Das Mädchen ohne Hände (von den Gebrüdern Grimm)
von Helga Günther
Ein Müller war nach und nach in Armut gefallen und hatte nichts
mehr als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter.
Einmal war er in den Wald gegangen, Holz zu holen, da trat ein alter
Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte und sprach: "Was
quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du
mir versprichst, was hinter deiner Mühle steht." - Was kann das
anderes sein als mein Apfelbaum? dachte der Müller, sagte ja und
verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch und
sagte: "Nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir
gehört," und ging fort. Als der Müller nach Hause kam,
trat ihm seine Frau entgegen und sprach: "Sage mir, Müller,
woher kommt der plötzliche Reichtum in unser Haus? Auf einmal sind
alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hat's hereingebracht, und
ich weiß nicht, wie es zugegangen ist." Er antwortete: "Das
kommt von einem fremden Mann, der mir im Wald begegnet ist und mir
große Schätze verheißen hat; ich habe ihm verschrieben,
was hinter der Mühle steht - den großen Apfelbaum können
wir wohl dafür geben." "Ach Mann," sagte die Frau
erschrocken, "das ist der Teufel gewesen - den Apfelbaum hat er
nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle
und kehrte den Hof."
Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen
und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun
die Zeit herum war und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte,
da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der
Teufel erschien ganz frühe, aber er konnte ihr nicht nahe kommen.
Zornig sprach er zum Müller: "Tu ihr alles Wasser weg, damit
sie sich nicht mehr waschen kann, denn sonst habe ich keine Gewalt
über sie." Der Müller fürchtete sich und tat es. Am
anderen Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte auf ihre Hände
geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum nicht nahen
und sprach wütend zu dem Müller: "Hau ihr die Hände
ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben." Der Müller entsetzte
sich und antwortete: "Wie könnte ich meinem eigenen Kind die
Hände abhauen!" Da drohte ihm der Böse und sprach: "Wo
du es nicht tust, so bist du mein und ich hole dich selber." Dem
Vater ward angst, und er versprach, ihm zu gehorchen. Da ging er zu dem
Mädchen und sagte: "Mein Kind, wenn ich dir nicht beide
Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst
habe ich es ihm versprochen. Hilf mir in meiner Not und verzeihe mir,
was ich Böses an dir tue." Sie antwortete: "Lieber Vater,
macht mit mir, was ihr wollt, ich bin euer Kind." Darauf legte sie
beide Hände hin und ließ sie sich abhauen. Der Teufel kam zum
dritten Mal, aber sie hatte so lange und so viel auf die Strümpfe
geweint, dass sie doch ganz rein waren. Da musste er weichen und hatte
alles Recht auf sie verloren.
Der Müller sprach zu ihr: "Ich habe so großes Gut durch
dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs Köstlichste
halten." Sie antwortete aber: "Hier kann ich nicht bleiben; ich
will fortgehen - mitleidige Menschen werden mir schon soviel geben, als
ich brauche." Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme
auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf
den Weg und ging den ganzen Tag, bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem
königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie, dass Bäume
voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht
hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag
gegangen war und keinen Bissen genossen hatte und der Hunger sie
quälte, so dachte sie: Ach wäre ich darin, damit ich etwas von
den Früchten äße, sonst muss ich verschmachten. Da kniete
sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel
daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so dass der Graben
trocken war und sie hindurchgehen konnte. Nun ging sie in den Garten und
der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren
schöne Früchte, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie
hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu
stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der
Engel dabei stand, fürchtete er sich und meinte, das Mädchen
wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den
Geist anzureden. Als sie die Birne gegessen hatte, war sie
gesättigt und ging und versteckte sich in das Gebüsch.
Der König, dem der Garten gehörte, kam am anderen Morgen
herab; da zählte er und sah, dass eine der Birnen fehlte, und
fragte den Gärtner, wo sie hingekommen wäre, sie läge
nicht unter dem Baum und wäre doch weg. Da antwortete der
Gärtner: "Vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine
Hände und aß eine mit dem Munde ab." Der König
sprach: "Wie ist der Geist über das Wasser
herübergekommen? Und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne
gegessen hatte?" Der Gärtner antwortete: "Es kam jemand in
schneeweißem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuse zugemacht und
das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und
weil es ein Engel muss gewesen sein, so habe ich mich gefürchtet,
nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte,
ist er wieder zurück gegangen." Der König sprach: "
Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir
wachen."
Als es dunkel ward, kam der König in den Garten und brachte einen
Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei setzten sich unter
den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam das Mädchen aus dem
Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum und aß wieder mit dem
Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weißen
Kleide. Da ging der Priester hervor und sprach: "Bist du von Gott
gekommen oder von der Welt? Bist du ein Geist oder ein Mensch?" Sie
antwortete: "Ich bin kein Geist, sondern ein armer Mensch, von allen
verlassen, nur von Gott nicht." Der König sprach: "Wenn du
von aller Welt verlassen bist, so will ich dich nicht verlassen." Er
nahm sie mit in sein königliches Schloss, und weil sie so
schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, ließ ihr
silberne Hände machen und nahm sie zu seiner Gemahlin.
Nach einem Jahr musste der König über Feld ziehen, da befahl
er die junge Königin seiner Mutter und sprach: "Wenn sie ins
Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl und schreibt mir's
gleich in einem Briefe." Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da
schrieb es die alte Mutter eilig und meldete ihm die frohe Nachricht.
Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er vom langen Weg
ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen
Königin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit
einem anderen, darin stand, dass die Königin einen Wechselbalg zur
Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er
und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten
die Königin wohlhalten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote
ging mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle und
schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm einen
anderen Brief in die Tasche, darin stand, sie sollten die Königin
mit ihrem Kinde töten. Die alte Mutter erschrak heftig, als sie den
Brief erhielt, konnte es aber nicht glauben und schrieb dem König
noch einmal, aber sie bekam keine Antwort, weil der Teufel dem Boten
jedes Mal einen falschen Brief unterschob - und in dem letzten Briefe
stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin
aufheben.
Aber die alte Mutter weinte, dass so unschuldiges Blut sollte vergossen
werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge
und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zur Königin:
"Ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt,
aber länger darfst du hier nicht bleiben: Geh mit deinem Kind in
die weite Welt hinaus und komm nie wieder zurück." Sie band
ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging weinend fort.
Sie kam in einen großen, wilden Wald, da kniete sie nieder und
betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie
zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten:
"Hier wohnt ein jeder frei." Aus dem Häuschen kam eine
schneeweiße Jungfrau, die sprach: "Willkommen, Frau
Königin", und führte sie hinein. Da band sie ihr den
kleinen Knaben vom Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er
trank, und legte ihn dann in ein schönes, gemachtes Bettchen. Da
sprach die arme Frau: "Woher weißt du, dass ich eine
Königin war?" die weiße Jungfrau antwortete: "I ch bin
ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen." Da
blieb sie in dem Hause sieben Jahre und war wohl verpflegt, und durch
Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen
Hände wieder.
Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Hause, und sein
erstes war, dass er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fing die
alte Mutter an zu weinen uns sprach: "Du böser Mann, was hast
du mir geschrieben, dass ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen
sollte!" und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse
verfälscht hatte, und sprach weiter: "Ich habe getan, wie du
befohlen hast", und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da
fing der König an, noch viel bitterlicher zu weinen über seine
Frau und sein Söhnlein, dass es die alte Mutter erbarmte und sie zu
ihm sprach: "Gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine
Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von dieser die Wahrzeichen
genommen, deiner Frau aber habe ich das Kind auf den Rücken
gebunden und sie geheißen, in die weite Welt zu gehen, und sie hat
versprechen müssen, nie wieder hierherzukommen, weil du so zornig
über sie wärst." Da sprach der König: "Ich will
gehen, so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und trinken, bis ich
meine liebe Frau und mein Kind wiedergefunden habe, wenn sie nicht in
der Zeit umgekommen oder des Hungers gestorben sind." Darauf zog der
König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen
Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht und dachte,
sie wären verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht
während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn.
Endlich kam er in einen großen Wald und fand darin das kleine
Häuschen, daran das Schildchen mit den Worten. "Hier wohnt
jeder frei." Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm ihn bei der
Hand, führte ihn hinein und sprach: "Seid willkommen, Herr
König", und fragte ihn, wo er herkäme. Er antwortete:
"Ich bin bald sieben Jahre herumgezogen und suche meine Frau mit
ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden." Der Engel bot ihm
Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht und wollte nur ein wenig
ruhen. Da legte er sich schlafen und deckte ein Tuch über sein
Gesicht. Darauf ging der Engel in die Kammer, wo die Königin mit
ihrem Sohn saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und
sprach zu ihr: "Geh hinaus mitsamt deinem Kinde, dein Gemahl ist
gekommen." Da ging sie hin, wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom
Angesicht. Da sprach sie: "Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch
auf und decke ihm sein Gesicht wieder zu." Das Kind hob es auf und
deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König
im Schlummer und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da ward
das Knäblein ungeduldig und sagte: "Liebe Mutter, wie kann ich
meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der
Welt? Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da
hast du gesagt, mein Vater wäre im Himmel und wäre der liebe
Gott - wie soll ich einen so wilden Mann kennen? Der ist mein Vater
nicht." Wie der König das hörte, richtete er sich auf und
fragte, wer sie wäre. Da sagte sie: "Ich bin deine Frau und
das ist dein Sohn Schmerzenreich." Und er sah ihre lebendigen
Hände und sprach: "Meine Frau hatte silberne Hände."
Sie antwortete: "Die natürlichen Hände hat mir der
gnädige Gott wieder wachsen lassen", und der Engel ging in die
Kammer, holte die silbernen Hände und zeigte sie ihm. Da sah er
erst gewiss, dass es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und
küsste sie und war froh und sagte: "Ein schwerer Stein ist von
meinem Herzen gefallen." Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal
zusammen, und dann gingen sie nach Hause zu seiner alten Mutter. Da war
große Freude überall, und der König und die Königin
hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr
seliges Ende.
Betrachtungen über Märchen
Märchen sind phantasievolle Geschichten, von denen man nicht
erwartet, das sie in irgendeinem Sinne wahr sind. Dennoch enthalten
gerade sie einen großen Schatz an zeitlos gültiger Wahrheit.
Betrachtet man Märchen ganz allgemein mit nüchternem Verstand
oder aus psychologischer Sicht, so bieten sie eine verwirrende Vielfalt
von Bildern, Personen und Gestalten, die oft rein willkürlich
zusammenphantasiert zu sein scheinen. Eine Fülle von
Ungereimtheiten wird dem klaren Denkvermögen zugemutet; die
handelnden Personen eröffnen einen Blick in erschreckende
Abgründe menschlichen Verhaltens. Ereignisse und Handlungen
widersprechen jeder Logik Man fragt sich, ob dies für Kinder
überhaupt geeignet sein kann.
Aber Kinder lieben Märchen, und auch Erwachsene sind fasziniert von
der seltsamen Magie, die von den Märchen ausgeht. Diese Magie
beruht gewiss nicht alleine auf der Tatsache, dass Märchen immer
glücklich enden. Es muss noch etwas anderes geben, das gleichsam
verzaubert hinter der bunten Fülle der äußeren Bilder
verborgen liegt; eine verschlüsselte Botschaft, die tiefer und
weitreichender ist, als die Bilder - oberflächlich betrachtet -
vermuten lassen.
In gleicher Weise, wie man den Menschen als eine Einheit von
Körper, Seele und Geist betrachtet, so lassen sich auch Dinge, wie
beispielsweise ein Märchen, diesen drei Aspekten zuordnen. Die
Körperebene wäre dann die historische Handlung, die
Schilderung des reinen Sachverhaltes. Der Text ist der
Trägerkörper der Information.
Die Seelenebene entspräche dem psychologischen Inhalt der
Geschichte, soweit dieser unsere Gefühle berührt und bewegt.
Aus dem Blickwinkel der geistigen Ebene betrachtet, werden Körper-
und Seelenebene gleichsam vom Licht einer dahinter stehenden Wahrheit
mit Sinnhaftigkeit durchstrahlt, so dass die verborgene Botschaft des
Märchens deutlich wird. Erst die spirituelle Sichtweise
eröffnet somit den Blick für seelisch-geistige Gesetze und
Wahrheiten, die von jedem Einzelnen erlebt werden können.
Die geheime Botschaft der Märchen wendet sich weniger an den
Verstand, sondern eher an das Herzbewusstsein. Was der logisch denkende
Verstand nicht ohne weiteres erfassen kann, das begreift das Herz
intuitiv: die Magie der Wahrheit. Dennoch können wir uns auch
verstandesmäßig der Wahrheit nähern, indem wir den
Symbolgehalt der Bilder des Märchens betrachten und verstehen
lernen.
Eine psychologische Deutung des vorliegenden Märchens ist nicht
beabsichtigt. Personen und Handlungen sind irreal und verlangen nicht
nach Erforschung und Heilung persönlicher Zwänge oder
Beziehungsprobleme. Stattdessen werden wir auf unserer Reise durch das
Märchen seine geistige Botschaft zu ergründen suchen. Sie
enthält ewig gültige, universelle Wahrheit. Vor dem
Hintergrund einer geistigen Schau kann diese Wahrheit hervorleuchten und
verständlich werden.
Dann breitet sich der Bedeutungsinhalt des Märchens in all seiner
Weisheit und Sinnhaftigkeit vor uns aus, wir werden in dem Schicksals-
und Leidensweg der jungen Müllerstochter den Weg erkennen, den jede
menschliche Seele einmal gehen muss.
Doch ehe wir nun diese Reise beginnen, sind ein paar weitere,
klärende Vorbemerkungen zum besseren Verständnis erforderlich.
Gedanklicher Hintergrund
Gewiss haben Sie sich schon einmal gefragt, wer und was Sie als Mensch
eigentlich sind; woher Sie wohl kommen und was das Ziel Ihres Lebens
sein mag.
Der Mensch sei ein Kind Gottes, sagt man; ein Wesen, das aus
Körper, Seele und Geist bestehe. Er sei in dieser Welt, um
Erfahrungen zu machen und nach dem Tode - früher oder später -
wieder zu Gott zurückzukehren.
Aber kann eine solche Betrachtensweise befriedigen? Erwartet man nicht
von einem Kind Gottes etwas mehr Vollkommenheit? Genau betrachtet ist
der Mensch doch recht wenig göttlich. Er wird geboren, lebt eine
kurze Weile und stirbt dann wieder. Warum bewahrt uns der liebende Vater
Gott, wenn wir doch seine Kinder sind, nicht vor all dem Bösen, dem
Leid, der ganzen unermesslichen Tragik unseres Daseins?
Ob der Mensch nun göttlicher Natur ist oder irdisch, können
wir mit "sowohl als auch" beantworten. Von seinem Ursprung her
ist er göttlich; von seinem Dasein in der Welt des
Vergänglichen her gesehen, ist er irdisch und sterblich. Die
Weisheitsschriften vieler Völker überliefern seit
Jahrtausenden, dass der Mensch ursprünglich als ein vollkommenes
Wesen erschaffen worden sei; als eine Welt im Kleinen, ein
"Mikrokosmos," in dessen Innerem der unsterbliche Mensch als
"Kind Gottes" lebte. Sein feinstofflicher Körper war
umgeben von einem leuchtenden Seelenkleid, das fähig war, die
göttlichen Botschaften zu empfangen und zu vermitteln. So lebten
Körper, Seele und Geist im Einklang miteinander.
Dieses vollkommene System zerbrach, als die Seele sich in
Eigenwilligkeit vom Geist abwandte, um zusammen mit dem Körper
eigene Wege zu gehen. Dadurch entfernte sich der Geist vom System; die
Seele verlor ihr leuchtendes Lichtkleid und siechte dahin. Als Folge
wurde der Körper immer materieller; die Erdenschwere nahm zu, bis
der Körper sich den Gesetzen der Materie fügen musste und
sterblich wurde. Übrig blieb ein unvollständiger, leerer
Mikrokosmos; einerseits geistig und seelisch abgestorben, und dennoch
eine unsterbliche, göttliche Wesenheit, getrieben von der
Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Doch sein unvollkommener Zustand
verwehrt ihm die Rückkehr.
Jedes mal, wenn ein Mensch stirbt, sucht sich der entleerte Mikrokosmos
wieder ein neues, werdendes Menschenwesen, das dann darin ebenfalls bis
zu seinem Tode lebt. So reihen sich, wie Perlen an einer Kette, viele
Inkarnationen aneinander. Jede hinterlässt ihre Spuren, ihr
"Karma" im Mikrokosmos. Diese Spuren eines Lebens in
dialektischer Unwissenheit deckten im Laufe vieler Leben die arme Seele
immer mehr zu, bis sie schließlich unter Bergen von Unrat (falsches
Denken) ganz begraben und vergessen war.
Aber in jedem Mikrokosmos blieb dennoch ein winziger Rest der einst
göttlichen Seele erhalten; ein Unterpfand ihrer einst himmlischen
Herkunft, ein Atom nur, ein Geistfunke, der wie ein letzter Funke unter
der Asche glüht, befähigt, die göttliche Strahlung zu
empfangen und darauf zu antworten.
Dort wo unser Herz sitzt, ruht latent dieses "Samenkorn Gottes",
mit dessen Hilfe einmal die neue Seele - und damit der wahre,
unsterbliche Mensch - wieder erstehen soll. Dafür muss dieses
Samenkorn zur Entwicklung und Reife gebracht werden. Das ist das Ziel,
was sich hinter dem Mythos von der Suche nach dem "Stein der
Weisen" verbirgt. Um den "Stein der Weisen", den
"Heiligen Gral", oder das "Goldene Vlies" zu finden,
zogen seit Menschengedenken viele Helden aus. Ihr Weg führte durch
das finstere Tal, den Abgrund des Lebens, um - wie Parzival (frz.:
Perceval = per-ce-val = durch dieses Tal) - den Gral zu finden.
Mythologie, Sagen und Märchen, Bibel und andere Weisheitsschriften
durchzieht wie ein roter Faden die Suche nach dem einen, sagenumwobenen
Kleinod, dem leuchtenden Juwel, das vollkommenes Glück und ewiges
Leben verspricht: das Königreich Gottes in uns.
Der heutige Mensch ist sich dieses Königreiches in sich
normalerweise nicht bewusst. Statt der göttlichen Weisheit besitzt
er Verstand und Denkvermögen; statt der ursprünglich
leuchtenden Seelenkraft nur eine natürliche Seele, die den
sterblichen Körper zwar belebt und beseelt, selbst aber ebenfalls
zur Welt des Vergänglichen gehört. Diese Naturseele hat
vollkommen den Platz der ursprünglichen Seele eingenommen. Sie
bildet nun unser natürliches Bewusstsein, das zusammen mit dem
Körper als "der Mensch" bezeichnet wird. Dieser Mensch lebt
seit dem adamitischen Sündenfall in einer unheiligen, dialektischen
Welt. Er ist vollkommen von dieser Welt und damit ebenso sterblich wie
seine natürliche Seele. Diese Naturseele ist zwar bis zu einem
gewissen Grad veredelungsfähig, kann aber dennoch niemals vom
Irdischen erlöst werden.
Der individualisierte Mensch ist die Persönlichkeit, zu der wir
gewöhnlich "Ich" sagen, wenn wir uns selbst in unserer
einmaligen Erscheinungsform definieren. In jeder Persönlichkeit
wirkt die Naturseele mit ihren unterschiedlichen Ich-Trieben auf
dreifache Art: Im Haupt: als Verstandesseele, als das zentrale
Selbstbewusstsein. Hier herrscht die Ratio, unser intellektuelles
Verstandesvermögen, das vernünftige Denken mit seinem Willen.
Im Herzen: als Gefühls- oder Gemütsseele, unser
Herzbewusstsein. Hier findet sich unser Gefühlsleben, das
"Denken mit dem Herzen". Von hier aus handeln wir
"unvernünftig" (im sinne des Verstandes) mit dem Willen des
Herzens. Im Becken: als Trieb- oder Begierdenseele. Hier ist der Sitz
unseres Charakters; unserer Leidenschaften und elementaren
Selbsterhaltungstriebe, das tiefinnerste Wollen; das Handeln "aus
dem Bauch".
Im vorliegenden Märchen geht es immer wieder um diese drei
Ich-Triebe der Naturseele, die wir kurz auch die drei "Egos"
nennen wollen. Sie sind es, die den weltorientierten Menschen
gewöhnlich motivieren. Darum wollen wir sie noch etwas eingehender
betrachten: Der Ich-Trieb des Haupt-Bewusstseins ist der
Selbstbehauptungstrieb. Mit ihm und seinem Verstandesdenken schafft sich
der Mensch seine Welt und zerstört sie nach Belieben wieder. Der
intellektuelle Weltbeherrscher behält in jeder Lage kühlen
Kopf. Das Verstandes-Ich ist gesellschaftlich anerkannt und findet seine
Würdigung trotz seiner negativen Seite: Wahn und Hybris.
Der Ich-Trieb des Herzens umfasst die ganze Palette menschlicher
Gefühle; hier ist auch die Quelle für Mitleid und
Opferbereitschaft bis zur Selbstaufgabe, sowie der Sinn für Glanz,
Schönheit und Harmonie, woran das Herz sich erfreuen kann. Die
Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Frieden hat im Herzen ihren Ursprung.
Deshalb ist er ebenfalls anerkannt und gilt als edel, obwohl er
ebenfalls seine Kehrseite hat: irrationales Fühlen kann
schreckliche Folgen haben.
Der dritte Ich-Trieb führt ein Schattendasein, denn er ist der
gänzlich unkultivierbare, elementare Lebenswille mit seinem
primitiven Besitztrieb und der Gier nach mehr, auch wenn dieses
"Mehr" gar nicht wirklich gebraucht wird. Der Ich-Trieb des
Bauches ist der ungeschminkte Selbsterhaltungstrieb; er kennt weder
Scham noch Gewissen und geht über Leichen, nur um sich selbst zu
retten. Der klare Verstand rationalisiert oder verleugnet diese
instinktiven, archaischen Lebenstriebe; das empfindende Herz schämt
sich ihrer und versucht, sie zu entschuldigen. Verstandes- und Herztrieb
dünken sich dem Ich-Trieb des Bauches durch ihre höhere Kultur
überlegen. Machen wir uns jedoch nichts vor: alle drei Ich-Triebe
zusammen bilden das Ich-Bewusstsein eines jeden Menschen. Jedes hat
seine Berechtigung an seinem Platz, und sie arbeiten alle miteinander
zusammen, um die irdische Persönlichkeit zu beseelen. Sie sind sein
hochgeschätztes Ich, sein Ego, das nach ewigem Bestehen verlangt
und dennoch untergehen muss.
Niederes und höheres Selbst.
Die Naturseele, dieses dreifache Ego, ist also das Ich der
Persönlichkeit in seiner Selbst-bezogenheit. Dieses Ich wird auch
das "niedere Selbst" genannt. Demnach muss es logischerweise
auch ein "höheres Selbst" geben, doch wo ist dieses zu
finden?
Wie ein jeder Kosmos, so besitzt auch der Mikrokosmos "Mensch"
ein Energiefeld, das den Körper unsichtbar wie eine Atmosphäre
umschließt. In diesem Energiefeld wirkt ein weiteres
Bewusstseinszentrum, das "höhere Selbst". Es ist die
"Datenbank" des Mikrokosmos und gleichzeitig die Steuerzentrale,
die das "niedere Selbst" lenkt. Hier ist alles aufgezeichnet,
was je die verschiedenen Persönlichkeitsoffenbarungen des
Mikrokosmos an Erfahrungen hinterlassen haben. Die östliche
Philosophie bezeichnet die Summe dieser Aufzeichnungen als
"Karma".
"Höheres Selbst" und "niederes Selbst" stimmen
vollkommen überein, ähnlich wie eine Marionette mit den
Fingerbewegungen des Spielers übereinstimmt. Aber das niedere
Selbst, das Bewusstsein des Menschen, weiß davon nichts. Es
funktioniert normalerweise so lange im Sinne des höheren Selbstes,
bis es dessen Einflussnahme durchschaut und sich davon zu befreien
sucht.
Seit die "himmlische Seele" sich vom Geist abtrennte und
unwirksam wurde, gab es keine Mittlerin mehr, die dem Körper die
göttlichen Botschaften hätte überbringen können. Die
Naturseele ist für diese Aufgabe ungeeignet; sie ist egozentriert,
aber nicht geistorientiert. So besitzt der irdische Mensch heute keinen
Geist im Sinne des göttlichen Bewusstseins.
Es stellen sich nun Fragen: Kann der Mensch dieses göttliche
Bewusstsein wieder erlangen? Kann in ihm wieder eine neue Seele
entstehen, die geistige Botschaften überbringen kann? Ist es
tatsächlich möglich, dass der Mensch sich aus der Umklammerung
des Todes befreit und sein Mikrokosmos die ursprüngliche
Herrlichkeit wieder zurückgewinnt? Was sind gegebenenfalls die
Bedingungen für eine solche Rückkehr zur Unsterblichkeit, und
was kann der Einzelne selbst dafür tun?
Diese Fragen sind das Grundthema vieler echter Märchen; jedes
findet durch seine besondere Problemstellung darauf seine eigene
Antwort. Aber schließlich führt immer alles zu einem guten
Ende.
Doch bevor es soweit ist, muss erst ein langer Weg der Prüfungen
zurückgelegt werden, auf dem schwierige Aufgaben zu lösen
sind. Held oder Heldin des Märchens sind meist jung, schön und
unschuldig, jedoch zugleich auf eine seltsame Art behindert,
verstoßen oder verzaubert. Sie müssen oft durch eine wahre
Hölle gehen, ehe endlich, meist mit Hilfe unterschiedlichster
Wesenheiten, die Erlösung aus aller Not geschehen kann.
Held oder Heldin stellen gleichnishaft unsere wahre, himmlische Seele
dar, die sich erst über viele Stufen leidvoller Erfahrungen neu
entfalten muss. Alles Leid wird ihr durch die Egozentrik der
Persönlichkeit zugefügt, deren drei Egos
unrechtmäßig den Platz einnehmen, der eigentlich der wahren
Seele gehört. Das niedere Selbst der Persönlichkeit steht der
neu entstehenden Seele naturgemäß feindlich gegenüber. Zu
Recht fürchtet die Naturseele um ihr Bestehen. Doch wenn sie
Einsicht in die Notwendigkeit ihres Unterganges gewinnt, kann die neue,
wahre Seele im selben Maße an Kraft gewinnen, wie die Naturseele
weicht. Schließlich gelingt dann einmal die vollständige
Überwindung der Widerstandskräfte im niederen Selbst, dem Ego.
Mögen diese längeren Ausführungen über sehr komplexe
Zusammenhänge niemanden irritieren oder gar von der vorliegenden
Lektüre abhalten; im weiteren Verlauf wird gewiss vieles noch
klarer werden und zu einem besseren Verstehen führen.
Folgen wir nun der jungen Müllerstochter auf ihrem Wege zur
glücklichen Königin.
Deutung: 1. Die verkaufte Seele
Ein Müller war nach und nach in Armut gefallen und hatte nichts
mehr als seine Mühle und einen großen Apfelbaum dahinter.
Einmal war er in den Wald gegangen, Holz zu holen, da trat ein alter
Mann zu ihm, den er noch niemals gesehen hatte und sprach: "Was
quälst du dich mit Holzhacken, ich will dich reich machen, wenn du
mir versprichst, was hinter deiner Mühle steht." Was kann das
anderes sein als mein Apfelbaum? dachte der Müller, sagte ja und
verschrieb es dem fremden Manne. Der aber lachte höhnisch und
sagte: "Nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir
gehört," und ging fort. Als der Müller nach Hause kam,
trat ihm seine Frau entgegen und sprach: "Sage mir, Müller,
woher kommt der plötzliche Reichtum in unser Haus? Auf einmal sind
alle Kisten und Kasten voll, kein Mensch hats hereingebracht, und ich
weiß nicht, wie es zugegangen ist." Er antwortete: "Das
kommt von einem fremden Mann, der mir im Wald begegnet ist und mir
große Schätze verheißen hat; ich habe ihm verschrieben,
was hinter der Mühle steht den großen Apfelbaum können
wir wohl dafür geben." "Ach Mann," sagte die Frau
erschrocken, "das ist der Teufel gewesen den Apfelbaum hat er
nicht gemeint, sondern unsere Tochter, die stand hinter der Mühle
und kehrte den Hof."
Ein mit der Zeit arm gewordener Müller geht in den Wald, um Holz zu
sammeln.
In der Gestalt des Müllers erkennen wir einen Menschen, dem es in
der Mühle des Lebens, dieses ewig sich drehenden Rades von Werden,
Blühen und Vergehen, dämmert, dass er "arm" geworden
ist. Er merkt, wie er langsam in der Mühle des Alltags zermahlen
wird, bis er, ganz verarmt an Hoffnungen und wahren Lebensperspektiven,
gewahr wird, dass aller Fleiß und alle Bemühungen in diesem
Leben doch nicht viel einbringen. Ernüchtert sieht er, wie arm sein
Leben an inneren, geistigen Werten und echten Lebenszielen
tatsächlich ist. Alle äußeren Dinge erscheinen ihm
plötzlich armselig. Er befindet sich in einer Lebenskrise.
Der Müller "geht in den Wald", d.h. der Mensch geht in
sich. Er denkt tief nach und zieht Bilanz. Im "Wald" seines
Unterbewusstseins sucht er nach "Holz", womit er Feuer machen
will. Er sucht also in sich nach Antworten, die ihm Erhellung,
Erleuchtung bringen könnten. Er möchte Klarheit über
diese innere Beunruhigung gewinnen. Denn zur Zeit ist in ihm alles
dunkel und unklar. Er fühlt nur dumpf, dass es noch etwas anderes
geben muss, etwas Sinnvolleres als diesen nimmer endenden Einsatz
für vergängliche Dinge.
Der Müller erkennt in dem Fremden, der ihm im Wald begegnet, nicht
sogleich den Teufel. Das bedeutet: der Mensch erkennt in seinen
Leidenschaften, Trieben und Begierden nicht das Teuflische, das darin
verborgen sein kann. Das hat er bewusst noch nie wahrgenommen, es ist
ihm fremd.
Warum begegnet der Müller dem Teufel gerade jetzt zum ersten Mal?
Der Müller verkörpert einen Menschen in der Krise. Er steht an
einem Wendepunkt. Er bereitet sich auf etwas Neues vor. Er sucht nach
Antworten auf seine bisher unbeachteten Lebensfragen.
Wenn ein Mensch nach dem tieferen Sinn seines Lebens zu fragen beginnt
und ein Sucher wird, ist er nicht mehr weit davon entfernt, sich seiner
Seele bewusst zu werden. Dann ahnt er auch etwas von seiner eigentlichen
Aufgabe als Mensch in diesem Dasein. Er versucht sich zu orientieren,
d.h., nach dem Licht Ausschau zu halten. Diese Änderung einer
bisher rein weltbezogenen Orientierung wirkt auf den latenten
Geistfunken, die schlafende Seele wie ein belebender Impuls. Unter den
Schutthalden des Vergessens regt sich das Leben: die verschüttete
Seele erhält neue Kraft.
Aber die Gegenkräfte schlafen nicht; im höheren Selbst
herrscht Alarmstimmung, und deshalb muss dem Müller jetzt der
Teufel begegnen. Der Teufel als "Versucher" und
"Verführer" erscheint immer gerade dann, wenn der Mensch im
Begriff steht, sich auf einen geistigen Weg zu begeben, wodurch die
Seelenkräfte erweckt werden.
Das Märchen verkörpert diese neue Seelenkraft in der Gestalt
der jungen Müllerstochter. Sie ist die suchende Seele, die gegen
alle Widerstände bereit ist, ihrem inneren Ruf zu folgen.
Anfänglich sind diese neuen Seelenregungen dem Menschen noch recht
unbewusst; dennoch beunruhigen sie ihn.
Darum kann auch der Müller diese Art neuer Regungen in sich noch
nicht deuten, weshalb er ja auch seine Tochter so wenig beachtet,
sondern ganz im Sinne der alten Naturseele handelt, die mühelos vom
Teufel verführbar ist. Bis jetzt ist dem Müller nur die
materielle Form von Reichtum bzw. Armut bewusst. Seinen wahren Schatz,
seine kleine Tochter, die noch unentfaltete Seele, kennt er in seiner
Unbewusstheit noch nicht. Auf diese neue, junge Seele hat es der Teufel
abgesehen.
Das höhere Selbst des Menschen, dieser oberste Dirigent und
Verwalter des Karmas, ist der Freund und Helfer des Menschen, solange
dessen Interessen ausschließlich weltgerichtet bleiben. Aber es
wird zum Satan, zum "Widersacher", sobald die neue, wahre Seele
sich entwickeln will und die Persönlichkeit sich anschickt, sich
dieser neuen Seele bewusst zu werden. Dadurch droht dem höheren
Selbst Machtverlust und sogar der Tod. Es muss deshalb der drohenden
Gefahr vorbeugen und mit den Mitteln der Täuschung versuchen, sich
der wahren Seele zu bemächtigen. Der Teufel will immer die
Herrschaft über die Seele bekommen, weil sie seine Existenz
bedroht.
Der Müller ist ein leichtes Opfer für die hinterhältigen
Absichten des Fremden, da er sich seiner Seele noch kaum bewusst ist.
Bei der Aussicht auf plötzlichen Reichtum tauscht der Müller
bereitwillig seinen "Apfelbaum" gegen vermeintlich
größere Werte ein. Er weiß ja noch nicht, mit wem er hier
einen Pakt geschlossen hat, und dass er in Wahrheit unversehens seine
Seele dem Teufel verschrieben hat.
Ein bekanntes Thema: ein Mensch verschreibt seine Seele dem Teufel
für Geld und irdische Vergnügungen. Aber wann immer das
geschieht, beginnt für die Seele ein Weg des Leidens. (Gretchen im
Faust)
Ein Pakt mit dem Teufel muss nicht spektakulär mit "Blut"
unterschrieben sein wie in Goethes "Faust". Es genügt eine
Handlungsweise, die mit ethischen oder moralischen Werten nicht im
Einklang steht. Der Mensch spürt dann zwar mehr oder weniger
das Verwerfliche seines Tuns, überhört aber gerne die warnende
Stimme aus seinem Inneren, weil die Verlockung des Profits stärker
ist. Auch dies ist eine Art von Seelenverkauf.
Indes hat der Müller weder vorsätzlich, noch in böser
Absicht gehandelt, sondern unwissentlich. Hatte er doch geglaubt,
"nur" den Apfelbaum zu opfern. Doch selbst dessen Wert konnte er
auf Grund seiner Unbewusstheit nicht richtig einschätzen.
Der hinter der Mühle verborgen stehende Apfelbaum symbolisiert die
Früchte, den Ertrag des Lebens; an ihm hängen des Menschen
Erkenntnisse und Einsichten, seine Vermögen und Talente. Der
Müller schätzt diesen Reichtum gering und charakterisiert
damit einen Menschen, der zwar über wertvolle (innere) Schätze
verfügt, diese aber nicht sinnvoll nutzt. Er setzt sie nicht ein
zum Erwerb ewiger Werte, sondern verschwendet sie eigensüchtig
für die Annehmlichkeiten des Lebens in ausschließlich
äußerem Wohlstand.
Noch lebt der Müller ohne Kenntnis seiner wirklichen Aufgabe als
Mensch unbewusst in den Tag hinein, ganz ausgerichtet auf die
Befriedigung seiner privaten Bedürfnisse. Nicht ahnend, was er
angerichtet hat, kommt der Müller nach Hause. Seine Frau erwartet
ihn schon, denn sie wundert sich über den plötzlichen Reichtum
im Haus. Als er ihr die Zusammenhänge erklärt, bemerkt sie
sofort den verhängnisvollen Irrtum ihres Mannes.
Mit der Frau des Müllers ist hier das Herzbewusstsein gemeint,
unsere intuitive weibliche Seite, die den Betrug schneller durchschaut,
als der Verstand es kann. Aber der Handel ist perfekt; die teuflischen
"Schätze" sind schon im Haus. Der Giftpfeil der
Verführung sitzt im Fleisch; das Gift der Habsucht beginnt zu
wirken.
Die Welt ist voller Giftpfeile, die den Menschen mit all seinen Sinnen
oft sehr erfolgreich lähmen und an das Weltliche fesseln, so dass
kaum ein Gedanke für das Überweltliche übrig bleibt. Er
klammert sich an dialektische Werte wie Ehre und Besitz, vergisst
darüber aber vollkommen, die Frage nach der Sinnhaftigkeit seines
Tuns zu stellen.
Damit soll nicht gesagt werden, materielle Armut sei die Voraussetzung
für einen geistigen Weg. Ebenso wenig sind irdische
Besitztümer als Hindernis dafür zu verdammen. Aber sie
können zum Hindernis werden, wenn Lebensgenuss primär als
Lebensinhalt gesehen wird. Die innere Leere wird dann überdeckt und
nicht mehr wahrgenommen. Konsum, Kultur, Spaß und Unterhaltung
die Welt lockt allgegenwärtig mit ihren teuflisch guten
Verführungen. So kommt der Mensch vor lauter Angeboten kaum noch
zur Besinnung. Weltliche, materielle Möglichkeiten werden aber dann
für den Einzelnen teuflisch, wenn er sich durch sie an das irdisch
Vergängliche fesseln lässt. Seine Seelenkräfte
können sich dann nicht entfalten; die Seele bleibt unerweckt.
Schneller als der Mensch zu denken vermag, wirkt die Verführung der
Welt über seine drei Egos auf ihn, während die junge Seele im
Verborgenen (hinter der Mühle) still versucht, den Unrat zu
beseitigen, den sein Unversand dort anhäuft; der Unrat ist der
Müll, den menschliche Untugenden und unedle Gedanken produzieren.
Ein eigensüchtiges, dominantes Ich zwingt die Seele zu einem
Schattendasein als unbeachtete Dienstmagd auf dem Hofe.
"Nach drei Jahren will ich kommen und abholen, was mir
gehört," hatte der Fremde höhnisch lachend gesagt. Noch
hat der Teufel keine Macht über die junge Seele. Erst muss das Gift
der Verführung und Verführbarkeit in ihr wirken und sie
für weltliche Verlockungen empfänglich machen.
2. Unfreiheit und Leid
Die Müllerstochter war ein schönes und frommes Mädchen
und lebte die drei Jahre in Gottesfurcht und ohne Sünde. Als nun
die Zeit herum war und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte,
da wusch sie sich rein und machte mit Kreide einen Kranz um sich. Der
Teufel erschien ganz frühe, aber er konnte ihr nicht nahe kommen.
Zornig sprach er zum Müller: "Tu ihr alles Wasser weg, damit
sie sich nicht mehr waschen kann, denn sonst habe ich keine Gewalt
über sie." Der Müller fürchtete sich und tat es. Am
anderen Morgen kam der Teufel wieder, aber sie hatte sich auf ihre
Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da konnte er ihr wiederum
nicht nahen und sprach wütend zu dem Müller: "Hau ihr die
Hände ab, sonst kann ich ihr nichts anhaben." Der Müller
entsetzte sich und antwortete: "Wie könnt ich meinem eigenen
Kind die Hände abhauen!" Da drohte ihm der Böse und
sprach: "Wo du es nicht tust, so bist du mein und ich hole dich
selber." Dem Vater ward angst und er versprach, ihm zu gehorchen. Da
ging er zu dem Mädchen und sagte: "Mein Kind, wenn ich dir
nicht beide Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und
in der Angst habe ich es ihm versprochen. Hilf mir doch in meiner Not
und verzeihe mir, was ich Böses an dir tue." Sie antwortete:
"Lieber Vater, macht mit mir, was Ihr wollt, ich bin Euer Kind."
Darauf legte sie beide Hände hin und ließ sie sich abhauen.
Der Teufel kam zum dritten Mal, aber sie hatte so lange und so viel auf
die Strümpfe geweint, dass sie doch ganz rein waren. Da musste er
weichen und hatte alles Recht auf sie verloren.
Eine schöne und fromme Müllerstochter lebt gottesfürchtig
und ohne Sünde.
Damit beschreibt das Märchen die nach geistiger Verbindung suchende
Seele des Menschen. Sie ist sich der Gefahren bewusst, die ihr von der
Macht des Bösen aus dem höheren und niederen Selbst drohen. In
diesem Fall sind es die Besitzgier und der Selbsterhaltungstrieb der
Ich-Persönlichkeit (der Müller), welche die erwachende Seele
in Bedrängnis bringen und ihren weiteren Weg behindern. Aber die
Seele weiß sich zu schützen: sie lebt "drei Jahre in
Gottesfurcht und ohne Sünde." Die Zahl drei ist als magische
Zahl bekannt. "Aller guten Dinge sind drei", sagt man. Das
gleichschenklige Dreieck ist die erste mögliche zweidimensionale
Figur. Aus der männlichen Eins und der weiblichen Zwei entsteht die
Drei, - das Kind. So verbindet und überhöht die Drei
gleichzeitig die Eins und die Zwei. Damit weist sie über die
Polarität hinaus in eine neue Dimension. In dieser höheren
Dimension bewegt sich die Seele durch ihr reines, gottgefälliges
Leben als Ausdruck des Verlangens nach dem Geist.
Am Tage der Vollendung der drei Jahre wäscht sich die
Müllerstochter und zieht einen weißen Kreis um sich. Dieser
wirkt als Symbol der Ganzheit und Reinheit wie ein magischer
Schutzschild. Er entspricht dem leuchtend hellen Energiefeld der
menschlichen Aura, wenn der Mensch denn tatsächlich rein und ohne
egoistisches Verlangen auf das Geistige ausgerichtet ist. Eine reine
Aura liegt wie ein unsichtbarer Schutzmantel über der Seele und
bewahrt sie vor dem Zugriff des Bösen. Die Magie wirkt; der Teufel
bekommt keine Macht über die Müllerstochter. Er verlangt nun
vom Müller Mithilfe: er soll ihr das Wasser wegnehmen. Der
Müller gehorcht aus Angst.
Durch Gier und eigensüchtiges Handeln schadet der Mensch seiner
Seele. Er lässt sich zu Handlungen verleiten, die er mit seinem
Herzen und seinem Gewissen nicht vereinbaren kann, aber er tut sie
trotzdem. Was dies betrifft, seufzt Paulus: "Das Gute, das ich will,
das tue ich nicht, aber das Böse, das ich nicht will, das tue
ich." Es ist, als wohnten zwei Seelen in einem Menschen: die eine,
die irdische Naturseele entsprechend dem dreifachen Ego, zieht ihn hinab
in diese Welt; die andere, die himmlische, wahre Seele, versucht zu
retten, was zu retten ist. Diesen Zwiespalt formuliert Goethe, als er
seinen "Dr. Faust" zum Schüler sagen lässt:
"Du bist dir nur des einen Triebs bewusst,
oh lerne nie den andern kennen!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,
die eine will sich von der andern trennen;
die eine hält, in derber Liebeslust,
sich an die Welt mit klammernden Organen;
die andere hebt gewaltsam sich vom Dust
zu den Gefilden hoher Ahnen."
Wer diese zwei konträren Stimmen in der eigenen Brust fühlt,
muss sich stets neu entscheiden, welchem Trieb er folgen will: dem
beherrschenden, alles übertönenden Ego, oder jener feinen,
bescheidenen Stimme, die so unerschütterlich dem Streben des Egos
widersteht? Die nach dem Göttlichen verlangende Seelenkraft bringt
Unruhe in unser beschauliches Dasein und vermittelt uns das Gefühl
der Zerrissenheit.
Je unbewusster der Mensch dem Geistigen gegenüber noch ist, desto
beharrlicher wird das Ich, also das dreifache Ego, die Oberhand
behalten. Tatsächlich liegt dem Menschen die Rettung der eigenen
Haut oft näher als die Rettung seiner wahren Seele! Der Müller
benutzt seine Tochter, um durch sie errettet zu werden. Entsprechend
verrät das sterbliche Ego des Menschen seine unsterbliche Seele
für den Gewinn fragwürdiger Werte.
Das Ich mag sich noch so empören über die maßlosen
Forderungen seines inneren Satans; solange es mit ihm zusammenarbeitet
und auf dessen Bedingungen eingeht, bleibt es in seinem Bann gefangen.
Immer ist es der Satan im eigenen Wesen, dieser Widerstand gegen die
göttliche Kraft, die den Konflikt heraufbeschwört als Ursache
für Leid und Schmerz. So nützt dem Müller auch sein
halbherziger Protest gegen die Forderung des Teufels, der Tochter die
Hände abzuschlagen, gar nichts, da schon die Androhung; selbst
geholt zu werden, ihn eilfertig gehorchen lässt. An dieser Reaktion
des Müllers erkennen wir die Dominanz des dritten Egos, des
Selbsterhaltungstriebes, der elementarer ist als menschliche Liebe und
Vernunft.
Die Angst des Menschen vor eigenen Unannehmlichkeiten ist meist
größer als das Interesse an seiner unsterblichen, wahren
Seele. Trotz schlechten Gewissens ihr gegenüber erweisen sich die
Egokräfte als stärker. Das Ich behauptet sein kleines,
abgesondertes Dasein auf Kosten der wahren Seele. Für die Sicherung
der Annehmlichkeiten des Lebens in dieser dialektischen Welt wird lieber
die wahre Seele geopfert. Immer aufs Neue wird sie vom Ego verraten,
weil der Mensch nicht versteht, dass allein diese Seele es ist, die als
Mittlerin zwischen Geist einerseits und Körper andererseits die
erlösende Einheit des ganzen Menschen zustande bringen kann. Das
missverstandene Verlangen nach Ewigkeit und Unsterblichkeit findet
seinen Ausdruck im dialektischen Streben nach unsterblichem Ruhm, oder
in der Erschaffung "ewiger Werte", die in der Welt des
Vergänglichen eine Absurdität sind.
Wäre sich heute jeder dieser Tatsache bewusst, so würde
niemand länger den uralten Menschheitstraum vom ewigen Leben mit
allerlei seltsamen Methoden zu verwirklichen suchen. Obwohl der Mensch
immer wieder erleben muss, dass seine geheime Sehnsucht hoffnungslos von
der Gesetzmäßigkeit und Realität der irdischen Welt
zunichte gemacht wird, gibt er seine Suche nach der magischen
Unsterblichkeit nicht auf. (Man denke nur an das Klonen) Der moderne
Mensch scheut für sein Traumziel oft weder Zeit, Kosten noch
Mühe. Er möchte am liebsten Alter, Krankheit und Tod
vollkommen abschaffen. Aber diese Ursehnsucht treibt auch so manchen an,
das Mysterium seines Daseins zwischen Geburt und Tod zu ergründen.
Er stellt Fragen nach seiner Herkunft, sowie nach dem Sinn und Zweck
seines Lebens. Er sucht nach Antworten auf seine fundamentalen
Lebensfragen, aber wo kann er sie finden? Im traditionellen Glauben der
Kirche? In einer Sekte? In fremden Religionen? Was kann dem Suchen
Richtung geben? Wer kann den Weg zur Wahrheit weisen? Heilsversprecher
gibt es zahlreich und für jeden Geschmack. Doch was der Mensch auch
immer in der Welt der Täuschung suchen mag, kann nur zu einer
Ent-täuschung führen. Das ist zwangsläufig so, denn nicht
in der Welt ist die Antwort zu finden, sondern im eigenen Inneren. Das
Samenkorn der Unsterblichkeit ruht in seinem eigenen Herzen, und der
Leitstern zum ewigen Leben ist seine eigene, wahre Seele.
Diese Seele hat einen schweren Stand, wenn der Mensch sich ihr
gegenüber so unbewusst verhält wie der Müller es tut. Nur
mit den Tränen der Trauer über die Unwissenheit der
Ich-Persönlichkeit kann die leidende Seele sich noch
notdürftig reinigen. Die Tränen sind das reinigende Wasser der
Seelenkräfte, womit immer wieder der Schmutz der Sünde der
Unwissenheit abgewaschen wird. Es lässt sich kaum in Worte fassen,
was der Mensch seiner Seele im Laufe seines Lebens antut. Für diese
erschreckende Dimension seines Handelns findet das Märchen das
drastische Bild des Abschlagens der Hände. So grausam diese
Vorstellung auf den normal empfindenden Menschen auch wirken mag, so
sinnvoll ist andererseits das "Ohne Hände Sein" für
die Seele, die dadurch gar nicht erst in Versuchung kommt, weltlich
handeln zu wollen. Eine Seele ohne Hände kann sich nur umso besser
auf ihren Weg zu ihrer Errettung begeben. So gesehen hat der Teufel mit
seiner bösen Absicht unfreiwillig der Seele gedient.
Trotz allem, was der Müller seiner Tochter an erniedrigender
Schmach zumutet, bleibt sie ihm gegenüber sanftmütig und voll
hingebender Opferbereitschaft.
Die misshandelte Seele leidet, aber niemals begehrt sie auf. Von ihr
geht kein Widerstand aus, wie es nach gewöhnlichem, dialektischen
Verständnis zu erwarten wäre. Eine nach dem Himmlischen
strebende Seele wendet sich ab von dieser Welt. Dialektische
Überlegungen und Gefühle werden ihr fremd. Sie kennt nur eine
Aufgabe: die Hingabe an den Geist, um dem einen großen Ziel zu
dienen: der Heilung und Heimkehr des Mikrokosmos in die
ursprüngliche Heimat. Sie weiß genau, dass eine Rettung nur
für das gesamte mikrokosmische System möglich ist - oder
überhaupt nicht. Mit diesem Ziel vor Augen ist sie zu jedem Opfer
bereit.
Auch beim dritten Versuch gelingt es dem Teufel nicht, die junge
Müllerstochter zu holen; sie weiß sich vor seinem Zugriff zu
schützen.
Obwohl der Mensch in seinem Unverstand immer wieder seine unsterbliche
Seele gefährdet, sie behindert und verstümmelt, strahlt
dennoch die unendliche Geduld und Liebe der geistigen Welt durch die
wahre Seele hindurch in sein Herz; so lange, bis er diese Strahlung
bewusst empfängt und ihr zu folgen bereit ist.
Am Beginn der Seelenentwicklung ist die wahre Seele noch klein und
schwach; in dieser Phase ist - im Idealfall - der Mensch ihr
Beschützer. Später, wenn sie zur Entfaltung gekommen ist, wird
sie einmal selbst die Führung übernehmen; dann muss die
einsichtige Persönlichkeit ihr folgen.
3. Aufbruch der Seele
Der Müller sprach zu ihr: "Ich habe so großes Gut durch
dich gewonnen, ich will dich zeitlebens aufs Köstlichste
halten." Sie antwortete aber: "Hier kann ich nicht bleiben; ich
will fortgehen - mitleidige Menschen werden mir schon soviel geben, als
ich brauche." Darauf ließ sie sich die verstümmelten Arme
auf den Rücken binden, und mit Sonnenaufgang machte sie sich auf
den Weg und ging den ganzen Tag bis es Nacht war. Da kam sie zu einem
königlichen Garten, und beim Mondschimmer sah sie, dass Bäume
voll schöner Früchte darin standen; aber sie konnte nicht
hinein, denn es war ein Wasser darum. Und weil sie den ganzen Tag
gegangen war und keinen Bissen genossen hatte und der Hunger sie
quälte, so dachte sie: Ach wäre ich darin, damit ich etwas von
den Früchten äße, sonst muss ich verschmachten. Da kniete
sie nieder, rief Gott den Herrn an und betete. Auf einmal kam ein Engel
daher, der machte eine Schleuse in dem Wasser zu, so dass der Graben
trocken war und sie hindurchgehen konnte. Nun ging sie in den Garten und
der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren
schöne Früchte, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie
hinzu und aß eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu
stillen, aber nicht mehr. Der Gärtner sah es mit an, weil aber der
Engel dabei stand, fürchtete er sich und meinte, das Mädchen
wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den
Geist anzureden. Als sie die Birne gegessen hatte, war sie
gesättigt und ging und versteckte sich in das Gebüsch.
Wenn der Müller von einem "großen Gut" spricht, das er
mit Hilfe seiner Tochter gewonnen zu haben glaubt, so versteht er
darunter nur die materiellen Schätze. Zum Dank will er nun
zeitlebens für seine Tochter sorgen.
Jeder unbewusste Mensch lebt auf Kosten seiner Seele und versucht, sein
schlechtes Gewissen mit guten Taten moralisch-sozialer Art zu beruhigen.
Damit zeigt er, wie wenig er die Bedeutung der Seele und ihre Aufgabe
verstanden hat. Ein Denken dieser Art ist kein gutes Fundament für
eine Seele. Darum will die "Tochter" den "Vater"
verlassen. Keine Verlockung kann sie zurückhalten. Sie begibt sich
auf ihren Weg, unabhängig davon, was das Ich will.
Solange die Seele vom Bewusstsein des Menschen getrennt ist, hat sie von
der Persönlichkeit nichts anderes zu erwarten als bestenfalls ein
sorgenfreies Leben in Sicherheit. Beides ist ihrem Lebensziel nicht
dienlich. In der unfruchtbaren Wüste einer eigensüchtigen
Persönlichkeit kann eine Seele nicht gedeihen. Sie muss verhungern
und verdursten. Nur der unerschütterliche Glaube an ein Leben ganz
anderer Art gibt einer Seele die Kraft, sich auf einen unbekannten Weg
zum ersehnten Ziel zu begeben.
Der bewusste Beginn eines solchen Weges ist wie der Sonnenaufgang am
Morgen eines neuen Lebens. Er gleicht dem Zueilen auf die Lichtkraft am
Horizont und bringt eine vollkommen neue Orientierung. Aber der Weg, der
nun folgt, ist kein Spaziergang über Blumenwiesen, sondern der
beschwerliche Weg der befreienden Selbsterkenntnis. Der Mensch wird sich
der Dürre und Unfruchtbarkeit seines bisherigen
"seelenlosen" Lebens nicht nur bewusst, er beschließt auch,
sein Leben zu ändern. Er glaubt nun an einen höheren Sinn
seines Daseins als nur den, in der Welt zu sein, um zu leben und zu
sterben. Noch sind der armen Müllerstochter die Hände
abgeschlagen und die Arme auf dem Rücken gefesselt. Noch ist sie
voller Trauer, leidet Hunger und Durst, aber sie ist auf dem Wege der
Befreiung. Sie negiert alle Behinderung und alle Widerstände, die
sich ihr in den Weg stellen.
Diese Situation der jungen Müllerstochter erfasst sehr bildhaft die
Schwierigkeiten, mit denen zu Beginn eines Seelenweges gerechnet werden
muss. Der Mensch, der sich dazu entschließt, ist sehr
"gebunden" an sein bisheriges Leben, an sein Denken und an seine
Gewohnheiten. Was soll er tun? An wen sich wenden? Er ist noch lange
hand-lungsunfähig, wie "ohne Hände". Ihn
"hungert" und "dürstet" nach der Wahrheit, aber am
hellen Tage, dem Alltag mit seinen vielen Verpflichtungen und
Ablenkungen, findet er nicht einen " Bissen" geistiger Nahrung.
Vertrauensvoll hofft er auf die selbstlose Hilfe von
"mitleidigen" Menschen, die mehr Erfahrung haben als er selbst;
die reicher an Kenntnissen sind und ihm von ihrem Wissen über Weg
und Ziel schon "soviel geben werden", wie er braucht, um auf
seinem Wege gestärkt zu werden.
Es mag verwundern, dass hier auf einmal statt von der Seele, nun vom
"Menschen" gesprochen wird, der den Seelenweg geht. Das soll
jedoch nur daran erinnern, dass ja Mensch und Seele untrennbar eins
sind; ebenso, wie ja auch die verschiedenen Figuren des Märchens
immer nur die verschiedenen Aspekte der menschlichen Persönlichkeit
auf unterschiedlichen Bewusstseinsstufen des inneren Weges darstellen.
In der Nacht erreicht die Müllerstochter den königlichen
Garten. Erst wenn die Betriebsamkeit des Tages ausklingt und die Nacht
sich senkt, wenn das rastlose Denken der männlich aktiven,
schöpferischen Verstandeskräfte zur Ruhe kommt, kann die
passiv empfängliche, weibliche Seite des Menschen wirksam werden.
Jetzt ist die Zeit des Mondes, des "Mond-Bewusstseins" gekommen.
Gefühl und traumhafte Visionen werden lebendig. Das
Unterbewusstsein öffnet sich einer anderen Dimension, einer neuen
Wirklichkeit, die für das nüchtern-rationale Tagesbewusstsein
nicht erfassbar ist.
Wenn das rationale Denken des Menschen zulassen kann, dass es außer
der raum-zeitlichen Welt noch etwas anderes gibt, etwas, das sich der
sezierenden Logik seines Verstandes entzieht, wird der Mensch
empfänglich für nichtrationale Eindrücke aus einer
überraumzeitlichen Wirklichkeit. Angetrieben vom Impuls des
Gottesfunkens in seinem Herzen folgt der Mensch nun der Vision von einer
anderen Wirklichkeit.
Wenn ein Mensch, dem inneren Drängen folgend, sich auf die Suche
nach Antwort auf seine Lebensfragen begibt, so fehlt ihm anfänglich
oft noch die klare Orientierung. Er liest dann dies und das an
esoterischer Literatur, besucht viel versprechende Kurse und macht
allerlei Übungen oder reist sogar zu heiligen Stätten und
weisen Männern, immer von der Hoffnung beseelt, auf seinem Wege
weiterzukommen.
Doch irgendwann, wenn er schon ganz ermattet von dem ewigen Suchen ist,
wird er sich eingestehen, dass zwar alles höchst interessant ist,
sich aber stets neue Hindernisse vor ihm auftun und er seinem Ziel nach
wie vor fern ist. Sein Hunger und sein Durst nach Wahrheit bleiben
ungestillt. Doch wenn er in seiner ehrlichen Suche nicht nachlässt,
erreicht er zu gegebener Zeit einen "königlichen Garten".
Zunächst noch undeutlich, bei nächtlichem Mondschein, erkennt
er dennoch bereits die herrlichen Früchte, an denen die Seele sich
laben möchte.
Der Mensch steht nun vielleicht vor den Toren einer modernen
Mysterienschule. Undeutlich noch, aber verheißungsvoll, leuchten
ihm die begehrten Früchte entgegen. Sie sind für ihn "Brot
und Wein" zugleich. Hier kann er essen vom Brot (dem Wort) und
trinken vom Wein, dem Geist der Wahrheit.
Doch ganz so einfach geht es nicht. Die Müllerstochter kann nicht
hinein in den "königlichen Garten", denn "es war ein
Wasser darum". In ihrer Not betet sie und ruft Gott den Herrn an.
Um sich wirklich an den Früchten geistiger Wahrheit stärken zu
können, muss der Mensch erst sein tiefes Verlangen und seine
Aufrichtigkeit beweisen. Ohne dies ist das trennende Wasser nicht zu
überwinden. Mit dem Wasser als Hindernis sind die
Gefühlsbindungen an alles Zeitliche und Vergängliche gemeint,
was im bisherigen Leben ausschließlich bestimmend war. Der Mensch
muss sich prüfen, ob er bereit ist, zugunsten der
"Früchte" Opfer zu bringen.
Kann und will er sein Leben ändern? Will er den Weg der
schonungslosen Selbsterkenntnis wirklich gehen? Ist es ihm ernst mit
seinem Verlangen nach Wahrheit? Oder ist es für ihn doch nur ein
wenig ernst gemeinter Ausflug in eine, ach so interessante Welt, wo man
mal so eben begehrlich ein paar "Früchte" pflückt und
dann wieder verschwindet, um sich amüsanteren Dingen zuzuwenden?
Und ist es nicht vielleicht doch grundsätzlich besser, in der
Sicherheit überkommener Strukturen traditioneller Institutionen zu
bleiben, als sich mühsam einen unbekannten Weg in eigener
Verantwortung zu suchen, wobei noch mit dem Unverständnis und Spott
wohlmeinender Leute gerechnet werden muss?
Wenn es einem Menschen jedoch ernst ist mit seiner Suche; dann werden
geistige Kräfte (Engel) wirksam, die weiterhelfen. Sie
schließen die "Schleusen", so dass das Wasser, das
"rote Meer" der ungebändigten Blutstriebe und
Leidenschaften in seine Schranken verwiesen wird und an Macht verliert.
So kann die Seele den königlichen Garten betreten. Endlich darf sie
sich laben.
Mit dem königlichen Garten ist ein geistiges Gebiet besonderer
Aufnahmefähigkeit gemeint, das der Mensch anfänglich nur im
Traumzustand betreten kann.
Unter dem Schutz geistiger Führung kann sich nun die kleine, noch
kindlich unentwickelte Seele des Menschen wie ein Baby an der
Mutterbrust "ohne Hände" an einer Frucht nähren. Noch
ist Nacht, der Mond scheint, was bedeutet: der Mensch erlebt mehr
traumhaft als wirklich, mehr ahnungsvoll als bewusst den Beginn des
Erkenntnisweges. Ohne bewusst zu planen oder in irgendeiner Hinsicht zu
"handeln", isst er von den Früchten der Wahrheit und
Erkenntnis, die bisher lediglich Gegenstand intellektuellen Interesses
waren (bewacht und gezählt). Indem die Früchte nun gegessen,
also "einverleibt" werden, gewinnt der Mensch unmittelbar an
Einsicht und Selbsterkenntnis.
Noch "versteckt" sich das Mädchen, d.h. der Mensch steht
noch nicht offen vor der Welt zu seinen neuen Erfahrungen; er scheut
noch die Konfrontation mit Menschen, von denen er annehmen muss, nicht
verstanden zu werden. Sein Vertrauen in die eigene Seelenkraft muss erst
wachsen.
Der geistigen Führung kann der Mensch absolut vertrauen, aber ist
dieses Vertrauen auch gegenüber der eigenen Ich-Persönlichkeit
gerechtfertigt? Ist der Mensch wirklich bereit, dem gerade begonnenen
Pfad treu zu bleiben, oder schwenkt er wieder ab, weil der Weg denn doch
zu mühsam scheint? Wie sieht es aus mit dem Satan im höheren
Selbst? Das Märchen wird darauf im weiteren Verlauf seine Antworten
finden.
Im "Garten des Königs" sieht es verheißungsvoll aus.
Der Mensch beginnt, etwas von der Existenz seiner Seele zu ahnen. Damit
verlieren seine drei Naturegos bereits ein wenig von ihrer
beherrschenden Machtposition; die Persönlichkeit verändert
sich. Schon diese ersten Ansätze einer gewissen Einsicht reichen
aus, um die Seele zu stärken, und sei es auch noch so bescheiden
mit einer einzigen Frucht.
4. Im goldenen Käfig
Der König, dem der Garten gehörte, kam am anderen Morgen
herab; da zählte er und sah, dass eine der Birnen fehlte, und
fragte den Gärtner, wo sie hingekommen wäre, sie läge
nicht unter dem Baum und wäre doch weg. Da antwortete der
Gärtner: "Vorige Nacht kam ein Geist herein, der hatte keine
Hände und aß eine mit dem Munde ab." Der König
sprach: "Wie ist der Geist über das Wasser
herübergekommen? Und wo ist er hingegangen, nachdem er die Birne
gegessen hatte?" Der Gärtner antwortete: "Es kam jemand in
schneeweißem Kleide vom Himmel, der hat die Schleuse zugemacht und
das Wasser gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen konnte. Und
weil es ein Engel muss gewesen sein, so habe ich mich gefürchtet,
nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hatte,
ist er wieder zurückgegangen." Der König sprach:
"Verhält es sich so, wie du sagst, so will ich diese Nacht bei
dir wachen." Als es dunkel ward, kam der König in den Garten
und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anreden. Alle drei
setzten sich unter den Baum und gaben acht. Um Mitternacht kam das
Mädchen aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum und
aß wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der
Engel im weißen Kleide. Da ging der Priester hervor und sprach:
"Bist du von Gott gekommen oder von der Welt? Bist du ein Geist oder
ein Mensch?" Sie antwortete: "Ich bin kein Geist, sondern ein
armer Mensch, von allen verlassen, nur von Gott nicht." Der
König sprach: "Wenn du von aller Welt verlassen bist, so will
ich dich nicht verlassen." Er nahm sie mit in sein königliches
Schloss, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von
Herzen, ließ ihr silberne Hände machen und nahm sie zu seiner
Gemahlin.
Anfänglich war das Ich in der Persönlichkeit des Müllers
verkörpert; inzwischen hat es sich zum "König"
gewandelt. Während der Müller nur einen einzigen, unbeachteten
Apfelbaum besitzt, den er auch noch verschachert, verfügt der
König über einen großen Garten mit vielen Bäumen
voller Früchte, die sogar gezählt und bewacht werden. Das
Bewusstsein durchlebt in seinem Bemühen um Erkenntnis verschiedene
Stufen, woran sich die Übereinstimmung oder auch die Abweichung in
seinem Verhältnis zur göttlichen Harmonie zeigt.
Der König repräsentiert einen Menschen, dem die Ordnung dieser
Welt als Lebensprinzip wichtig ist. Seine Erträge (Früchte)
sind sowohl zahlreich als auch gezählt; d.h. seine Verdienste sind
registriert und finden ordnungsgemäß Beachtung. Er ist der in
vieler Hinsicht gebildete und kultivierte Mensch, der sorgsam auf das
Erworbene bedacht ist. Das gut gefüllte Bankkonto (Garten) befindet
sich in der Obhut von Fachleuten (Gärtner), und für die Sache
mit Gott ist ein Priester zuständig. Im König erkennt der
Einzelne seine besten Eigenschaften wieder: alles, was an ihm im
weltlichen Sinne edel, hilfreich und gut genannt werden kann. Ein
solcher Mensch tritt ein für Gerechtigkeit und Frieden; er ist
erfolgreich, fleißig, vernünftig und sozial eingestellt. Er
schätzt sich selbst hoch ein und schaut in zufriedenem Stolz auf
die Exklusivität seiner eigenen Bedeutung, seines Wissens und
seiner Möglichkeiten.
In diesem Sinne leben heute schon viele "Könige". Sie
können die Früchte ihrer Arbeit zählen. Es sind
intelligente Menschen, die ihre drei Egos gut zu kontrollieren und zu
beherrschen vermögen. Und manchmal sind sie dann auch
Präsident, Chef, Manager oder Befehlshaber, weil sie so gut
herrschen und befehlen können. Das Ich in Verbindung mit dem
geschulten Verstand, mit Ehrgeiz und dem Willen zur Macht, ist ein
erfolgreicher Welt-Beherrscher.
Der König kommt in seinen Garten; hier wachsen Früchte,
Erkenntnisfrüchte, an denen sich die Seele in aller Bescheidenheit
stärken kann. Auf diese Erkenntnisebene begibt sich das
Verstandes-Ich "herab". Der König bemerkt sofort das Fehlen
der einen Birne. Etwas stimmt nicht in seinem Garten; d.h. die gewohnte
Lebensordnung des Menschen gerät durch die Regungen der Seele
durcheinander. Die merkwürdigen Vorgänge im Garten beunruhigen
den König. Er will genauestens informiert werden über das, was
da in der Nacht, bei Mondschein, vor sich geht. Das sezierende
Verstandesego will alles genau wissen. Skeptisch und ungläubig der
neuen Seelenerfahrung gegenüber, muss der Intellekt alles
hinterfragen. Er will die Kontrolle behalten, will sich absichern und
vergewissern, ehe er sich auf so seltsame Erscheinungen wie eine
eventuelle "Seele" oder "Engel" überhaupt
einzulassen bereit ist. Alle Klugheit, alle Logik seines Verstandes
helfen dem Menschen nicht, wenn es um die aufkeimende neue Seele geht.
Er kann seine eigenen Wahrnehmungen nicht deuten; die Bilder sind noch
zu un-"deutlich", zu mondhaft. Darum wendet er sich an einen
Fachmann, von dem er sich befriedigende Erklärungen erhofft. So
lässt der König den Priester fragen, ob die verdächtige
Erscheinung im Garten ein Geist oder ein Mensch sei.
Was geht vor in dem "inneren Garten", dem Unterbewusstsein des
Menschen?
Was stört seine gewohnte Ordnung im Kopf?
Was beunruhigt sein Herz?
Der suchende und fragende Mensch auf dem Wege der Selbsterkenntnis
bekommt Antwort. Die zarte Stimme seiner Seele selbst antwortet ihm. Er
vermag nun die Wesensart der neuen Seele schon so weit zu erfassen, dass
er sogar einen göttlichen Ursprung nicht ausschließt. Dieses
Neue im Leben eines Menschen erfüllt ihn mit Beunruhigung, aber
auch mit Freude, obwohl er sich über dessen Bedeutung und Tragweite
anfänglich noch nicht klar ist.
Der König nimmt die von der Welt Verlassene mit sich auf sein
königliches Schloss. Wenn auch zunächst noch undeutlich - bei
Mondschein, und "heimlich", d.h. inwendig, wird sich der Mensch
seiner Seele mit den Gefühlskräften des Herzens bewusst. Und
wenn er ein verständiges Herz hat, dann erbarmt er sich ihrer und
erlaubt ihr die Stärkung. Er nimmt die von den Menschen
"Verlassene" mit sich auf sein "Schloss", d.h. er
schenkt ihr Liebe und Aufmerksamkeit. Er gibt ihr einen Platz in seinem
Leben. Er erkennt sie an als seine andere Hälfte und tut alles
Menschenmögliche zu ihrem Wohle; jedenfalls alles, was nach seinem
dialektischen Verständnis gut für sie ist. Sogar "silberne
Hände" lässt er für sie anfertigen.
Aber ist das, was er ihr zuteil werden lässt, auch zugleich das,
was sie braucht? Hat er überhaupt eine Ahnung davon, wie es
wirklich um seine Seele bestellt ist? Ist nicht seine "Liebe"
noch von sehr irdischer und persönlicher Art? Schimmert nicht durch
all sein Tun zugleich auch sein Ego hindurch? Ist seiner Seele
tatsächlich mit "silbernen Ersatzhänden" gedient?
Sitzt sie nun nicht doch in einem - wenn auch goldenen - Käfig
gefangen, ohne die Möglichkeit zur Fortsetzung des Weges, der doch
allein Heilung ihrer ungöttlichen Verstümmelungen bringen
könnte? Statt mit lebendigen Händen, die ihr wahre
Handlungs-Freiheit schenken könnten, lebt sie mit künstlichen,
technischen Händen ohne Gefühl, ohne Leben; sie dienen nur der
Aufrechterhaltung des schönen Scheins. Das Unechte und Tote ersetzt
das Ursprüngliche, Lebendige.
Leben wir nicht alle mit solchen künstlichen, silbernen
Händen? Bieten Wissenschaft, Technik und Kunst uns heute nicht alle
nur erdenklichen Möglichkeiten an Komfort und Unterhaltung, die
angeblich unser Leben lebenswerter machen sollen? Mit Denkvermögen
und Intelligenz hat sich der Mensch eine luxuriöse, schillernde
Glitzerwelt geschaffen, mit deren Errungenschaften es ihm rein
äußerlich besser geht als je zuvor. Aber wie sieht es inwendig
aus? Überdecken nicht all diese phantastischen Angebote oft nur
einen Mangel an innerem, lebendigem Sein in wahrer Freiheit? Deckt nicht
die äußere Vielfalt oft nur innere Armut zu?
Wir leben in einer Haben-Gesellschaft, in der das Sein im lebendig
machenden Geiste kaum eine Rolle spielt. Statt auf der Suche nach der
Wahrheit zu sein, sind wir süchtig nach immer neuen Reizen. Jeder
weiß, was er hat, aber nicht, wer er ist. Mit Hilfe der Technik
können wir uns zwar ins All erheben; im Kino in virtuelle Welten
fliegen, aber eine Erhebung in geistige Dimensionen wird als abwegig
belächelt. Die Wissenschaft übt sich darin, Menschen als
"Ersatzteillager" zu klonen, aber den Menschen geistig in sich
selber neu zu erschaffen, daran wird kein Gedanke verschwendet. Es mag
hart klingen, aber viele Errungenschaften unserer Zivilisation sind
nichts als "silberne Hände", die zwar schön aussehen,
den Mangel an geistigem Heil-Sein aber nur notdürftig verdecken;
beheben können sie ihn nicht. Sie sind Steine, die statt Brot dem
unwissenden Menschen gereicht werden, um seine Ursehnsucht nach
Wahrheit, Freiheit und Ewigkeit ersatzweise zu befriedigen, damit er den
Betrug an seiner Seele nicht bemerkt.
Auch wenn der Mensch auf dieser Stufe noch nicht viel von seiner Seele
weiß, so beginnt dennoch die neue Seelenkraft in ihm zu wirken. Das
Himmlische und das Irdische sind zusammen in einem Wesen.
In unserer modernen Zeit ist der Mensch in seiner Seelenentwicklung sehr
gut voran gekommen. Endlich hat die Seele einen Platz im Bewusstsein
(Schloss) gefunden. Viel wird von ihr und über sie gesprochen. Der
Mensch hat sie "zu sich" genommen und respektiert sie als seine
"weibliche Seite", allerdings in völliger Verkennung ihrer
wahren Art und Aufgabe. Alles Erdenkliche wird für die Seele getan
im festen Glauben, es tue ihr gut; mal öfter bei guter Musik
entspannen, etwas Hübsches kaufen, meditieren oder die
Schönheit der Welt im sonnigen Süden genießen, wo die
Seele dann mal so richtig baumeln darf. Doch was hier baumelt, was
umsorgt und verhätschelt wird, das ist die Naturseele mit ihrem
natürlichen Anspruch ans Dasein. Alles dient nur ihrem
Wohlfühlaspekt. Deshalb können auch alle Streicheleinheiten,
Beautyfarmen und alle Traumreisen der Welt den Menschen nicht wirklich
befriedigen. Depressionen nehmen zu; die wahre Seele bleibt unverstanden
und leidet. Etablierte religiöse Institutionen sammeln zwar
für "Brot für die Welt", halten jedoch das wahre Brot
für die hungernde Seele nicht bereit; sie geht leer aus. Der
Einzelne sucht nach Auswegen aus seinem Dilemma. Er flieht in die Sucht,
in die Arbeit, in die Krankheit, in die Ferne oder in spirituelle
Zirkel. Seelenfachleute verschreiben "Psychopharmaka",
schöne Prothesen, die als "silberne Hände" den Makel
des Unheilseins kaschieren, damit die Seele so gesund aussieht, wie die
Welt es erwartet. Die Seele schweigt dann wenigstens, und das Ich kann
sich wichtigeren Aufgaben zuwenden. Ihre Verletzung wird überdeckt,
aber nicht geheilt.
5. Zweifel und Zerrissenheit
Nach einem Jahr musste der König über Feld ziehen, da befahl
er die junge Königin seiner Mutter und sprach: "Wenn sie ins
Kindbett kommt, so haltet und verpflegt sie wohl und schreibt mir's
gleich in einem Briefe." Nun gebar sie einen schönen Sohn. Da
schrieb es die alte Mutter eilig und meldete ihm die frohe Nachricht.
Der Bote aber ruhte unterwegs an einem Bache, und da er vom langen Weg
ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welcher der frommen
Königin immer zu schaden trachtete, und vertauschte den Brief mit
einem anderen, darin stand, dass die Königin einen Wechselbalg zur
Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er
und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie sollten
die Königin wohl halten und pflegen bis zu seiner Ankunft. Der Bote
ging mit dem Brief zurück, ruhte an der nämlichen Stelle und
schlief wieder ein. Da kam der Teufel abermals und legte ihm einen
anderen Brief in die Tasche, darin stand, sie sollten die Königin
mit ihrem Kinde töten. Die alte Mutter erschrak heftig, als sie den
Brief erhielt, konnte es aber nicht glauben und schrieb dem König
noch einmal, aber sie bekam keine Antwort, weil der Teufel dem Boten
jedes Mal einen falschen Brief unterschob - und in dem letzten Briefe
stand noch, sie sollten zum Wahrzeichen Zunge und Augen der Königin
aufheben.
Auf dem Schloss scheint zunächst alles in schönster Ordnung zu
sein. Der König liebt seine junge Frau aufrichtig, und ihr
Wohlergehen liegt ihm am Herzen. Dieses Bild beschreibt die Situation
eines Menschen, dem es körperlich und seelisch gut geht. Er hat den
Weg der Seelenbefreiung eingeschlagen und begonnen, sich auf seine
geistige Aufgabe zu besinnen. Er ist zufrieden und mit sich und der Welt
im Einklang.
Beinahe könnte das Märchen an dieser Stelle enden, aber der
Leser spürt, dass noch etwas fehlt. Die Königin kann nicht
wirklich glücklich sein mit ihren silbernen Händen. Die Idylle
auf dem Schloss ist trügerisch und kann nicht von Dauer sein.
Wenn ein Mensch einen Lebenszustand erreicht hat, der im weltlichen
Sinne nichts mehr zu wünschen übrig lässt, dann drohen
Sattheit und Stagnation., Er hat zwar ein verantwortliches Ich
entwickelt, das sich zur geistigen Welt hin orientiert, aber dennoch:
Zufriedenheit und Lebensgenuss halten ihn in der Normalität des
alltäglichen Lebens gefangen. Der Weg, das hohe Ziel der Heilung
und Erlösung der Seele, droht in Vergessenheit zu geraten. Die
Prothesen der kranken Seele werden zur Gewohnheit. Eine solche
Entwicklung in Richtung Stillstand liegt jedoch nicht im Sinne des
spirituellen Auftrages des Menschen und seiner Seele. Deshalb findet das
Märchen nun seine Fortsetzung mit einem Ereignis, das alles
verändern wird: Der König muss "über Feld"
ziehen. Nach einem Jahr des Friedens und des Glücks verlässt
er seine Frau, der er doch versprochen hatte, sie nie zu verlassen. Er
übergibt sie der Obhut seiner Mutter.
Inwiefern dieser Schachzug der Märchenerzählung sich nun
für die Königin als hilfreich erweisen wird, lässt sich
im Augenblick noch nicht erkennen, aber genau wie im richtigen Leben
geht das Schicksal auch im Märchen verschlungene Pfade, um den
begriffsstutzigen Menschen dennoch auf seinen Weg und an sein Ziel zu
bringen. Der König spiegelt hier das Verhalten eines Menschen
wider, der den Seelenweg begeistert begonnen hat. Es ist ihm durchaus
ernst mit der Absicht, seiner innersten Bestimmung gerecht zu werden,
aber früher oder später verliert er doch das Interesse, und -
obwohl sich schon erste "Früchte" andeuten (die
Königin ist schwanger), fehlt ihm noch die wirkliche Einsicht in
die Bedingungen des Weges. Und so fehlt ihm auch die Beständigkeit,
diesen Weg der befreienden Selbsterkenntnis beharrlich fortzusetzen. Der
Hang zum alten Leben gewinnt wieder die Oberhand. Trotz aller guten
Vorsätze erliegt er aufs Neue dem Reiz des Weltlichen. Auf dem
"Felde" der Ehre strebt er nach Ruhm und Anerkennung. In der
Auseinandersetzung mit der irdischen Daseinsrealität stellt er sich
mit seiner vollen Lebenskraft den Herausforderungen. Für Themen
außerhalb seiner Vorstellungswelt verblasst das Interesse. Auch
hofft er immer noch, in der Welt das zu finden, wonach eine tiefe
Ursehnsucht ihn verlangen lässt: das Gute, Schöne und Wahre.
Aber die Welt des Vergänglichen hält nur vorübergehende
und relative Dinge bereit. Das absolut Gute, Schöne und Wahre liegt
außerhalb aller irdischen Bestrebungen. So steht der Mensch immer
wieder mit leeren Händen da, weil er das Vergängliche nicht
festhalten kann.
Der König ist von dieser Erkenntnis noch weit entfernt; er
fühlt sich als Herrscher und Beherrscher seines Schicksals, aber
leidvolle Erfahrungen werden ihn eines Besseren belehren.
Ohne Rücksicht auf sein Versprechen zieht der König über
Feld.
Durch diese widersprüchliche Verhaltensweise des Königs werden
die zwei gegensätzlichen Seiten des dialektischen Herzens deutlich.
Wir wissen, dass das menschliche Herz Liebe und Hass kennt, Sympathie
und Antipathie, Freude und Leid, Hoffnung und Verzweiflung; es kann
weich sein und hart. Es will lieben und geliebt werden. "Wer mich
nicht liebt, den liebe ich auch nicht," ist seine Devise. So
widersprüchlich "denkt" das Herz, denn es ist von dieser
Welt. Es ist glücklich, wenn es geliebt, gewürdigt und
beachtet wird, und wenn seine guten Taten ihr gebührendes Echo
finden. Es wacht eifersüchtig über sein Eigentum, und es kann
zu Stein erstarren, wenn seine Erwartungen enttäuscht werden. Das
alles macht unser Herz-Ego aus. Aber diese Launenhaftigkeit eines
Herzens, das heute liebt und morgen nicht, schafft unendliches Leiden
und namenloses Weh. Auch der König wird diese Erfahrungen machen,
wie wir noch sehen werden.
Solange König und Königin zusammen mit der Mutter auf dem
Schloss leben, kennt die junge Königin nur die liebevolle Seite des
königlichen Herzens. Aber nun zieht er fort und lässt Frau und
Mutter zurück.
Das Märchen bedient sich zweier Figuren, um diese Spaltung des
dialektischen Herzens darzustellen: die eine Hälfte wird durch die
Mutter verkörpert; sie ist die liebende, verstehende und
hilfsbereite Seite, die voller Mitgefühl für das Unschuldige
eintritt und aus Mitleid zu jedem Opfer bereit ist, ohne Rücksicht
auf sich selbst. Der König im Felde personifiziert die andere
Hälfte, die misstrauische, gekränkte Seite des Herzens, die
sich täuschen lässt und mit tödlichem Hass zu reagieren
bereit ist. Die Mutter des Königs, als die mitfühlende Seite
des Herzens, fühlt zwar intensiv, denkt aber nicht berechnend, wie
das Verstandesbewusstsein es tut. Noch ehe der Verstand des Menschen
sich seiner Seele bewusst wird, hat sich die liebende Seite des Herzens
schon längst für die Seele geöffnet. Dieser Teil des
Herzens bleibt ihr verbunden auch dann, wenn die andere Seite, sowie
auch das Denken und Handeln, noch Eigeninteressen verfolgen, also
egozentriert bleiben. Der Mensch "liebt" dann seine Seele nur
mit halbem Herzen. Deshalb kann er sie weder wirklich verstehen noch
Wesentliches für sie tun. Die andere Hälfte ist zusammen mit
Denken und Handeln "über Feld" gezogen, also weit fort,
wohin die Seele nicht folgen kann. Sie bleibt zu Hause bei der
"Mutter".
Doch wer ist sich schon im täglichen Existenzkampf, der mit
Verstand und Tatkraft bewältigt sein will, dieser inneren
Zerrissenheit bewusst? Der Mensch nimmt seine Seele nicht mit in diese
kämpferischen Auseinandersetzungen, weshalb es denn auf diesen
"Schlachtfeldern" auch so seelenlos zugeht.
Während der König im Felde weilt, bringt die Königin
einen Sohn zur Welt.
So wie Maria, die reine Seele, das Geistprinzip empfangen und den Sohn,
das Licht der Welt, gebären kann, so vermag die geläuterte
Seele des Menschen das Geistige in sich aufzunehmen und zu offenbaren.
Die Geburt des Sohnes deutet hin auf die erste Verbindung der Seele mit
dem befreienden Licht, dem Licht der Wahrheit, das in ihr zu scheinen
beginnt.
Der König ist zu diesem überaus wichtigen Ereignis nicht
anwesend, d.h. seinem Bewusstsein sind diese Entwicklungen noch
verborgen. Obwohl sich also in der weitgehend gereinigten Seele bereits
das Geistige (der Sohn) manifestiert, ist sich die Persönlichkeit
dieser Vorgänge und Veränderungen in ihrem Inneren noch nicht
bewusst. Sie nimmt deshalb diese Entwicklung zunächst kaum zur
Kenntnis; sie ist nie wirklich mit ganzem Herzen dabei (der König
ist anderweitig beschäftigt). Diese Halbherzigkeit macht den noch
schwankenden Menschen empfänglich für monströse
Unwahrheiten (Wechselbalg) und irreführende Gegenargumente. Der
verunsicherte Mensch fragt sich: Ist dies wirklich der richtige Weg
für mich? Ist das mit der Seele nicht vielleicht doch alles nur
Einbildung, ein schöner Wahn? Ihm kommen ernste Zweifel. Sie sind
die Folge des Versuches, den Seelenpfad zu gehen, aber gleichzeitig das
alte, dialektische Leben in gewohnter Weise fortzusetzen; beides ist
jedoch nicht vereinbar. Dieser disharmonische Zustand ist verwirrend
für Mensch und Seele. Die Gespaltenheit des Herzens lässt
keine klaren "Botschaften" zu.
Das Märchen findet für diese innere Zerrissenheit
eindrucksvolle Bilder: alle Botschaften der alten Königin an den
König treffen nur entstellt ein. Umgekehrt werden auch die
Antworten des Königs vom "Teufel" in ihr Gegenteil
verkehrt. Wieder hat der Teufel als "Teil der Kraft, die Böses
will und Gutes schafft," (Faust I) seine Hand im Spiel und lenkt das
Schicksal. Geschickt nutzt er die noch herrschende Unbewusstheit, um mit
den Mitteln der Lüge und des Betruges hinterhältig gegen die
Seele und das aufkeimende Geistprinzip zu intrigieren.
Wenn der Mensch von vielen sich widersprechenden Meinungen und Lehren
unterschiedlicher Art schließlich ganz verwirrt ist, dann weiß
er am Ende gar nicht mehr, was er glauben und woran er sich halten soll.
Seine Zweifel werden stärker. Er verliert das Vertrauen in das
Seelenlicht in seinem Inneren; er will es auslöschen (der
König will Frau und Kind töten lassen). In ihm tobt der uralte
Kampf des niederen Selbstes einerseits und der aus dem Inneren
aufsteigenden Sehnsucht nach Erlösung und Vollkommenheit
andererseits. Wenn das niedere Selbst in seiner Selbstbehauptung
dominant bleibt, dann neigt der Mensch dazu, den Seelenpfad wieder zu
verlassen. Seine Glaubensgewissheit schwindet und damit der Kontakt zur
inneren Quelle seiner Kraft; die Seele gerät ernsthaft in Gefahr.
Warum will der König, dass Zunge und Augen der Königin
aufgehoben werden?
Wenn der Mensch zweifelt an seiner Seele, an seinem Weg und an seinem
Ziel, dann wird ihm das mahnende Drängen der Seele mit ihren
Wünschen lästig. Er müsste ja eigentlich sein Leben
zugunsten seiner Seelenentwicklung ändern. Dazu fehlt ihm aber die
Bereitschaft, und so wünscht sich der zwischen Seelen- und
Weltinteressen hin- und hergerissene Mensch, seine Seele möge
endlich schweigen. Auch sollte sie besser nicht sehen, was er so alles
treibt in dieser Welt. Stumm (ohne Zunge) und blind (ohne Augen) soll
die Seele nicht merken, wie es tatsächlich um den Menschen bestellt
ist. Sie soll das Licht der Wahrheit nicht sehen und die Wahrheit nicht
aussprechen, die der Mensch fürchtet, weil er dann allzu deutlich
seine Gottesferne erkennen könnte.
Was wäre die Folge, wenn die alte Königin die Befehle des
Königs ausführte? Am Ende eines egozentrischen Lebens
würde die Persönlichkeit seelenlos sterben. Der Mikrokosmos
wäre wieder einmal um eine Hoffnung auf Erlösung vom Rad der
Geburt und des Todes ärmer. Das Märchen fände an dieser
Stelle sein trauriges, unbefriedigendes Ende. Aber glücklicherweise
nimmt es einen anderen Fortgang.
6. Wieder auf dem Wege
Aber die alte Mutter weinte, dass so unschuldiges Blut sollte vergossen
werden, ließ in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge
und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Königin:
"Ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt,
aber länger darfst du hier nicht bleiben: Geh mit deinem Kind in
die weite Welt hinaus und komme nie wieder zurück." Sie band
ihr das Kind auf den Rücken, und die arme Frau ging weinend fort.
Sie kam in einen großen, wilden Wald, da kniete sie nieder und
betete zu Gott, und der Engel des Herrn erschien ihr und führte sie
zu einem kleinen Haus, daran war ein Schildchen mit den Worten:
"Hier wohnt ein jeder frei." Aus dem Häuschen kam eine
schneeweiße Jungfrau, die sprach: "Willkommen, Frau
Königin", und führte sie hinein. Da band sie ihr den
kleinen Knaben von dem Rücken und hielt ihn an ihre Brust, damit er
trank, und legte ihn dann in ein schönes, gemachtes Bettchen. Da
sprach die arme Frau: "Woher weißt du, dass ich eine
Königin war?" Die weiße Jungfrau antwortete: "Ich bin
ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpflegen." Da
blieb sie in dem Hause sieben Jahre und war wohl verpflegt, und durch
Gottes Gnade wegen ihrer Frömmigkeit wuchsen ihr die abgehauenen
Hände wieder.
Zum Glück ist ja noch die alte Königin da, die Mutter. Sie ist
bestürzt und traurig über die unbegreiflichen Befehle des
Königs, die sie aber mit ihrem mitleidigen Herzen auf ihre eigene
Art zu umgehen weiß.
So sind es denn die liebenden Herzenskräfte im Menschen, die,
entgegen der Ratio des Verstandes und der niederen Beweggründe
seiner Ich-Triebe, die Seele zu retten versuchen. "Geh mit deinem
Kind in die weite Welt hinein und komm nie wieder zurück", sagt
die Mutter zur jungen Königin.
Wieder einmal ist die Seele "von allen verlassen, nur von Gott
nicht". Es ist die "normale" Situation der Seele in einer
vom Intellekt beherrschten Welt, in der hauptsächlich
vergängliche Macht und äußerer Reichtum den Wert eines
Menschen bestimmen. Wo der Wille und die blinden Leidenschaften des
"Herrschers" aus lauter Verblendung eine Katastrophe
heraufbeschwören, da kann nur noch die selbstlose Liebe das
Schlimmste verhüten. Das mitfühlende Herz setzt sich intuitiv
über die unvernünftige Autorität des kalten Verstandes
hinweg, ohne über das damit verbundene Risiko nachzudenken. Das
Herz bringt es nicht fertig, die Seele zu töten, aber es muss sich
doch dem Herrschaftsanspruch von "oben" fügen.
"Hier nicht bleiben zu dürfen" bedeutet, dass der Mensch
seine Seele ganz aus seinem Bewusstsein verdrängen will; er billigt
ihr keine Daseinsberechtigung mehr zu. Die Ich-Persönlichkeit
stellt sich gegen die Seele und den neugeborenen Geistkeim, das Licht
der Hoffnung, und gibt sie dem Verderben preis.
Diese Thematik erinnert an Beispiele aus Religion und Mythologie: das
Macht- und Herrschaftsprinzip, der alte König (Pharao, Herodes,
König Laios), verfolgt das neugeborene Kind (Moses, Jesus,
Ödipus). Kaum ist das Heilige auf der Welt, muss es um sein Leben
fürchten und fliehen. Das Licht der Welt, der wahre König,
kann vom beherrschenden Ego nicht geduldet werden, denn es möchte
selbst König sein und bleiben.
In der Fremde braucht dieses Heilige dann eine Zeit der Stille und
Geborgenheit, um zu wachsen, ehe es in der Welt wirksam werden kann.
Diese Zeit der Ruhe findet die Königin mit ihrem Kind durch ihr
unerschütterliches Glaubensvertrauen. Ganz auf sich allein
gestellt, verlassen und verloren in der Wildnis der Welt, ringt die
Seele um die Verbindung mit Gott. Nach ihrem Gebet im Walde erscheint
ein Engel und führt die Königin in ein kleines Haus, in dem
jeder "frei wohnt". Ein weiterer Engel, eine schneeweiße
Jungfrau, hilft ihr, das Kind zu pflegen.
Die schneeweiße Jungfrau, ein Symbol für geistige Welt und
Reinheit, erkennt in der armseligen Gestalt sogleich die Königin.
Das bedeutet: das geistige Prinzip erkennt stets das, was sich dem
Geistigen zuwendet und ihm folgt, mag es, mit irdischen Augen gesehen,
auch noch so erbärmlich aussehen. Der Geist nimmt sich nun der
suchenden Seele an. Das Haus, in dem jeder "frei wohnt", kann
als das menschliche Herz verstanden werden, denn nur wer "frei"
darin wohnt, wohnt überhaupt darin. Wahre Liebe verlangt keinen
Eintritt, sie ist bedingungslos. Hier ist die Seele in einem Bereich, wo
alle "Berechnung" aufhört. Hier herrschen Friede und
selbstlose Liebe. Das werdende neue Geist-Seelenwesen bewohnt nun den
Herzraum; die erste Festung des dreifachen Egos ist damit in Besitz
genommen.
Sieben Jahre bleibt die Königin in dem kleinen Haus. Die Sieben
deutet hier eine Zeit der Entwicklung an. Wir wissen, dass im
menschlichen Leben alle sieben Jahre ein neuer Zyklus beginnt, sowohl
auf der körperlichen, wie auch auf der psychischen und mentalen
Ebene.
Diese Reifezeit verbringt die Königin mit ihrem Kinde in der Pflege
und im Schutz des Engels, der "von Gott gesandt" ist. Es sind
die geistigen Kräfte, die alles nähren, heilen und entwickeln,
was sich ihrer Strahlungskraft öffnet. Jetzt endlich werden auch
die Hände der Königin geheilt. Dies deutet auf die Heilung,
die Ganz-Werdung des neuen Menschen hin, des wahren, unsterblichen
Geist-Seelenmenschen, um den es letztlich geht.
Die Königin ist nun geheilt; aber was ist mit dem eigensinnigen
König geschehen? Was hat er getan in den sieben Jahren, die seine
Frau abgeschieden in dem kleinen Haus verbrachte? Wie hat die
Persönlichkeit den Weg ihrer Seele erlebt?
7. Einsicht und Umkehr
Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein
erstes war, dass er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fing die
alte Mutter an zu weinen und sprach: "Du böser Mann, was hast
du mir geschrieben, dass ich zwei unschuldige Seelen ums Leben bringen
sollte!" und zeigte ihm die beiden Briefe, die der Böse
verfälscht hatte, und sprach weiter: "Ich habe getan, wie du
befohlen hast", und wies ihm die Wahrzeichen, Zunge und Augen. Da
fing der König an, noch viel bitterlicher zu weinen über seine
Frau und sein Söhnlein, dass es die alte Mutter erbarmte und sie zu
ihm sprach: "Gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine
Hirschkuh heimlich schlachten lassen und von dieser die Wahrzeichen
genommen, deiner Frau aber habe ich das Kind auf den Rücken
gebunden und sie geheißen, in die weite Welt zu gehen, und sie hat
versprechen müssen, nie wieder hierher zu kommen, weil du so zornig
über sie wärst." Da sprach der König: "Ich will
gehen, so weit der Himmel blau ist, und nicht essen und trinken, bis ich
meine liebe Frau und mein Kind wieder gefunden habe, wenn sie nicht in
der Zeit umgekommen oder des Hungers gestorben sind." Darauf zog der
König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen
Steinklippen und Felsenhöhlen, aber er fand sie nicht und dachte,
sie wären verschmachtet. Er aß nicht und trank nicht
während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn.
Kaum ist die Königin fort, da kehrt der König heim auf sein
Schloss zu seiner Mutter.
Ein Mensch, der nach Hause kommt, der kommt zu sich zu sich selbst,
zur Besinnung. In der Selbstbesinnung erkennt er seine Situation und
wird des Verlustes all dessen gewahr, was seinem Leben hätte Sinn
geben können. Während er mit dem Lebenskampf um den Erwerb der
vergänglichen Dinge des Daseins beschäftigt war, hat er sich
des Wertvollsten beraubt, was er hatte: seiner Seele. Ein Gefühl
der Hoffnungslosigkeit und tiefen Traurigkeit erfüllt ihn. Ihm
dämmert die Erkenntnis, wie sinnlos und leer sein Leben ist. Die
Vergeblichkeit aller ausschließlich diesseits bezogenen
Bemühungen wird ihm bewusst.
Ein Mensch am Tiefpunkt seines Lebens, da er schon alles verloren
glaubt, kehrt um. Schlagartig werden ihm seine Irrtümer und
Versäumnisse, seine Gedankenlosigkeit und das ganze
Unverständnis gegenüber seiner Seele bewusst. Er empfindet
sich zunehmend als Fremdling in der Welt und spürt seine
Entfremdung von Gott. Nun sind Lebensgenuss, Bequemlichkeit und
persönlicher Ehrgeiz plötzlich nicht mehr so wichtig. Er
besinnt sich auf seinen früher schon einmal begonnenen Seelenweg.
Aber wo soll er das Verlorene suchen? An wen sich wenden? Wie kann er
die Verbindung zu seiner Seele wieder herstellen, von der er nur hoffen
kann, sie noch lebend vorzufinden.
Der Verlust von Frau und Kind schmerzt den König unsäglich,
doch seine Mutter kann ihm in seiner Verzweiflung über die eigene
Schuld neue Hoffnung geben. Es ist spät, doch vielleicht nicht zu
spät. Er will dem Rat seines Herzens folgen und sich auf die Suche
begeben.
Wenn ein Mensch zu diesem Entschluss gereift ist, beginnt jetzt die
alles entscheidende Phase seines Weges, ja, man kann sagen, dass der Weg
der Selbsterkenntnis und Ich-Ersterbung für ihn jetzt erst wirklich
beginnt.
Das aber ist das Schwerste, was ein Mensch sich vornehmen kann, denn die
alten, starken Natur-Egos lassen sich keineswegs so einfach
verdrängen. Ehe sie ihre Positionen zu räumen bereit sind,
bedarf es eines langen Prozesses der Einsicht, der Läuterung und
der Wandlung. Aber die Sehnsucht des Menschen nach dem
Unvergänglichen, diesem Ewigen in sich selbst, der Wahrheit Gottes,
treibt ihn an, nach der Einheit mit dem Göttlichen zu verlangen,
dessen Unterpfand doch in seinem eigenen Herzen verborgen liegt.
Vor dem König steht das Bild von Frau und Kind. Diesem Bild will er
folgen, bis er sie gefunden hat. Ein jeder Mensch auf dem bewussten Wege
trägt ein Bild, eine Vision des Zieles in seinem Herzen. Der
unerschütterliche Glaube an die Realisierbarkeit der Vision gibt
ihm die Kraft, alle Widerstände aus dem eigenen Ego, die seinen Weg
behindern wollen, zu überwinden.
Friedrich Rückert formuliert diese Vision mit den Worten:
"Vor jedem steht ein Bild
Des, was er werden soll;
Solang er das nicht ist,
Ist nicht sein Friede voll."
Im Herzen des einsichtig gewordenen Menschen keimt neue Hoffnung, die
ihm Kraft schenkt. Sie strömt aus dem Geistfunken, dessen lebendige
Lichtkraft nun im Menschen wirksam wird und ihn befähigt, unter
Verzicht auf eigensüchtige Lebensziele, sein Denken, Wollen,
Fühlen und Handeln auf die Wiederverbindung mit seiner Seele zu
richten.
Weit hat sich der Mensch von seiner wahren Seele entfernt; die
beginnende Selbsterkenntnis ist ein erster Schritt auf einem
erfahrungsreichen und mühevollen Rückweg. Erst hat der Mensch
seine Seele zugunsten seines Ichs geopfert, nun muss er das Ich opfern;
erst musste die Seele dem Ich dienen, nun muss das Ich der Seele dienen.
Wie einst Parzival sich auf die Suche nach dem Heiligen Gral begab, so
macht sich gleich ihm der König auf, das Heilige zu suchen.
Getrieben von der Sehnsucht nach erlösender Ganzheit und
unsterblicher Liebe, kennt er jetzt nur noch ein Ziel: Frau und Kind
wieder zu finden. Auf der Suche nach der verlorenen Königin betritt
er nun einen steinigen und entsagungsvollen Pfad. Unter Verzicht auf
Macht und Königswürde will er gehen, so weit der Himmel blau
ist und weder essen noch trinken, bis er wieder mit ihnen vereint ist.
Der König sucht seine Lieben in den Steinklippen und
Felsenhöhlen.
Auf dem Wege der Selbsterkenntnis wird sich der Mensch seiner inneren
Versteinerungen und Verhärtungen bewusst. Es sind die scharfen
Klippen seiner Vorurteile, seiner dogmatischen Ansichten und starren
Prinzipien. Wenn er sein Inneres durchforscht, so steigt er hinab in die
Höhlen des Unbewussten, wo in der Finsternis der Unwissenheit die
unberechenbaren Wesen der Triebe und Leidenschaften ihr Schattendasein
führen; wo die abscheulichen Kreaturen der niederen Begierden
hausen und das lichtscheue Gesindel hässlicher Gedanken lauert.
In diesen unfruchtbaren Gebieten der Eigensucht und Lieblosigkeit reinen
Verstandesdenkens und stolzer Unbelehrbarkeit hält sich die Seele
allerdings nicht auf, weshalb der König sie dort ja auch nicht
findet.
Der Mensch auf dem Wege der Umkehr nimmt nichts mehr zu sich, wovon
sonst seine drei Egos genährt wurden: dem Streben nach Liebe,
Reichtum, Macht und Ruhm. Diese individuellen Ansprüche schwinden.
Die weltgerichteten Interessen nehmen ab. Stattdessen gilt seine ganze
Aufmerksamkeit den Seelen- und Geistkräften, die zunehmend sein
Leben bestimmen. Geistige "Nahrung" tritt an die Stelle
sinnloser und überflüssiger körperlicher Befriedigungen,
die doch nur vorübergehender Art sind.
Für den Einzelnen bedeutet die innere Umkehr im geistigen Sinne
nicht, Beruf, Familie oder Heimat zu verlassen. Er muss dafür nicht
auf heilige Berge klettern und irgendwo in einem Ashram zu
Füßen des Meisters meditieren. Er braucht sich weder zu
kasteien, noch seine Seele einem Psychotraining zu unterziehen; sie
möchte gewiss nicht trainiert werden. Er muss nur eines: dem Ruf
seiner Seele folgen. Für sie opfert er auf seinem Wege nach und
nach alles, nämlich seine drei mächtigen Natur-Egos. Damit
werden die alten Begierden ausgelöscht, und ein neues, ganz anderes
Begehren tritt an deren Stelle: das Verlangen nach Heilung und
Unsterblichkeit seiner Seele.
Der Mensch dient jetzt nur noch dem neuen Seelenwesen und den wachsenden
Jesuskräften in seinem Inneren, denen jeder Mensch nachfolgen soll.
"Ohne mich könnt ihr nichts tun", sagt Jesus zu seinen
Jüngern. Ohne dieses "Licht der Welt" bleibt der Mensch
unwissend und handlungsunfähig (ohne Hände).
Die Lebensaufgabe für den Menschen besteht darin, den Auftrag der
Seele zu verstehen und sein Leben entsprechend einzurichten. Im
Evangelium des Johannes (Joh. 3,30) heißt es: "Er muss wachsen,
ich aber muss weniger werden." Die Seele muss wachsen, das
"Ich" muss weniger werden, was bedeutet, dass die drei Egos
untergehen müssen, damit das neue Seelenwesen deren Platz einnehmen
kann.
Sieben Jahre folgt der König den Spuren seiner Frau. Es sind Jahre
der Einsicht, des Verzichts und der Einkehr. Ein vom Schmerz der
Entfremdung von Gott ergriffener Mensch ist bereit, um seiner Seele
willen einen langen Prozess der Wandlung zu durchleben. Die "sieben
Jahre" deuten auf die sieben Bedingungen hin, die auf dem Wege der
Erneuerung der Seele erfüllt werden müssen. Im zweiten
Petrusbrief finden wir eine Beschreibung der Tugenden und Eigenschaften,
auf deren Ausprägung es auf diesem siebenfachen Pfade ankommt (2.
Petrus 1,5-7).
Im Märchen gehen König und Königin scheinbar getrennte
Wege; tatsächlich sind ja aber Persönlichkeit und Seele nicht
zu trennen. Jedes geht den Weg auf seine Art, jedoch vollkommen
abhängig voneinander. Das Schicksal des Menschen ist gleich dem
seiner Seele; die Persönlichkeit geht nur durch andere Erfahrungen
als die Seele. Während die Seele schon längst ihrer geistigen
Berufung folgt, ringt der Mensch noch mit seinen Ich-Trieben, den drei
Natur-Egos. Doch alleine schon der feste Entschluss eines Menschen, der
Stimme seines Herzens zu folgen und sich auf den Weg zu begeben, kann
genügen, um den Ich-Trieb aus dem Herzen zu vertreiben, damit die
Seele den Herzraum einnehmen kann.
Diesen Prozess verdeutlicht das Märchen durch ein paralleles
Geschehen: während die Königin sieben Jahre in dem kleinen
Haus verbringt, wandert der König auf der Suche nach ihr durch die
Welt.
Es mag seltsam anmuten, dass der König noch sieben Jahre nach der
Königin suchen muss, obwohl er sie, die Seele, doch schon in seinem
Herzen trägt. Die Erklärung ist einfach: Der Mensch weiß
anfänglich nichts von seiner Seele im Herzen; sie ist ihm nicht
bewusst, weil sein Verstandesego im Haupt, wo es zeitlebens herrscht,
sich noch immer selbst behauptet. Erst wenn auch dieses Ego, der
Selbstbehauptungstrieb, weicht, kann sich der Mensch seiner Seele
bewusst werden. Dann braucht er sie nicht mehr zu suchen.
Der Mensch auf dem Wege der Wandlung muss zuerst das Inferno seiner
eigenen Hölle durchwandern, um nach und nach das Ich der Natur
vollkommen sterben zu lassen. Alle selbstbehauptenden Ichkräfte
müssen "gekreuzigt" werden, ehe mit fortschreitender
Selbsterkenntnis das Licht der Wahrheit in ihm zu scheinen beginnt.
Diese fundamentale Wandlung des menschlichen Bewusstseins bedeutet
Rettung für die Seele. Immer wieder von den Egokräften
missbraucht und behindert, muss sie oft einen schweren Weg gehen. Erst
mit der tatsächlichen Umkehr des Menschen wird endlich für die
Seele Heilung möglich. Ewige Liebe, göttliche Vollkommenheit
und geistiger Reichtum sind nun Ziel menschlichen Strebens, wodurch ein
Denken und Handeln ganz anderer Art entsteht. Unter dem Einfluss neuen
Denkens und wachsender neuer Einsichten wird die Position des Haupt-Egos
immer schwächer, bis Selbstbehauptung und Ichzentralität
weichen und Luzifer, der falsche König, von seinem Thron
stürzt. Damit ist der Weg frei für die neue Seele, die nun
auch den Platz im Haupt-Bewusstsein einnehmen und ihre
ursprüngliche Aufgabe wieder erfüllen kann: Göttliche
Botschaften zu empfangen.
Durch die zwei unterschiedlichen Wege von König und Königin,
die sich ja gleichzeitig im selben Menschen vollziehen, werden diese
inneren Prozesse der Reifung und Läuterung anschaulich dargestellt:
Wenn der Mensch aus Einsicht umkehrt, kann die Seele Ruhe im Herzen
finden. Seine wachsenden Erkenntnisse wirken heilend auf die hoffende,
geschundene Seele. Die bewusste Ausrichtung auf seine wahre
Lebensaufgabe unterstützt das Verlangen der Seele nach dem Geist.
Das Schwinden seiner Egokräfte schafft Raum für das
Christusprinzip, den "Sohn", der sich "schmerzensreich"
dem Sterblichen überantwortet hat, damit Mensch und Seele einmal
heimfinden.
Sieben Jahre war der König auf der Suche. Sein Verstandes-Ego ist
überwunden; er hat Selbsterkenntnis gewonnen und kann nun das
Häuschen im Walde finden.
8. Erlösung und Heimkehr
Endlich kam er in einen großen Wald und fand darin das kleine
Häuschen; daran das Schildchen mit den Worten: "Hier wohnt
jeder frei". Da kam die weiße Jungfrau heraus, nahm in bei der
Hand, führte ihn hinein und sprach: "Seid willkommen, Herr
König", und fragte ihn, wo er herkäme. Er antwortete:
"Ich bin bald sieben Jahre herumgezogen und suche meine Frau mit
ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht finden." Der Engel bot ihm
Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht und wollte nur ein wenig
ruhen. Da legte er sich schlafen und deckte ein Tuch über sein
Gesicht. Darauf ging der Engel in die Kammer, wo die Königin mit
ihrem Sohn saß, den sie gewöhnlich Schmerzenreich nannte, und
sprach zu ihr:" Geh hinaus mitsamt deinem Kinde, dein Gemahl ist
gekommen." Da ging sie hin, wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom
Angesicht. Da sprach sie: "Schmerzenreich, heb deinem Vater das Tuch
auf und decke ihm sein Gesicht wieder zu." Das Kind hob es auf und
deckte es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König
im Schlummer und ließ das Tuch noch einmal gerne fallen. Da ward
das Knäblein ungeduldig und sagte: "Liebe Mutter, wie kann ich
meinem Vater das Gesicht zudecken, ich habe ja keinen Vater auf der
Welt? Ich habe das Beten gelernt, unser Vater, der du bist im Himmel; da
hast du gesagt, mein Vater wäre im Himmel und wäre der liebe
Gott - wie soll ich einen so wilden Mann kennen? Der ist mein Vater
nicht." Wie der König das hörte, richtete er sich auf und
fragte, wer sie wäre. Da sagte sie: "Ich bin deine Frau und
dies ist dein Sohn Schmerzenreich." Und er sah ihre lebendigen
Hände und sprach: "Meine Frau hatte silberne Hände."
Sie antwortete: "Die natürlichen Hände hat mir der
gnädige Gott wieder wachsen lassen"; und der Engel ging in die
Kammer, holte die silbernen Hände und zeigte sie ihm. Da sah er
erst gewiss, dass es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und
küsste sie und war froh und sagte: "Ein schwerer Stein ist von
meinem Herzen gefallen." Da speiste sie der Engel Gottes noch einmal
zusammen, und dann gingen sie nach Hause zu seiner alten Mutter. Da war
große Freude überall, und der König und die Königin
hielten noch einmal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr
seliges Ende.
Nachdem der König das Haus im Walde gefunden hat, führt ihn
eine weiße Jungfrau hinein. Sie bietet ihm Essen und Trinken an.
Aber der König lehnt die angebotene Speise ab und möchte nur
ruhen.
Der Mensch tritt ein in die höhere Dimension einer anderen
Wirklichkeit, aber das menschliche Bewusstsein kann zu diesem Zeitpunkt
die reinen Geistkräfte in ihrer Wirksamkeit (die Speise) noch nicht
annehmen. Sein Bewusstsein scheint verdunkelt, wie im Schlaf, so dass er
die volle Wahrheit nicht erfassen kann. Es bedarf noch einer Zeit der
Ruhe, bis nach Ablegen des alten Ichs sich der neue Leib, das wahre
Selbst, vollständig gebildet hat. Noch ist dieser Prozess nicht
ganz abgeschlossen.Für diesen inneren Zustand eines Menschen, der
kurz vor der ersehnten Erkenntnis steht, verwendet das Märchen das
Bild des liegenden Königs mit dem Tuch vor den Augen.
Erschöpft von den Anstrengungen der langen Wanderung vollziehen
sich in absoluter Stille die letzten Schritte der totalen inneren
Wandlung. Der liegende König symbolisiert das Absterben des alten
Ichs. Gleichzeitig erwacht langsam in ihm der neue Mensch, der ganz
Andere, zu neuem Bewusstsein.
Selbst jetzt, unmittelbar vor dem Ziel, sieht der Mensch noch immer
nicht klar. Ein Tuch, ein Schleier liegt vor seinem inneren Auge der
Erkenntnis und hindert ihn, das neue Seelenprinzip in sich bewusst
wahrzunehmen.
Vom König wissen wir, dass er seine Selbstbehauptung und den Stolz
des Herzens abgelegt hat, womit Herz- und Verstandes-Ego überwunden
sind. Aber wie steht es mit dem Selbsterhaltungstrieb und den
elementaren Blutstrieben des Bauch-Egos? Dieses Ego ist der "wilde
Mann", den der Sohn nicht kennt und den er als Vater nicht
anerkennen kann. Dieses im Halbschlaf des Unterbewusstseins liegende
dritte Ego muss aber ebenfalls in seiner ungezähmten
Zügellosigkeit erkannt werden und weichen. Erst muss "der wilde
Mann" in seiner Unberechenbarkeit vergehen, ehe das Geistprinzip das
zu ihm gehörende Geistige erkennen kann. Doch sobald das Licht der
Wahrheit im Menschen zu scheinen beginnt, können Vater und Sohn
einander erkennen.
So wie das geöffnete, wache Auge das Licht der Sonne wahrnimmt und
die gegenständliche Welt erkennt, so empfängt das innere
Organ, der zu neuem Leben erwachte Geistfunke, die geistige
Lichtstrahlung und leitet sie weiter an das erkennende Bewusstsein,
wodurch Gott als die Wahrheit erkannt wird.
Diese Analogie formuliert Goethe in "Zahme Xenien" 3 wie folgt:
"Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
Die Sonne könnt' es nie erblicken;
Läg' nicht in uns des Gottes eig'ne Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?"
Schließlich fällt die Bedeckung endgültig. Der liegende
König richtet sich auf; aus der waagerechten Ebene erhebt er sich
in die senkrechte. Beide bilden zusammen ein Kreuz, an dem das letzte
Ego symbolisch "gekreuzigt" wird. Der König gibt sich nun
ganz der neuen Wahrheit hin. Anmaßung, Stolz und Ichsucht sind
echter Bescheidenheit und Demut gewichen. Vom alten Ich-Bewusstsein des
Königs ist nichts mehr übrig; er ist ein innerlich vollkommen
Verwandelter, dessen altes Ego in dem neuen Seelenbewusstsein
aufgegangen ist. Endlich steht der Wiedervereinigung mit Frau und Kind
nichts mehr im Wege, oder doch? Der König sieht jetzt seine Lieben
vor sich, fragt aber trotzdem, wer sie seien. Die Königin
antwortet: "Ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn
Schmerzenreich." Der König hat nun die Wahrheit vor Augen, aber
er erkennt nicht, was er sieht, sondern zweifelt. "Meine Frau hatte
silberne Hände", wendet er ein. Erst als der Engel die
Beweisstücke bringt, die silbernen Hände, wird seine geistige
Blindheit endgültig aufgehoben. Nun ist das Glück vollkommen.
Von seinem Herzen fällt ein schwerer Stein.
Wenn ein Mensch auf dem Wege der Selbsterkenntnis durch alle Tiefen der
Erfahrungen gegangen ist; wenn er sein Ego dabei zu Grabe getragen hat
und der alte Mensch untergegangen ist, kommt der Augenblick, da der an
seiner Seele geheilte Mensch sich aufrichtet. Der neue Seelenmensch ist
jetzt wieder lebendig geworden und kann sich erheben, aufstehen,
auferstehen. In einem letzten Akt des Erkennens wird sich nun der
Seelen-Wiedergeborene dieser vollkommenen Wandlung in sich selbst
bewusst. Aber diese Erfahrung ist zu neu, zu ungewohnt, und so zweifelt
er: kann er seinen (neuen) Sinnen trauen? Ist das, was er sieht,
tatsächlich das Gesuchte? Kann es wahr sein, dass er am Ziel allen
Verlangens angekommen ist?
Noch einmal widersetzt sich die alte Ratio, die Logik des Intellekts,
der schlichten, offensichtlichen Wahrheit. Die bis zuletzt
ungläubige und zweifelnde Persönlichkeit braucht Beweise, um
sicher zu gehen, dass die neuen Erfahrungen keine Sinnestäuschung
sind. Aber die geistigen Kräfte, die Engel, vermögen den
König zu überzeugen, dass die Attribute einer Welt des
schönen Scheins (die silbernen Hände) nicht mehr gebraucht
werden, weil die Heilung der Seele wahr geworden ist. Die Last der
Unwissenheit und Verblendung fällt wie ein schwerer Stein von
seinem Herzen; die Erkenntnis der Wahrheit hat befreiende Wirkung. Da
speiste sie der Engel Gottes noch einmal zusammen. Erst jetzt, nach
vollbrachter Seelen-Wiedergeburt, ist der König aufnahmefähig
für die dargereichte geistige Speise, das Brot der Wahrheit. Er
wird damit gestärkt, um auch noch den letzten Schritt zur
Vollendung zu tun. Denn noch fehlt der krönende Abschluss seines
langen Weges: Die Rückkehr auf das Schloss zu seiner alten Mutter
und die erneute Hochzeit mit seiner Königin.
"Da war große Freude überall, und der König und die
Königin hielten noch einmal Hochzeit." Hinter diesen wenigen
Worten verbirgt sich die Erfüllung der Sehnsucht des nach der
Wahrheit suchenden Menschen; sie enthalten das letzte Geheimnis, um das
sich die Mythen und Legenden der Menschheit seit undenklichen Zeiten
ranken. Dieses Geheimnis offenbart sich nun demjenigen, der eine
vollkommene Umwandlung seines Lebens vollzog und den befreienden
Seelenpfad bis zum Ende ging, als eine große Freude in seinem
Herzen.
Heimgekehrt nach Hause in das Königreich wird jene Hochzeit
gefeiert, die das letzte Ziel des Weges darstellt: Die endgültige
Verbindung der wiedergeborenen Seele mit dem Geist Gottes. Damit wird
die Wiedererschaffung des unsterblichen Geist-Seelenmenschen und seine
Erlösung von der Natur des Todes besiegelt.
Mythologisch wird die Krönung dieses inneren
Erlösungsprozesses als "Alchimische Hochzeit", oder auch
als "Das Große Werk" beschrieben. Diese
"Auferstehung" von den (geistig) Toten kann sich still und
völlig unspektakulär mitten im Leben eines Menschen
vollziehen. Wer durch Selbsterkenntnis Gotterkenntnis gewonnen hat, ist
gleichzeitig ein von Gott Erkannter. Wenn "Vater" und
"Sohn" einander erkennen, ist die Bewusstseinseinheit mit Gott
verwirklicht. Durch die bedingungslose Selbstübergabe an den
göttlichen Geist konnte das Bild des wahren Menschen wieder erweckt
und mit Leben erfüllt werden. Des Menschen "Friede" ist nun
"voll". Das Wunder der neuen Menschwerdung ist abgeschlossen.
Höheres und niederes Selbst der alten Natur existieren nicht mehr;
sie sind verwandelt, aufgegangen im unsterblichen Menschen, der wieder
sein leuchtendes Seelengewand trägt. (Auf alten Heiligenbildern
werden Menschen in diesem Zustand der Erleuchtung mit einem
Heiligenschein dargestellt.) Das alte Karma des Mikrokosmos ist
erloschen; seine Heilung kann gefeiert werden. Das Rad von Geburt und
Tod steht still.
Damit hat der Mensch seine Lebensaufgabe erfüllt. Die Suche nach
dem heiligen Gral ist beendet; er selbst ist zum
"Gralskönig" geworden, der seine - für irdische Augen
unsichtbare - Lichtkrone trägt. Der neue Mensch lebt nicht nur vom
materiellen " Brot allein", den Gaben der Welt, sondern bewusst
aus den Kräften des Geistes der Wahrheit, die frei macht. Ein auf
diese Art frei gewordener Mensch ist zwar in der Welt, aber nicht mehr
von der Welt. Er braucht selbstverständlich nach wie vor seinen
biologischen Körper, um in der Welt als wahrer "König"
zu wirken. Dazu bedarf er keiner prächtigen Krone oder sonstiger
äußerer Würden, sondern er dient unauffällig und
selbst-los, um auch anderen, die dazu bereit sind, zu helfen, den
Seelenpfad zu gehen. Er ist ein Helfer der Menschheit geworden, was aber
nicht im sozialen Sinne verstanden werden darf, sondern nur im rein
geistigen Sinn. Das Märchen endet mit den Worten: "...und sie
lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende." Dieses selige Ende
ist dann gleichbedeutend mit dem Abstreifen des alten Körpers
derart, wie man einen ausgedienten Mantel ablegt. Der wahre Mensch, das
Kind des Lichtes, kehrt heim in die Freiheit des ursprünglichen
Lebenszustandes, in die Einheit mit der allumfassenden Liebe, in das
Reich Gottes, und hat Anteil am ewigen Leben.
Schlussbetrachtung
Damit endet das Märchen. Wer bis hierher gefolgt ist, wird gewiss
erkannt haben, welch universelle Weisheit sich in diesem einfachen
Märchen verbirgt. Es schildert - bis in alle Einzelheiten genau -
einen Einweihungsweg, wie er prinzipiell auch in den Heiligen Schriften
der Völker beschrieben wird. In eindringlichen, zum Teil grausamen
Bildern, führt es dem Leser den Weg zur Erlösung seiner Seele
und ihrer Wiederverbindung mit dem Geist vor Augen.
Der Leser mag bisweilen sich selbst wiedererkannt haben im Verlangen des
Müllers nach Sicherheit und Wohlstand, oder auch in der
Überzeugung des Königs, in seinem wohlgeordneten Leben alles
bestens im Griff zu haben. Und er wird die ernüchternde Botschaft
des Märchens verstanden haben, die lautet: es gibt kein dauerhaftes
Glück in dieser Welt. Alle diesbezüglichen Versuche des
Menschen, das Glück festzuhalten, erweisen sich als illusorisch;
das Leid holt ihn immer ein.
Der Leser konnte aber ebenfalls erkennen, dass alles Leid nicht als
Ausdruck eines willkürlichen Schicksals oder gar als eine Strafe
Gottes zu verstehen ist, sondern als Folge des Widerstandes des Ichs
gegen die göttliche Kraft.
"Den Willigen führt das Geschick, den Unwilligen schleift
es", sagt ein lateinisches Sprichwort.
Das Märchen will Einsicht wecken in die Unvermeidlichkeit des
Leides als Folge menschlicher Unwissenheit. Solange der Mensch die
göttlichen Absichten nicht versteht, sucht er sein Heil in der Welt
des Vergänglichen. Doch nicht Optimierung irdischen Wohlergehens
ist Sinn und Zweck des Daseins, so lehrt das Märchen, sondern die
Wiedergeburt der wahren Seele. In der Zufriedenheit bürgerlicher
Existenz droht Stagnation, denn ohne Orientierung auf das Göttliche
fehlt dem Menschen das wahre Lebensziel; er bleibt dem dialektischen
Leben mit allen bitteren Konsequenzen verhaftet.
Erst die klare Einsicht in seinen Daseinszustand und in seine wahre
Lebensaufgabe bewegt einen Menschen zur inneren Umkehr. Demut und
Selbsterkenntnis öffnen ihn für die Wirkung geistiger
Kräfte, die nur eines beabsichtigen: ihn auf seinem Seelenpfad
voranzubringen. Dafür ist jedes Mittel recht, und so wird alles
Leid der Welt - und sogar der Inbegriff des Bösen, der Teufel mit
seinen diabolischen Einmischungen - zum Werkzeug, zum Diener der einen
göttlichen Absicht: die Heimkehr der Seele in das
ursprüngliche Himmelreich, das inwendig in uns ist.