waren imstande, zugleich in die Ferne zu sehen, sie waren erfolgreich darin, alles zu wissen, das es auf der Welt zu wissen gab. Wenn sie um sich schauten, sahen sie unmittelbar alles, was sich um sie hin befand. Darum sannen sie über den Himmelsbogen und die runde Oberfläche der Erde nach. Sie sahen alle Dinge, ohne dass sie es nötig hatten, sich fortzubewegen; in einem Augenaufschlag sahen sie die Welt...Ihre Weisheit war groß."
Das Popol Vuh, die "Bibel" des Maya-Volkes, beginnt mit den folgenden Sätzen: "Das heilige Buch kann man sich nicht ansehen. Das Originalbuch, das in einer fernen Vergangenheit geschrieben wurde, hat vor langen Zeiten existiert, aber nun ist es für Sucher und Denker verborgen..."
Auch der Grabtempel von Pacal Votan ist buchstäblich während langer Zeiträume verborgen gewesen. Doch im übertragenen Sinne ist er, genauso wie die Grabtempel von Hermes und Christian Rosenkreuz, noch immer verborgen. Wir können versuchen, mit unserem analytischen Verstand die Codes auf der Grabplatte von Pacal Votan zu entziffern und auf gleiche Art den Inhalt der hermetischen Texte oder den Bericht der Brüder des Rosenkreuzes über das Grab von Christian Rosenkreuz zu enträtseln, aber ein solcher Versuch entfernt uns nur immer weiter von einem wirklichen Erfassen. Man muss über Kenntnis und Unterscheidungsvermögen aus erster Hand verfügen, um zu den Mysterien der Wiedergeburt durchdringen zu können.
Diese Kenntnis liegt als ein Schatz in der "Herzgrube" verborgen, was eine esoterische Andeutung für den Hohlmuskel ist, als welcher das Herz physiologisch angesehen wird. Hiermit wird gemeint, dass das Herz ein eigenes Bewusstsein besitzt, ein Bewusstsein, das negativ geladen ist, also: empfänglich, offen, wiedergebärend.
Das Herz, als Sitz dieses Bewusstseins, wird in der "Stimme der Stille" der "Tempel der Wahrnehmung" genannt. Wenn das Herz still und rein ist, kann das objektive Bewusstsein, das reine Wahrnehmen, sich darin entfalten. Das Herz verbindet sich so mit dem positiven Pol des Bewusstseins, dem Hauptheiligtum; zusammen bilden sie dann eine Einheit, das Gemüt, wie Hermes dieses neue Vermögen nennt. Und in dieses reine Gemüt senkt sich der göttliche Geist, der Pymander, ein.
Als leuchtende Inspiration steht das Bild des alles durchdringenden, alles wissenden Pymanders vor uns: die aktuelle Möglichkeit im Menschen, nach Geist, Seele und Körper Gott gleich zu werden. In der ätherisch-organischen Struktur, in der Verborgenheit der Höhlen von Herz und Hirn, liegt potentiell für den Menschen das Versprechen, wiederum ein Kind Gottes werden zu können. Aber dafür muss die Struktur erst einmal geeignet sein, das heißt, wieder ihrem ursprünglichen Ziel entsprechen: nämlich im Dienst der Transfiguration, der Wiedergeburt zu stehen. Das ist ein sehr besonderer Prozess der Bewusstwerdung.
Nur das Höhere, also das Göttliche, kann das Niedere transformieren; aber das Höhere ist abhängig von der Tauglichkeit, der Offenheit und Hingabe des Niederen, der sterblichen Persönlichkeit. Das ist die Pilgerfahrt, die wir zu unternehmen haben. Dieser Bewusstseinsprozess führt dann zu einem neuen, anderen Lebenszustand, mit ganz neuen gnostisch-magischen Vermögen des Glaubens, der Weisheit oder Imagination, des Verstandes, der Beherrschung der Kräfte und schließlich der Gabe der Heilung. Es sind diese erwachten Vermögen, die auf alle Lebensebenen und auch in die Kultur ausströmen werden, wodurch die Renaissance ihre letztendliche Erfüllung finden wird.
Überlassen wir zum Schluss Ficino selbst das Wort. Über die Frage: "Wie wird der Mensch wieder Gott gleich?", schrieb er in einem seiner Briefe das Folgende:
"Musst du nicht ab und zu lachen über die Anmaßung der Menschen? Ich lache oft genug darüber, und durch ihre Widerlegung entkomme ich ihr selbst(...). Aber der Mensch, der als Tier an die Erde gebunden ist, maßt sich nur allzu oft an, dass er begreifen kann, wie das Göttliche zusammenhängt, und dass er weiß, was das Ziel Seiner Vorsehung ist (...). Darum schrieb Pythagoras vor, dass darüber geschwiegen werden musste, wenn das göttliche Licht nicht verfügbar war, denn niemand durchschaut die göttliche Welt außer demjenigen, der Gott gleich ist. Darum hat der Apostel Paulus Recht, wenn er sagt: ‚Was zu Gott gehört, kann nur durch den Geist Gottes erkannt werden.' Und niemand sagt ärger die Unwahrheit über das Göttliche als der, der alle Einzelheiten darüber begreifen will. Gott lässt Jesaja dann auch sagen: ‚Er fängt die Gelehrten in ihren eigenen Stricken' und auch: ‚Gott weiß, dass die Erwägungen der Gelehrten eitel sind'.
Ein Mensch weiß genug, wenn er weiß, dass diese glänzende Maschinerie die ‚Schöpfung' heißt, von dem Einen allweisen Schöpfer abhängt und von ihm gelenkt wird. Aus dem Guten selbst kann einiges Gute entstehen, und was aus dem Guten hervorgeht, muss auch auf gute Art verwaltet werden. Darum müssen wir in allem das Gute sehen. Wer so die göttliche Welt erkennt und sich darauf konzentriert, ist nach seiner Art Gott gleich, und durch seine Lebenskunst ist er ein guter Mensch. Er ist voll guten Mutes, und Glück ist seine Belohnung.
Sei gegrüßt, und bleibe glücklich!"
Vortrag: F. Smit
Übersetzung ins Deutsche: Ursula Klee
Quellenverzeichnis:
Corpus Hermeticum, eingeleitet, übersetzt und erläutert von R.
van den Broek und G. Quispel. Amsterdam, 1990
F. van Lamoen: Hermes Trismegistus, Pater Philosophorum. Textgeschichte
des Corpus Hermeticum. Amsterdam, 1990
J. van Rijckenborgh: Die Ägyptische Urgnosis und ihr Ruf im ewigen
Jetzt (Teil I), Haarlem, 1960
J. van Rijckenborgh: Der Ruf der Rosenkreuzer-Bruderschaft. Haarlem,
1966
A. Gilbert u. M. Cotterell: Die Weissagungen der Mayas entschleiert.
Unieboek, 1996
Die Vollendung der Renaissance im Heute
Ficino und die Entsterblichung der Seele
Wir leben in einer Zeit, in welcher die Bedeutung von Welt und Menschheit immer schwerer vermittels Begriffen festgemacht werden kann: es sieht so aus, als ob Bedeutungen nicht so feststehen und der Halt einer objektiven Außenwelt verschwindet. Dies wird natürlich nicht geschehen dürfen, denn es war doch eine gewaltige Aufgabe für die Wissenschaft, gerade dort mit Hilfe von Definitionen und Axiomen Grenzen zu setzen - durch die Entdeckung der unumstößlichen Naturgesetze, wie es in den abgelaufenen Jahrhunderten geschah.
Was in der Technik und ihrer Anwendung so vortrefflich geglückt ist, geht in anderen Disziplinen ziemlich schief. Beunruhigend daran ist: die Begrenzung und sogar Entgrenzung der Bedeutungen wird stärker, und Sicherheiten werden in Frage gestellt.1 Immer mehr erscheint Bedeutung theoriebeladen, und seitdem die "Struktur der Wissenschaftlichen Revolution" von Kuhns in den Sechziger-Jahren erschienen ist, werden die feststehenden Tatsachen relativ in Paradigmen untergebracht: zeitgebundene Spekulationen über die sogenannte objektive Außenwelt.
Noch neuer ist der Verlust von unumstößlichen und eindeutigen Definitionen: jedes Wörterbuch scheint seine eigenen Definitionen aufzustellen, und wirklich gute Definitionen, die dem Zahn der Zeit widerstehen, sind rarer als man annehmen könnte.2 Und es ist auch schwierig, denn was ist zum Beispiel die Definition von Blau?
Was hat dies nun mit Ficino zu tun? Offenbar nicht so viel; aber ich hoffe, in dieser Erörterung deutlich machen zu können, dass der Begriff "Grenze" und "Grenzbewohner" in der Wirklichkeit, in der wir nun leben, stets mehr zentral zu stehen kommt. Danach möchte ich gerne auf Ficinos Idee von der Unsterblichkeit der Seele3 eingehen, besonders das Wirksammachen der unsterblichen Kraft. Was das betrifft, würde ich gerne über die "Entsterblichung" der Seele als wahre Renaissance, als wirkliche Wiedergeburt, sprechen. Und das hat mit Ficino zu tun, aus einem historischen und kulturellen Kontext heraus.
Die Kombination Grenze und Unsterblichkeit mündet letztendlich im Jetzt, in einem Zeitpunkt, in der Ewigkeit in der Zeit als Verwirklichungsrahmen. Das ist historisch nicht so neu, denn einer der größten Inspiratoren von Ficino, Hermes Trismegistos, erwähnte es bereits. Aber kulturell, sagen wir: europäisch, ist es ziemlich tabu, und wissenschaftlich - das heißt nach den allgemein angenommenen Ausgangspunkten und Vermutungen - ist Unsterblichkeit nicht denkbar und fällt aus jedem Rahmen.
Um mit der Geschichte zu beginnen: Ficino hatte die Idee von der unsterblichen Seele vor allem von Plato, wie gesagt, und hat aus seinem Erleben heraus, worin Kontemplation ein wichtiger Punkt war, versucht, Argumente für das Bestehen dieser unsterblichen Seele zu sammeln. Professor Kristeller4 ist in seiner einzigartigen Studie über Ficinos Leben und Wirken sehr tief auf all die Argumente eingegangen. Daraus geht zum Beispiel deutlich die Gesetzmäßigkeit hervor, dass Gleiches Gleiches anzieht, das Argument der Affinität. Dieses Gesetz steht allerdings dem magnetischen Gesetz gegenüber, dass Gleiches Gleiches gerade abstößt. Aber man kann zum Beispiel im Geschäftsleben beobachten, dass sich Geschäfte der gleichen Branche in der gleichen Gegend ansiedeln, obwohl dies per se nicht aus spirituellen Gründen sein wird.
Überdies ist es die Frage, ob sogenannte Beweise über das Bestehen der unsterblichen Seele wirklich nützlich sind, denn wer hat denn etwas davon? Jedoch besitzt die unsterbliche Seele selbst vollkommene Glaubenskraft, um ein wirklich geistiges Leben zu führen, und die sterbliche Seele kann nur in Verwirrung sein, weil es sich zu weit über die Grenze des Erlebens des irdischen Sterblichen erhebt. Außerdem kann die sterbliche Seele aus dem theoretischen Beweis allein keine Glaubenskraft schöpfen.
Dass beide bestehen, sterbliche und unsterbliche Seele, konnte Ficino aus dem Corpus Hermeticum, 2. Buch, lernen, worin Pymander zu Hermes in Vers 41 spricht: "Wisse, dass jedes lebende Wesen aus Materie und Seele zusammengesetzt ist, sowohl das Unsterbliche als auch das Sterbliche, sowohl das mit Vernunft Begabte als auch das Vernunftlose." Hier besteht ein Zusammenhang mit dem Symposion vom vorigen Jahr über Spinoza, ein Zusammenhang mit den Begriffen Vernunft und Seele.
Aber es besteht nicht nur mit diesem Symposion ein Zusammenhang. Ficino gibt auch die Rolle der Philosophie bereits sehr im Sinne Spinozas wieder, zum Beispiel in seinem Brief mit dem Titel "Lobrede auf die Philosophie vermittels Beredsamkeit, Moral, Logik und Gotteserkenntnis"5. "Die Philosophie," so schreibt Ficino, "weist uns haarscharf den Weg zu diesem (geistigen) Leben, einmal aus unmittelbarer Einsicht, dann wieder mit Hilfe der Logik. Nach meiner Meinung führt sie uns in vier Schritten dorthin: gutes Betragen, Kenntnis der Naturgesetze, Mathematik und Metaphysik."
Es wäre verlockend, hierauf ausführlich und mit Beispielen einzugehen, aber, wie gesagt, die heutige Krisis, welche Bedeutung nun eigentlich noch welcher Sache zuerkannt werden muss, geht so tief, dass wir doch nicht wissenschaftlich auf Begriffe wie Unsterblichkeit eingehen können. Wir werden deshalb von einem lebendigen Angriffspunkt aus diesen Vortrag weiterverfolgen, nämlich von Ficinos Inspiration durch Plato und Hermes.
Das Neue und Einmalige von Ficino liegt meines Erachtens mit in seinen Bemühungen, der Renaissancezeit Inhalt in Form von Lebenshaltung (gutes Betragen) und Lebensausrichtung zu geben, besonders in Kombination mit dem Prozess der Entsterblichung der Seele, wobei sogar kulturell eine neue Spur gezogen wurde, bis in unsere Zeit. Was seine Vorstellung von Freundschaft und Liebe anbetrifft, so versucht er gleichzeitig, - vielleicht von Hermes inspiriert - die Grenze, die von Plato festgelegt wurde, in Richtung Bewusstwerdung und Handlung als Renaissancemensch zu versetzen.
Das Corpus Hermeticum erwähnt vielfach den Prozess der Gottwerdung und die Unsterblichkeit der Seele6, so dass es nicht verwunderlich genannt werden kann, dass Ficino dadurch dazu inspiriert wurde, weiter zu gehen, als Plato es sich als möglich vorstellen konnte. Ficino schreibt in derselben Lobrede auf die Philosophie nämlich das Folgende: "Der göttliche Plato sagt, dass das Himmlische und Unsterbliche im Menschen in gewissem Sinne stirbt, sobald es in einen irdischen und sterblichen Körper eintritt, und wieder zum Leben kommt, wenn es ihn verlässt. Jedoch übersteigt es den Körper auch bei einer fleißigen Übung der Meditation, noch vor dem körperlichen Tod, denn dann reinigt die Philosophie, das Heilmittel für alle menschlichen Übel, den sterbenden Geist mit einem Heilmittel, das die Lebenshaltung verbessert." Das hört sich direkt an wie eine Empfehlung aus der Ethik von Spinoza!
Durch Ficinos Wirksamkeiten auf dem Gebiet der Übersetzung und weltweiten Bekanntmachung von Plato und anderen Philosophen und der hermetischen Schriften, droht der Akzent auf Ficinos eigene erneuernde Lebenshaltung und Lebensausrichtung etwas aus der Sicht zu geraten, aber in seiner Erneuerung von Plato wollte er auch eine andere Grenze überschreiten, nämlich die der Autorität von Saturn. Plato sagt, dass der höhere Teil des Menschen unter der Herrschaft von Saturn steht und der niedere Teil unter Jupiter; aber Ficino will diese alte Lehre mit Enthusiasmus - wie so oft - durchbrechen.
Ficino sagt in seinem Brief "Die Natur, eine Pflicht des Menschen" selber das Folgende: "Man kann ewige Dinge besser lieben als sie beurteilen, denn sie sind sehr schwer richtig zu beurteilen; aber sie können niemals verkehrt geliebt werden. Sie können nie zu viel geliebt werden." Das hört sich an wie ein Plädoyer für Kindererziehung des 20. Jahrhunderts.
Beurteilen und ordnen, das sind Saturn-Eigenschaften, und sie können also laut Ficino von der Seele besser durch eine Liebesausrichtung ersetzt werden, wenn sie sich auf die Ewigkeit richtet. Die Philosophie von Ficino und auch seine Lebenshaltung sind durchzogen von einer Ausrichtung auf Freundschaft und Liebe im Licht der Unsterblichkeit. Meines Erachtens war Ficino damit seiner Zeit gerade dadurch reichlich voraus, dass er hier eine Beziehung zur Entsterblichung der Seele herstellte.
In der rosenkreuzerischen Tradition finden wir diesen Ausgangspunkt erst im 20. Jahrhundert konkret und grenzüberschreitend im selben Kontext wieder: Frau A. van Warendorp hat darüber am Beginn dieses Jahrhunderts gesagt: "Liebevoller, selbstaufopfernder Dienst an Anderen ist der kürzeste, sicherste und freudevollste Weg zu Gott."
Es ist eine logische Anknüpfung an Plato; aber Ficino hat einen Neubeginn gemacht, der weiter reicht. Wahrscheinlich war dies mitverursacht durch seinen eigenen Charakter und seine Inspiration durch den Zeitgeist der Renaissance, durch Hermes' Corpus Hermeticum und durch das Christentum. Es ist wirklich eine Tatsache, dass das Christentum mit der Konzeption der unsterblichen, ewigen Liebe sowie der Idee der Demut etwas Neues gebracht hat. Besonders die Bedeutung, die Paulus der Liebe mitgibt als absolutes Vermögen der Unsterblichkeit, der Liebe, die alle Dinge vermag und nicht von dieser Welt ist, wird Ficino Inspiration verliehen haben.
Aber es ist gleichzeitig deutlich, dass diese Liebe als Kulturgegebenheit hoffnungslos problematisch ist. Als Person können wir doch die unsterbliche Liebe weder besitzen noch wegschenken, und es gibt auch Paulus zufolge keine Annahme der Person.
Die Liebe wird demnach vor allem unpersönlich sein müssen, um Anspruch auf die Ewigkeit erheben zu können, und in jedem Fall ohne Ansehen der Person. Doch Ficino hat Pionierarbeit dadurch geleistet, dass er in seiner Lebenshaltung primär Freundschaft und Liebe ausdrückte. Seine Briefe sind ein fortwährendes Zeugnis seiner diesbezüglichen Anstrengungen, zum Beispiel sein Ausgangspunkt, der in dem Brief "Eine Freundschaft, die Gott geschmiedet hat, ist dauerhaft" in Worte gefasst ist.
Wir brauchen auch nicht besorgt zu sein, dass Ficino alle Werte des platonischen Saturn umstürzen wollte, denn Ficino war sicherlich kein Anarchist; er sah Disziplin als essentielle Voraussetzung für Spiritualität an. Wenn etwas gut dazu geeignet ist, die Grenze, die durch Saturn dargestellt wird, durchbrechen zu können, dann ist es wohl die Lebenshaltung, die sich tatsächlich in den Dienst Anderer stellt, die vom Nicht-Ich ausgeht, um das Sein, die unsterbliche Seele, in Selbstverlorenheit "anzuziehen". Ob Ficino hierbei von dem hermetischen Prinzip "Alles empfangen, alles preisgeben und dadurch alles erneuern" inspiriert war, ist nicht sicher. Sicher ist jedoch, dass durch seine Beseelung essentielle Voraussetzungen erfüllt worden sind, um Bruderschaftlichkeit oder Seelengemeinschaft und wahre Liebe frei zu machen. Sicher ist auch, dass mit diesem hermetischen Prinzip das neutestamentarische Problem bezüglich der Annahme der Person aufgelöst werden kann und konnte.
In Norditalien war die Zeit reif und die Atmosphäre geeignet für eine solche hermetische Erneuerung, welche bahnbrechend und grenzüberschreitend war, besonders in Bezug auf Wissenschaft und Kunst - im Gegensatz zum Rest von Europa, wo die Renaissance erst etwas später zum Durchbruch kam.
Der Komplex von Grenze, Ordnung, Struktur, Hierarchie, Urteil, Zeit, Formgebung, Gesetz, gleichmäßiger Progression wurde in der Renaissance - lange davor, aber auch in den Jahrhunderten danach - mit dem allgemeinen Nenner Saturn angedeutet, der wiederum in Chronos seinen Vorläufer hatte. Dies alles ist vor allem auf Plato zurückzuführen, der Chronos - oder auch der Zeit - kosmisch und kosmologisch die zentrale Rolle gibt, wie sein herrlicher, ziemlich kosmogonischer Dialog Timäus7 wie auch sein Aufruf in den Gesetzen "dass wir mit allen Mitteln der Lebensweise des Zeitalters von Chronos nachstreben" beweist. Aus dem Timäus, der übrigens bereits vor Ficino von Chalcidius übersetzt worden war, geht hervor, dass die Gottheit eine bewegliche Nachbildung der Ewigkeit in den kreisförmigen Bahnen von Sonne, Mond und Planeten gemacht hat, und dass sie durch die Erschaffung dieser Himmelskörper die Zeit hat entstehen lassen.
Die kristallisierende, unerbittliche und harte Ansicht von Chronos wird und wurde auch Tod genannt, womit die bekannte Relation Zeit und Tod aufgezeigt wird. Die Überwindung des Todes durch Erneuerung, der Bewusstseinsprozess, der mit der Entsterblichung der Seele verbunden ist, wird auch der Gang durch die Pforte des Saturn genannt, vergleichbar mit dem paulinischen "Der Tod ist verschlungen in den Sieg". Ficino hat zwei wichtige Wege durch die Pforte von Saturn angegeben. Hinsichtlich der Relativität der Bedeutungen, womit dieser Vortrag begann, und um schließlich die Suggestion von totaler Seligmachung durch Astrologie zu vermeiden, ist es gut, hier zu einer näheren Ortsbestimmung zu kommen.
Losgelöst von der Horoskopie und hinter den sensationellen psychologischen Möglichkeiten, Dramen und Zukunftsspekulationen der zeitlichen Persönlichkeiten, die wir sind, besteht eine Ebene kosmischer Verhältnisse, worin sich Sterne und Planeten als objektive Entitäten bewegen und Folgen als Strahlungsquellen und/oder Kraftwirkungen hervorrufen. Diese Ebene wurde wohl auch einmal als Weisheit dargestellt, und es gab Gründe, warum die Bezeichnung Astrosophie benutzt wurde (sophia = Weisheit). Ein anderer Grund ist, dass Weisheit Angemessenheit, Objektivität, Ruhe, Gleichgewicht und universelle Geltung repräsentiert. Für Ficino ging es danach um Kenntnis, eine Annäherung, die der Auffassung der Ägypter gerecht wird.
Im Nachfolgenden soll keine Anstrengung unternommen werden, ein Erklärungsmodell zu zeigen, aufgepfropft auf die Astrologie, sondern der Gebrauch sinnvoller Bedeutungsinhalte, die auch mit den Namen von Planeten übereinstimmen, so wie auch zum Beispiel die griechische Mythologie unserer Kultur noch immer brauchbare Erkenntnisse verschafft, ohne dass die vorgeschobene Vorstellung aus der griechischen Mythologie historisch-materialistisch angenommen zu werden braucht. Der Grund, warum Ficinos kulturelle und spirituelle Erneuerung, die zentralen Begriffe Grenze und Saturn in dieser Betrachtung so behandelt werden, ist unter anderem, dass wir dicht bei Ficino bleiben wollen.
In der Erfüllung des Gesetzes bietet das Universum, das All, eine neue spirituelle Dimension, worin eine "Allalternative" besteht in einer "All-Zeit", sich erhebend über die enge zivilisationsbestimmende Ordnung. In der westlichen Kultur sprechen wir in diesem Zusammenhang über Christus, und was die übernatürliche Ordnung betrifft, über die Ordnung von Melchisedek.
Universum bedeutet: auf einen Punkt gerichtet, vollkommenes konzentrisches Umfassen, allumfassend. Dann wird der Abgrund überbrückt. Chaos bedeutet buchstäblich Abgrund, und das Gegenteil ist Kosmos. Die griechische Mythologie ist in diesem Zusammenhang von wichtiger Deutlichkeit.
Am Anfang der für Europa so reichen griechischen Kulturperiode wird in der Mythologie berichtet über das Verhältnis zwischen Chronos, dem Prinzip der Zeit und der Ordnung, und Uranos, dem Prinzip der Freiheit - aber ohne die zeiträumliche Ordnung, also Vertreter des Chaos. Chronos - bei den Römern Saturnus - entsteht aus Uranos, seinem Vater; aber bekanntermaßen entmannt er seinen Vater8, macht tatsächlich von vornherein jedwede fruchtbare himmlische Freiheit in der zeiträumlichen Ordnung unmöglich und begrenzt damit Zeit und Raum auf eine Art, die Aristoteles später gut versteht: Aristoteles gibt an, dass die Welt begrenzt ist.
In der Begrenzung der Welt ist kein Platz für die Unsterblichkeit von Platos und Ficinos Seelenbegriff. Ficino war sich bereits bewusst, dass die unsterbliche Seele nur ein Faktor sein kann, wenn die Qualität in Begriffen wie Ewigkeit und Unendlichkeit angegeben werden kann. Er versucht das auch seinen Zeitgenossen auf verschiedene Arten nahe zu bringen und deutlich zu machen9. Aber er tut mehr; denn er gibt auch das Werkzeug an, womit ihm zufolge die Begrenzung auf der rein menschlichen Ebene durchbrochen werden kann - wie wir bereits gesehen haben, besonders auf der Ebene von Freundschaft und Liebe.
Die Liebe ist ein Feuer, und der Elan dieses Feuers durchglühte Ficino, erhob jedoch auch Anspruch auf den wahren Geist der Freiheit - Stammvater Uranos. Nun gibt Hermes an, dass in diesem Prozess liebevoll und mit großer Einsicht eine Trennung gemacht werden muss zwischen Feuer und Erde. Wenn wir uns nun den großartigen Text über die Liebe aus 1. Korinther 13 vor das geistige Auge stellen, wird gleich deutlich, wie die Liebe in der Tat für unser sterbliches Bewusstsein als eine stark zu unterscheidende Wirklichkeit auftritt. Die Passage von Vers 4 bis 6 besteht vorzugsweise aus einer siebenfältigen Verneinung, einer Verneinung weltlicher Normen der Selbstbehauptung, und es wird an für uns unmöglich zu erfüllende Aspekte der absoluten Liebe appelliert, darunter an eine absolute Duldsamkeit.
Ficino fand das also nicht unmöglich. Er ging aus von Entgrenzung, von der Möglichkeit, an Saturn vorbei die Ewigkeit doch lieben zu können. In der Tat, es ist ein Weltengesetz, dass, wenn etwas entgrenzt, das wohl die vollkommene Liebe ist. Spinoza erwähnt die Notwendigkeit zur Entgrenzung auch. "Jede Bestimmung", schreibt er - Epist 50 v. 02. Juni 167410 - "ist eine Einschränkung und insoweit eine Leugnung: determinatio negatio est." Entgrenzung ist deshalb eine unvermeidliche Forderung der Vernunft.
Zurück zu Ficino. Wir müssen konstatieren, dass Ficino seinen Ideen nicht so viel Leben hat einblasen können, dass er zum Geist der Freiheit, zur Domäne von Stammvater Uranos, durchbrechen konnte. Seine letzte Lebensphase zeugt leider nicht von einem Durchbruch: es war eine schwierige und manchmal einsame Periode, in welcher eine unsterbliche Seelengemeinschaft weiter entfernt schien als je. Saturn bildete für Ficino eine Schwierigkeit. Einerseits sah er, wie bereits bemerkt, die Abhängigkeit des Saturn von Jupiter, die der göttliche Plato festgestellt hatte, eher umgekehrt, andererseits maß er dem Saturn Disziplin und der Melancholie als Saturn-Eigenschaft eine spirituelle Dimension bei11. Am Ende kämpfte er persönlich mit dem Einfluss des Saturn in seinem Leben.
Ficinos Verlangen nach einer Seelengemeinschaft und die Legitimität und der Mut seines Strebens haben viel Eindruck gemacht: die Idee von der Unsterblichkeit der Seele wurde von Ficino maßgeblich auf die Tagesordnung des spirituellen Europa gesetzt. Wiedergeburt ist ein mächtiger und universeller Gedanke, um die unsterbliche Seele wachsen zu lassen, und Ficino hat seine Zeit, die Renaissance, nicht besser illustrieren können als dadurch, dass er in seinem Leben und Wirken diese Idee zum Ausdruck brachte, ein wunderbares Zusammenwirken von Zeit, Ort und Kulturimpuls.
Um wirklich durchzubrechen, um wirklich Entgrenzung und eine neue Entwicklung möglich zu machen, reicht es nicht aus, eine bestehende oder einstmals vorhandene Kultur zu beleben, zu übersetzen und ins Rampenlicht zu stellen. Es ist dafür eine neue Einsicht, ein neues Bewusstsein, ein neues "Licht" nötig. Bewusst sein ist ein "wissend" sein.
Auch dafür ist es nötig, dass Zeit, Ort und Kulturimpuls übereinstimmen, und dieses Signal wurde am Beginn des 17. Jahrhunderts gegeben, als Johannes Kepler buchstäblich und im übertragenen Sinne das neue Licht entdeckte. 1606 erschien von seiner Hand die Schrift "De stella Nova in pede Serpentarii" - es ist ein neuer Stern im Sternbild Schlange erschienen. Das war auch so, und die weitreichende Bedeutung davon ist so groß - auch für die Unsterblichkeit der Seele -, dass man es nur annähernd sagen kann.
1. Das neue Licht war eine Supernova im Sternbild Schlange und Schwan, entdeckt von dem Astronomen, der über die Höhe der griechischen Kultur hinausging: durch Keplers Beschreibung der Zusammenhänge unseres Sonnensystems wurde mit der platonischen Vorschrift gebrochen, Himmelserscheinungen ausschließlich durch gleichförmige Kreisbewegungen zu erklären. Kepler knackt tatsächlich den Zeit- und Raumbegriff von Plato und somit die Basis von Chronos/Saturn.
2. Das neue Licht ist eine Supernova, in Wahrheit also das Ende eines Sterns in der zeiträumlichen Welt im Sternbild Schlange und Schwan; man könnte sagen: der Schwanengesang eines alten Sterns. Für die Wiedergeburt ist es notwendig, dass das Alte sich erneuert durch selbstgewählte Weltersterbung, worin gleichzeitig die Kunst zu ihrer höchsten Ausdruckskraft von Schönheit und Harmonie kommt - zu einem wirklichen Schwanengesang.
Hierzu eine persönliche Analogie in Zusammenhang mit der für mich stets wieder ergreifenden Musik von Johann Sebastian Bach. Manche Musikwissenschaftler sagen, dass Bachs Musik vor allem durchzogen ist von der Bereitschaft, den weltlichen Werten abzusterben. Gleichzeitig wird erkannt, dass seine Musik zeitlos ist, Ewigkeitswerte besitzt. Viele moderne Musiker sagen, dass Bachs Musik wie keine andere "swingt". Das soll heißen, dass die perfekte Harmonie, die logische und mathematische Konsequenz in Melodie und Rhythmus seiner Musik zu einem vollkommenen Mitbewegen des ganzen Bewusstseins einlädt.
3. Es ist ein neuer Stern im Sternbild Schlange erschienen: es gibt eine Erneuerungsmöglichkeit für den westlichen Menschen; eine unsterbliche Beseelung wird möglich durch den Energiehaushalt der Schlange, eine heilende Lebenskraft im erneuerten Hirnrückenmarksystem, in den Rückenmarksträngen des sympathischen Nervensystems, auch "Schlangenfeuer" genannt. An dem alttestamentarischen "Mache dir eine feurige Schlange12" kann innerlich und physiologisch gearbeitet werden.
Im Griechischen ist Asklepios die Schlange, Symbol der Lebenskraft. Asklepios spielt gleichzeitig eine hervorragende Rolle in den hermetischen Schriften und in der Heilkunde als Heiler, als Genesung bringende Kraft. Plato gibt sogar einen Hinweis auf eine Ortsbestimmung der Seele, und zwar in der Gesamtheit des Rückenmarksystems (Timäus, Anatomie).
In diesem neuen Wissen beißt sich die alte Schlange in den Schwanz. Das neue Wissen wird auch wohl Mercurius genannt. Die alte Schlange ist Saturn. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt, ist Ourobouros, sowohl unter Merkur als auch unter Saturn wirksam. Der Augenblick, in dem die Schlange sich in den Schwanz beißt, ist ein Moment des Kurzschlusses: sowohl das Wissen, dass man nichts weiß, als auch der Startpunkt des wirklich universellen Menschen. Ein elektrischer Augenblick markiert die Erneuerung des Bewusstseins durch die Uranuskräfte: das Denken, aus dem Herzen genährt, sorgt von innen heraus als ersten Impuls für einen Schock.
4. Es ist ein neuer Stern erschienen: hinter dem letzten Planeten. Saturn ist eine neue Entwicklungsmöglichkeit; vorbei am Beherrscher des Stoffes, vorbei an der ausweglosen Formgebung und Formoffenbarung, vorbei an den zeiträumlichen Verhältnissen wurde ein neuer Lichtimpuls gegeben. Mysteriös, weil das Bewusstsein in der Welt nicht über die Grenze der zeiträumlichen Verhältnisse kommen kann. Die Planeten hinter Saturn werden dann auch Mysterienplaneten genannt: Uranus, Neptun und Pluto.
5. Uranus als erste Mysterienkraft ist - wie soeben bereits genannt - der Repräsentant der urmythischen Freiheit, der übernatürlichen Freiheit; aber auch das Feld des Nicht-Seins der zeiträumlichen Natur nach, das Feld der unpersönlichen Liebe und der Freundschaft der Seelengemeinschaft.
Es bedarf vielleicht keiner weiteren Ausführung, dass die Rosenkreuzer des 17. Jahrhunderts in ihrem Bekenntnis der Rosenkreuzer-Bruderschaft von 1615 diesen Impuls, dieses Erscheinen eines neuen Sterns im Sternbild Schlange und Schwan, als das Zeichen erkannten, um zu einer totalen wissenschaftlichen und religiösen Erneuerung zu kommen, bis zur Höhe der unsterblichen Seele. Sie schreiben darum auch über "die Sterne, erschienen in Serpentarius und Cygnus, als wahrlich große Zeichen von Gottes mächtigem Ratschluss13."
Und die Grenze, die Saturn gezogen hat, die Grenze dieser unserer Welt, kann durchbrochen werden; das Bewusstsein, das Wissend-Sein, kann in das Reich "nicht von dieser Welt" emporgezogen werden, die unsterbliche Seele kann durch die Pforte des Saturn hinziehen. Kann, denn es ist eine neue Möglichkeit, es ist eine Perspektive und auch eine neue Grundlage für die Freundschaft der Seelengemeinschaft und für die Liebe.
Es gibt Berichte über die ersten zwanzig Jahre des 17. Jahrhunderts, die den Sechziger-Jahren dieses Jahrhunderts verblüffend ähneln, zum Beispiel in Amsterdam. In den Grenzüberschreitungen und dem Freiheitserleben, wie zum Beispiel ein Brederode das beschreibt, waren die Niederlande, besonders während des 12-jährigen Bestehens, eine Art Oase der Entspannung und Aufklärung, die freilich mit Beginn des 80-jährigen Krieges schon wieder ihr Ende fand.
Und doch könnte man sagen, dass der Renaissance-Impuls der Zeit Ficinos sich am Beginn des 17. Jahrhunderts vertieft und intensiviert fortsetzt in Deutschland und den Niederlanden, und dass diese Erneuerung für Europa große Folgen nach sich zieht. So ist der britische Historiker Israels der wissenschaftlich aufsehenerregenden Meinung zugetan, dass die Normen und Werte in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts einen tatsächlichen Beginn der Erleuchtung in Europa bilden, wie er das voriges Jahr während der Van-der-Leeuw-Lesung in Groningen erläutert hat14.
Frans Smit hat in mehreren Publikationen bereits aufgezeigt, wie der frische und erneuernde Impuls in Mitteleuropa durch den schrecklichen 30-jährigen Krieg erstickt wurde. Voriges Jahr wurde noch des endgültigen Westfälischen Friedens, des Friedens von Münster, gedacht.
Wie es in den nächst hinter uns liegenden Jahrhunderten weiter ging, ist mehrfach berichtet worden: während die sogenannten Mysterienplaneten Uranus und Neptun endlich entdeckt wurden - womit man hoffen kann, dass für Ficinos Schwierigkeit auch wissenschaftlich eine Lösung entstehen wird - geschah gerade das Gegenteil: die Unsterblichkeit der Seele wurde immer mehr zum Tabuthema erklärt, weil sie wissenschaftlich die Lachlust weckte und theologisch durch Sinnübertragung bis nach dem stofflichen Tod verbannt wurde.
Obwohl Ficino in diesem Gebiet auch deutlich Platz reservierte, wird in diesem Vortrag betont, dass die Bedeutung von Ficinos Philosophie für Europa doch vor allem in seinen Bestrebungen liegt, die Liebe und die Freundschaft durch direkte Beseelung in der Welt auszudrücken.
Glücklicherweise endet hiermit weder die Geschichte noch dieser Vortrag. Denn im zwanzigsten Jahrhundert kann man von einem Durchbruch reden, der Ficinos Schwierigkeit zuverlässig auflöst und die Renaissance ermöglicht, die Wiedergeburt des wahren Menschen vom Anfang durch eine neue Beseelung, als Krone des Kulturimpulses, der in Norditalien begann.
Eigentlich wird dies in den kommenden Jahren immer mehr sichtbar. Die Pforte von Saturn, die Grenze der äußerlichen Welt als absolute deadline - gegenwärtig meint man sagen zu müssen: drop dead date! - verschwimmt und löst sich auf für die erneuerte Seele. Ungeachtet der Tatsache, dass die unsterbliche Seele eine wissenschaftliche Unmöglichkeit geworden ist, reißt die Atmosphäre auf und sorgt die veränderte Strahlungssituation für einen Wachwechsel mit Uranus.
Die griechische Mythologie kann in umgekehrter Reihenfolge erlebt werden: die Macht der zeiträumlichen Regierung, von Chronos als Herrscher im Weltenfeld, macht Platz für den Einfluss der ursprünglichen Freiheit, aus welcher der Mensch "gefallen" ist. Dies bedeutet eigentlich auch die Bekrönung der westeuropäischen Kulturperiode. Wiedergeburt aus Wasser und Geist - und das ist Renaissance durch die unsterbliche Seele - erhält einen natürlichen Beginn durch den Wasserträger, wie der übernatürliche Raum von Uranus auch genannt wird. Dieser Wasserträger, Aquarius, gießt sein lebendes Wasser über alle Seelen aus, womit die Wiedergeburt im Prinzip bereits die Pforte von Saturn durchschritten hat.
Aber das ist kein automatischer Prozess ohne Weiteres. Es hat keinen Sinn, hierüber zu sprechen, wenn wir nicht auf größtmöglicher Nüchternheit basieren, einer Nüchternheit, bei welcher auch die Namen von Planeten nicht dazu bestimmt sind, um damit zu jonglieren, so dass sie somit weiter außerhalb unserer Betrachtung bleiben können.
Die Niederlande haben einen speziellen Auftrag, wenn es um Nüchternheit geht. Ein Auftrag, der viel tiefer geht als zum Beispiel bei den Engländern, die den Namen haben, nüchtern zu sein, aber oft Geschichte und Tatsachen für absolute Wahrheit ansehen, während für den niederländischen Wissenschaftler die Wahrheit einer objektiven Außenwelt im Voraus verdächtig erscheint. Eine schönes Beispiel ist der obengenannte Professor Israels, der die niederländische Toleranz als Vorbild für das Europa des 21. Jahrhunderts handhabt. Sein niederländischer Korreferent stellte dort in Groningen scheinbar pessimistisch die tragische Unversöhnlichkeit des Bestehens gegenüber, die Einsicht des "es kann ja niemals gut gehen, aber wir werden uns positiv darauf einstellen", und das ist genau die Nüchternheit für die Welt, die unentbehrlich ist, um mit der Wiedergeburt einen Anfang zu machen.15 Lao Tse sagte diesbezüglich: Die Welt ist eine Wildnis und hat kein Ende.16
Die Nüchternheit in der objektiviertesten Form ist notwendig. In Spinoza finden wir bereits einen meisterhaften Beginn dieser Nüchternheit. Ein niederländischer Professor, der kürzlich international bekannt wurde, nämlich Frits Staal, schrieb "Über Sinn und Unsinn in Philosophie, Religion und Wissenschaft"17, ein sehr lesenswertes Buch und eine Illustration der Nüchternheit der Wissenschaft. Mit dieser Nüchternheit können wir auch der Liebe näherkommen, und wir teilen sie klassisch auf in storgi (Geneigtheit), filia (Freundschaft), eros und agape (Höhere Liebe). Aber es ist ein Endpunkt, freilich die allerreinste Pforte, jedoch ist kein drive mehr da, um hindurch zu ziehen. Es ist ein objektiver Tiefpunkt. Die Nüchternheit der Wissenschaft kann erst durch diese Pforte hindurch, wenn sie die Wissenschaft der Nüchternheit wird, wenn diese Wissenschaft sich ihres Ursprungs erinnert.
Hier kommt uns Ficino wieder zweifach zu Hilfe, hermetisch und alttestamentarisch. Alttestamentarisch durch den Hinweis auf das "Ihr seid Götter" und hermetisch durch das Auflegen der Nüchternheit auf die unsterbliche Seele, den göttlichen Anderen in uns. Denn nach dem Geist sind wir benebelt, betäubt. Ficino nennt den Geist "sterbend". Nur der nüchterne Gott in uns, den wir nicht auf einen weltlichen Thron setzen können, kann unsere Seele in unsterblichem Sinne nähren. Die Wissenschaft seiner Nüchternheit überbrückt alle Kenntnislücken, strukturiert die Beseelung, löst das Problem des Individualismus auf in rechter Seelengemeinschaft, erfüllt das Gesetz, verleiht der Ewigkeit im Jetzt Inhalt, kurzum: geleitet uns über die Grenze auf die einzig richtige spirituelle Weise.
Unsere Zeit lässt uns stets mehr begreifen, dass sich eine Grenze nähert, aber lässt uns auch die Grenzenlosigkeit verstehen und damit die Gefahr des Chaos. Unterdessen scheint Saturn als Herrscher der Zeit noch nicht ausgespielt zu haben: er stellt seine platonischen Forderungen. Das Prinzip der Unsterblichkeit der Seele kann darin nur gut betreut und in einem hierarchischen System wachsen; der theoretische Begriff der Ewigkeit, das heißt der wirkliche innerliche Besitz der Unsterblichkeit ist ein fortwährend erweitertes Bewusstsein, durch den unaufhörlichen Strom vor allem sinnlicher Eindrücke verhöhnt durch die Nüchternheit dieser Welt: "Welche Seele ist denn nun eigentlich unsterblich?"
Nur ein Feld, ein dynamisches Netzwerk, ein kollektives Überbewusstsein, eine mächtige Gruppe gleichgestimmter Seelen wird diese Nüchternheit ertragen und den Unsterblichkeitsbegriff nähren können bis zu einer lebendigen Wirklichkeit. Ficino hat das bruderschaftliche Feld gesucht und sah die erhabene Liebeskraft als Träger, als Gnade dieses Feldes. Der Auftrag von Hermes lautet nicht: "Behaltet eure kulturell-wissenschaftliche Nüchternheit", sondern: "Werdet nüchtern nach der unsterblichen Seele". Er sagt im Corpus Hermeticum im 3. Buch, Vers 2: Haltet ein, werdet nüchtern und schaut wieder mit den Augen eures Herzens! Hermes ist der Quell, das heißt der Ursprung von Weisheit quer durch die immer diffusere Zeiträumlichkeit, sowohl nach der Vergangenheit hin als aus dem Heute heraus.
Wir wollen in diesem Zusammenhang nun die außergewöhnlich wichtige heutige Zeit als dritte und letzte Periode der Grenzüberschreitung nennen, die Ernteperiode der Wiedergeburt nach Wasser und Geist, die entscheidende Renaissance des westlichen Menschheitstypus, den Prozess des Wachstums des göttlichen Anderen in uns, einen Hochzeitsgang zur vierten Dimension, den tatsächlichen Gang durch die Pforte des Saturn. Das Besondere daran ist das auf der ganzen Linie dienstbar Werden dieses selben Saturns als Herrscher über die stoffliche Wirklichkeit: er macht den Hochzeitszug chemisch, sorgt für die richtige Gärung und liefert wirklich die stofflichen Bedingungen für die Entsterblichung der Seele. Der Satanaspekt, den Ficino gelegentlich behauptet, existiert nicht wirklich, genauso wie unsere Nüchternheit uns gelehrt hat, dass ein anthropomorpher Teufel ein überholtes Konzept ist. Entsterblichung ist darum mehr denn je möglich, mystisch und mikrokosmisch, aber auch konkret, kosmisch und sogar historisch.
Das nun erleben wir in unserer Zeit seit dem Ende der Neunziger-Jahre und dem Beginn des 21. Jahrhunderts. Das Bild, das hierfür noch am besten passt, ist die umgekehrte Mythologie betreffend Chronos und Uranos. Diese griechischen mythologischen Kräfte beherrschen dasselbe Feld des Lebens, dasselbe Feld von Entwicklung, nämlich das Feld der menschlichen Lebenswelle.
Nun wird der wahre Mensch dargestellt als Wasserträger, als derjenige, dem es gelingt, das lebende Wasser wegzuschenken und dadurch die Erneuerung und Wiedergeburt möglich zu machen, und zwar laut der bereits genannten mystischen Erfüllung von Hermes: alles empfangen, alles preisgeben und dadurch alles erneuern. Und dieses infolge der wahren Bedeutung von Reichtum: "Reichtum ist, etwas zu besitzen, was allen geschenkt werden kann wie aus einem unerschöpflichen Quell". Bisher bewachte Chronos oder Saturn den Reichtum, die Ordnung und die Disziplin, die absolut nötig sind, um den Geistordensgesetzen zu genügen.
Wir sehen zum erstenmal, wie sich ein möglicher Durchbruch für die sich entwickelnde Menschheit anbahnt, wenn der Christus-Impuls sich manifestiert. Wo der Geist des Herren ist, da ist Freiheit. Als elektrische Erneuerungskraft "nicht von dieser Welt" wird Christus wohl auch Uranuskraft genannt, eine Kraft, die das Herz erneuert, so dass wir wieder mit den Augen des Herzens sehen und die wahre Nüchternheit besitzen können.18 Diese Kraft ist mit der ursprünglichen Freiheit und Liebe in vollkommenem Sinn verbunden.
Ficino sah Freundschaft und Liebe als wichtige zu erfüllende Tugenden für die Entsterblichung der Seele an und begriff den festlichen Charakter davon zuerst wie kein anderer. Auch damit kollidierte Ficino mit den saturnischen Bedingungen von Genügsamkeit und Strenge. Christus ist außer einer revoltierenden, sehr notwendigen und freiheitlich gesinnten Erneuerungskraft vor allem auch ein Schwert in der eigenen Seele, denn es gibt keine Erneuerung ohne Veränderung, somit kann das Preisgeben eine schmerzhafte Notwendigkeit sein.
Die Freundschaft und Liebe von Ficino berühren uns durch die Aufrichtigkeit seines bruderschaftlichen Strebens. Ficino hatte eine zu schwere Arbeit mit dem alten Chronos - begreiflich auf Grund seines spielerischen, kreativen und feinsinnigen Geistes. Aber heute ist die Grenze von Chronos' Macht erreicht, und Chronos ist wohlwollend geworden, etwas, wovon Ficino hoffte, dass es schnell geschehen würde. Jupiter, die von den klassischen Engländern auch noch oft angerufene Kraft, ist laut Ficino der letztendliche Auflöser der durch ihn als überwiegend negativ erfahrenen Saturn/Chronos-Kräfte. In Europa ist nämlich die Grenze in mehrfachem Sinne erreicht, und in den vergangenen Jahren hat Saturn alles an Reichtum aus seinem Vorrat geholt, um ihn anzubieten, und er tut es noch. Aber verstehen Sie es nicht nur materiell: alles ist in Wahrheit leergeschöpft, um es den Erneuerungskräften von Herz und Haupt, Uranus und Neptun, den Mysterienplaneten, anzubieten, die ihre erste Geburtsstunde bereits im 17. Jahrhundert in Schlange und Schwan feiern konnten und die nun ihre mächtige Renaissance festlich begehen. Dadurch, durch diesen Reichtum, sind alle Kräfte für die Wiedergeburt mobilisiert, für die Offenbarung des wahren Menschen, denn die ganze Schöpfung sehnt sich nach dieser Offenbarwerdung. Aber Chronos und die Erneuerer von Herz und Haupt treiben den Menschen weiter, über die Grenze und fungieren dabei als eine Art kosmische Staubsauger: unser Seelenbewusstsein, unser Wissend-Sein wird in ein anderes Energiefeld versetzt, zwar noch in unserer Zeiträumlichkeit, aber materiell davon losgelöst: es ist die Äthersphäre, wo die wirkliche Assimilation der Christuskraft stattfindet.
Für Ficinos Schwierigkeit mit Chronos ist das ohne Weiteres auflösend, denn die wesentlichen Menschenwerte Freundschaft und Liebe laufen in ihren Heimathafen Aquarius, die regenerierende Wellenlänge der wahren Menschheit in Freiheit und Bruderschaft, ein. Für die unvorbereitete Menschheit bedeutet das eine gefährliche Situation, ähnlich dem Verschwinden der mentalen Ozonschicht: man läuft Gefahr, durch die geistige Sonne mental zu verbrennen und in psychischem Chaos unterzugehen, weil man den innerlichen Bezug zur unsterblichen Seele nicht besitzt oder nicht erkennt. Ficino führte bereits an, dass Disziplin eine essentielle Bedingung für Spiritualität ist - das heißt, dass das Funktionieren der innerlichen Ordnung eine absolute Notwendigkeit für die Entsterblichung der Seele ist.
Die Geistesschule des Goldenen Rosenkreuzes ist besonders vorbereitet, um denjenigen, die den innerlichen Bezug zu ihrer unsterblichen Seele kennen lernen wollen, bei ihrem Prozess der Selbstübergabe zu helfen, ohne den autonomen Prozess der Entsterblichung der Seele zu forcieren, so dass eine wahre Seelengemeinschaft das Fest der Heimkunft in Liebe feiern kann.
Der Abgrund ist dann überbrückt. Das Chaos ist durch den guten Dämon vernichtet und harmonisch geworden; der Tod ist verschlungen in den Sieg.
Vortrag: F. Spakman
Übersetzung ins Deutsche: Ursula Klee
Literatur:
1. Where cognitive science went wrong, Jerry A. Fodor, Clarendon Press,
Oxford, 1998
2. Lexical competence, Diego Marconi, the MIT press, Camebridge (Mass),
London 1997
3. Theologica Platonica (Über die Unsterblichkeit der Seele),
Marsilio Ficino, Neuauflage 1975, G.Olms Pubs, USA
4. Marsilio Ficino and his work after fice hundred years, Paul Oskar
Kristeller, Leo S. Olschi, New York, 1987
5. Brief von Ficino an Bernardo Bembo, übers. Die Briefe von
Marsilio Ficino, Rozekruis Pers, Haarlem 1993 (Brief 119)
6. Corpus Hermeticum, u.a. 1. Buch, Pymander Vers 39,56,69
7. Timaeus, Plato, 37 d 5-8 und 38 a 7-8
8. Nach Hesiods Theogonie, worin er die alte griechische Götterwelt
systematisch in Genealogien geordnet hat.
9. U.a. Briefe 95 und 106 aus "Die Briefe von Marsilio Ficino"
10. Spinozas Brief vom 2.Juni 1674 an Jarig Jelles. Aus Spinoza,
Briefwechsel, WB, Amsterdam 1977
11. De vita triplica, Traktat von Marsilio Ficino; FICINO M., Opera
omnia, Basel 1576
12. Numeri 21,8
13. Confessio Fraternitatis, A.D. 1615, Kassel (Valentin Andreae)
14. The Enlightenment, the Dutch an the Future of History, Jonathan I.
Israels, 16. Okt. 1998 (De Volkskrant 1998)
15. Item, Bl. 28 der niederländischen Übersetzung
16. Tao Teh King, 20. Kapitel
17. Über Sinn und Unsinn in Philosophie, Religion und Wissenschaft,
Frits Staal, Meulenhof, Amsterdam 1986
18. Das Bekenntnis der Rosenkreuzer-Bruderschaft, J. v. Rijckenborgh,
1966, Rozekruis Pers, Haarlem
