aus: Auf den Gipfeln der Verzweiflung
Ich möchte unter einer einzigen Bedingung dem Wahnsinn verfallen:
Wenn ich nämlich wüsste, dass ich ein heiterer, lebhafter und
beständig hochgemuter Irrer würde, der sich in keinerlei
Grübeleien verspönne und den keine Obsession befiele, der
allerdings vom Morgengrauen bis zum Einbruch der Nacht sinnlos lachte.
Obwohl ich unbändig nach lichten Extasen lechze, bin ich selbst
diesen abhold, folgen ihnen doch unweigerlich Depressionen. Ich begehre
hingegen ein Bad glühenden Lichtes, das aus mir hervorbrechen und
die gesamte Welt verklären sollte, ein Bad, das frei von Spannungen
der Extase die Stille lichter Ewigkeit wahrte. Weitab von der
Konzentration der Verzückung, gleiche es der Schwerelosigkeit der
Anmut und der Wärme des Lächelns. Die gesamte Welt schwebe in
diesem Traum von Licht, in dieser lichtdurchfluteten und
körperlosen Verzauberung. Hindernisse und Materie, Form und Grenzen
zerrinnen - unter solchen Umständen stürbe ich den Lichttod.
Gemäldeausschnitt: Arcimboldo, Frühling 16. Jh.
Textausschnitt aus dem Buch "Auf den Gipfeln der Verzweiflung"
von Emil Cioran