Streifzüge eines Unzeitgemäßen
Wo Glaube not tut. — Nichts ist seltner unter Moralisten und Heiligen
all Rechtschaffenheit
Wo Glaube not tut. — Nichts ist seltner unter Moralisten und Heiligen
all Rechtschaffenheit; vielleicht sagen sie das Gegenteil, vielleicht
glauben
sie es selbst. Wenn nämlich ein Glaube nützlicher,
wirkungsvoller, über-
zeugender ist, als die bewusste Heuchelei, so wird, aus Instinkt, die
Heu-
chelei alsbald zur Unschuld: erster Satz zum Verständnis
großer Heiliger.
Auch bei den Philosophen, einer ändern Art von Heiligen, bringt es
das
ganze Handwerk mit sich, dass sie nur gewisse Wahrheiten zulassen:
nämlich solche, auf die hin ihr Handwerk die öffentliche
Sanktion hat -
Kantisch geredet, Wahrheiten der praktischen Vernunft. Sie wissen, was
sie beweisen müssen, darin sind sie praktisch - sie erkennen sich
unterein-
ander daran, dass sie über die "Wahrheiten"
übereinstimmen. – "Du
sollst nicht lügen" - auf deutsch: hüten Sie sich mein
Herr Philosoph,
die Wahrheit zu sagen...
Abb.: Gemäldeausschnitt von Gustav Klimt