Peter Paul Rubens: Medusenhaupt
Wer die Medusa anschaut, verliert sein Leben
von Helga Günther
Inhalt
Wer die Medusa anschaut, verliert sein Leben
Eine Suche nach der Wahrheit im Perseus Mythos
Der Perseus Mythos
Am Anfang steht das Vollkommene
Die Botschaft in Bildern
Akrisios und Danae
Die Insel Seriphos
Zwei Brüder
Veränderung
Perseus und die Medusa
Die Schlangen
Perseus und Andromeda
Stadt
Das Meeresungeheuer
Rettung der Seele
Bedrohte Hochzeit
Der Tod des Polydektes
Das Orakel erfüllt sich
Herr über drei Reiche
Die Freiheit
Schluss
Carvaggio: Medusa
Wer die Medusa anschaut, verliert sein Leben.
Eine Suche nach der Wahrheit im Perseus- Mythos.
Athena
Der Perseusmythos
Ein Orakel in der griechischen Mythologie lautet: "Wer die Medusa
anschaut, wird versteinert".
Ursprünglich so erzählt der Mythos war Medusa sehr
schön; sie trieb es jedoch mit dem Meeresgott Poseidon im heiligen
Tempel der Göttin Athene, was deren Zorn erweckte. Zur Strafe
verwandelte sie die Medusa in ein geflügeltes Ungeheuer, eine Gorgo
mit züngelnden Schlangen auf dem Haupt, die sofort nachwachsen,
wenn eine von ihnen abgeschlagen wird.
Poseidon
Der Blick der Medusa ließ jeden zu Stein erstarren, der in ihre
Augen schaute. So verlangte es niemanden danach, sich ihr zu stellen.
Nur Perseus, dem Sohn des Zeus und der Göttin Danae, fiel diese
Aufgabe zu. Danae war die Tochter von Akrisios, des Königs von
Argos. Dieser fürchtete eine alte Prophezeiung, nach der er einmal
durch die Hand seines Enkels um Leben und Thron gebracht werde.
Darum verbannte er seine Tochter Danae in eine dunkle Höhle, damit
sie immer Jungfrau bleibe und sich das Orakel nicht erfülle.
Danae empfängt Zeus als Goldregen
Doch Zeus fand einen Zugang zu ihr und zeugte mit ihr den Sohn Perseus.
Als Perseus in der Höhle geboren war, ließ König Akrisios
Mutter und Kind in einen Kasten einschließen und ins Meer werfen.
Doch Zeus beschützte seine Geliebte und den Sohn vor allen Gefahren
des Meeres.
Ankunft von Danae und Perseus auf Seriphos
Eines Tages spülten Wogen und Winde den Kasten ans Ufer der Insel
Seriphos.
Diktys und Danae
Zwei Brüder herrschten über diese Insel: Diktys und
Polydektes.
Als Diktys gerade einmal fischte, entdeckte er den Kasten mit Danae und
Perseus. Fortan lebten sie nun bei den königlichen Brüdern.
Perseus wuchs heran und wurde gemeinsam mit Diktys zum Beschützer
Danaes. Als nun jedoch König Polydektes die schöne Danae
begehrte, war Perseus ihm dabei im Wege.
Um ihn los zu werden, schickte der König ihn fort mit einem
gefährlichen Auftrag: Perseus solle ihm das Haupt der Gorgo Medusa
bringen.
Perseus nahm drei Dinge mit: Flügelschuhe, eine Tarnkappe und eine
Zaubertasche für das abgeschlagene Haupt der Medusa. Außerdem,
so riet ihm die Beschützerin Athene, solle er die Medusa nur durch
den Spiegel seines blanken Schildes anschauen.
Perseus befreit Andromeda
Mit Hilfe dieser Dinge erfüllte Perseus den Auftrag des Polydektes:
er trug die Tarnkappe, die ihn unsichtbar machte; er benutzte seinen
ehernen Schild als Spiegel, um darin die Medusa zu erblicken.
Er fand die Medusa schlafend, schlug ihr den Kopf ab, worauf dem Rumpf
der Gorgo der Pegasos entsprang, das geflügelte Pferd. Perseus barg
das Schlangenhaupt in der Zaubertasche und eilte auf Flügelschuhen
zurück nach Seriphos.
Die Tarnkappe beschützte ihn vor der Verfolgung durch die zwei
Schwestern der Medusa. Als Perseus so die Lande überflog, entdeckte
er eine Meeresklippe mit einer daran gefesselten Jungfrau. Es war
Andromeda, die Tochter des Königs Kepheus und seiner Frau
Kassiopeia.
Andromeda sollte einem Meeresungeheuer geopfert werden, das immer wieder
das Land überschwemmte und verwüstete. Starr vor Angst
erwartete Andromeda jeden Augenblick, von dem Ungeheuer verschlungen zu
werden. Die Eltern in ihrer Not versprachen Perseus die Hand der Tochter
und das Königreich als Mitgift, wenn er das Ungeheuer töte.
Perseus kämpfte mit seinem Schwert gegen das Scheusal. Dabei wurden
die Federn seiner Flügelschuhe nass; er drohte ins Meer zu
stürzen. Erst in letzter Sekunde tötete er das Tier und
rettete Andromeda.
Bald wurde die Hochzeit mit Andromeda gefeiert. Doch noch ehe die
Feierlichkeiten beendet waren, musste Perseus noch gegen Phineus, einen
Onkel Andromedas, antreten, der plötzlich mit seinen Kriegern
auftauchte und ältere Rechte an der Braut einforderte. Vergeblich
kämpfte Perseus mit seinem Schwert gegen den Onkel und dessen
starkes Heer.
.Andromeda und ihre Eltern suchten im Pfeilhagel der Angreifer Schutz
bei Perseus. Doch der Kampf mit dem Schwert gegen die Übermacht der
Feinde war aussichtslos. Da hob Perseus das Medusenhaupt hoch empor
über die Köpfe der Feinde. Sie versteinerten alle. So ging
Perseus als Sieger aus dem Kampf hervor.
Perseus kehrte mit Andromeda zurück nach Seriphos. Polydektes war
erstaunt, Perseus lebend wieder zu sehen, hatte er doch erwartet, dass
Perseus von der Medusa versteinert worden sei. Er bezweifelte den Sieg
über die Medusa und verlangte, zum Beweis das abgeschlagene Haupt
zu sehen. Perseus zog es aus dem Sack und Polydektes versteinerte
augenblicklich bei dessen Anblick. So war auch Danae wieder frei.
Schließlich erfüllte sich die Prophezeiung an Akrisios, dem
Vater von Danae. Als Perseus einmal an Kampfspielen teilnahm, bei denen
auch Akrisios zugegen war, traf ein Diskus aus der Hand des Perseus
versehentlich den König und verletzte ihn tödlich. Ganz
unabsichtlich hatte Perseus seinen Großvater, den er nicht kannte,
getötet und war nun Erbe seines Reiches.
Fortan lebte Perseus mit Danae und Andromeda frei von Verfolgung
glücklich und in Frieden.
Am Anfang steht das Vollkommene
Tizian: Zeus verbindet sich mit Danae
In Zeus, Danae und Perseus finden wir drei Grundprinzipien der
Schöpfung:
Zeus, der Vater, verkörpert schöpferischen Willen und
Wahrheit.
Danae, die Mutter, verkörpert die austragende Weisheit der Seele.
Perseus, der Sohn, verkörpert die Synthese, die Verbindung von
Geist und Seele, das wahre Selbst als das Prinzip des Lichtes und der
Liebe.
Der Mensch der ersten Schöpfung trug diese Prinzipien in
vollkommener Weise in sich; er war das Abbild Gottes, ein unsterbliches
Wesen aus Geist-Seele und Körper.
Aber er ging in die Fremde, in die Gefangenschaft der Materie, um in der
Welt der Sinne Erfahrungen zu machen und sich selbst zu erkennen.
So sind zwar die Grundprinzipien des Anfangs bis heute in jedem Menschen
vorhanden, aber nur unvollkommen ausgeprägt:
Statt des göttlichen Willens herrscht in der Persönlichkeit
der Eigenwille;
statt der unsterblichen Seele besitzen wir eine Naturseele; statt eines
geistigen Leibes nur einen vergänglichen, stofflichen Körper.
Die göttliche Liebe haben wir ersetzt durch die vergängliche
Liebe dieser Welt.
Der heutige Mensch ist kein getreues Abbild Gottes mehr, sondern ein
sterbliches Wesen, das in die Gefangenschaft der Erdenkräfte ins
Unbewusste abgesunken ist.
Trotzdem hat der Mensch durch alle Zeiten hindurch die Möglichkeit,
sich an seinen Ursprung zu erinnern und zurück zu kehren zu seiner
ursprünglichen Vollkommenheit.
Die Botschaft in Bildern
Von dieser Rückkehr berichten zahlreiche Mythen, viele Märchen
und wohl alle Heiligen Schriften. In ihren verschlüsselten Bildern
finden wir Hinweise, wie dieser Rückweg zu gehen ist. Mythische
Geschichten und ihre Bilder können den Zugang zur ewig
gültigen universellen Wahrheit eröffnen. Wenn auch deren
Handlungen oft sehr verschlungenen Pfaden folgen, so liegt ihnen meist
doch ein gemeinsames Muster zugrunde, das sich in drei Schritten
offenbart: Der Schilderung eines anfänglich harmonischen Zustandes
folgt eine zweite Phase, die durch Konflikte, Verwicklungen und einen
unvollkommenen Zustand gekennzeichnet ist. Schließlich
eröffnet sich drittens die Perspektive für die Rückkehr
in eine neue Ordnung. Dieser Erfahrungsweg ist gewöhnlich mit
gefährlichen Prüfungen verbunden, die von einem Helden oder
einer Heldin siegreich bestanden werden müssen.
Der Perseus-Mythos, von dem hier nur das Wesentliche erfasst wird, folgt
ebenfalls diesem Muster. Alle seine Gestalten und Geschehnisse sind
Bilder für Wesensmerkmale, wie sie auch in jedem Menschen vorhanden
sind. Sie enthalten verschlüsselte Botschaften, die uns etwas sagen
können, wenn wir ihnen nachspüren.
Die Rückkehr in das Vollkommene, in das ursprüngliche
Lebensfeld, setzt einen inneren Wandlungsprozess voraus, einen
Einweihungsweg, an dessen Ende der neue Mensch steht: das nach Geist,
Seele und Körper erneuerte, wieder erwachte, ursprüngliche
Wesen.
Auch dem vorliegenden Perseus-Mythos liegt die Idee eines
Einweihungsweges zugrunde.
Akrisios und Danae
Danaes Empfängnis von Zeus
Der Mythos berichtet zunächst von Akrisios, dem König von
Argos, der um die Sicherheit seines Lebens und seines Besitzes besorgt
ist. Lähmende Verlustängste beherrschen sein Leben, in dem
kein Raum ist für die Tochter (die Seelenkräfte), die den
Enkelsohn (den neuen spirituellen Impuls) empfangen und austragen soll.
So versinnbildlicht Akrisios einen Menschen, dem die Sicherung seiner
irdischen Existenz und seines äußeren Besitzes wichtiger ist
als seine seelisch-geistige Entwicklung. Er bietet der Sehnsucht seiner
Seele nach Licht und Liebe in sich keine Möglichkeit der
Entfaltung. Sein Herz gleicht einer finsteren Höhle, in der er
seine Seele in seiner Unwissenheit gefangen hält. Seine wahre
Lebensaufgabe ist ihm noch nicht bewusst. Impulse aus dem Inneren werden
als Störung empfunden und ignoriert. Er wünscht keine
Belästigung seines ruhig und sicher dahin fließenden Lebens.
Des Königs Tochter schmachtet in einer dunklen Höhle.
Das irdische Ich-Wesen, besorgt um Glanz und Glorie seiner physischen
Existenz, hält seine wahre Seele im Dunkel des Unbewussten
gefangen. Sie soll unfruchtbar bleiben. Aber das Licht durchdringt auch
die finsteren Reiche. Der goldene Regen, durch den Zeus Danae
schwängert, stellt die Kraft göttlich reiner Gedanken dar, die
die Geburt des wahren Selbst in uns auslösen. Danae ist das Symbol
der Weisheit, das Sinnbild der rein gewordenen, jungfräulichen
Seele, die allein den "Sohn", das erwachende Bewusstsein,
gebären kann. Aber das Licht durchdringt auch die finsteren Reiche:
Zeus, das Schöpfungsprinzip, findet zu Danae, die nun seinen Sohn
austrägt; Perseus, das göttliche Kind, wird geboren. Doch der
irdische Mensch will davon nichts wissen. Er will das Licht in sich
nicht wahr haben; er verdrängt und verleugnet es.
Akrisios setzt Danae und ihren neu geborenen Sohn Perseus einem
ungewissen Schicksal auf dem Meer aus.
Wenn trotz äußerer Widerstände und innerer Abwehr der
Funke des göttlichen Bewusstseins in die reine Seele dringt und
ausgetragen wird, kann das wahre Selbst in uns geboren werden.
Doch kaum ist dies geschehen und davon berichten alle Mythen der Welt
auf ihre Weise ist das neu erwachte Bewusstsein bedroht. Der
"König" eine Parallele zu König Akrisios finden wir
in König Herodes will das ihn bedrohende neue Leben töten.
Jeder neue Bewusstseinskeim stellt eine Bedrohung für die Rechte
der irdischen Persönlichkeit dar. Die neuen geistigen Impulse
werden den Strömungen und rauen Winden einer stürmischen
Lebenssee preisgegeben, das bedeutet, sie werden den Interessen des
Alltags untergeordnet. Das eigene Wesen in seiner Weltkonformität
bietet dem keimenden Leben keinen Schutz, keine Lebensmöglichkeit.
Das geistige Verlangen der Seele wird ignoriert und sie bleibt in die
Enge der kleinen Ich-Welt eingesperrt. Das Unbewusste verbirgt das
Bewusste und macht es zum Opfer der eigenen Angst.
Wer um sein irdisch- körperliches Wohlergehen besorgt ist folgt
einem Naturinstinkt, denn der natürliche Lebenswille ist allen
Erdenwesen mitgegeben. Ein gesichertes Leben in Gesundheit, Wohlstand
und Anerkennung zu führen, ist ein zutiefst menschliches
Bedürfnis. Wer möchte schon gern einen solch angenehmen
Zustand aufs Spiel setzen für das Wagnis einer fundamentalen Umkehr
zugunsten einer spirituellen Entwicklung?
Die Insel Seriphos
Seriphos ist eine der Inseln der Kykladen in der Ägäis.
Eine Insel ist ein vom Ganzen abgetrennter Ort, ausgesetzt den
Naturkräften von Wind und Wasser. Jeder Mensch für sich ist
ebenfalls eine solche Insel, allein im Meer des unruhig strömenden
Lebens.
Bei Seriphos handelt es sich um eine besonders steinige Insel. So wurde
sie zum Symbol für den typischen Weltmenschen, der im Hinblick auf
seine geistig-seelische Entwicklung unfruchtbar ist. Statt lebendiger
Spiritualität hat er nur die Dürre und Trostlosigkeit
trockener Steinwüsten einer Gott fernen Existenz zu bieten. Hier
gibt es nur Steine statt Brot.
Eine Insel ist immer Ausdruck des Ich und seines Abgesondertseins und
bleibt zugleich dennoch Teil des Ganzen; ein scheinbar abgegrenztes
Wesen im Ozean der Schöpfung.
Von Zeus und Poseidon, dem Meeresgott, beschützt, werden Danae und
Perseus zu neuen Ufern getragen; sie werden von den Wellen an den Strand
der Insel Seriphos gespült.
Sie landen in der Fremde; sind vom Strom der Zeit in die Fremdlingschaft
des irdisch Vergänglichen geworfen. Was immer wir unserer
unsterblichen Seele zumuten mögen, - es sind stets die geistigen
Kräfte, die in den Gefahren einer stürmischen Lebenssee der
Seele beistehen und sie zum vorgesehenen Ziel leiten.
Begriffe wie Fluss, Meer, Wasser symbolisieren Seelenkräfte in
ihrer fließenden, strömenden Eigenschaft der
Wandlungsfähigkeit und Wiedergeburt. Sie führen zu neuen
Ufern; zu neuen Erfahrungen und einem Neubeginn im Leben.
Zwei Brüder
Herrscher über die Insel sind die zwei Brüder Polydektes und
Diktys
Sie stellen die zwei Seiten unseres Wesens dar: Haupt und Herz, Verstand
und Gefühl, das männliche und das weibliche Prinzip. Diese
beiden Kräfte müssen brüderlich zusammen wirken, um
harmonisch herrschen zu können.
Polydektes bedeutet "Viel-Empfänger". Gemeint ist damit
unser Gehirn mit seinem Denkvermögen und dem Verstand als dessen
Werkzeug. Das Gehirn empfängt viele Informationen, kann viel Wissen
in sich aufnehmen, speichern und verarbeiten; ihm sind kaum Grenzen
gesetzt. So entsteht ein Wissensanspruch, der gleichzeitig auch Macht
bedeutet. Der Wille zur Macht zeigt sich deutlich in Polydektes.
Heute beherrscht das Verstandesdenken unsere Welt. Der Hirn-Gott hat
sich längst zum Alleinherrscher gemacht und duldet niemanden neben
sich. Ihm verdanken wir alle Errungenschaften dieser Welt, - und
natürlich auch deren Kehrseite. Wo aber das Machtprinzip des nimmer
satten Viel-Empfängers herrscht, drohen die Herzenskräfte
unterzugehen. Denn der Hirn-Gott ist der Gott der Finsternis, der mit
dem Feuerwerk seiner Intellektualität seine künstliche Welt
erleuchtet und dieses Licht vermessen zum Licht der Wahrheit
erklärt. Da bleibt kein Raum für die Seele; ja, sie gerät
sogar in Gefahr, selbst Opfer dieser alles beherrschenden Macht zu
werden.
So hat Diktys es nicht leicht, denn er stellt die weibliche Seite
unseres Wesens dar. Diktys bedeutet "Netzmann". Er ist der
Fischer, der die (spirituelle) Nahrung aus dem Meer fischt, aus dem
alles Leben kommt. Er ist der Stille und Bescheidene, der aus den
Herzenskräften lebt. In Diktys erkennen wir unsere mitfühlende
Seite, das liebevolle, warmherzige und hilfsbereite Wesen.
Diktys entdeckt die Kiste mit Danae und Perseus; er zieht sie an Land
und nimmt die beiden bei sich auf.
Er fischt die verlorenen Seelen aus der Lebenssee, um sie zu retten, zu
beschützen und ihnen zu dienen. So verkörpert Diktys
Humanität und Barmherzigkeit unseres irdischen Naturwesens, aber
auch die in jedem Menschen vorhandenen geistig-seelischen
Möglichkeiten. Er wirkt mit der tieferen Einsichtsfähigkeit,
der Vernunft des Herzens; er bietet dem Geist-Seelen-Prinzip Raum zum
Leben.
Veränderung
Mutter + Sohn; Seele + Geist
Mit der Ankunft von Danae und Perseus auf der Insel bahnt sich eine
Veränderung an. Das bedeutet für uns: in die relativ
friedliche Welt eines Weltmenschen dringen beunruhigende Kräfte
ein; irritierende Gedanken tauchen auf und stören den Inselfrieden.
Perseus wächst heran und beschützt Danae, die mütterliche
Seele.
Die geistigen Impulse, die sich im Menschen durch ein erwachendes
Bewusstsein bemerkbar machen, nehmen zu an Kraft und Schönheit.
Polydektes begehrt Danae
Der Hirn-Gott will sogar über die Seele noch Macht gewinnen. Das
heißt, der irdische Verstand will die Seele vereinnahmen und
über sie bestimmen. Diese aber gehört der geistigen Welt an
und will ihr treu bleiben.
Wenn der kalte Verstand, der große Manipulator in uns, sich der
Seelenkräfte bemächtigen und sie für eigensüchtige
Zwecke missbrauchen will, sind aber auch helfende und rettende
Kräfte nicht weit: Diktys und Perseus, die Herzens- und
Bewusstseinskräfte, beschützen die bedrohte Seele. Wann immer
der berechnende Menschenverstand sich über alle Ordnung hinweg zu
setzen versucht, so steht ihm doch auch die Herzensvernunft und die
Kraft des wachsenden Bewusstseins gegenüber, um die Seele vor dem
Verderben zu beschützen.
Polydektes stellt Danae nach, wobei Perseus ihm im Wege ist. Darum
schickt Polydektes ihn fort mit dem Auftrag, ihm das Haupt der Medusa zu
bringen.
Perseus siegt
Wenn der eigensüchtige Machtwille sich des Seelenwesens
bemächtigen will, bedeutet dies Gefahr für die Seele, deren
Liebe nur dem Geistigen gehört, dem Ewigkeitsprinzip. Immer schwebt
die Seele in Gefahr, von den Ich-Kräften vereinnahmt zu werden und
dadurch verloren zu gehen. Denn wenn die Seele ihrer wahren Bestimmung
als Ewigkeitswesen untreu wird, bedeutet das ihren Tod. (Die Seele, die
sündigt, muss sterben).
Dem selbstbezogenen Verstandesdenken (Polydektes) mit seinen unlauteren
Absichten stehen die Kräfte des neuen Denkens (Perseus)
gegenüber.
Perseus, das mahnende Gewissen, die höhere Vernunft, wird immer
dann spürbar, wenn unvernünftige und eigensüchtige
Wünsche Priorität erlangen wollen. So sind der
Selbstherrlichkeit eines Polydektes Grenzen gesetzt.
Perseus besiegt Phineus
Die Seelenkräfte dürfen nicht verloren gehen in einer Welt
alles beherrschender, kalter Intellektualität, die nur ihren
Eigennutz kennt; wo der listige Verstand stets neue Möglichkeiten
ersinnt, doch noch die Seelenkräfte seinen Ego-Wünschen unter
zu ordnen. Die Verstandeskräfte wollen das geistige Werden
verhindern.
Polydektes, das Prinzip der Eigenwilligkeit, kann Perseus, das Prinzip
der Eigenständigkeit, nicht dulden.
Perseus und die Gorgo Medusa
Die Schlangen
Medusa
Polydektes schickt Perseus fort in den vermeintlich sicheren Tod.
Der König benutzt seinen listigen, schlangengleichen Verstand:
Medusa, das Schlangenhaupt.
Schon immer galt die Schlange wegen ihrer besonderen Signatur als Symbol
sowohl für geistige Erhebung und Weisheit, als auch für die
niederen menschlichen Eigenschaften der Eigensucht und List. Wir
verbinden mit ihr Gefühlskälte und Falschheit. Sie
verkörpert das vergiftende, erwürgende und verschlingende
Prinzip. Das typisch Schleichende und Kriecherische ihres Wesens ist
niemandem fremd. Die gespaltene Zunge assoziiert Doppelzüngigkeit
und Doppelmoral eines listigen Verstandes.
So wird verständlich, was das Schlangenhaupt der Medusa bedeutet:
Es wurde zum Symbol des ungöttlichen Verstandesdenkens des
gefallenen Menschen. Er begehrt alles zu erforschen, alles zu wissen,
alles zu beherrschen.
Der zwar oft geniale, aber herzlos kalkulierende Verstand, brütet
die Schlangen des Verderbens aus, die das Grauen über die Welt
bringen.
Im Kleinen erzeugt sie jeder, der arglistig versucht, sich Vorteile auf
Kosten anderer zu verschaffen. Im Weltmaßstab sind es Politik,
Wissenschaft, Großkonzerne und andere Institutionen, die ihre
eigensüchtigen Ziele verfolgen. Der scharf kalkulierende Verstand,
der stets nur seinen eigenen Vorteil bedenkt, ist die satanische Seite
unseres dialektischen Wesens. Reine Ratio - ohne die Vernunft der
Herzenskräfte das ist die schlangenhäuptige Medusa. Kann es
ein eindrucksvolleres Bild geben für die unheilige Seite unseres
Ich-Wesens?
Bevor Perseus sich aufmacht, die Medusa zu besiegen, wappnet er sich mit
Schild und Schwert, außerdem nimmt er Tarnkappe, Flügelschuhe
und Zaubertasche mit.
Eine Tarnkappe macht unsichtbar.
Athene hilft Perseus
Ein zu vollem Bewusstsein erwachter Mensch trägt in gewissem Sinne
eine Tarnkappe, die ihn der Welt des ichbezogenen Verstandes entzieht
und damit unangreifbar macht. Das Geistige schützt sich selbst vor
Verfolgung.
Wenn Perseus eine Tarnkappe trägt, ist das ein Hinweis darauf, dass
das spirituelle Selbst unsichtbar ist gegenüber dem berechnenden
Verstand und seiner Sucht, alles zu wissen, zu besitzen und zu
beherrschen. Die hohe Vibration des geistigen Lichtes selbst ist die
Tarnkappe, die das erwachte Bewusstsein vor allen Angriffen aus der Welt
des niederen Denkens beschützt. Das geistige Licht ist unsichtbar
für die niederen Frequenzen eines verdunkelten Bewusstseins.
Die Gorgonen
Die sterbliche Medusa schläft, als Perseus sie bei ihren
unsterblichen Schwestern findet.
Die Kräfte aus der Tiefe des Unterbewusstseins schlafen, weil sie
die hohe Schwingung gar nicht wahrnehmen können; sie besitzen
dafür keine Resonanzfähigkeit. Das gewöhnliche
Ich-Bewusstsein ist darum unbewusst dem Geist gegenüber. Der
selbstherrliche Weltenverstand mit seiner scharfen Logik kann das
Element des reinen Geistes nicht wahrnehmen. Dazu bedarf es des Denkens
mit dem Herzen. Nur die Herzensvernunft (Diktys) kann Seele und Geist
(Danae und Perseus) in sich bewusst werden lassen. Polydektes hingegen
mit all seinem Hirnwissen kann das seelische Element nur
"begehren" und das geistige Element nur verleugnen.
Perseus findet die Medusa schlafend. Er schlägt ihr das
Schlangenhaupt ab.
Perseus, das Geistprinzip, ist der Einzige, der dieses Werk vollbringen
kann, ohne von ihrem Anblick versteinert zu werden. Behilflich dabei ist
ihm sein blanker Schild. Ohne diesen Spiegel der Welt könnte er die
sterbliche Medusa gar nicht wahrnehmen. So ist nicht nur Medusa, der
Weltenverstand, blind für das Geistige, sondern auch umgekehrt kann
das Geistwesen die niedere Schwingung des irdischen Verstandes nicht
direkt erfassen. Dieser kann zwar das wahre Selbst in seiner hohen
Vibration nicht erkennen, er kann aber von diesem Licht getroffen und
verwandelt werden.
Wenn das helle Licht des höheren Bewusstseins in die Finsternis des
unbewussten, weltverhafteten Denkens fällt, dann wird sich dieses
Denken seiner selbst bewusst und damit unwirksam; - das Schlangenhaupt
wird abgeschlagen. Medusa, die einst so schöne und herrliche
Geliebte des Meeresgottes Poseidon, zeigt als Gorgo Medusa ihre
gefürchtete dunkle Seite. Hier klingt das Wissen um die zwei Seiten
des menschlichen Wesens an, die sich in seiner relativ guten und seiner
relativ bösen Seite offenbaren. Zwischen diesen beiden Polen
schwingt unser dialektisches Bewusstsein. Wir sind darin gefangen, bis
höhere Einsicht den Ausweg eröffnet. Im Augenblick des
Entsteigens aus der dialektischen Gefangenschaft begegnet uns die Gorgo
Medusa, die nackte Wahrheit über uns selbst. Wer dem Blick der
schrecklichen Medusa standhält, in dem stirbt das sich selbst
behauptende natürliche Ich-Wesen.
Dies ist der seit ewigen Zeiten in unzähligen Bildern geschilderte
Prozess der Selbsterkenntnis. Wer sich dem Geistigen öffnet, schaut
die eigene Medusa und wird verwandelt. Immer wieder muss das
Medusenhaupt im hellen Licht des erwachten Bewusstseins angeschaut
werden, bis auch der letzte Rest des Unbewussten aufgelöst und der
letzte Widerstand gebrochen ist. (versteinert und unwirksam geworden).
Die Medusa enthaupten bedeutet, sich seiner "schlafenden", dem
wachen Tagesbewusstsein entzogenen, dunklen Seite seines Ich-Wesens,
bewusst zu werden und sich damit auseinander zu setzen. Zu dieser
dunklen Seite gehören die unlauteren Motivationen, Vorurteile,
Illusionen und die Einbildungen hinsichtlich der eigenen Person.
Selbsterkenntnis zu gewinnen bedeutet, sich seiner ich-bezogenen
Lebenseinstellung bewusst zu werden, ihre negativen Auswirkungen zu
durchschauen und sich davon zu lösen.
Daraus erwächst ein Zustand neu gewonnener Freiheit und Klarheit,
in dem es leicht fällt, den eigenen Begierdenkräften aus dem
Unterbewusstsein zu begegnen und sie schließlich ganz zu
überwinden. So endet der ermüdende innere Kampf des Gewissens
gegen die Kräfte der Selbstbehauptung, die immer wieder die
Oberhand gewinnen wollen. Das Schlangenhaupt der welt-verbundenen
Mentalität abzuschlagen heißt, sich von dieser Mentalität
zu trennen und einem neuen Denken Raum zu geben. Das begrenzte
Ich-Bewusstsein wird dann untergehen in einem unbegrenzten, spirituellen
Bewusstsein.
Pegasos, das geflügelte Pferd
Als Perseus der Medusa das Schlangenhaupt abgeschlagen hatte, entsprang
ihr ein geflügeltes Pferd: der Pegasos.
Viele Mythen ranken sich um diesen Pegasos, den wir als Impuls
göttlicher Kraft deuten können, der alles falsche Denken,
Fühlen und Wollen aufbricht und dadurch befreiend wirkt.
Das Pferd wurde zum Symbol für die schöpferische Urkraft, die
geistige Willenskraft des Vaterprinzips, während die Flügel
Weisheit, Seelenkraft und Intuition des mütterlichen Prinzips
andeuten.
Diese ursprünglichen Kräfte liegen in jedem Menschen verborgen
und warten darauf, zu erwachen und wirksam zu werden, sobald die
Dominanz des eigenwilligen Denkens erlischt.
Schon viele Helden versuchten, "den Pegasos zu reiten", d.h. die
beflügelnde Kraft in sich zu wecken, die über alle Hindernisse
und Begrenzungen hinweg trägt. Mit Hilfe des Pegasos wollten sie
sich aufschwingen zu den Göttern des Olymp. Doch wehe dem, der
dafür nicht reif war; dem die dafür notwendigen
geistig-seelischen Voraussetzungen fehlten; diesen Vermessenen warf der
Pegasos gnadenlos ab.
Die widerstrebenden Kräfte von Anmaßung und Eigensucht
behindern den Aufstieg zur geistigen Freiheit. Niemand vermag zu
erzwingen, was ihm aufgrund seines Bewusstseinszustandes (noch) nicht
zukommt.
Pegasos von Redon
Perseus trägt Flügelschuhe
Perseus
Die Flügelschuhe entsprechen in ihrer Symbolik den Flügeln des
Pegasos. Wer "Flügelschuhe" trägt, verbindet sich
nicht allzu sehr mit der niederen stofflichen Welt. Er marschiert nicht
mit festem Tritt, angepasst, eingepasst und genormt.
Leichtfüßig wandert er über die Erde hin ohne Spuren zu
hinterlassen, spurlos, so wie ein Vogelflug am Himmel keine Spuren
hinterlässt. Und frei wie ein Vogel ist er, ohne den Ballast von
Angst und Sorge, den so viele Menschen mühsam durch das Leben
schleppen.
Nicht mehr als notwendig behindert irdische Erdenschwere den frei
gewordenen Menschen. Neues Denken beflügelt ihn und schenkt ihm die
notwendigen Energien für die leichtere Bewältigung seiner
vielfältigen Lebensaufgaben. Wenn die Inspiration den Menschen
beflügelt, richtet er den Blick auf zu den Höhen der geistigen
Welt; er erfährt eine neue Dimension des Denkens und Verstehens.
Die Flügelschuhe weisen auf geistig-seelische Kräfte hin, die
Perseus nun zur Verfügung stehen. Auf diese Weise
"beflügelt", vermag er der Anziehungskraft der Materie
entgegen zu wirken.
Perseus benutzt seinen blanken Schild als Spiegel, um die schlafende
Medusa zu töten.
Der Spiegel zur Selbsterkenntnis, den wir benutzen können, das ist
der Spiegel, den Welt und Menschen uns bieten. In ihm kann sich jeder
mit seinem eigenen Schlangenhaupt konfrontiert sehen, wenn er bereit
ist, genau hinzuschauen.
Doch meistens wird dieser tiefere Blick gescheut; die Welt wird lieber
als Projektion wahrgenommen, die mit dem eigenen Wesen gar nichts zu tun
hat. Eine Projektion ist außen, unverbindlich; sie nötigt
nicht zur Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten. Unbewusst
spüren wir die Gefahr: der plötzliche direkte Anblick des
eigenen Medusenhauptes könnte so manchen vor Schreck erstarren
lassen. Niemand möchte sich unvorbereitet mit seinen dunklen Seiten
konfrontiert sehen.
Auf dem Umweg über den Spiegel der Welt jedoch bekommen wir
Gelegenheit, nur jeweils so viel von uns darin zu erkennen, wie wir
freiwillig bereit sind zu sehen und zu ertragen. Ein jeder ist des
anderen Spiegel, in dem er das eigene Wesen erkennen kann.
Medusa
Perseus verbirgt das abgeschlagene Medusenhaupt in seiner Zaubertasche,
um es Polydektes zu bringen.
In der Zaubertasche sind die Schlangen gebannt und damit unwirksam; sie
stellen keine Gefahr dar für das neue Bewusstsein, - aber sie sind
noch da! Bewusst gewordene Eigensucht kann beherrscht werden. Das
erwachte Bewusstsein bricht den Bann des alten Denkens und entzieht sich
den umschlingenden und vernichtenden Kräften des niederen Denkens.
Perseus verkörpert das vom Eigenwillen befreite wahre Selbst des
Menschen.
Getragen von den geistigen Kräften der Wahrheit und Weisheit wird
Perseus nun zum wahren Helden, der die noch kommenden Prüfungen
bestehen und sich zu den Göttern aufschwingen kann.
Auch diesen weiteren Weg schildert der Mythos in starken Bildern voller
Kraft und Schönheit.
Kepheus Vater Andromedas
Perseus und Andromeda
Kassiopeia Mutter Andromedas
Auf der Heimreise nach Seriphos entdeckt Perseus eine an eine
Felsenklippe im Meer gefesselte Jungfrau. Es ist die Königstochter
Andromeda; stumm und wie versteinert erwartet sie ihren sicheren Tod.
Sie soll dem Meeresungeheuer geopfert werden. Ihr Vater, König
Kepheus, und ihre Mutter Kassiopeia schauen traurig und ratlos zu.
Andromeda
Andromeda kann übersetzt werden mit: "in Gedenken eines
Mannes". Sie ist der Inbegriff der reinen Seele, die an ihren fernen
Geliebten denkt, den verlorenen Geist, dem sie wieder angehören
möchte.
Kepheus bedeutet "Gärtner". Er kümmert sich um das
Wachsen, Blühen und Gedeihen des irdischen Lebens in Stadt und
Land. Die Sorge der Eltern gilt der Erhaltung und Pflege alles
Geschaffenen, Schönen und Lebendigen in der Welt.
Der Mythos erzählt, dass die Stadt immer wieder überschwemmt
und verwüstet werde. Ein Orakel besagt jedoch, dass das Opfer einer
reinen Jungfrau das Ungeheuer aus der Tiefe besänftigen könne.
Andromeda, das Abbild unserer wahren Seele, soll mit ihrem Opfer die
Stadt retten.
Stadt in Angst
Eine Stadt ist ein Ort, an dem Menschen ihren äußeren,
dialektischen Interessen nachgehen. Hier herrschen Gesetz und Ordnung.
Aber eine Stadt ist auch ein Ort der Wünsche, Triebe und
Sehnsüchte; des Verbrechens und der Gewalt, der Trunkenen,
Traurigen, Einsamen und Verlorenen.
Die "Stadt" in der Mythologie ist meist als Sinnbild des
äußeren Menschen zu verstehen:Hinter der gepflegten Fassade
unserer Persönlichkeit liegt verborgen ein Ozean an Gefühlen;
gewöhnlich gut beherrscht, können diese jedoch als wilde
Emotionen hervorbrechen. Wie ein Ungeheuer aus den Tiefen des
Unbewussten können sie aufsteigen und das so sorgfältig
aufgebaute Bild der äußeren Persönlichkeit
überschwemmen und zerstören. Wenn die Maske fällt, wird
die nackte Wahrheit sichtbar. So sind alle bestrebt, die sorgfältig
aufgebaute Fassade des gesellschaftlichen Lebens zu erhalten.
Das Meeresungeheuer
Andromeda
Dieses Tier aus dem Abgrund in uns verlangt Opfer für die Garantie
äußeren Wohlergehens. Auf Kosten der Seele verspricht es uns
den Scheinfrieden einer bequemen Normalität; kurzfristige Freuden
und fragwürdige Genüsse einer Spiel- und
Spaßgesellschaft. Aber das vergängliche, äußere
Glück ist ständig bedroht von einem Ungeheuer aus der Tiefe
des Unbewussten: der Unwissenheit über die wahre Bestimmung des
Menschen. Von Zeit zu Zeit wird sich der Mensch der Tatsache seiner
Unwissenheit bewusst. Es steigt an die Oberfläche ins Licht des
Bewusstseins und erzeugt Furcht. Der Mensch sieht seiner
Vergänglichkeit ins Auge und muss erkennen, wie alles Irdische dem
gleichen Schicksal von Entstehen, Blühen und Vergehen unterliegt.
Das kann große Angst hervorrufen; schätzt der Mensch seine
irdische Welt doch hoch ein und möchte sie für ewig erhalten.
Rodin: Andromeda
Die Eltern sind bereit, ihre einzige Tochter dem Meeresungeheuer zu
opfern, um Stadt und Land zu retten
Für den flüchtigen Gewinn von äußeren,
vergänglichen Werten, waren Menschen schon immer bereit, ihre Seele
zu verraten und zu verkaufen. Damit aber opfern sie in ihrer
Unwissenheit das unsterbliche, innere Wesen, um das sterbliche,
äußere Wesen zu erhalten: sie opfern das ewige Leben, um das
vergängliche Leben zu gewinnen.
Überall da, wo die Eigensucht Vormacht hat, liegen die
Seelenkräfte wie tot danieder. Und so leidet die Seele; wie
erstarrt erwartet sie ihren drohenden Untergang. Der zarte Keim der
Hoffnung ist gefesselt; wie an einen schroffen Felsen gebunden und dem
Untergang geweiht. Das Seelenlicht wird durch Unwissenheit geopfert.
Doch ohne Seele ist unser Leben ohne Sinn. Wer sein Seelenpotenzial
verrät für den schönen Schein eines nur
äußerlichen und vergänglichen Lebens, der verzichtet auf
sein Ewigkeitsleben. Er wird zum verschlingenden Ungeheuer für den
Keim des wahren Lebens, der sich Erlösung von den Fesseln der
Eigensucht und des irdischen Wahns erhofft.
Ohne die Entwicklung der neuen Seele verfehlen wir unsere wahre
Bestimmung.
Jede Disharmonie überschwemmt uns mit erstickenden astralen
Energien, die tödlich sind für die Seele.
Rettung der Seele
Doré: Andomeda
Was rettet unsere Seele vor dem Verderben? Wer befreit sie von ihrer
lähmenden Angst und beschützt sie davor, in Trauer und
Depression zu versinken, wenn sie von der Unwissenheit in den Abgrund
der Hoffnungslosigkeit gezogen und verschlungen zu werden droht? Wer
befreit sie aus der Opferrolle des Ausgeliefertseins an ein sinnleeres
Dasein?
Der Mythos schildert den langen, erbitterten Kampf des Perseus gegen das
Meeresungeheuer. Ständig in Gefahr, seine Flugkraft zu verlieren,
weil die Federn seiner Flügelschuhe nass und schwer werden, schwebt
Perseus über den wilden, aufgewühlten Wassern.
Napier: Andomedas Befreiung
Aber mit seinem Schwert tötet er in letzter Sekunde das Tier aus
dem Abgrund und rettet so Andromeda.
Es ist auch unsere Aufgabe, die Seele aus den Fesseln der Materie zu
befreien und sie aus den Banden der Unwissenheit zu erlösen. Auch
wer bereits seine Mentalität gereinigt hat, kann doch immer noch in
den Fluten unkontrollierter Gefühle untergehen.
Ein Mensch auf dem Wege zu seiner wahren Bestimmung muss die astralen
Stürme und Bewegtheiten seines Gefühlslebens zur Ruhe bringen.
So gewinnt er Freiheit von lähmenden Ängsten, Sorgen und
ständiger Furcht vor den Unwägbarkeiten des Daseins. Er wird
wieder handlungsfähig und kann nun besonnen seine wahren
Möglichkeiten erkennen. Mit neuer Begeisterung kann er wie
"beflügelt" mit Freude seine Aufgaben verrichten. Dieses
Gefühl des Erhobenseins vermittelt einen kleinen Vorgeschmack auf
jene ewige Seligkeit, die das Ziel unseres Daseins ist. Wenn die
Emotionen aus der Tiefe schweigen, tragen uns die Flügel der
unvergänglichen Liebeskraft über alle Hindernisse hinweg. Die
befreite Seele kann die Hochzeit mit dem befreienden Bewusstsein, dem
Geist, feiern.
Perseus im Kampf gegen Phineus
Doch jetzt taucht plötzlich Phineus mit seinen Kriegern auf, der
Bruder des Vaters, der ältere Rechte an der Braut anmeldet; ein
Onkel viel zu alt für die junge Andromeda! Wieder muss Perseus
zum Schwert greifen.
Bedrohte Hochzeit
Der Onkel verkörpert die alten Bindungen. Widerstände durch
alte karmische Verstrickungen belasten die Seele. Die unaufgelöste
Schuld vieler vergangener Leben hält sie in Bann. So kommt der
"Onkel mit Heerscharen von Kriegern", um seine Rechte
einzufordern. Der Onkel entspricht jener Seite unseres Wesens, die sich
dem neuen Seelenverlangen bislang noch in den Weg stellt.
Bevor Seele und Geist sich endgültig vereinigen können, um
durch die chymische Hochzeit für immer verbunden zu sein, tauchen
noch einmal die astralen Kräfte aus dem Schatten der Vergangenheit
auf mit dem Ziel, die Hochzeit zu verhindern. Mit der ganzen Wucht ihrer
alten Ansprüche fallen sie über jene her, die sich dem Griff
der Materie entziehen und der niederen Natur für immer entsteigen
wollen.
Der Anspruch des Alten besteht in der Einhaltung angestammter Rechte,
Regeln und Gesetze; sie widerstehen neuen Ideen. Diese konservative
Seite in uns hängt fest an kristallisierten Strukturen
überkommener Vorstellungen und behindert die Verbindung der Seele
mit dem Geist; sie soll in emotionale Ketten gelegt bleiben. Ein ganzes
Heer karmischer Bindungen hält die Seele in Bann und gefährdet
ihre Liebe zum Geistigen. Unaufgelöste karmische Schulden
bedrängen sie und lähmen ihre freie Entwicklung. Alte
Traditionen halten zahllose Drohungen (Krieger) bereit, um die Seele
für das weltliche Leben zurück zu erobern.
Die Macht uralter Prägungen durch Glaubensdogmen, Rituale und
Konventionen wirken unbewusst in jedem Menschen. Sie behindern das
Freiheitsverlangen der Seele und ihre Sehnsucht nach Erfüllung
ewiger Liebe. Gerade dann, wenn die Seele im Begriff ist, sich mit dem
Geistigen zu verbinden, tauchen plötzlich noch unerledigte,
ungelöste alte Bindungen auf. Sie steigen ins Bewusstsein und
wollen die Seele von ihrem befreienden Schritt zurück halten. Die
Einbildung, unlösbar an alte Verpflichtungen gebunden zu sein, kann
unsere Gefühle blockieren und uns so einengen, dass die
Bedürfnisse der wahren Seele unbeachtet bleiben und wir ihr nicht
geben, wonach sie verlangt.
Andromeda und ihre Eltern suchen hinter Perseus Schutz vor dem
Pfeilhagel der Angreifer.
Die im neuen Bewusstsein stehende Seele ist geschützt gegen alle
Anfechtungen. Alte karmische Forderungen wirken wie Pfeile, doch die
neuen Bewusstseinskräfte machen unverletzbar. Die Angreifer im
eigenen Lager werden gebannt und aufgelöst.
Das neue Bewusstsein neutralisiert die Mächte und Gewalten der
Finsternis mit dem Feuer des Geistes und der Kraft der Erkenntnis.
Perseus kämpft mit dem Schwert gegen den Onkel und sein riesiges
Gefolge. Als dieser Kampf aussichtslos erscheint, erhebt Perseus das
Medusenhaupt hoch über alle Köpfe, so dass alle Krieger
versteinern.
Das alte Karma ist mit dem Schwert nicht auflösbar; das Schwert der
Vernunft kann wenig ausrichten gegen unsichtbare Gewalten. Kaum ist die
eine oder andere Bindung gelöst, taucht ein ganzes Heer neuer
Bindungen auf. Sie bedrängen uns, um doch noch die Herrschaft
über die Seele zu gewinnen.
Doch das Karma kann gelöscht werden in der Kraft der Einsicht und
Erkenntnis.
Medusa ins schreckliche Antlitz zu schauen heißt, in sich selbst
all das Behindernde zu erkennen, was den Weg der Seele so schwierig oder
sogar unmöglich macht. Durch diese Selbst-Erkenntnis werden die
alten Bindungen aufgelöst und unwirksam; sie verlieren ihre Macht
über die Seele. Das neue Bewusstsein löscht die letzten
Anfechtungen der alten astralen Kräfte. Dies geschieht schlagartig:
in einem Augen-Blick der Medusa wird das gesamte Karma unwirksam. Erst
jetzt kann die Hochzeit beendet werden. Geist und Seele sind nun ewig in
unsterblicher Liebe miteinander verbunden.
Der Tod des Polydektes
Perseus pompeisch
Perseus kehrt mit Andromeda zurück nach Seriphos, womit König
Polydektes nicht gerechnet hatte. Er glaubt nicht, dass Perseus das
Haupt der Medusa mitgebracht hat und will es zum Beweis sehen. Beim
Anblick des Hauptes versteinert der König.
Polydektes kennen wir bereits als den Hirngott, den wir fürchten
und lieben. Er ist zugleich das höhere Selbst des dialektischen
Menschen. Dieser wohlmeinende Gott verführt den Menschen zu
Selbstbehauptung und ichbezogenem Denken. Das sichert zwar die
Eigeninteressen und das persönliche Wohlergehen, wirkt sich
letztlich aber negativ aus für Welt und Menschheit, weil die
geistige Dimension fehlt.
Wenn Perseus, das Geist-Prinzip auf feindliche Krieger stößt,
dann sind es die Gegenkräfte gegen die göttliche Kraft in uns
selbst, die hier wirken.
Wenn Polydektes an Perseus zweifelt, ihm nicht traut und nicht glauben
will, dass er die Medusa besiegt hat, dann wirkt hier der Ich-Wahn des
Hirn-Gottes, der seinen Machtanspruch gefährdet sieht. Es ist der
Geist, der uns mit der Selbsterkenntnis konfrontiert, damit wir uns der
Gegenkräfte und Widerstände in uns selbst bewusst werden und
sie überwinden können. (Der Geist ist es, der Jesus in die
Wüste führt, um die letzte Bestätigung für die
Überwindung der alten Kräfte zu erhalten).
Perseus hält Polydektes das Medusenhaupt vor Augen:
Das ichbezogene Verstandesdenken wird mit sich selbst konfrontiert , um
sich selbst zu erkennen. Durch diesen Akt der Selbsterkenntnis wird sich
der Mensch plötzlich seiner egozentrischen Selbstherrlichkeit und
seines falschen Denkens, Fühlens, Wollens und Handelns bewusst.
Einsicht und höhere Vernunft ermöglichen diese
Selbsterkenntnis, die nun den "Tod" der alten Ich-Kräfte
zur Folge hat; sie "versteinern" und werden unwirksam. Dieses
Absterben ist notwendig, damit das wahre, unsterbliche Wesen, der neue
Mensch, sich entfalten kann.
Im Prozess der Selbsterkenntnis ent-hauptet man sich gleichsam selbst.
Was stirbt, ist das übersteigerte Ich-Bewusstsein mit seinem
klügelnden Verstand ohne Herz.
Dieses seelenlose alte Denken, Fühlen und Wollen muss unwirksam
werden, damit das wahre, unsterbliche Wesen in uns, der neue Mensch sich
entfalten kann.
Der Mensch, der seine Medusa schaut, verliert "sein" Leben, das
will heißen, er hat sein ich -und weltbezogenes, vergängliches
Leben verloren, aber ein geistiges, unsterbliches Leben gewonnen.
(Markus 8, 35).
In ihm hat ein neues Bewusstsein, das wahre Selbst, die Führung des
Systems übernommen. Neue Einsichten lösen altes Denken ab.
Innere Wandlungen führen zu neuem Handeln in Freiheit. Haupt und
Herz arbeiten nun zusammen, die neue Geistseele übernimmt die
Herrschaft über das innere Reich.
Jetzt erwacht auch Danae, die selbstlose Liebesfähigkeit des
mütterlichen Seelenaspektes, zu neuer Freiheit.
Damit ist jedoch der Mythos noch nicht zu Ende: zwei Reiche hat Perseus
erobert: das mentale Reich des neuen Denkens und das astrale Reich des
neuen Fühlens Haupt und Herz. Es fehlt aber noch ein drittes
Reich.
Das Orakel erfüllt sich
Noch immer fürchtet Akrisios, das Orakel könnte sich
erfüllen. Er sieht sein Königtum auch weiterhin durch den
Enkelsohn bedroht. Um dieser Bedrohung zu entgehen, verlässt er
Argos und reist zu Kampfspielen. Doch gerade dadurch erfüllt sich
das Orakel.
Der Mythos berichtet nun von Kampfspielen, an denen Perseus teilnimmt.
Auch sein Großvater Akrisios ist anwesend. Beide kennen einander
nicht. Als Perseus einen Diskus wirft, trifft dieser den Großvater
tödlich. So erfüllt sich das Orakel: Akrisios stirbt durch die
Hand des Enkels, der nun Erbe des Reiches wird.
In Akrisios erkennen wir den eigenen natürlichen Lebenstrieb. Als
natürliche Lebewesen dieser Welt trägt jeder in sich eine
angeborene Urangst vor der Vernichtung des Körpers durch den Tod
und den damit verbundenen Verlust alles dessen, was er liebt und woran
sein Herz hängt: die Freuden, die der Besitz des Körpers
ermöglicht, und die Lust an allem Schönen, was die Welt zu
bieten vermag. Dieser elementare Lebenswille wird nun konfrontiert mit
dem Naturgesetz der Vergänglichkeit.
Akrisios und Perseus treffen auf dem Platz der Kampfspiele zusammen, -
doch sie kennen einander nicht.
Wenn das alte irdisch-vergängliche Bewusstsein auf das neue
geistige Bewusstsein trifft, so erkennen beide einander nicht; sie sind
sich nie begegnet. Doch das Alte muss gesetzmäßig dem Neuen
weichen. Aber das alte Ich-Wesen in seiner Existenzangst will auf gar
keinen Fall ein Opfer des neuen, befreienden Bewusstseins werden. Zwar
spürt der alte Selbstbehauptungswille die Ausweglosigkeit seines
Widerstandes gegen das Schicksal, will aber nicht kampflos aufgeben.
Dieser Kampf des Alten gegen das Neue wird nun im Inneren ausgetragen,
auf dem Kampfplatz des Herzens. Hier muss das alte Bewusstsein dem neuen
weichen. Das geschieht leise, undramatisch. Im Mythos wird es so
dargestellt, dass Perseus einen Diskus wirft und damit versehentlich
Akrisios tödlich trifft. Ein Diskus ist eine flache runde
Wurfscheibe. Auch dies ist kein Zufall, ist doch der Kreis, das Runde,
ein Symbol der Ewigkeit.
Ein Diskus wird in einem fast waagerechten Bogen geworfen. Er trifft den
aufrecht stehenden Akrisios. So entsteht die Signatur eines Kreuzes,
einer Kreuzigung.
Akrisios stirbt. Der alte Stoffkörper mit seinem
Überlebenswillen wird durch den Tod am Kreuz der Materie abgelegt.
Das Vergängliche fällt wie eine leere Hülle ab. Es ist
der Natur nach gestorben. Wer vom Geist der Ewigkeit "getroffen"
wird, legt ab, was vergänglich ist, den irdischen Ich-Wahn.
Wenn ein Mensch nach Bewusstsein und Seele erneuert ist, braucht er auch
einen neuen Leib. Dieser Leib wird aus dem Ätherkörper heraus
gebildet, der schon so lange den natürlichen Körper mit
Lebensenergien versorgt hatte. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, da
dieser neue Geistleib vollkommen ist, hat die sterbliche Hülle
ausgedient und kann ohne viel Aufhebens abgelegt werden. Ein kleiner
Anstoß dazu reicht aus, um das Werk zu vollenden. Dies ist das
letzte Opfer, das für die endgültige Befreiung des Menschen
gebracht werden muss. Alle irdischen Bindungen sind nun gelöst. Der
ursprüngliche Geist Seelen Körper erstrahlt erneut und
verlässt endgültig das Grab der Natur. Der "verlorene
Sohn" kehrt heim in sein Reich.
Herr über drei Reiche
Perseus, der Held der Geschichte, hat drei Siege errungen, drei Reiche
gewonnen und drei neue Freiheiten erlangt. Er erneuerte das alte mentale
Reich des Polydektes und gewann die Freiheit des neuen Denkens. Er
erneuerte das alte astrale Reich des Kepheus und gewann die Freiheit des
neuen Fühlens. Er erneuerte das alte ätherische Reich des
Akrisios und gewann die Freiheit des neuen Wollens und Handelns.
Perseus, das wahre Selbst, beherrscht das neue Denken, Fühlen und
Wollen in jedem Menschen, der diesen Wandlungsprozess in sich vollziehen
konnte und dadurch ein nach Geist, Seele und Körper Wiedergeborener
geworden ist.
Dreifache Erkenntnis hat ihn von einem Weltmenschen in einen
Geist-Seelen-Menschen verwandelt.
Das alte Naturbewusstsein ist untergegangen. Ein neues
Ewigkeitsbewusstsein ist aus dem Grab der irdischen Natur auferstanden.
Der neue Geist-Seelen-Leib ist nun Ausdruck des unvergänglichen
wahren Selbstes. Der Ring schließt sich: Der Befreite kehrt in
seine ursprüngliche Heimat zurück. Diesen Weg zu gehen war,
ist und wird immer die höchste Aufgabe sein, solange es Menschen
gibt.
Der Befreite kehrt zurück: Himmelfahrt
Die Freiheit
Medusa mit Pegasus
Die innereigene Medusa zu schauen heißt, die Wahrheit über
sich selbst zu erkennen, diese Wahrheit auszuhalten und das Ich dieser
Natur sterben zu lassen. Wenn alle inneren und äußeren
Widerstände über-wunden sind, kann sich die wahre, befreite
Seele in uns ent-falten und erneut mit dem Geist verbinden. Der Weg zum
uralten Menschheitstraum dem Garten Eden, - führt über die
Begegnung mit der Medusa, die Selbsterkenntnis, die alles Ichhafte
auslöscht. Befreit aus der Gefangenschaft des engen Denkens,
erwacht das grenzenlose Bewusstsein, um eins zu werden mit der Wahrheit.
So erweist sich das bedrohlich klingende Orakel: "wer die Medusa
anschaut, wird versteinern", als Weg des Menschen zu seiner wahren
Bestimmung: der Zugehörigkeit zu einer höheren Dimension und
eines bewussten Lebens in Einheit, Freiheit und Liebe.
Schlussbetrachtung
Der Mythos schildert in mehreren Stufen einen Einweihungsweg, wie er
prinzipiell von jedem Menschen nachvollzogen werden kann. Er zeichnet
damit ein Geschehen nach, in dem sich auch die Botschaft des
christlichen Evangeliums wieder erkennen lässt.
Weihnachten: Maria und Jesus v. Leonardo
1. Auch Jesus wird in einer Höhle (Stall) von einer Jungfrau
geboren: Weihnachten.
Herodes lässt Kleinkinder umbringen
2. Es folgen Verfolgung und Vertreibung durch König Herodes und das
Aufwachsen in der Fremde. (Ägypten)
Christus in der Wüste
3. Jesus besteht drei Prüfungen in der Wüste, die die Reinheit
seines Denkens, Fühlens und Wollens beweisen sollen.
Verklärung Christiel
4. Auf einem Berge erfährt er die Verklärung; er erhält
das leuchtende Seelenkleid und wird zum Christus, der nach Geist und
Seele erneuerte Mensch.
Signorelli: Kreuzigung
5. Er zieht umher, lehrt die Menschen und wird von den Römern der
alten Institution, gekreuzigt. (Karfreitag).
Himmelfahrt Christi
6. Er ersteht auf in einem vollständig erneuerten Geist-Seelen-Leib
(Ostern).
Ausgiesen des Heiligen Geistes
7. Seine Heimkehr zum Vater, in das Reich, das nicht von dieser Welt
ist, feiern wir als das Pfingstfest.
Die Ähnlichkeit verwundert nicht, wenn man bedenkt, dass die
Wurzeln des Christentums im Hellenismus liegen und weit darüber
hinaus bis in die ägyptische Mysterienweisheit zurück reichen.
Dasselbe Grundmuster eines Einweihungsweges findet sich auch in
fernöstlichen Weisheitslehren. Die Botschaft des Lichtes, das in
die Finsternis des irdischen Bewusstseins scheint, ist universell und
von ewiger Gültigkeit. An jedem Einzelnen liegt es, diese Botschaft
des Lichtes zu begreifen und im Herzen wirken zu lassen.