Die Bürgschaft von Schiller - Analyse von Helga Günther
V o r w o r t
Friedrich v. Schiller schrieb im Jahre 1797 die Ballade " Die
Bürgschaft".
Juristisch gesehen ist eine Bürgschaft ein Vertrag, durch den sich
eine Person, der Bürge, gegenüber dem Gläubiger eines
Dritten (Hauptschuldner) verpflichtet, für die Erfüllung der
Verbindlichkeit des Dritten einzustehen.
Wenn es um eine Bürgschaft geht, sind also mindestens drei Personen
daran beteiligt.
Mancher mag sich an seine Schulzeit erinnern, wenn er "Die
Bürgschaft" heute wieder liest.
Auch hier geht es um einen Schuldner (Damon), einen Gläubiger
(Dionys) und einen Bürgen ( Freund).
Im Unterricht diente "Die Bürgschaft" gewöhnlich als
Beispiel und Inbegriff hoher Ethik und Freundestreue; einer Treue, die
sogar den Gesinnungs-wandel eines hartherzigen Königs bewirken
kann.
Dabei spiegeln die handelnden Personen die beiden geistigen
Strömungen am Übergang von der Klassik zur Romantik wider;
einerseits ein vom Verstand und andererseits ein vom Gemüt
geleitetes Verhalten.
Aber in dieser Betonung ethischer Werte für Unterrichtsziele
erschöpft sich der Sinn der Ballade nicht. Ihren tieferen
Bedeutungsinhalt in seiner seelisch - geistigen Dimension auszuloten ist
das Anliegen dieser Schrift.
E i n l e i t u n g
Das Selbstverständnis des heutigen Menschen beruht gewöhnlich
auf der Vorstellung, er bestehe aus Körper, Seele und Geist.
Über das, was nach dem unausweichlichen Tode dieses Systems
geschehen wird, gibt es unterschiedliche Ansichten und Vorstellungen.
Viele glauben, nach dem Tode des Körpers gehen Seele und Geist in
Gottes Ewigkeit ein; andere vermuten, Seele und Geist kehren nach einem
Aufenthalt im Jenseits von dort zurück, um ein neues Leben zu
beginnen. Die nüchterne Wissenschaft sieht im körperlichen
Tode das Ende allen Seins.
Diese unterschiedlichen Vorstellungen sollen im Sinne der uralten
Weisheitslehren der Menschheit im Folgenden etwas näher beleuchtet
werden.
Am Anfang der Schöpfung war der Mensch das Ebenbild Gottes; ein
Geist -Seelenwesen aus Licht, ein unsterblicher Mikrokosmos, der in der
Bewusst-seinseinheit mit Gott lebte. Selbst mit Verstand und freiem
Willen begabt, trug dieses ursprünglich androgyne Wesen in sich
drei Seelenkerne: ein männliches, ein weibliches und ein neutrales
Prinzip. Zusammen bildeten sie eine unsterbliche, mikrokosmische
Drei-Einheit, dazu ausersehen, dem göttlichen Willen und der
göttlichen Weisheit zu dienen.
Als aber eine große Anzahl dieser ursprünglichen Wesen nicht
mehr den Willen Gottes tun, sondern den eigenen Willen ausführen
wollte, benutzten sie die göttliche Gabe des Verstandes
selbstherrlich für eigene Schöpfungsideen. Dadurch zerbrach
die wunderbare Einheit der drei Seelen. Die Mikrokosmen verloren
entweder ihren weiblichen oder ihren männlichen Seelenkern, so
daß sie zweipolig wurden.
Was aber nicht in Harmonie mit Gott ist, kann in Gott nicht sein: die
zerbrochenen Mikrokosmen stürzten hinab in die Ebenen niederer
Schwingung der verdichteten materiellen Welt. Hier nun können die
geistig orientierungslos gewordenen Mikrokosmen ihr eigenes,
ungöttliches Wesen verwirklichen.
Die Mythologie hält für diese gewaltigen Prozesse unserer
Menschheits-geschichte eindrucksvolle Bilder bereit:
Christus, der Sohn Gottes, herrschte im Himmel; er war das Licht der
Welt.
Luzifer, der strahlende Morgenstern, mit Verstand begabt, sollte Gottes
und Christi Herrlichkeit widerspiegeln. Doch irgendwann verweigerte
Luzifer den Gehorsam: er wollte selbst Gott sein. Zur Strafe wurde er
des Himmels verwiesen. Er stürzte hinab in das tiefste Dunkel und
wurde zum" Herrn dieser Welt", Satan.
Daraus wird deutlich, daß der heute lebende Mensch mit dem
einstigen himmlischen drei-einigen Wesen nichts mehr gemein hat. Wir
sind heute Persönlichkeiten aus Körper und Seele - aber ohne
den lebendig-machenden göttlichen Geist. Stattdessen wirkt der
verselbständigte, eigenwillige Verstand in uns, (Luzifer/Satan),
der die ihm geschenkte Freiheit benutzt, um fern von Gott nach eigenen
Vorstellungen zu herrschen und selbst Lenker seines Schicksals zu sein.
Satan ist bis heute die Personifizierung der Ich-Zentralität, die
selbstherrlich ohne die Lichtkraft Gottes auszukommen meint. Er sagt:
"Ich bin Gott, es gibt niemanden außer mir".
Infolge des Verlustes der göttlichen Lichtkraft, die den
Mikrokosmos und seine Geistoffenbarung belebt und geleitet hatte, ist
unser heutiges Bewusstsein verdunkelt und in großer Unwissenheit
befangen.
Nie zuvor war das intellektuelle Wissen so verbreitet wie
gegenwärtig; zugleich scheint jedoch das innere Wissen um Herkunft,
Sinn und Ziel des Lebens geschwunden zu sein.
Diese "Absage" an Gott zwingt uns zu einer Existenz in einem
Lebensfeld, das von Trennung und Spaltung geprägt ist. In diesem
Reich der Vergänglichkeit liegt über allem der Schatten des
Todes.
Der Widerstand gegen die göttliche Kraft setzte einen Prozess
fortschrei-tender Ich-Bildung in Gang. Theologisch gesehen ist das die
"Sünde", - die Psychologie nennt es "Individuation"
oder auch "Selbstverwirklichung," was wohl eher die Bezeichnung
"Ich-Verwirklichung" verdient hätte.
Das Prinzip der ungebundenen Selbständigkeit der
Ich-Zentralität herrscht heute in der irdischen Persönlichkeit
vor. Es ist unser Naturgott, der seine Macht über uns ausübt.
Wer heute mit wachen Augen das Leben und Treiben der Menschheit
betrachtet, der sieht das erschreckende Ergebnis dieser Entwicklung.
Einerseits scheint es kein Entkommen zu geben aus diesem Labyrinth des
Todes, andererseits sind wir Menschen immer noch eine großartige
Schöpfung! wenn auch armselig im Vergleich zu dem, was wir einmal
waren, denn:
- die Einheit mit Gott zerbrach;
- der Geist, das Feuer des Lebens, hat sich von uns zurückgezogen;
- der herrliche Geist-Leib wurde durch einen materiellen Körper
ersetzt;
- in unserem Herzen liegt unsere einst wunderbare unsterbliche Seele,
unser wahres, spirituelles Selbst, in Latenz gefangen,
- statt der wahren, unsterblichen Seele sind wir heute eine
natur-geborene, sterbliche Seele, die ganz auf unseren irdischen
Körper mit seinen natürlichen Bedürfnissen abgestimmt
ist;
- und in unserem Haupt, dem ehemaligen Zentrum des göttlichen
Geistes, da herrscht Satan, das Prinzip der Spaltung, das ich-bezogene
Denkvermögen. Der verselbständigte Verstand dominiert
eigen-mächtig das ganze System.
An diesem Zustand tiefster Gefallenheit würde sich wohl niemals
mehr etwas ändern, wäre da nicht das Ewigkeitsprinzip in
unserem Herzen, das Unterpfand unserer göttlichen Herkunft.
Fortwährend empfängt dieser unsterbliche Geistfunke in uns
pulsierendes Licht aus dem ursprünglichen Lebensfeld als weckenden
Ruf. Doch er kann nur zum Leben erwachen, wenn irgendwann in unserem
natürlichen Seelenbewusstsein eine Resonanz stattfindet und die
Seele sich des Geistfunkens bewusst wird.
Viele spüren diese aus dem Herzen aufsteigenden Impulse als innere
Unruhe, die sie sich nicht erklären können; als unbestimmte
Traurigkeit; als grundlose Unzufriedenheit; als Stimme des Gewissens
oder als diffuses Gefühl, etwas Wesentliches zu versäumen und
nicht wirklich zu leben; so, als hätten sie noch eine wichtige
Aufgabe zu erfüllen.
Tatsächlich besteht eine solche Aufgabe seit die Menschheit denken
kann, und sie ist vollkommen eindeutig: die Welt der Dialektik zu
überwinden und in die Einheit mit Gott zurückzukehren.
Dazu soll die im Stoff des Irdischen versunkene natürliche Seele,
die wir sind, auf einem vorgezeigten Reinigungswege ihre Ich-Natur
läutern, d.h. alle ichgerichteten Tendenzen auflösen und sich
in vollkommener Selbstübergabe dem innereigenen Christus, dem
wahren Selbst im Zentrum des mikrokosmischen Herzens weihen.
Wenn eine irdische Persönlichkeit zu einem solchen Wandlungsprozess
ihrer selbst bereit ist, dann steht sie am Beginn eines
Einweihungsweges.
Auf diesem Wege der Selbsterkenntnis opfert sie freiwillig nach und nach
ihr fehlgeleitetes Denken, ihre gefühlsmäßigen Vorlieben
und Abneigungen und ihr eigensüchtiges Wollen und Handeln, kurz
ihre ganze eingebildete Großartigkeit.
Von all dem, womit die Persönlichkeit sich identifiziert, wird dann
nichts übrig bleiben. Dies ist der einzige Weg, auf dem aus einem
Naturmenschen ein Seelenmensch neu geboren werden kann.
Die vollständige Hingabe der alten
Persönlichkeitsorientierungen nicht deren Kultivierung ist die
Bedingung für die Wiederherstellung des verlorenen dritten
Seelenkerns, wodurch der göttliche Geist wieder empfangen und die
ursprüngliche Drei-Einheit wieder erreicht werden kann.
Wenn eine einsichtig gewordene natürliche Seele sich auf den Weg
der Erkenntnis macht, um zu einem Ewigkeitswesen zu werden, wird sie
unerwartete innere und äußere Widerstände überwinden
müssen, bis ihre Aufgabe vollbracht ist.
Diesen inneren Befreiungsweg der sterblichen Seele, der vom Glauben
über die Hoffnung zur Liebe führt, schildert Schiller in der
bilderreichen Sprache seiner "Bürgschaft"
.
DIE BÜRGSCHAFT
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
"Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!"
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
"Die Stadt vom Tyrannen befreien!"
"Das sollst du am Kreuze bereuen."
"Ich bin", spricht jener, "zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen."
Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
"Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse: wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen."
Und er kommt zum Freunde "Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande."
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.
Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.
Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
"O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht,
Und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen."
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.
"Was wollt ihr?" ruft er für Schrecken bleich,
"Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!"
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
"Um des Freundes willen erbarmet euch!"
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.
Und die Sonne versendet glühenden Brand;
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee:
"O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben!"
Und horch! Da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
"Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen."
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:
"Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet´ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben."
"Und ist es zu spät und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue."
Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
"Mich, Henker!" ruft er, "erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!"
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär;
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.
Und blicket sie lange verwundert an;
Drauf spricht er: "Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.
Analyse:
Aufbruch
Dionys und Damon
Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich
Damon, den Dolch im Gewande;
Ihn schlugen die Häscher in Bande.
"Was wolltest du mit dem Dolche, sprich!"
Entgegnet ihm finster der Wüterich.
"Die Stadt vom Tyrannen befreien!"
"Das sollst du am Kreuze bereuen."
"Zu Dionys dem Tyrannen schlich Damon
" so beginnt die Ballade.
Dionys ist kein bestimmter, historischer König - obwohl es bis
heute gewiss viele tyrannische Herrscher gegeben hat, - sondern eine
Figur in einer Ballade mit mythologischem Hintergrund. Die darin
handelnden Personen versinnbildlichen innere Aspekte der
Persönlichkeit, die in jedem Menschen zu finden sind. Die
äußeren Bilder der Handlung spiegeln innere Erfahrungen wider,
die auf diese Weise dem Einzelnen bewusst werden können.
Der Name Dionys steht sprachlich im Zusammenhang mit Dionysos, der im
antiken Griechenland als Gott zusammen mit Apollo verehrt wurde . Apollo
war der Gott des Lichtes, der Einheit , des Friedens und der
göttlichen Ordnung.
Doch wer war Dionysos?
Nach heute verbreiteter Vorstellung war in der Antike Dionysos der
Gott des Weines, des Rausches, der Ekstase und Fruchtbarkeit, sowie der
Gegensätze von Leben und Tod, die sich in Dionysos einten.
Darstellungen zeigen ihn meist als weinlaubumkränzten,
fülligen kleinen Adonis, Ausdruck für sinnlichen Genuß
und Lebensfreude.
Damit werden wir aber einem Gott, der Apoll gleichgestellt war, und dem
im jährlich wiederkehrenden hohen Fest der "Eleusinischen
Mysterien" höchste Ehre zuteil wurde, nicht gerecht.
Der Name Dionysos wird abgeleitet von Dios nous, was bedeutet: "Atem
Gottes".
Dionysos, der aus der Einheit des Urseins stammende, ist uns als der
"Trigonos", der dreimal geborene Sohn des Zeus,
überliefert. Dies bedeutet, dass er für uns in drei Gestalten,
in drei Aspekten, erfahrbar wird. Sie charakterisieren den dreifachen
Prozeß, in dem die gefallene Menschheit zurückgeholt werden
soll. Der Gott Dionysos kommt in die Welt, damit sich das menschliche
Bewusstsein wieder mit dem Göttlichen verbinden kann. Aber dies
bedeutet für Dionysos, sich der Welt zu opfern. Er geht im Menschen
unter, um eine überwindende Kraft hervorzubringen, durch die eine
Erlösung möglich wird.
Die erste der drei Gestalten ist die aus dem göttlichen Urprinzip
heraustretende Kraft: Dionysos- Zagreus. Er ist der in die Vielheit
Zerrissene. Das ehemals geistige Prinzip wird so ent-geistigt und
versinkt im Menschen. Hier nun kann die zweite Gestalt wirksam werden:
das überwindende, versöhnende Prinzip, der "Andere" in
uns.
Schließlich erscheint die dritte Gestalt: Dionysos-Jakchos, der
Jubelnde, der wiedergeborene Lichtgott. Er entfaltet sich durch das
Aufgeben des ersten Dionysos und durch das Überwinden des zweiten
Dionysos. Der dritte Aspekt symbolisiert die wieder gewonnene
Drei-Einheit; der "Trigonos" ist auferstanden.
An der Wirksamkeit dieser drei Aspekte können wir den
Werdeprozeß in jedem einzelnen Menschen nachvollziehen. Die in die
Welt hinabsteigende göttliche Kraft, die sich für den
Menschen opfert, wird zunächst nicht erkannt, sondern auf jede
erdenkliche Weise bekämpft. Die griechische Mythologie berichtet
von der Zerstückelung des Gottes; eine alte Erfahrung, nach der das
Geistige immer von der Unwissenheit zerstückelt wird. Der irdische
Mensch begreift die göttliche Kraft der Wahrheit nicht, weil er
seinen verdunkelten Verstand nur für seine ichbezogenen, weltlichen
Absichten einsetzt und nicht für das Erkennen und Erreichen seines
wahren Lebenszieles.
War Dionysos im Ursprung mit göttlicher Weisheit und
göttlichem Verstand begabt, so wurde Dionysos- Zagreus mit seinem
verdunkelten Verstand zum Herrn über die Lüste, die
Leidenschaften und die Triebkräfte. Als Herr über die
Unterwelt war er nun der rasende Gott des Rausches und des Wahns. Er
trug den Beinamen der "Erbarmungslose", womit das um jeden
Preis sich selbst behauptende Prinzip gemeint ist. Dies erinnert an den
christlichen Mythos von Luzifer, dem Lichtträger, der das Licht der
göttlichen Weisheit widerspiegeln sollte. In seiner
Selbstverblendung blind geworden, bildete er sich aber ein, selbst das
Licht zu sein. Er stürzte und wurde zum Satan, zum Herrn der
Unterwelt.
Dieser Eigenwille ist die Kraft des Bösen in uns, von der wir
"heim-gesucht" werden. Der missverstandene Gott wird in uns zum
Tyrannen. Ohne die göttliche Weisheit wird das verdunkelte
Bewusstsein zum brutalen Herrscher, der sich selbst zum König
wählt, um Willkür und Machtgier auszuleben. Aber er ist der
falsche König, ein Schein ohne Wirklichkeit. Das sich selbst
behauptende Ich der Persönlichkeit hat sich auf den Thron unseres
ganzen Systems gesetzt und beherrscht es nach Denken, Fühlen und
Wollen. Im Haupt herrscht es als der kalte, ichbezogene Verstand; im
Herzen als eigensüchtiges Fühlen, und im Beckenheiligtum
lässt es dem Wollen und Wünschen niederer Triebe und
Leidenschaften freien Lauf.
Dionysos-Zagreus wurde vom Volk als "Bacchus" verehrt, als Gott
der wilden Lebenslust, der weltlichen Freuden, Genüsse und
Vergnügungen. Er wurde in ausgelassenen Festen gefeiert. Als Gott
dieser Welt ist er ja auch keineswegs nur "böse",
lässt er doch "Wein, Milch u. Honig" aus der Erde
hervorgehen. Er schenkt uns die irdischen Freuden, Schönheit,
Reichtum, Wohltätigkeit; Kunst und Wissenschaft stehen unter seiner
Schirmherrschaft! Aber als Gott mit zwei Ansichten hält er auch die
Schrecken, das Grauen und die Qualen unseres irdisch-korporalen Daseins
für uns bereit. Was er gibt, das nimmt er wieder; nichts bleibt uns
von all der irdischen Pracht; wir müssen für alles bezahlen!
Er ist der rächende, zornige, tyrannische Gott, der unbarmherzig
jeden vernichtet, der sich seinem Willen widersetzt. Letztlich befreit
er die Menschen von allen Sorgen, denn dieser Gott garantiert uns den
Tod.
Der wahre König indes schmachtet in Ketten gebunden im eigenen
Herzen, das zur Mördergrube verkommen und vom Chaos
eigensüchtigen Denkens, Fühlens und Handelns überwuchert
ist wie Dornröschens Märchenschloß.
So trägt der Mensch vom Ursprung her einerseits das ewig
Göttliche, das Unsterbliche in sich, ist andererseits jedoch als
irdische Erscheinungsform der Welt des Vergänglichen verhaftet und
dem Tode geweiht.
In seinem Herzen ist ein Teil vom Wesen des Ursprungs bewahrt, und so
berichtet die Sage auch, dass das Herz von Dionysos nicht in den Abgrund
des Verderbens mitgerissen wird, sondern immer rein bleibt. Damit wird
es zum Unterpfand für die Errettung vom Tode.
Durch den im Herzen verborgenen Kern bleibt jeder Mensch latent mit
seinem Ursprung verbunden. Und deshalb gibt es noch den dritten Aspekt,
der uns mit Dionysos verbindet: die Möglichkeit der Rückkehr
nach Hause, zum Ursprung.
In den Feiern der "Eleusinischen Mysterien" wurde diese
Möglichkeit alljährlich wieder in das Bewusstsein der
Menschen gerückt. Dionysos, der durch sein Selbstopfer die Menschen
erlöst, wird als Gott der Versöhnung hoch verehrt,
Aber erst eine neue Seelenkraft vermag, diesen "Anderen" in uns
aus seiner Latenz zu erwecken. Dazu muß der alte Dionysos, das
verlorene stolze Ich-Prinzip, sterben; die Weisheit der Seele zieht den
Schleier der Unwissenheit vom irdischen Verstand und befreit ihn von der
Trunkenheit des irdischen Wahns.
Durch diesen Wandlungsprozeß kann das versöhnende Prinzip in
dem Maße sichtbar werden, wie Dionysos- Zagreus, das beherrschende
Ich-Prinzip, sich selbst aufgibt. Der Weg wird bereitet für das
überwindende Prinzip. Der Andere in uns, der befähigt ist, die
erlösende Lichtkraft aufzunehmen, wird wieder frei. Jakchos, der
lichtbringende Stern, erscheint. Die zerstreuten Aspekte des Dionysos
sind dann wieder zusammengeführt und bilden erneut eine Ganzheit;
Dionysos, der Trigonos, ist auferstanden.
Alle diese antiken Vorstellungen bringen uns in die Nähe
christlicher Mysterienweisheit und sind so aktuell wie diese.
Nun können wir verstehen, daß die Ähnlichkeit zwischen
den beiden Namen Dionysos und Dionys gewiss nicht zufällig ist.
Dionys entspricht der Gestalt des Dionysos-Zagreus/Satan, dem
selbstbehauptenden Verstandes-Ich. Er muß wie dieser seinen
Wandlungsweg gehen. .
Der König Dionys als die Personifizierung des ich-zentralen
Verstandesdenkens, verkörpert den rücksichtslosen Willen zur
Macht und die kalt berechnende Denkweise eines egozentrischen
Charakters. Er ist der irdische Gott im eigenen System, Ausdruck der
Weltkonformität ohne Beziehung zur geistigen Welt.
Zu diesem Tyrannen "schlich Damon, den Dolch im Gewande"...
Lange Zeit hat Dionys unangefochten seinen Machttrieb ausgelebt. Das
alles beherrschende Verstandesdenken ist auf keinerlei Widerstand
gestoßen. Der selbstherrliche, trunkene Gott des Wahns konnte
willkürlich herrschen. Da erscheint Damon mit Mordab-sichten. Er
will die Herrschaft des Tyrannen beenden. Doch wer ist Damon?
Auch der Name "Damon" ist nicht zufällig gewählt. Er
zeigt eine sprachliche Verwandtschaft mit "Daimon" oder
"Dämon". Antike Religionen dachten sich die Welt mit
gewaltigen Heeren über-menschlicher Dämonen erfüllt, die
für die unterschiedichsten Naturerscheinungen verantwortlich waren
und das menschliche Leben beeinflussten. In den Gestalten von
Dämonen spiegelte sich die Auseinandersetzung mit der Willkür,
der Härte und gefürchteten Macht des Schicksals wider.
In der Geschichte des Christentums wurde unsere ursprüngliche,
himmlische Seele als "der gute Dämon" bezeichnet. Sie war
Bewusstsein und das Licht der Welt (Christus). Ihre Stimme war die
Stimme des Gewissens, die als der gute Dämon die ursprüngliche
Persönlichkeit leitete.
Erst nach dem Sündenfall wurden Dämonen zu rächenden
Kräften des Schicksals. In der Mythologie sind sie auch als die
"Erinnyen" bekannt. Sie verfolgen und peinigen den Menschen,
jedoch niemals grundlos.
Gewiss hat jeder schon einmal die beunruhigende, quälende Macht
eines "schlechten Gewissens" erfahren. Wie ein "böser
Dämon" lässt es uns nicht in Ruhe.
Doch Dämonen sind uns nur scheinbar feindlich gesonnen. Sie
verursachen Störungen im Gedanken-, Gefühls- und Willensleben,
bilden aber gerade dadurch das Regulativ, die korrigierende Kraft, die
uns unsere Fehler bewusst machen und uns auf den rechten Weg der
Einsicht bringen will.
Mancher fragt sich mitunter: "Womit habe ich das verdient?" Er
sucht nach einem Schuldigen, und zweifelt an Gott, der "so etwas
zuläßt". Aber es gibt keinen rächenden Gott, der nach
Gutdünken belohnt oder bestraft; alle "Verdienste" sind auf
eigenes Tun zurückzuführen, auch dann, wenn wir die
Mechanismen dieses Wirkens nicht durchschauen können. Somit sind
auch die von uns als böse empfundenen Dämonen eigene
Schöpfungen, die immer dann Macht gewinnen können, wenn wir
vom Pfad der Tugend des rechten Denkens abgewichen sind. Unser falsches
Denken, unsere Leidenschaften und Verirrungen im Labyrinth der Welt sind
die Ursache unserer Leiden.
Der unberechenbare und zerstörerische Aspekt der Macht des
Schicksals scheint nun verkörpert in Damon dem König
gefährlich zu werden. Damon tritt Dionys feindlich entgegen.
Wenn ein neues Bewusstsein in einer Persönlichkeit zu wirken
beginnt, dann richtet sich automatisch der suchende Aspekt der Seele
(Damon) gegen den beharrenden Aspekt (Dionys) und umgekehrt; dann sind
"zwei Seelen" in unserer Brust.
Damon verkörpert die zur Erkenntnis befähigte Seele, die sich
gegen ihren Beherrscher, das eigenwillige und herzlose Verstandesdenken
wendet. Die zum Bewusstsein erwachende Seele will sich von ihrem
tyrannischen Ego befreien, das ihr keinen Raum lässt für eine
Freiheit in eigener Verantwortung. Sie will nicht länger Untertan
eines verdunkelten Bewusstseins sein und wendet sich gegen die Tyrannei
der Selbstsucht und Besitzgier, gegen Dünkel und Anmaßung.
Ein Mensch, der dieses Verlangen seiner Seele in sich spürt,
möchte etwas verändern in seinem Leben. Er wird sich auf
einmal seiner Verlorenheit in einer vom kalt berechnenden Intellekt
geführten Welt bewusst. Ihm wird klar, wie unbefriedigend und
belastend das ausschließliche Streben nach äußeren Dingen
ist; dass Macht, Reichtum, Kultur und Bildung, so reizvoll sie auch
erscheinen mögen, ihn auf Dauer nicht befriedigen können. Er
sucht nach wahrer Erfüllung und ist bereit, dafür alle
notwendigen Schritte zu unternehmen. Er möchte sich befreien aus
gewohnheitsmäßigen Abhängigkeiten und eine Freiheit
wieder finden, von der er spürt, dass sie ihm zusteht.
Wenn ein Mensch den grundsätzlichen Irrtum seines selbstherrlichen
Verstandesdenkens erkennt, will er diesen "Tyrannen" im eigenen
Wesen töten. Er sieht sich selbst nüchtern als sterbliches
Wesen, dem relativ wenig Zeit bleibt, seine bestimmungsgemäße
Aufgabe zu erfüllen, die er jetzt klar vor sich sieht. Zugleich
wird er sich der neuen Kraft bewusst, die ihn durchströmt und
aufweckt.
In ihrer Sehnsucht nach Freiheit brechen sich die neuen
Seelenkräfte Bahn und drängen ins Bewusstsein des Verstandes.
Doch im Haupt- (oben im Schloss) - sitzt Dionys, die kalte Ratio; sie
will vom Schwert des Geistes der Wahrheit (dem Dolche) unberührt
bleiben. Sie will ihr "Blut" die Naturseelenkraft nicht
vergießen für unbequeme Gedanken und Impulse, die jenseits
ihrer Interessen liegen.
Die auf äußere Sinneswahrnehmungen und das eigene Wohl
bedachte ich-bezogene Verstandestätigkeit will auf das mahnende
Gewissen nicht hören. Sie ist nicht interessiert daran, was die
innere Stimme der höheren Vernunft zu sagen hat, die aus dem
Herzen dringt und an die eigentliche Aufgabe gemahnen will.
Damon, unser erwachendes Seelenbewusstsein, wird für den Tyrannen
in uns zur tödlichen Bedrohung, zum "Dämon". Und so
hat Dionys, das weltbezogene, von der göttlichen Weisheit abgewandt
lebende Verstandesbewusstsein, allen Grund, seine
"Dämonen" zu fürchten und sich vor ihnen zu
schützen.
Doch solange die Angst vor den Dämonen unser Denken und Handeln
bestimmt, werden die neuen Seelenkräfte auf heftige
Abwehrreaktionen des unwissenden Verstandes stoßen und in den
Fängen der "vernünftigen" Gegenargumente hängen
bleiben (Damon wird von den Häschern gefangen genommen).
Die nach Befreiung verlangenden Impulse der Seele werden vom
Selbstbewusstsein eines Weltmenschen unterdrückt, verworfen und
bekämpft. Dadurch entsteht aber zwangsläufig eine Disharmonie
im Verhältnis zum "Herrscher", den allgemein herrschenden
Normen und Wertmaßstäben unserer gewohnten Privat-Kultur.
Diese innere Spannung findet ihren Höhepunkt im Entschluss, die
neuen Ideen zu eliminieren. (Dionys will Damon kreuzigen lassen).
Wer am Beginn eines neuen Weges steht wird erfahren, dass er nichts
erzwingen kann. Die eigenwillige Selbstherrlichkeit der dialektische
"König" ist mit den Mitteln der Dialektik: (List,
Feindschaft, Gewalt) nicht zu besiegen. Die Gefahr besteht, genau von
jenen Mächten "gefangen genommen" zu werden, die man
bekämpfen wollte. Die Idee des Freiheitsgedankens und seiner
rücksichtslosen Durchsetzung reicht nicht aus um frei zu werden,
denn Freiheit entsteht nicht durch Gewalt und Kampf gegen eine Macht,
sondern durch Einsicht und Hingabe an das göttliche Prinzip des
Herzens.
Der Mordanschlag misslingt; er muss misslingen, denn die
Verstandestätigkeit als solche darf ja nicht getötet werden,
sondern nur ihr zur Verselbständigung neigender Aspekt. Obwohl uns
die Verstandeskräfte an die Begrenzung dieser Welt binden, werden
sie ebenso wie die Seelenkräfte für den Erkenntnisweg
gebraucht.
Aber Damon die Stimme des Gewissens dringt bis zum König vor
und zwingt ihn zur Auseinandersetzung: der kritische Verstand muss die
neuen Seelenimpulse zur Kenntnis nehmen. Noch fühlt Dionys sich
sicher. Noch triumphiert der Verstand über die rebellierende Seele
mit den un-erhörten Wünschen. Noch sind Haupt und Herz weit
voneinander getrennt und stehen sich feindlich gegenüber.
Das Verstandesbewusstsein reagiert mit Abwehr und möchte das neue
Denken ganz schnell wieder aus dem Bewusstsein vertreiben, d.h.
weg-rationalisieren und als Unsinn abtun.
Aber eine erste schwache Geistberührung hat stattgefunden, eine
erste ahnende Verbindung zwischen Haupt und Herz ist hergestellt; auch,
wenn der Verstand die Bedeutung dessen in seiner Selbstverblendung und
Unwissenheit zunächst nicht bemerkt.
Nach dieser Betrachtung der beiden Hauptpersonen lässt sich nun die
erste Strophe der Bürgschaft zusammenfassend wie folgt
übersetzen: Die aus dem gewohnten Gleichgewicht gestoßene,
suchende und fragende Seele wird sich ihrer Unfreiheit und Bevormundung
durch das dominante Verstandes- Ich bewusst. Sie versucht, sich
gewaltsam davon zu befreien. Aber das nach Macht, Ansehen und
Herrlichkeit strebende Ichbewußtsein reagiert abwehrend, denn es
fürchtet um seine beherrschende Stellung. Es verschließt sich
gegenüber den ins Bewusstsein drängenden Seelenimpulsen, denen
es seine eigenen, weltgerichteten Interessen nicht opfern will. Die als
bedrohlich empfundene Stimme der Seele soll nicht gehört werden.
Die Bitte
"Ich bin", spricht jener, "zu sterben bereit
Und bitte nicht um mein Leben;
Doch willst du Gnade mir geben,
Ich flehe dich um drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit;
Ich lasse den Freund dir als Bürgen
Ihn magst du, entrinn ich, erwürgen."
So ist denn die Entthronung des "Königs", der gewohnten
Selbstbehauptung, nicht so ohne weiteres zu bewerkstelligen.
Damon akzeptiert die von Dionys verhängte Strafe; sie erscheint ihm
gerecht. Doch angesichts des sicheren Todes wird er sich einer wichtigen
Aufgabe bewusst. Er bittet den König um drei Tage Zeit für
deren Erledigung.
Die Seele hat lange unter der Herrschaft und mit dem
Einverständnis des irdischen Gottes der Ich-Zentralität
gelebt. Damit hat sie "gesündigt" und ihr Leben verwirkt.
Unausweichlich unterliegt sie dem Gesetz des Todes, den sie in dieser
Situation nur als gerecht akzeptieren kann. Die erwachende Seele aber
beginnt zu begreifen, dass sie zuvor noch eine Aufgabe zu erledigen
hat.
Jeder Mensch ist im irdischen Dasein ein "zum Tode
Verurteilter", der irgendwann diese Welt als Totenhaus erkennen
muss.
Wie oft spürt er schon mitten im Leben den Atem des Todes und wird
sich der Vergänglichkeit all dessen, was ihm lieb und teuer ist
einschließlich seiner eigenen Person bewusst. Das mag ihn
veranlassen, den Hunger seines Herzens zu stillen und mit einem
Erlösungsweg zu beginnen. Schon steht ihm die erste wichtige
Aufgabe dieses Weges klar vor Augen: die Verbindung der Gegensätze
(die Hochzeit) zustande zu bringen.
Ein solcher Mensch erkennt, dass die geschenkte Lebenszeit für die
Erfüllung dieser Aufgabe begrenzt ist, und dass er diese Zeit auch
nur bekommt, weil ein "Freund" für seine Rückkehr
bürgt. Er begreift, dass ein "Anderer" da ist, der ihm als
Garant für seine "Heimkehr" dient.
Und ihm wird außerdem bewusst, dass er diesen "Anderen"
unweigerlich opfert, wenn er nicht rechtzeitig heimkehrt, Will er sich
selbst retten, tut er es unvermeidbar auf Kosten des Anderen, dessen
Leben nun in seine Hand gegeben ist. "
Ihn magst du, entrinn ich,
erwürgen."
Drei Tage Zeit
Da lächelt der König mit arger List
Und spricht nach kurzem Bedenken:
"Drei Tage will ich dir schenken.
Doch wisse: wenn sie verstrichen, die Frist,
Eh du zurück mir gegeben bist,
So muß er statt deiner erblassen,
Doch dir ist die Strafe erlassen."
Der König gibt sich großzügig; er gewährt Damon die
erbetenen drei Tage für die Regelung seiner Angelegenheiten.
Der Herrscher glaubt sich seiner Macht über Damon sicher, hat er
doch einen "Bürgen" der gegebenenfalls die Schuld
übernehmen und anstelle Damons sterben wird.
Anfänglich genügt es, wenn die intellektuellen
Verstandeskräfte dem Wunsch der Seele nach Erfüllung der
Aufgabe nicht gänzlich behindernd im Wege stehen; einem Wege, in
dessen Verlauf die Verstandeskräfte selbst gereinigt und
geläutert werden, wenn sich die alten Selbstbehauptungstendenzen
mit wachsender Einsicht auflösen.
Eine vom Geist berührte Seele, die sich nach der Wahrheit sehnt und
den Sinn ihres Daseins begreift, bringt immer auch im
Verstandesbewusstsein etwas in Bewegung. Vorläufig braucht der
misstrauische Verstand allerdings noch "Sicherheiten" und stellt
Bedingungen. Er möchte den fremdartigen Seelenkräften lieber
nicht vertrauen; er bleibt skeptisch.
Wenn man bedenkt, wie viele unterschiedliche Angebote so genannter
"spiritueller Weisheit" in der Welt kursieren, so ist diese
Vorsicht durchaus angebracht. Allzu leicht könnte der Verstand auf
der Strecke bleiben, wenn er sich von emotionalen u. irrationalen
religiösen Wahnvorstellungen verführen und überrollen
ließe.
Dionys ist vorsichtig; das Neue ist für ihn schwer
einzuschätzen. Noch ahnt er nicht, was die Gewährung der Bitte
für ihn bedeuten wird: das Aufgeben all dessen, womit er sich
identifiziert. Hätte er geahnt, dass ihn das einmal seine
Machtposition kosten wird, er wäre gewiss nicht so
großzügig gewesen.
Aber noch durchschaut er die Konsequenzen nicht, glaubt er sich doch
seiner Verfügungsgewalt über den Bürgen, der nun anstelle
Damons ins Verlies geworfen wird, sicher.
Dionys, der Weltmensch, ist sich des spirituellen Menschen im eigenen
Wesen noch nicht bewusst; das ichbezogene Bewusstsein regiert
vorläufig noch über das ganze System. Das erst keimhaft
angelegte Christusbewusstsein, das wahre Selbst in ihm, wird erst
durch den Weg der Seele zu neuem Leben erwachen.
Jede menschliche Seele will einmal ihre Aufgabe erkennen und den ihr
vorgezeichneten Weg gehen. Das größte Hindernis auf diesem
Wege ist unser ichbezogner Verstand, der kalte Intellekt. Zu Beginn
eines Seelen-weges lässt er oft nur deshalb die Seele
gewähren, weil er dadurch etwas für sich selbst erhofft und
die wahre Bedeutung dieses Weges weder erkennen, noch ermessen kann. So
kann es geschehen, dass unsere Seele schon längst ansprechbar ist
für Einflüsse aus der geistigen Welt, die sie ahnt, spürt
und erkennt, während unsere "Vernunft" derartige Gedanken
noch als Hirngespinst verdammt.
Diese anfängliche Ahnungslosigkeit ist sehr nützlich für
die Seele, denn durchschaute der ich-gerichtete Verstand immer sofort,
was mit den Wünschen der Seele tatsächlich verbunden ist, also
welche gravierenden Veränderungen seines gesamten
Selbstverständnisses ihm da bevorstehen er würde das
Bemühen der Seele im Keime zu ersticken versuchen.
So ist verständlich, dass es für betont verstandes-
orientierte Menschen schwieriger ist, einen spirituellen Weg zuzulassen,
als für Menschen, die mehr mit dem Herzen denken.
Der König, das stolze Ichbewusstsei, wähnt sich seiner Macht
über das wahre Selbst, das gut bewacht im Gefängnis seines
Herzens liegt, sehr sicher. Er ist überzeugt, Herrscher zu sein
über die in ihm gefangen liegenden geistigen Kräfte. Von der
Einsicht, dass ihm gerade diese Kräfte fehlen, ist er noch weit
entfernt.
Der von seinem Erfolg und seiner Bedeutung berauschte Mensch glaubt,
alles Erstrebenswerte schon zu besitzen bzw. noch erfinden oder kaufen
zu können; nichts fehle ihm zum Glück. Doch früher oder
später muss jeder erfahren, wie flüchtig dieses Glück
ist, ja, dass es in Wirklichkeit in dieser Welt kein dauerhaftes
Glück gibt und er bis zur Erkenntnis des Wesentlichen noch nicht
durchgedrungen ist.
Was bedeuten "Drei Tage?"
Der durch den "Fall" zweipolig gewordene Mensch ist im
Spannungsfeld der irdischen Dialektik gefangen. In diesem Lebensfeld
soll er nun seine Gefangenschaft erkennen, sich daraus befreien und zur
ursprünglichen Drei-Einheit zurückfinden.
"Drei" ist die Zahl der Dynamik und der Synthese. Die
"Dynamik" bedeutet das Zurücklegen eines Weges; ein
Fortschreiten von Erkenntnis zu Erkenntnis. Die "Synthese" ist
die Verbindung zweier Gegensätze auf einer höheren Ebene, der
Drei-Einheit in der Art, wie aus These und Antithese die Synthese
entsteht. Geometrisch veranschaulicht wäre dies ein
gleichschenkliges Dreieck, dessen eine Spitze nach oben zeigt.
"Drei Tage Zeit" sind symbolisch zu verstehen als die Frist
unseres irdischen Lebens, als die Zeit des Entstehens, Blühens und
Vergehens.
Wir müssen diese Lebenszeit nutzen, um unsere Lebensaufgabe zu
erfüllen, das heißt, über den Glauben die Hoffnung zu
finden, um schließlich die Liebe zu gewinnen. Dafür sind im
Rahmen von drei Schritten der Erkenntnis folgende drei Aufgaben zu
lösen:
1. Vereinige die Gegensätze von positiv und negativ.
2. Überwinde die niederen Triebe und die Gefühle der Angst,
Sorge und Furcht.
3. Stelle die ursprüngliche Einheit von Körper, Seele und
Geist wieder her.
Die Lösung dieser drei Aufgaben entscheidet über Leben und
Tod.
Damon ist sich dessen bewusst, als der König ihm listigerweise
verspricht, ihm im Falle einer verspäteten Rückkehr die Strafe
zu erlassen, d.h. ihm das Leben zu schenken. Diese
"Großmut" entspricht exakt dem schlau berechnenden
Verstandesdenken. Es ist ein heimtückisches Versprechen, das die
ganze Hinterlist eines herzlos kalkulierenden Denkens offenbart. Zwar
würde der König sein Versprechen halten, aber um welchen
Preis?
Wenn die suchende Seele ihren Pfad beginnt, dann wird ihr mit Sicherheit
früher oder später vom Selbsterhaltungstrieb suggeriert, sich
mit dem Heimweg ruhig Zeit zu lassen. Sollte sie den Weg in diesem Leben
(den zugestandenen drei Tagen) nicht schaffen, so wird zwar das wahre
Selbst nicht befreit, aber der suchenden Seele wird dafür das Leben
einer neuen Inkarnation geschenkt. Doch welches "Leben" will uns
der seelenlose Intellekt denn schenken? Lockt uns dieser
hinterhältige König, der Gott dieser Welt, mit seinen
großartigen Verheißungen nicht doch nur wieder in ein
vergängliches, und damit fragwürdiges Daseinsglück? Und
muss nicht dieses Scheinglück eines erneuten irdischen Lebens
abermals bezahlt werden mit dem stets wiederholten Verrat an dem
Unsterblichen in uns, dem Einzigen, um dessentwillen wir in dieses
irdische Leben gerufen wurden? Kann es denn der Sinn unseres Lebens
sein, die schon unendlich lange Kette der Inkarnationen aus
Unwissenheit nur um ein weiteres Glied zu verlängern?
Genau das aber verspricht Dionys dem Damon!
Dennoch ist der König in seiner Unwissenheit nicht zu verurteilen,
kennt er doch nur das Vergängliche, das Relative, das alleine ihm
wertvoll erscheint. Die Perspektive des Ewigen, des Absoluten, ist ihm
ebenso fremd wie Demut und Bescheidenheit.
Trotzdem hat sich der König eingelassen auf die Bitte Damons, auf
das für ihn Unwägbare. Und das ist entscheidend: Damit der Weg
überhaupt begon-nen werden kann, muss sich die Ratio einlassen auf
das scheinbar Irratio-nale, auf die Nüchternheit einer höheren
Vernunft; selbst wenn die Logik des menschlichen Verstandes am Anfang
noch meint, die geistigen Kräften für eigene Zwecke gebrauchen
zu können. Es sind dann Versuche, sich zwar für das
"Spirituelle" in jeder Form zu begeistern, dabei aber die neuen
Erfahrungen und Kenntnisse zu benutzen, um persönlichen Gewinn
daraus zu ziehen.
Nicht der Verstand führt zur Wahrheit, sondern die mit dem Geist
verbun-dene Seele. Sie ist es, die mit dem Wege zur Wahrheit beginnt, in
dessen Verlauf sich die Ich-Tendenzen auflösen können.
Indem der König voll böser Hintergedanken den Weg Damons
gönnerhaft billigt, steht dem Beginn des Weges in "drei
Tagen" nichts mehr entgegen.
Der Freund
Und er kommt zum Freunde "Der König gebeut,
Daß ich am Kreuz mit dem Leben
Bezahle das frevelnde Streben;
Doch will er mir gönnen drei Tage Zeit,
Bis ich die Schwester dem Gatten gefreit.
So bleib du dem König zum Pfande,
Bis ich komme, zu lösen die Bande."
Damon bietet dem König den Freund als Bürgen für seine
rechtzeitige Rückkehr an, allerdings ohne diesen Freund vorher zu
fragen. Er ist sich dessen bedingungsloser Zusage erstaunlich sicher.
Tatsächlich ist der Freund, ohne Wenn und Aber, ohne Bedenken,
wortlos bereit zu diesem Liebesdienst, der ihn unter Umständen das
Leben kosten wird.
Wer ist dieser namenlose Freund, auf den Damon so
selbstverständlich zählt?
Der Freund ist die dritte Hauptfigur in "Die Bürgschaft".
Er spielt eine sehr unspektakuläre, stille Rolle. Er
repräsentiert den "Anderen" in uns, das wahre Selbst.Er ist
der aus dem Geistfunkenatom wieder erstehende neue Mensch, das
ursprüngliche Geist-Seelenprinzip; die in der menschlichen Seele
angelegte geistige Form, die gegen alle Widerstände nach
Verwirklichung des ursprünglichen, wahren Menschen drängt. Er
verkörpert das keimhaft in uns angelegte Christusbewusstsein, den
Keim des wahren Lebens. Als Unterpfand unserer Heimkehr ins Vaterhaus,
als "Bürge" für unsere Rückkehr, liegt er seit
Urzeiten in unserem Mikrokosmos gefangen, geduldig auf seine
Erlösung wartend, um einmal das ganze mikrokosmische System zu
seinem Ursprung zurückzuführen.
Dieses geistige Samenkorn, das in jedem Menschen ruht, ist
unpersönlich, (namen-los). Sobald nun die Seele sich dieses
Samenkorns bewusst wird und sich vollkommen darauf einstellt, kann
dieses Prinzip in uns wachsen und als innerer Christus seine heilende
Funktion übernehmen, zu der es berufen ist.
Nun verstehen wir auch, warum der Freund namenlos ist; warum er sich
wortlos hingibt und keine Einwände hat. Kann er doch seine Aufgabe
der Heilung nur dann erfüllen, wenn die irdische Seele ihrerseits
ihre Aufgabe erkennt und bereit ist, sich für ihn den Freund
hinzugeben.
Der Freund als die mentale Konzeption des Ewigen in uns liefert sich
widerstandslos der irdischen Macht aus, still vertrauend auf die ewige
Wirksamkeit des Geistes.
In dem Maße, wie ein Mensch sich entschließt, den Weg der
Umkehr zu gehen, nimmt das innere Bild des wahren Selbst an Kraft zu.
Diese Kraft wird vom selbstherrlichen Verstandesdenken als Bedrohung
empfunden und eliminiert, oder zumindest "eingesperrt" in ein
dunkles Verlies.
Es ist unser eigenes Herz, aus dem wir ein Gefängnis gemacht haben,
in dem alles, was rein, wahrhaftig, frei und selbstlos ist, in Ketten
gelegt vor sich hin schmachtet.
Liegt nicht das Unsterbliche, Göttliche, das Christusprinzip in uns
gefangen? Zur Unwirksamkeit verdammt, weil der nach außen
gerichtete Mensch mit all seinen weltlichen Interessen in seiner
Unbewusstheit nur seine eigenen egozentrischen Ziele im Sinn hat?
Gerät nicht über all dem Sinnen und Trachten nach
äußerer Herrlichkeit dieser Andere in uns völlig in
Vergessenheit? Müssen wir nicht auch, wie Damon, erst in ernsthafte
Bedrängnis geraten, damit der "Freund" uns bewusst wird und
als Retter in der Not wirksam werden kann?
Diesen Freund müssen wir nicht erst fragen; wir wissen in tiefster
Seele, dass er uns aus der Not erretten und die Garantie für unsere
Rückkehr übernehmen wird; ja schon längst übernommen
hat.
Die Liebe dieses Freundes ist unermesslich. Sie ist nicht vergleichbar
mit jener irdischen, berechnenden und wankelmütigen Liebe, die
immer Bedingungen stellt: "Ich liebe dich nur, wenn..."
Wenn die einsichtig werdende Persönlichkeit sich dem innersten
Seelenkern, der Rose des Herzens, sehnsüchtig verlangend zuwendet,
dann beginnt bereits der Heilungsprozess der Seele. Einsicht in die
tatsächliche Situation des Menschen in dieser irdischen Existenz
ist der erste Schritt auf dem Wege der Einweihung.
Den wahrhaft Liebenden, den im Todesschlaf umfangenen göttlichen
Liebesfunken, müssen wir im Verlies unseres Herzens aus der
Unwirksamkeit erlösen!
Diesen Anderen, diesen unverbrüchlich treuen Freund wieder aus der
Gefangenschaft zu befreien, das hat Damon fest beschlossen, als er sich
auf den Weg macht. Er wird zum Pilger auf dem Kreuzwege.
Damon ist sich des Ewigen in sich, des Freundes, bewusst geworden, das
nun in ihm wirksam wird: er begibt sich auf den Weg und beginnt mit der
geistigen Arbeit. Der neue Bewußtseinszustand erlaubt ihm, eine
"Hochzeit" auszurichten, das heißt, die Gegensätze der
dialektischen Welt zu vereinen.
Hochzeit (erste Aufgabe)
Und schweigend umarmt ihn der treue Freund
Und liefert sich aus dem Tyrannen,
Der andere ziehet von dannen.
Und ehe das dritte Morgenrot scheint,
Hat er schnell mit dem Gatten die Schwester vereint,
Eilt heim mit sorgender Seele,
Damit er die Frist nicht verfehle.
Es ist gewiss kein Zufall, dass Damon auf seinem Wege zuerst eine
Hochzeit arrangieren muss. In mythologischen Erzählungen und ebenso
in Heiligen Schriften diente die irdische Hochzeit zweier
gegengeschlechtlicher Menschen schon immer als Bild für die
Vereinigung der Gegensätze im Menschen selbst. Dem mythischen
Menschen war bewusst, daß er getrennt von Gott lebte, und daß
dieses Abgespaltensein durch eine erneute "Heilige Hochzeit"
wieder rückgängig gemacht werden konnte und musste.
Eine solche Hochzeit bedeutet also die bewusste Hinwendung der Braut
(der Seele) zu ihrem wahren Bräutigam ( dem Geist).
Diese Wiederverbindung von Seele (Bewusstsein) und Geist (Erkenntnis)
steht am Beginn eines jeden Einweihungsweges. Wenn das Bewusstsein den
Geist der Wahrheit erkennt, dann versteht die Seele ihre Aufgabe und
findet den Weg zurück zu Gott. Doch, so lehren es die alten
Schriften, der Heimweg ins Vaterhaus ist ein Kreuzweg, auf dem
Bewährungsproben zu bestehen sind. Entschlossenheit,
Standhaftigkeit und unbeirrbare Zuversicht der Seele werden
geprüft. Jetzt muß sich zeigen, ob die neuen Seelenkräfte
wirklich stark genug sind, um den alten Einflüssen des
gewöhnlichen Denkens zu widerstehen. Ist das alte Ich-Wesen
wirklich bereit, sich kreuzigen zu lassen?
Die neuen Seelenkräfte verursachen starke Spannungen in uns. Wir
spüren das Anhaften am Alten, Überkommenen und hegen
gleichzeitig auch den Wunsch, uns davon zu lösen, um frei zu
werden. Die beharrenden und die erneuernden Kräfte kämpfen
miteinander. Wenn jedoch das Heilbegehren der Seele stark genug ist,
werden diese Konflikte überwunden, und der Mensch findet sein
inneres Gleichgewicht. Nun kann der Blick frei werden für eine
Erfahrung ganz anderer Art. Die widerstreitenden Pole im eigenen Wesen
werden gleich-gewichtig. Statt eines "EntwederOder" durch
ständige Gegenangriffe, durch Urteilen und Verurteilen, findet er
zum " Sowohl als auch". Statt zu "teilen," bzw.
"auszuteilen", fügt er zusammen und neutralisiert damit die
feindlichen Pole. Das ständige Werten und Aufteilen in "Gut und
Böse" verebbt, wir kommen zur Ruhe; Harmonie und Gelassenheit
kehren in unser Herz ein. Wir erfahren wieder die Unbefangenheit und die
gleich bleibende Heiterkeit des Gemütes; wir finden zu innerer
Unerschütterlichkeit gegenüber den Wechselfällen des
Lebens; sind innerlich ausgeglichen und können in Streitlosigkeit
und Frieden mit anderen leben, weil wir in uns selbst ruhen. In der
Ausgewogenheit eines ruhigen Herzens entfaltet sich der wahre Mensch. Er
strahlt nach außen und wirkt zum Segen für alle. Geist und
Seele haben zueinander gefunden.
Die Lösung dieser ersten Aufgabe schafft die Voraussetzung für
den weiteren Weg.
Am Anfang dieses Weges geht es oft zügig voran; schnell ist das
erste Ziel erreicht: die bewusste Verbindung zwischen den
Gegensätzen im eigenen Wesen. Schon glauben wir die Aufgabe
erledigt zu haben und begeben uns eilends auf den "Heimweg".
Doch da müssen wir feststellen, dass die Probleme so einfach nicht
zu lösen sind; dass noch einige größere Schwierigkeiten
auf uns warten. Der Weg der Erkenntnis, der so mühelos und schnell
zu bewältigen schien, offenbart Schritt für Schritt seine
tatsächlichen Bedingungen.
Die vom Geist berührte Seele steht im Prozess der Reinigung und
wird sich ihrer Aufgabe mehr und mehr bewusst; dabei wird sie vom
"Geist" geführt.
So wie seinerzeit Jesus vom Geist in die "Wüste" geschickt
wurde, um drei Prüfungen, drei "Versuchungen" zu bestehen,
so muss sich jede Seele auf ihrem Wege einmal der innereigenen
Wüste stellen, wo in trostloser Einsamkeit Chaos, Ängste und
Zweifel auf sie warten.
Mit der Hochzeit wird sinnbildlich die Basis für den
Heilungsprozeß gelegt; er geht der Transfiguration voraus.
Rückweg (zweite Aufgabe)
Drei Prüfungen:
1. Wilde Wasser
Da gießt unendlicher Regen herab,
Von den Bergen stürzen die Quellen,
Und die Bäche, die Ströme schwellen.
Und er kommt ans Ufer mit wanderndem Stab
Da reißet die Brücke der Strudel hinab,
Und donnernd sprengen die Wogen
Des Gewölbes krachenden Bogen.
Und trostlos irrt er an Ufers Rand:
Wie weit er auch spähet und blicket
Und die Stimme, die rufende, schicket
Da stößet kein Nachen vom sichern Strand,
Der ihn setze an das gewünschte Land,
Kein Schiffer lenket die Fähre,
Und der wilde Strom wird zum Meere.
Da sinkt er ans Ufer und weint und fleht,
Die Hände zum Zeus erhoben:
"O hemme des Stromes Toben!
Es eilen die Stunden, im Mittag steht
Die Sonne, und wenn sie niedergeht,
und ich kann die Stadt nicht erreichen,
So muß der Freund mir erbleichen."
Doch wachsend erneut sich des Stromes Wut,
Und Welle auf Welle zerrinnet,
Und Stunde an Stunde entrinnet.
Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut
Und wirft sich hinein in die brausende Flut
Und teilt mit gewaltigen Armen
Den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.
In der "Wüste" des irdischen Lebens, also in der
unfruchtbaren Wüste der steinharten Ich-Zentralität unseres
dialektischen Bewusstseins, stellen sich uns Hindernisse entgegen, mit
denen wir nicht gerechnet haben, die jedoch im Vertrauen auf die
spirituelle Kraft im eigenen Wesen überwunden werden können.
Die "Hindernisse" beziehen sich auf seelische, körperliche
und geistige Aspekte unserer Persönlichkeit. Sie müssen auf
dem inneren Wege durchlebt und bewältigt werden. Sie sind
unerlässlich, um die Standhaftigkeit der werdenden neuen
Seelenkräfte zu ergründen und zu beweisen. Der Weg der
Erfahrung, Läuterung und Erkenntnis ist notwendig, um die Frucht
der Überwindung ernten zu können; er erfordert Ernsthaftigkeit
und Ent-schlossenheit. Der bedingungslose Einsatz der ganzen
Persönlichkeit muss sich auf drei Ebenen zeigen:
1. Auf der Gefühlsebene: Durch Überwindung von Angst, Sorge
und Furcht, um Gleichmut zu gewinnen.
2. Auf der Triebebene: Durch Überwindung des Daseinstriebes, um
Lebensmut zu gewinnen.
3. Auf der Verstandesebene: Durch Überwindung der Hybris, um Demut
zu erlangen.
Kaum hat Damon nach Erfüllung der ersten Aufgabe hoffnungsvoll den
Heimweg angetreten, da versperrt ein angeschwollener Strom seinen Weg.
Die Brücken sind unter der Gewalt der anstürmenden
Wassermassen eingestürzt. Hilfe ist weit und breit nicht in Sicht.
Allein und hilflos fühlt er sich der Verzweiflung nahe.
Die zweite Aufgabe, vor die Damon gestellt ist, lautet: überwinde
die gefühlsmäßigen Behinderungen, die dich an die
dialektische, natürliche Welt binden.
Die irdische Seele muss durch einen Reinigungs- und
Läuterungsprozess gehen, um einmal imstande zu sein, ersatzweise
die Aufgabe des verloren gegangenen ursprünglichen Seelenkerns
übernehmen zu können. Die gereinigte, vollkommen erneuerte
Seele soll die geistigen Botschaften empfangen und austragen, damit der
Geist Seelenmensch, das wahre Selbst in uns, wieder zum Leben
erwachen und zu seiner vollen Wirksamkeit gelange. (Maria, die reine
Seele, muss den "Sohn" das Geistprinzip empfangen und
austragen).
Auf diesem Läuterungsweg befindet sich Damon. Er ist bereit, ganz
seiner inneren Stimme zu folgen und unter Hingabe des eigenen, ohnehin
verwirkten Lebens, denn der Tod beendet das korporale Dasein, sein
Versprechen zu halten. Die Gedanken an den Freund geben ihm Mut,
Hoffnung und Kraft für die kommenden drei Prüfungen, denen er
sich stellen muss.
Zuerst versperrt ein wilder Strom Damons Heimweg.
Auf einem spirituellen Weg der Selbsterkenntnis bietet sich dem Sucher
anfänglich oft eine überwältigende Fülle von
Richtungen und Strömungen aus den Gebieten der Religion, der
Philosophie und der Esoterik an. Er wird geradezu überschwemmt von
einer Flut verlockender Angebote, die ihm alle den gesuchten Weg des
Heils versprechen, aber sie verwirren ihn doch eher und machen ratlos .
Kann er sich diesen "entfesselten Strömen" anvertrauen? Wie
kann er sich orientieren? Wem soll er glauben? Zwangsläufig kommt
er dadurch auch mit aufsteigenden Gefühlskräften aus tiefen
Schichten seines Unterbewussten in Berührung. Die
verschütteten Ströme des Verdrängten springen auf;
tosende Wasser von aufgewühlten Gefühlen wollen ihn
verschlingen. Er ertrinkt fast in quälenden,
überfließenden Ängsten vor dem Unbekannten, auf das er
sich da eingelassen hat. Sorge und Furcht überschwemmen ihn. Er
droht im Strudel überwältigender Empfindungen von
Unsicherheit, Ungewissheit und Zweifeln zu versinken. Innere
Widerstände türmen sich gleich riesigen Wogen vor ihm auf.
Damon weiß nicht, wie er diesen Strom überwinden soll.
An diesem Punkt der Ratlosigkeit angekommen mag sich der Pilger fragen,
ob es denn wirklich so eilig sei mit diesem Weg; ob nicht anderes
erstmal noch wichtiger sei, und ob nicht die Schwierigkeiten und
Mühen eines solchen Vorhabens ohnehin viel zu groß seien
für seine Verhältnisse.
Die Erfahrung der Verlassenheit macht uns unsicher. Wir fühlen uns
durch die aufwühlenden neuen inneren Erlebnisse auf uns selbst
zurückgeworfen. Alle gewohnten Sicherheiten (die Brücken) sind
weggerissen. Allein sind wir den unberechenbaren Gefühlen, dem
"roten Meer" unserer Blutstriebe, ausgeliefert. Wir haben Angst,
uns den Unwägbarkeiten dieses Weges anzuvertrauen, der uns keine
Garantien gegen die Wechselfälle des Lebens bietet. Da ist weit und
breit niemand, der mit Rat und Tat (dem Boot) zu Hilfe eilt und uns
sicher über alle Zweifel geleitet. Niemand kommt, der uns
tröstet, der die Last abnimmt, der unsere Arbeit tut und für
uns sorgt. Ganz auf uns selbst gestellt sind wir den anbrandenden
Problemen ausgesetzt.
Schließlich bleibt uns nichts anderes übrig, als alle
kindlichen Erwartens-haltungen aufzugeben. Wir hören auf, andere
für unser Schicksal verantwortlich zu machen, sondern erkennen es
als zu uns gehörig und beugen uns dem Unabänderlichen.
Dann erfahren wir beglückt, dass wir auch ohne die
Unterstützung und Billigung anderer in eigener Verantwortlichkeit
den eingeschlagenen Weg gehen können. Der Gefühlssturm der
Aufregungen legt sich; es wird ruhig im Herzen. Wir ertrinken nicht mehr
in unseren eigenen Gefühlen, sondern können voll Vertrauen
"auf dem Wasser gehen".
Wenn das Verlangen nach Vollendung der begonnenen Aufgabe stark genug
ist, werden alle hinderlichen Bedenken hinweggeschwemmt. Mit
zielgerichteter Entschlossenheit wird die schäumende Flut der
inneren Zweifel überwunden. Wir geben uns ganz dem
Unwägbaren hin. Mutig können wir uns nun den "Wassern"
einer neuen inneren Gefühlssicherheit anvertrauen, um zu den Ufern
des Neubeginns zu gelangen.
Als Damon sich in völliger Selbstübergabe den wilden Fluten
anvertraut, erreicht er das rettende Ufer.
In dem Maße, wie die irdische Seele konsequent ihren Weg geht,
erhält sie zunehmend Unterstützung aus der geistigen Welt. So
werden nach und nach die Tendenzen des Selbstbehauptungswillens in den
Kräften des geistigen Wesens, des wahren Selbst, aufgelöst.
Auf diese Weise wird das begrenzte Bewusstsein des natürlichen
Menschen hinsichtlich seines Denkens, Wollens und Fühlens, ersetzt
durch das unbegrenzte Bewusstsein des spirituellen Menschen, dessen
Diener der verwandelte natürliche Mensch werden soll.
Wenn Angst, Sorge und Furcht dem wachsenden Vertrauen in die Kräfte
des wahren Selbst weichen, kann göttliche Hilfe wirksam werden. Das
Glaubensvertrauen führt uns sicher durch die Anfangsschwierigkeiten
des Weges und lässt uns Zuversicht gewinnen.
2. Räuber
Und gewinnt das Ufer und eilet fort
Und danket dem rettenden Gotte;
Da stürzet die raubende Rotte
Hervor aus des Waldes nächtlichem Ort,
Den Pfad ihm sperrend, und schnaubet Mord
Und hemmet des Wanderers Eile
Mit drohend geschwungener Keule.
"Was wollt ihr?" ruft er für Schrecken bleich,
"Ich habe nichts als mein Leben,
Das muß ich dem Könige geben!"
Und entreißt die Keule dem nächsten gleich:
"Um des Freundes willen erbarmet euch!"
Und drei, mit gewaltigen Streichen,
Erlegt er, die andern entweichen.
Den Fluss hat Damon glücklich überwunden und das andere Ufer
erreicht. Der Gedanke an die Rettung des Freundes war stärker als
die Sorge um den Erhalt des eigenen Lebens.
Wenn eine Menschenseele ihre wahre Aufgabe erkannt hat, wird das Leben
des Anderen, des Ewigkeitsmenschen, über das eigene
vergängliche Dasein gestellt. Die vielfältigen Weltinteressen
reduzieren sich auf das Notwendige. Die irdische Lebenszeit und
Lebenskraft wird dem Wesentlichen, dem Werden des wahren Selbst geweiht.
Die Naturseele ist mehr und mehr bereit, zugunsten des unsterblichen
Geist-Seelen-Wesens, das wachsen muss, selbst weniger zu werden.
Kaum hat Damon die Daseinsängste des natürlichen Menschen
überwunden, da muss er sich schon einer neuen Gefahr stellen:
"Aus des Waldes nächtlichem Ort" kommen Räuber hervor
und bedrohen ihn.
Wer sind die Räuber?
Im Dunkel des Unbewussten des nächtlichen Ortes verborgen
lauern Naturkräfte: unsere inneren Widersacher, die alles daran
setzen, uns vom Wege abzubringen. Niedere Begierden und Leidenschaften
können sich als hinderlich und sogar als gefährlich für
einen spirituellen Weg erweisen.
Plötzlich sieht sich der Pilger mit inneren und äußeren
Widerständen konfrontiert. Alte Selbstbehauptungstendenzen brechen
hervor; die Lebensgier gebietet uns, auf nichts zu verzichten, was
dieses Leben an Begehrenswerten bereithält: lieb- gewordene
Gewohnheiten hinsichtlich bestimmter Genüsse oder Vorlieben; die
Kultivierung von Vergnügen, Unterhaltung und Bequemlichkeit. Der
Besitztrieb möchte sich ausleben; er zwingt zum Kaufrausch und
kettet uns an die tausend Dinge des gewöhnlichen Lebens. Auch der
Macht- und Geltungstrieb will dominieren über Menschen und Dinge.
All diese Bindungen rauben uns jedoch die für die spirituelle
Arbeit notwendige Kraft und Konzentration. Unsere eigene
Verführbarkeit wird zum Räuber an der geistigen Aufgabe und
droht uns den Weg zu versperren.
Damon will sein Leben nicht an die raubgierigen niederen Triebe und
Leidenschaften verlieren. Er will sich seinen inneren "Besitz"
nicht wieder wegnehmen lassen, den er auf seinem bisherigen Wege in Form
von Einsichten und wertvollen Erkenntnissen gewonnen hat. Dieser Besitz
ist jetzt sein Leben, das er braucht, denn er hat es einem höheren
Ziel geweiht: dem Freund, seinem wahren Selbst.
Damon hat nichts als "sein Leben", und das muss er dem
"Könige" geben!
Die Seele besitzt ein irdisches Leben, und das muss sie dem Gott dieser
Welt zurückgeben. Sie hat es von ihm bekommen, er hat einen
Anspruch darauf. Denn "die Seele, die sündigt, muss
sterben". Die Seele also, die nicht zur Einheit findet, sondern in
der Zweiheit, dem Zustand der "Sünde", von dunklen
Begierdenkräften ausgeraubt wird, denen sie zum Opfer fällt,
ist gesetzmäßig dem Tode verfallen.
Doch nicht allein aus dem eigenen Inneren entstammen die feindseligen
Kräfte mit ihren räuberischen Ansprüchen. Sie kommen auch
von außen auf uns zu in Gestalt wohlmeinender Mitmenschen, die
aufgrund ihrer betonten Ausrichtung auf die Sinnenwelt oder auch ihrer
strengen Eingebundenheit in traditionelle Glaubensvorstellungen
naturgemäß kein wirkliches Verständnis für das
Verlangen der Seele nach Erkenntnis aufbringen können. Mit
"vernünftigen" Argumenten versuchen sie, dem Sucher den
"Unsinn" auszureden; möchten ihn durch verlockende Angebote
auf "andere Gedanken" bringen; oder sie witzeln über ihn
und strafen ihn spöttisch mit Nichtachtung, um ihn von seinem
Vorhaben abzubringen.
Von diesen Räubern darf sich der Pilger auf dem Pfad nicht
ausrauben lassen.
Damon zeigt gegenüber den Räubern keine Schwäche. Er
schlägt sie mit ihren eigenen Waffen, denn die inneren oder
äußeren "Räuber" verstehen nur eine sehr
deutliche Sprache: die "Keule" einer klaren Entscheidung, die
unmissverständlich alle räuberischen Angriffe
zurückweist.
In dieser zweiten Prüfung muss Damon seinen ungebrochenen Lebensmut
beweisen.
3. Kraft der Sonne
Und die Sonne versendet glühenden Brand;
Und von der unendlichen Mühe
Ermattet sinken die Kniee:
"O hast du mich gnädig aus Räubershand,
Aus dem Strom mich gerettet ans heilige Land,
Und soll hier verschmachtend verderben,
Und der Freund mir, der liebende, sterben?"
In der ersten Prüfung hat Damon entschlossen die reißenden
Fluten überwunden und in der zweiten mutig die Räuber
besiegt. Erfüllt von neuer Hoffnung setzt er seinen Weg fort. Da
erwartet ihn eine weitere Prüfung:
Erschöpft und ausgedörrt von der im Zenit stehenden Sonne
fühlt er seine Kräfte schwinden. Erneut sieht er sein Ziel
gefährdet. In seiner Not sendet er einen Hilferuf zu Gott. Er kann
nicht verstehen, warum er aus "Räuberhand" und aus dem
"Strom" gerettet wurde, um offensichtlich jetzt in der
Sonnenglut zu verschmachten. Einzig die Sorge um das Leben seines
Freundes treibt ihn zu diesem fast schon vorwurfsvollen Gebet, das
jedoch Ausdruck eines noch tiefsitzenden Zweifels ist.
Jetzt aber ist das absolute Vertrauen gefordert.
In der dritten Prüfung geht es um die vollständige
Überwindung des falschen Denkens der menschlichen Hybris.
Helios, die materielle Welt-Sonne mit ihren heilenden infraroten und
zerbrechenden ultravioletten Strahlen wird zum Symbol für die
geistige Sonne. Dieses geistige Licht entspricht dem Geistfunkenprinzip
im Haupt, dessen Erkenntnisvermögen für gewöhnlich
ebenso latent ist wie das Geistfunkenatom im Herzen. Wenn das
Geistfunkenprinzip jedoch durch die Impulse aus dem Herzen aus seiner
Latenz erwacht, dann beginnt das Licht des Bewusstseins im Haupt zu
strahlen. Sobald die Persönlichkeit zur Erkenntnis der Wahrheit
befähigt ist, wird sie vom Geist, dem Licht der Wahrheit,
erfüllt. In der Glut des geistigen Feuers der Erkenntnis schmelzen
alle Illusionen dahin, die sich der Mensch über die Welt und
über sich selbst gemacht hat. Alle weltgerichteten Ansprüche
verdorren; jede Form von Stolz, Hochmut, intellektueller Arroganz,
Dünkel und Einbildung verglüht im hellen Licht des
Bewusstseins. Der Selbstbehauptungstrieb wird gleichsam eingeschmolzen,
geläutert und transformiert. Im Licht der Wahrheit zerbrechen Wahn
und Hybris.
Wer in der zerbrechenden und zugleich reinigenden Glut der
Selbsterkenntnis seine eigene Ohnmacht fühlt, der kann das
Schicksal seines weiteren Weges nur noch vertrauensvoll in die
Hände einer höheren Macht legen. Er übergibt seinen
eigenen Willen vollkommen der Kraft des inneren Lichtes, das ihn leiten
will und dem er jetzt bedingungslos vertrauen muss. Nun kann der
heilende Aspekt der göttlichen Sonne wirksam werden.
In diesem Akt der Selbstübergabe an die Kraft des reinigenden
Feuers, an die Christuskraft im Inneren, verbrennt der letzte Rest der
satanischen Selbstherrlichkeit. Aus der übrig gebliebenen Asche
der Bescheidenheit steigt die Erkenntnis auf, nichts zu wissen, nichts
zu vermögen, und nichts zu sein. Die volle Bedeutung des
Christuswortes: "Ohne mich könnt ihr nichts tun" leuchtet
auf.
Damon muss erkennen, dass er an diesem Punkt der Hilflosigkeit allein
aus eigener Kraft den begonnenen Weg nicht zu Ende führen kann;
seine persönlichen, menschlichen Möglichkeiten sind
erschöpft.
Im Augenblick der Einsicht in die totale Machtlosigkeit und
Schwäche der irdischen Persönlichkeit zeigt sich wahre Demut.
Wenn in der Selbstübergabe an die höhere Macht der Eigenwille
erlischt, kann der Wille Gottes wirken und seine Weisheit als belebende
Kraft in das dafür geöffnete Bewusstsein einströmen.
Frei zu sein von Selbstbehauptung führt zum Urzustand unseres
Seins, den die Seele anstrebt.
Damon hat seine "Feuerprobe" bestanden und kann der Vollendung
seines Weges zustreben.
Die Quelle
Und horch! Da sprudelt es silberhell
Ganz nahe, wie rieselndes Rauschen,
Und stille hält er, zu lauschen;
Und sieh, aus dem Felsen, geschwätzig, schnell,
Springt murmelnd hervor ein lebendiger Quell,
Und freudig bückt er sich nieder
Und erfrischet die brennenden Glieder.
Diese wunderbare Quelle ist immer in uns gegenwärtig, aber wir
nehmen sie nicht wahr; unsere "Wahrnehmungsorgane" sind alle
nach außen auf unsere weltlichen Angelegenheiten ausgerichtet. Wir
können die leise Stimme des Leben spendenden Wassers in uns im
lauten Getriebe der Welt nicht vernehmen. Darum leugnen wir sie, obwohl
es uns längst "dürstet " nach der Gerechtigkeit
Gottes.
Ein Mensch auf seinem Seelenweg kann in ehrlichem Bemühen, alles
gut und richtig zu machen, dennoch vergessen, auf seinen inneren Quell
zu lauschen; sich zu erfrischen und zu stärken an dem reinen
Wasser, das aus dem aufbrechenden Felsen seines versteinerten Wesens zu
strömen beginnt. Dann erhellt das Licht der Erkenntnis seine
Unwissenheit; der Quell der Wahrheit beginnt zu fließen. Er
bückt sich nieder, und in dieser demütigen Haltung
empfängt er die geistige Stärkung aus der Quelle, die
"ganz nahe" ist.
Wer in Selbstbesinnung in sich geht, wird still. Er richtet sich mit
seinen inneren Sinnen auf die geistige Welt. Er schweigt, um lauschen zu
können auf die Stimme des Anderen in sich.
Er wird sich dieser Quelle bewusst; er "hört" und
"sieht" nicht nur das wunderbare, belebende Wasser, er kann
sogar unmittelbar selbst aus diesem universellen Quell der Kenntnis und
Weisheit schöpfen. Aus dem geistigen Quell strömt das Licht
des neuen Bewusstseins, das Mut und Kraft schenkt für die
Fortsetzung des Weges. Der Pilger hat den inneren Quell der
göttlichen Gerechtigkeit gefunden. Er trinkt vom Wasser des Lebens,
das jeder umsonst trinken kann, den es nach der Wahrheit dürstet.
Er vernimmt die Stimme des inneren Christus, der von sich sagt: "Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben".
Das Licht scheint nun in seine Finsternis und er folgt bewusst diesem
Licht, das die Führung der letzten Wegstrecke seines
Erlösungsweges übernimmt.
Damon stärkt sich aus der Quelle und setzt getrost (getröstet)
seinen Weg fort. Er ist nun vom Geist durchdrungen und kann aus den
Kräften des Geistes leben.
Heimkehr (dritte Aufgabe)
Fremde Stimmen
Und die Sonne blickt durch der Zweige Grün
Und malt auf den glänzenden Matten
Der Bäume gigantische Schatten;
Und zwei Wanderer sieht er die Straße ziehn,
Will eilenden Laufes vorüberfliehn,
Da hört er die Worte sie sagen:
"Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen."
Und die Angst beflügelt den eilenden Fuß,
Ihn jagen der Sorge Qualen;
Da schimmern in Abendrots Strahlen
Von ferne die Zinnen von Syrakus,
Und entgegen kommt ihm Philostratus,
Des Hauses redlicher Hüter,
Der erkennet entsetzt den Gebieter:
"Zurück! Du rettest den Freund nicht mehr,
So rette das eigene Leben!
Den Tod erleidet er eben.
Von Stunde zu Stunde gewartet´ er
Mit hoffender Seele der Wiederkehr,
Ihm konnte den mutigen Glauben
Der Hohn des Tyrannen nicht rauben."
Wenn das Gefängnis unseres Herzens aufgebrochen ist und die
Christuskraft die Führung übernimmt, dann beleuchtet das Licht
der Wahrheit den Weg; das Ziel ist nahe.
In vielerlei Gestalt hat Satan versucht, Damon vom Weg abzubringen, aber
die satanischen Mächte des Ich-Wahns und der Ich- Zentralität
haben ihren Einfluss verloren. Systematisch hatte er es darauf angelegt,
Damon zu entmutigen und ihm vorzugaukeln, sein "Glück"
läge in diesem irdischen Leben.
Wie oft war Damon tatsächlich in der Versuchung gewesen aufzugeben
und der Stimme der Verführung zu folgen: der Verlockung von
Sicherheit und Bequemlichkeit zu erliegen und damit das große Ziel
zu verraten! Wie oft hätte er sich selbst bewahren und retten
können, doch er überwand die Angst vor den wilden Wassern und
kämpfte mutig gegen die Räuber. Mit letzter Kraft fand er den
Quell der Rettung.
Mit dem Gedanken an seinen Freund den inneren Christus vermochte er
allen Anfechtungen zu widerstehen. Im Vertrauen auf diese Kraft gelangte
er sicher durch die innere Wüste der Versuchungen und bestand damit
die drei Prüfungen.
Die Sonne sinkt. Der dritte Tag neigt sich. Die Bäume werfen
gigantische Schatten; ein Bild für das sich dem Ende zuneigende
Leben. Jetzt mag der Pilger zweifeln, ob er das Ziel seines Weges wohl
noch erreicht, und er wird seine Anstrengungen verdoppeln.
Denn noch ist der Kreuzweg nicht zu Ende gegangen; noch ist der
elementare, natürliche Lebenstrieb nicht gekreuzigt; der Becher der
Überwindung muss bis zum letzten Tropfen geleert werden.
Satan weiß das. Er tut seine Arbeit gründlich. Einen Trumpf
hat er noch, und er wird ihn ausspielen, um vielleicht doch noch zu
siegen.
Jetzt wird sich zeigen, ob die Hingabe der irdischen Seele an den
Anderen, die wahre Seele, vollkommen ist. Das leiseste Zögern kann
verhängnisvoll sein und das ganze Werk gefährden. Noch einmal
geht es um "alles oder nichts".
Damon, darf sich durch nichts mehr ablenken lassen. Da hört er im
eiligen Lauf die Worte: "Jetzt wird er ans Kreuz geschlagen!"
Die aufsteigenden inneren Gedankenbilder die inneren "Stimmen"
wollen suggerieren: " Es ist eh zu spät, bemühe dich
nicht, lass es genug sein, du schaffst es nicht mehr!"
Wenn Damon, von "Angst beflügelt" und von der "Sorge
Qualen" gejagt auf die in der Ferne schon sichtbaren Zinnen von
Syrakus zueilt, dann fürchtet er nicht den leiblichen Tod, denn er
weiß ja, dass der Tod ihn erwartet, gerade wenn er sich eilt.
Wenn die Seele kurz vor der Vollendung ihres Weges steht, dann wird ihr
mit Erschrecken bewusst, wie wenig Zeit ihr noch bleibt. Ihre Angst
bezieht sich dann nicht auf den Tod an sich, sondern sie fürchtet
den vorzeitigen, den zu frühen Tod, der eintreten könnte,
bevor das Werk vollendet ist.
Philostratus, des "Hauses redlicher Hüter", Sinnbild
für häusliche Ordnung, normales Leben und berechtigten
Lebensanspruch, den elementarsten Trieb unseres irdischen Daseins,
startet einen letzten Versuch, das Gewissen zu beruhigen und das
irdische Leben zu retten. "
so rette das eigene Leben", ruft
er Damon zu.
Doch Damon hört nicht auf Philostratus, den letzten Handlanger
Satans. Er will sein Leben nicht retten, sondern "verlieren" um
des Anderen willen, um Christi willen, der sagt: "Wer mein
Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf
sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, der wird es
verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des
Evangeliums willen, der wird es retten". (Markus 8,34-35)
Damon, die vom Geist durchdrungene Seele, hat auf seinem Einweihungswege
alles abgestreift, was sich als hinderlich für den Weg erwiesen
hatte. Durch seine Erfahrungen zu einer neuen Lebenshaltung gereift,
erkennt er in aller Nüchternheit den einzig wahren Sinn seines
Lebens: es vollständig für den Freund hinzugeben. Damon ist zu
diesem letzten großen Opfer bereit; kein einziger
selbstsüchtiger Gedanke findet noch Raum in seinem Herzen. Nun
lässt sich Damon von nichts mehr irritieren oder aufhalten.
Beweis der Treue
"Und ist es zu spät und kann ich ihm nicht
Ein Retter willkommen erscheinen,
So soll mich der Tod ihm vereinen.
Des rühme der blutge Tyrann sich nicht,
Daß der Freund dem Freunde gebrochen die Pflicht
Er schlachte der Opfer zweie
Und glaube an Liebe und Treue."
Und die Sonne geht unter, da steht er am Tor
Und sieht das Kreuz schon erhöhet,
Das die Menge gaffend umstehet;
An dem Seile schon zieht man den Freund empor,
Da zertrennt er gewaltig den dichten Chor:
"Mich, Henker!" ruft er, "erwürget!
Da bin ich, für den er gebürget!"
Damon hat alles gegeben und muss dennoch fürchten nicht mehr
rechtzeitig zu kommen, denn die Sonne geht unter die Frist läuft
ab, das Leben verrinnt. Bis zum letzten Augenblick gibt es für ihn
keine Garantie dafür, dass er das Ziel seines Weges auch wirklich
erreicht. Es könnte trotz aller Anstrengungen zu spät sein, um
den Freund, den Bürgen für seine Schuld, noch zu retten. Der
blutige Tyrann könnte in letzter Minute noch triumphieren. Doch
Damon ist fest entschlossen: sollte er tatsächlich zu spät
kommen, so will er selbst dann noch seine Treue beweisen und dem Freund
in den Tod folgen. Und selbst wenn sein Opfertod lediglich dazu diente,
den König von der Macht der Liebe und Treue zu überzeugen, so
wäre sein Opfer nicht vergebens.
Trotz ernsthaften Bemühens bleibt der Sieg der Seele über sich
selbst bis zuletzt gefährdet. Sie muss damit rechnen, "zu
spät zu kommen", d.h. zu sterben, bevor die dritte Aufgabe, die
Synthese, vollendet ist.
Von dieser Unwägbarkeit kann sich die Seele entweder abschrecken
lassen und vorzeitig aufgeben, oder aber beschließen,
vertrauensvoll die noch verbleibende Lebenszeit einzusetzen, um im
Dunkel dieser Welt dennoch dem Licht der Hoffnung zufolgen. Erfüllt
vom neuen Seelenbewusstsein möchte sie das Licht der Wahrheit auch
im ewig zweifelnden, ungläubigen Verstand entflammen, damit auch
das Ich- Bewusstsein vom "Glauben an Liebe und Treue"
erfüllt werde.
Die Seele erkennt, dass jeder unerleuchtete Verstand "der Opfer
zweie schlachtet", nämlich die Persönlichkeit und die
darin werdende neue Seele. Deshalb weiß sie auch, dass es nur den
Weg der Erkenntnis gibt, um die Kette der ewig neuen Inkarnationen in
ihrer Vergeblichkeit zu durchbrechen. Sie möchte auch im
Bewusstsein des Verstandes diese Einsicht entzünden. Dafür
setzt die Seele ihre irdischen Fähigkeiten und Möglichkeiten
ein.
Von Glaube, Hoffnung und Liebe erfüllt führt Damon seinen Weg
zu Ende. Durchdrungen von der übermenschlichen Kraft der Wahrheit
liefert er sich dem Henker aus, bereit, der irdischen Gerechtigkeit zu
entsprechen.
In rückhaltloser Selbstübergabe hat Damon den
vollständigen Sieg über sich selbst errungen und findet nun
die Kraft für den letzten Schritt. In aller Öffentlichkeit
bekennt er laut: "Da bin ich, für den er gebürget".
Aber noch fehlt die Synthese!
Vereinigung
Und Erstaunen ergreifet das Volk umher,
In den Armen liegen sich beide
Und weinen für Schmerzen und Freude.
Da sieht man kein Auge tränenleer,
Und zum Könige bringt man die Wundermär;
Der fühlt ein menschliches Rühren,
Läßt schnell vor den Thron sie führen.
Und blicket sie lange verwundert an;
Drauf spricht er: "Es ist euch gelungen,
Ihr habt das Herz mir bezwungen,
Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn
So nehmet auch mich zum Genossen an.
Ich sei, gewährt mir die Bitte,
In eurem Bunde der Dritte.
Mit dem restlosen Einsatz seiner selbst gelingt es Damon in letzter
Minute, den Freund zu retten und seine Bürgschaft einzulösen.
In unermesslicher Freunde sind beide wieder vereinigt; der Freund, der
nie gezweifelt hat, und Damon, der alles gegeben hat.
Die Bereitschaft, das eigene Leben hinzugeben, es zu "kreuzigen"
für absolute Werte wie Liebe und Treue zum Ewigen, sind sehr
ungewöhnlich für das "Volk", womit hier die
vordergründigen Interessen und Empfindungen des ausschließlich
an der Sinnenwelt orientierten Menschen gemeint sind.
Emotional aufgewühlt durch solcherart ungewöhnliche
Vorgänge reagiert das Volk mit ungläubigem Staunen, mit
Freudentränen der Rührung. Es "versteht" nicht,
sondern es fühlt nur, was geschieht, bringt aber diese
"Wundermär" an höchste Stelle, zum König, wo
selbst Dionys nicht unberührt bleibt. Zutiefst verwundert begreift
er langsam die Tragweite des Geschehens. Überwältigt von
soviel Liebe und Treue will er nicht zurückstehen; er begnadigt
Damon und bittet um Aufnahme in den Drei-Bund.
Ohne berechnende Absicht hat Damon nicht nur den Freund, sondern
zugleich auch sich selbst und den König gerettet, denn auf die
Entscheidung des Königs hatte er ja nie unmittelbaren Einfluss; nur
indirekt über das "Volk" bewirkt sein Tun eine Wandlung im
König, die vorher nicht kalkuliert war, denn die Seele auf dem
Läuterungsweg ist ohne Hintergedanken.
Wenn die Seele den Becher der Hingabe bis zum letzten Tropfen geleert
und in rückhaltloser Selbstübergabe den vollständigen
Sieg über sich selbst errungen hat, dann ist der wahre Mensch aus
dem Gefängnis seiner irdischen Gebundenheit befreit; Stolz und
Überheblichkeit sind aufgelöst; es entsteht der Raum, in dem
Güte, Verzeihen, Demut und Liebe sich entfalten können. Nur
Treue und Hingabe der Seele an die innereigene göttliche Potenz
können diese Wandlung bewirken. Deshalb wäre es auch nutzlos,
wollten wir versuchen, lediglich unser Verhalten zu kultivieren oder gar
forciert zu verändern; das brächte nur Zwänge ohne
erlösende Wirkung hervor.
Nur wenn die Seele den inneren Weg der Wandlung zulässt, wird auch
der weltbezogene Verstand an dieser Wandlung teilhaben.
Lange Zeit mag unser getrübtes Bewusstsein nicht bemerken, was an
Konflikten in den tieferen Schichten unserer Seele abläuft; hat
sich der Ego-Verstand doch nur um seine vordergründigen
Empfindungen und Interessen gekümmert. Der seelenlose Intellekt
vermag oft das Gehörte, das "Un-Erhörte" kaum zu
erfassen, und es dauert eine Weile, bis er es realisiert, bis es
über das Volk das Unterbewusstsein zu ihm
"durchdringt". Doch plötzlich leuchtet das
hintergründig Verborgene durch das Vordergründige hindurch,
und das Bewusstsein erkennt die überraschende und
überwältigende Wahrheit einer ganz anderen Dimension.
Die Kraft des lebenden Herzens als die allumfassende Liebe und die Kraft
der Seele als die unverbrüchliche Treue, sie sind nicht von dieser
Welt, sondern stammen aus einer geistigen Dimension; sie allein
können in ihrer Absolutheit die Bosheit der Unwissenheit
überwinden. Der überzeugenden Kraft des Herzens und der Seele
will sich schließlich auch der zögerliche, stets
widerstrebende Verstand nicht länger widersetzen. Wenn er von
wahrer Erkenntnis berührt wird, spürt er eine Verbindung zum
Herzen, zu seiner wahren Seele, von der er so lange abgeschnitten war.
Nicht mit Hass und Gewalt lässt sich der Verstand gewinnen; er
bedarf der höheren Einsicht, vor der sich zu beugen er bereit ist.
Darum lässt sich mit dem rein rationalen Verstandesdenken ein
spiritueller Weg nicht gehen. Im Gegenteil, der kalte Verstand steht dem
Weg der Seele feindlich gegenüber. Die verlangende Seele geht ihn
trotzdem, auch ohne den Segen des Verstandes. Aber es kommt der Moment,
wo die Seelenkräfte die Verstandeskräfte überzeugen und
für sich gewinnen müssen, damit das große Werk gelingen
kann.(Dionys muss überzeugt werden!)
Letztlich muss also der Verstand ein-sichtig werden. Seine
selbstherrlichen und selbstbehauptenden Tendenzen müssen auf ein
bescheidenes, notwendiges Maß zurückgeführt werden,
sodass die Fortsetzung der Lebensprozesse in diesem irdischen Dasein
gerade noch gewährleistet ist. Er muß seine eingebildete
Großartigkeit aufgeben und sich in Demut den seelisch-geistigen
Kräften übergeben. Lautet doch die dritte Aufgabe: besiege
deine Hybris; verzichte auf die Anmaßung des Sonderseins! Gib
deinen Dominanzanspruch auf und werde Gleicher unter Gleichen. Benutze
das Geschenk der Freiheit nicht egozentrisch, sondern gemäß
der ursprünglichen Idee Gottes.
Freiwillig muss der eigenwillige Verstand auf die angemaßte Macht
verzichten, damit er aus "freiem Willen" in den erlösenden
Dreibund aufgenommen werden kann. Nun kann er sein "Schicksal"
annehmen und erkennen, dass er es nicht zu fürchten braucht; die
rächenden Dämonen sind wie ein Sturmwind vorübergezogen
und das gefürchtete Schicksal offenbart sich als das, wozu es da
ist: als "Heim-Suchung" des Menschen zu Gott.
Wenn die Seelenverfassung eines Menschen mit der geistigen Welt
übereinstimmt, ist der Eigenwille erloschen. Der Verstand folgt
wieder seiner ursprünglichen Bestimmung: Diener des Geistes zu sein
und freiwillig den Willen Gottes zu tun.
Der Mythos spricht dann vom Satan, dem "Tier", das in den
Abgrund stürzt, und von Luzifer, dem Lichtträger, der als
strahlender Morgenstern wieder seine Bahn zieht und das geistige Licht
reflektiert als ein wahrer Diener Gottes. Der Gott Dionysos in seiner
Ursprünglichkeit, der "Trigonos" ist wieder auferstanden.
Der Mensch kann nun wieder "verstehen", was die geistige Welt
seinem Bewusstsein mitteilt, und im Einklang damit handeln, denn die
neue Persönlichkeit ist am Ende ihres Weges der Selbsterkenntnis zu
einem Instrument des Geistes geworden.
Die Bestimmung des menschlichen Lebens liegt in der Entfaltung des
wahren, geistigen Selbst, das nicht von dieser Welt ist. Indem der
Mensch im Prozess eines Einweihungsweges dieser Bestimmung folgt,
überwindet er die Dualität des irdischen Lebensfeldes und
findet zur ursprünglichen Trinität, der Drei-Einheit des
göttlichen Lebensfeldes zurück.
Damon, Sinnbild eines wahren Seelenwesens in einer irdischen
Persönlichkeit, fand den Mut und die Kraft zu diesem Kreuzweg der
Seele. Er weihte sein Leben dem wahren Selbst und verband sich mit ihm.
Er bestand alle Prüfungen und fügte die Gegensätze in
sich zur Einheit zusammen. Er heilte auf diese Weise den gefallenen
Mikrokosmos und fand so heim in das Königreich der Seele.
Diese Synthese ist der Sinn des Lebens und das Ende des Weges, dessen
Krönung die Wiedergeburt des neuen, unsterblichen
Geist-Seelen-Wesens ist. Nur das Ganze, das Geheilte, kann zur Einheit
Gottes zurückkehren. Das bedeutet zugleich die Überwindung
des Todes, Auferstehung und ewiges Leben, denn im Reiche des Ewigen
existiert kein Tod. In einem nach Körper, Seele und Geist
wiedergeborenen, wahren Menschen wirken Liebe und Weisheit Gottes bis in
alle Ewigkeit.
Ausblick
Wer bis hierher den mitunter verschlungenen Gedankengängen gefolgt
ist, dem wird der tiefere Sinn dieser Ballade von Schiller deutlich
geworden sein.
Er mag sich nun fragen, was das alles mit ihm selbst zu tun hat, und ob
in unserer modernen Zeit, die von Angst, Stress und Unsicherheit
geprägt ist, Menschen überhaupt einen solchen Einweihungsweg
gehen wollen oder können. Ist nicht unsere Zeit ganz ungeeignet
für einen "inneren" Weg?
Vergegenwärtigen wir uns einmal die Situation der heutigen
Menschheit. Sie hat die Gaben der Intelligenz und Schöpferkraft
für den Aufbau einer eigenen Welt genutzt. Architektur, Kunst,
Wissenschaft, Technik und Medizin auf allen Gebieten gibt es
bewundernswerte Ergebnisse. Mit allen Sinnen sind wir auf die
äußere Welt gerichtet, von der wir Frieden, Wohlstand, Liebe
und Glück erhoffen.
Doch kaum jemand weiß heute zu sagen, wer er ist, woher er kommt
und wohin er geht. Wir dringen in den Weltraum vor, aber der Raum
unseres eigenen inneren Seins bleibt uns fremd. Trotz unseres
beachtlichen Wissens sind wir ohne wirkliche geistige Orientierung.
Wer sich dieses Tiefpunktes seiner Unwissenheit bewusst wird, der
spürt auch zugleich das Verlangen, in seinem Leben etwas zu
ändern. Er beginnt zu fragen und sucht nach dem wahren Lebenssinn;
nach einem Sinn, der nicht innerhalb der vergänglichen Welt liegt.
Er erkennt seine Gottesferne und besinnt sich auf seinen Auftrag: die
Einlösung der Schuld gegenüber seinem Bürgen, dem inneren
Christus.
Seit es eine denkende Menschheit gibt, steht sie vor der einen
großen Aufgabe: ihre Situation der Getrenntheit von Gott zu
erkennen und den Weg zurück in die Einheit zu finden. Sie braucht
für diesen Weg unerschütterlichen Glauben, Mut, Kraft und
bedingungslose Liebe, um die Wiedergeburt der Geist-Seele, des wahren,
ursprünglichen Menschen, als das große Ziel zu verwirklichen.
Immer wieder beschrieben und vorgelebt von den Weisen der Welt,
enthält auch Schillers "Bürgschaft" die eine, ewig
gültige Botschaft des Heils, die seit undenklichen Zeiten in die
Finsternis der Unwissenheit strahlt um zu retten, was zu retten ist.