Die befreiende Botschaft im Märchen Vom Geheimnis der erwachenden
Wunderblume
Märchen entfalten Ihre Botschaft immer wieder neu. Was haben sie
uns in unserer Zeit zu sagen? Man hat ihre Bedeutung in Bezug auf die
Entwicklung des heranwachsenden Menschen, seinen Reifungsprozess,
deutlich erkannt. Heute möchte ich Ihnen eine andere Sichtweise
vortragen, die über die rein psychologische Deutung hinausgeht. In
unserer Zeit tritt uns die befreiende Botschaft im Märchen klarer
als je zuvor vor Augen.
Es gibt viele Bilder und Symbole in den Märchen. Wenn wir über
eine befreiende Botschaft sprechen, bietet sich vor allem das Bild der
Wunderblume an. Ich will versuchen, Ihnen einen Hauch vom Geheimnis
dieser Wunderblume zu übermitteln.
Warum erschließt sich ihr Geheimnis gerade in der heutigen Zeit? Es
geschieht, weil wir in eine neue Phase der Menschheitsentwicklung
eintreten. Das Bewusstsein vieler Menschen steht davor, aus dem Rausch
der tausend Unbewusstheiten, der Ohnmacht eines globalen Wahn-Sinnes,
der Gefangenschaft patriarchalischer Denkmechanismen auszubrechen.
Sinnbild hierfür ist im Märchen Dornröschen die
Dornenhecke, die den königlichen Hofstaat einschließt,
abkapselt. Doch zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnt sie ihre
beherrschende, isolierende Kraft zu verlieren. Und dann bekommt die
schlafende Rose - Dornröschen - die Möglichkeit, zu erwachen.
Eine atmosphärische Kraft wirkt dabei entscheidend mit. In der
Sprache des Märchens wird sie der Königssohn genannt. Er
durchdringt dieDornenhecke des überkommenen Weltbildes und weckt
unser Innerstes, unser wahres Selbst, gleichsam mit einem Kuss auf.
Dornröschen erwacht. Das ist ein Geschehen, das uns zu einer
lebendigen Wirklichkeit werden kann. Ein fühlbares Zusammenspiel
von Kräften kann uns über die Grenzen des bisherigen
Bewusstseins hinausführen.
Die Wunderblume wird an anderer Stelle auch als ein Blütenkelch mit
einer leuchtenden Perle dargestellt. Diese Bilder deuten auf ein
bestimmtes Seelenprinzip hin. Wenn wir es nicht besäßen,
würden wir in eine ausweglose Sackgasse laufen. Doch mit diesem
Seelenaspekt besitzen wir wahrhaftig einen Schatz, ein geistiges Erbe,
das lange in Latenz verharren musste. Eine Reihe von Märchen weist
uns hierauf hin. Friedrich Schiller spricht in diesem Zusammenhang vom
Götterfunken.
Dieser göttliche Funke enthält die Möglichkeit eines
neuen Bewusstseins, das uns in innerer Freiheit und Liebe mit allen
Menschen verbindet. Dazu gibt die Wunderblume, von einem höheren
Willen gedrängt, ihr Geheimnis preis.
Ich will versuchen, Ihnen das am Beispiel von vier Märchen, die ich
in Kurzform wiedergebe, nahe zu bringen.
Dornröschen
Kommen wir wieder zurück auf das Märchen Dornröschen.
Erinnern Sie sich?:
Es waren einmal ein König und eine Königin, deren sehnlichster
Wunsch nach einem Kind in Erfüllung ging. Als das Königskind
in der Wiege lag, umstanden es zwölf weise Feen und jede sprach
ihre guten Segenswünsche aus. Als nun gerade die zwölfte Fee
ihren guten Wunsch bekunden wollte, brauste ungerufen eine dreizehnte,
unheilvolle Fee herein und wünschte dem Königskind in seinem
fünfzehnten Lebensjahr den Tod durch die Spindel. Welch ein
Schrecken am Königshof! Die zwölfte gute Fee tat nun ihren
Segenswunsch in der Weise, dass sie den Todesfluch der bösen Fee in
einen hundertjährigen Schlaf umwandelte; ein König sollte dann
nach hundert Jahren kommen und das Königskind wieder erwecken. Gott
sei Dank hat die gute Fee das getan! Sonst könnte die Seele der
Menschheit, die mit dem Königskind gemeint ist, nie und nimmer aus
ihrer Ohnmacht erlöst werden ...
Der König im Märchen lässt vorsorglich alle
Spinnräder im Land verbrennen und das Königskind wächst
zum Wohlgefallen aller heran. Bald vergisst man die böse
Verheißung. Als nun das Königskind zweimal sieben Jahre hinter
sich hat, steigt es einmal voll Neugier die alte Wendeltreppe im Schloss
hinauf und findet zuoberst in einem Turmkämmerlein eine uralte Frau
am Spinnrad spinnen. "O was ist das? Darf ich auch einmal?" Das
Königskind nimmt die Spindel neugierig in die Hand, sticht sich und
fällt wie tot zu Boden! Jetzt ist das kosmische Drama mit der
experimentierfreudigen Seele der jungen Menschheit also doch
eingetreten. Das Königskind fällt in einen tiefen, tiefen
Schlaf. Alles umher schläft ein. Das ganze Schloss mit allem Drum
und Dran schläft ein. Und eine wilde Dornenhecke beginnt das
Schloss zu überwuchern und unter sich zu begraben.
Wie lange das dauert? Hundert Jahre? Tausend Jahre? Hunderttausend
Jahre? Im Märchen kommt nach vielen vergeblichen Versuchen fremder
Ritter, die sich alle im Dornendickicht verheddern und umkommen, endlich
zum bestimmten Augenblick, nach hundert Jahren, der lang ersehnte,
einzigartige Königsohn, der die Dornenhecke nur mit seinem Schwert
berührt - und sie öffnet sich wie von selbst! Er dringt ein
bis zum Gemach, in dem Dornröschen schlafend liegt und gibt ihm
einen zarten Kuss. Davon erwacht Dornröschen aus seinem Todesschlaf
und es erkennt seinen Erlöser und Bräutigam. Alles im Schloss
erwacht nach und nach und die Vorbereitungen für die Hochzeit der
beiden können getroffen werden.
Es hat sich in den vergangenen Jahren weithin herumgesprochen, dass
Märchen nicht nur Spiegel psychologischer
Entwicklungsvorgänge, sondern darüber hinaus auch Mittler
geistiger Botschaften, geistiger Gesetzmäßigkeiten sind, die
als fließendes Kräftespiel von Licht und Dunkel den Weg des
Märchenhelden/der Märchenheldin erhellen oder auch verdunkeln
und blockieren. Die geheime Botschaft vom Dornröschen, das jetzt
aus seinem Todesschlaf wach geküsst und erlöst werden kann,
betrifft meines Erachtens unsere tiefste Wesensbestimmung: Unser wahres
Selbst, das unter dem Dornendickicht der Kultur des Ego vielleicht schon
seit Jahrtausenden geschlafen hat, regt sich. Die hohe Zeit kommt (die
Hoch-Zeit und höchste Zeit), in der sich das Dickicht unter dem
Einfluss göttlich-geistiger Wirkenskräfte öffnet und der
Todesschlaf unseres ursprünglichen Seelenwesens sich umwandelt in
ein geistiges Erwachen. Das geschieht, wenn wir die Stimme des
Königssohns vernehmen, des geistigen Impulses, der aus der Stille
zu uns dringt.
Ich will noch ein wenig auf die anderen Bilder aus Dornröschen
eingehen. Da sind zum Beispiel die Segenswünsche der zwölf
weisen Feen. Sie symbolisieren nichts anderes als die zwölf reinen
Eigenschaften und Tugenden, mit denen unsere ursprüngliche Seele
ausgerüstet war und latent immer noch ist. Und wer ist die
unheilvolle dreizehnte Fee, die sich mit ihrem Todeswunsch anstelle der
zwölften einmischt, so dass die zwölfte Fee mit ihrem guten
Wunsch zur erlösenden dreizehnten wird? Die Unheil-Fee
verkörpert wohl das verräterische Judasprinzip bzw. das
luziferische Prinzip experimenteller Eigenmächtigkeit in uns. Es
ist ein Prinzip, das auf kosmischer Ebene den Sündenfall der
Menschheitsseele durch das sogenannte Essen vom Baum des Guten und
Bösen ausgelöst hat. Es hat sich in der Entwicklung unseres
Ego bis zu den äußersten Möglichkeiten fortentwickelt.
Das Königskind - die Menschenseele - hatte von der Möglichkeit
Gebrauch gemacht, sich in ihrem Erkenntnis- und Experimentierdrang zu
entfalten, sich gleichsam an der Spindel des kosmischen
Schicksals-Spinnrades zu stechen und damit den Tod zu erfahren. An die
Stelle der ursprünglichen Seele trat die Dornenhecke - das
wuchernde Ego des Menschen. Es hat zum undurchdringlichen Wust der
Widersprüche unseres Daseins geführt, die das wahrhaft
Lebendige ersticken. Der sogenannte Sündenfall hat ein großes
Erfahrungsspektrum an Gut und Böse zur Folge gehabt, eine
Fülle an Einsichten, aber er hat uns auch vor den Abgrund
geführt. Das mag notwendig gewesen sein, um Licht und Dunkel, Sein
und Schein, Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden zu
können.
Doch jetzt ist die Zeitperiode gekommen, in der der Segenswunsch der
weisen Fee im Herzen der Menschheit rufend und weckend wirksam wird. Wir
stehen wiederum vor einer freien Wahl: Werden wir mit unserem Seelenkern
auf diesen Ruf aus der Stille lauschen und positiv darauf reagieren mit
einer vollkommenen Bewusstseinserneuerung? Oder lassen wir uns im
Dornendickicht der Kultur des Ego noch weiter hineinziehen in den Sog
der Degeneration?
Die Wunderblume ist ein konkretes, geistiges Vermächtnis der Mutter
der Lebenden. Sie wurde im alten Ägypten Isis genannt und oft mit
einer Rose auf der Brust abgebildet. Im Urchristentum, bei den
Gnostikern und Manichäern hieß sie Sophia, heilige Weisheit
des Herzens. Viele dichterische Namen im Orient und Okzident sind mit
ihr verbunden. Auch der Name Jesus - als das wahre göttliche
Selbst, das Gotteskind im Menschen, die mystische Rose der Rosen - steht
damit in Beziehung.
Der schlesische Mystiker Angelus Silesius schrieb:
"Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren."
Das ist eine große einfache Wahrheit. Ich will versuchen, sie
später am Beispiel des nächsten Märchens noch weiter
verständlich zu machen.
Zuvor möchte ich ein paar allgemeine Hinweise zu den
Seelenbotschaften der Märchen geben. Rudolf Steiner, der
Begründer der Anthroposophie, erwähnte einmal, dass viele alte
Märchen des Abendlandes aus den christlichen Mysterienschulen der
ersten tausend Jahre herausgeflossen seien ins Bewusstsein der
Mysterienschüler, die damals die geistigen Botschaften über
die Bildersprache der Märchen intuitiv gut verstehen und weiter
vermitteln konnten. Die Mysterienschulen und Minnekirchen im Mittelalter
waren als Stätten des Beisammenseins und der Begegnung ein
geeigneter Nährboden für Mysterienmärchen und
Gralslegenden.
Diese Seelenbotschaften wurden wie Juwelen unter die Sprachen der
Völker gestreut, damit die Menschen ihr ursprüngliches
Königtum, ihren göttlichen Ursprung nicht vergessen sollten.
Darüber hinaus sollten diese Märchen in den Herzen einen
geheimen Schöpfungsplan bewahren, der sich vor dem Auge des sich
nach innen Wendenden entfalten würde in dem Maß, wie er zu
wachsender Selbsterkenntnis voranschreitet.
Die Märchen sollten mit ihrer Symbolsprache geistige Gesetze,
geistige Urinformationen wie in einem Geheimcode bewahren, die sich in
der Zeit des Erwachens als konkrete Informationen erweisen würden.
Eine solche vorhersehende Weisheit kann nur der Mutter allen Lebens -
der "Mère Universelle" - entsprungen sein.
Was ist das für ein Schöpfungsplan, der in manchen
Mysterienmärchen verborgen liegt? Es ist der Plan zur wahren
Menschwerdung. Er ist im göttlichen Samenkorn unseres Herzens
eincodiert, ähnlich wie der Plan eines Baumes in seinem Samen
einprogrammiert ist.
Man könnte es so formulieren: Wenn in einem Menschen die
Wunderblume zu erwachen beginnt, ist dies mit einer Umwendung des
Bewusstseins verbunden. Der Betreffende wendet sich nach innen, lauscht
auf die geistigen Impulse seines Herzens und reagiert auf sie. Er
beginnt das Dornendickicht der Welt und sein bisheriges Bewusstsein als
eine Art Gefängnis für die Seele zu durchschauen. Er ahnt,
dass in seinem tiefsten Wesen die Bestimmung seiner Existenz wie in
einer Gruft eingeschlossen liegt. Und so - mit dieser Einsicht und mit
brennendem Verlangen, den geistigen Entwicklungsplan zu erfüllen -
begibt er sich auf die Suche.
In Märchen und Legenden wird dieser Weg auch als Suche nach dem
heiligen Gral bezeichnet. Das Geheimnis des Grals, das so vielfach
missverstanden und in die Außenwelt projiziert wurde, liegt wie in
einer Gruft im Menschen verborgen. Es will sich dem, der mit dem Herzen
lauscht und den Weg nach innen geht, zu erkennen geben. Doch es wird wie
von einer mächtigen Zaubermacht gefangen gehalten. Um den
Schöpfungsplan zu erfüllen und das Gralsgeheimnis zu
entschleiern, muss der Pilger auf seinem Weg verschiedene Prüfungen
bestehen, die der Selbsterkenntnis und Selbsteinweihung dienen.
Peronnik
Hierzu will ich Ihnen nun das bretonische Märchen Peronnik
erzählen, von jenem einfältigen Jüngling, der sich auf
den Weg machte, um die goldene Schale und die diamantene Lanze - also
den geheimnisvollen Gralsschatz - aus dem Bann des mächtigsten
aller Zauberer zu befreien:
Da gab es einmal in der Bretagne einen Jüngling namens Peronnik,
der als recht einfältig, ja als Narr galt. Er war arm, aber
fröhlich, sanftmütig und reinen Herzens. Als er einmal am
Rande der tiefen Wälder zu einem Bauernhof kam, gab ihm die
Bäuerin eine Schüssel Hirsebrei und auch noch ein Stück
derbes Brot dazu. Und Peronnik bedankte sich dafür im Namen des
wahren Gottes.
Da kam just ein Ritter mit seinem Pferd vorbei, der die Bäuerin
nach dem Weg zum Schloss Kerglas fragte. "Was will er denn bei dem
mächtigen Zauberer?" fragte die Bäuerin. "Da ist doch
noch keiner lebend zurückgekommen!" Aber der stolze Ritter
hielt nichts von den Einwänden der Bäuerin. Er erzählte
stattdessen freimütig von einer goldenen Schale und einer
diamantenen Lanze, die von unübertrefflichem Wert seien. Aus der
goldenen Schale könne man die Unsterblichkeit essen und trinken,
und die diamantene Lanze, das sei eine unschlagbare Waffe, die alles
niederstrecken, aber auch wieder lebendig machen könne. Aber dieser
Schatz, von dem ihm ein Einsiedler erzählt habe, sei im
unrechtmäßigen Besitz jenes mächtigen Zauberers auf
Schloss Kerglas, zu dem er sich auf den Weg begeben habe, um sieben
Prüfungen zu bestehen und danach den kostbaren Schatz zu erringen.
Der Ritter hörte kaum hin, als die Bäuerin von der Gefahr der
Wälder sprach. Schon jagte er auf seinem stolzen Pferd davon.
Peronnik war von der Erzählung zutiefst berührt. Sein Herz
flatterte vor Aufregung, wenn er an diegoldene Schale dachte. Als der
Bauer abends müde nach Hause kam und sich einen Viehhirten für
seine Herde wünschte, bot sich Peronnik an und der Bauer nahm ihn
in seine Dienste, wenngleich er ihm nicht allzu viel zutraute.
So hütete Peronnik also die Herde, doch dabei dachte er immer
wieder an die Worte des Ritters. Nichts anderes beschäftigte sein
Herz, auch wenn sein Kopf auf der Weide die Kühe zählte.
Einmal in der Woche - immer am gleichen Tag - sah Peronnik am Waldesrand
einen riesenhaften Reiter auf einer Stute vorüberjagen, dem ein
Fohlen von dreizehn Monaten hinterher trabte. Der Reiter hatte eine
goldene Schale um den Hals hängen und hielt in der Hand eine
flammende Lanze. Peronnik traute seinen Augen kaum. Das konnte doch nur
der Zauberer selbst sein. Voll Sehnsucht schaute er dem kleinen Fohlen
nach, das stets hinterher lief. Und er machte sich einen Plan. Eines
Tages war es so weit. Er legte sich für die sieben Prüfungen
einige Sachen zurecht und zerbröckelte sein Vesperbrot auf dem Weg,
auf dem die Stute mit dem Fohlen vorbeikommen musste. Und wirklich, als
der Reiter vorüber ritt, schnupperte das Fohlen an dem Brot, blieb
zurück und kaute es ganz gemächlich. Da kam Peronnik behutsam
heran, warf ihm das Halfter über, sprang auf seinen Rücken und
ließ sich von dem Füllen tragen, wie es ihm gefiel. Es
würde ja den Weg zum Schloss auch allein finden.
Doch nun kommen die sieben Prüfungen. Zuerst ritt das Fohlen im
Wald durch einen ungeheuren Abgrund, der wie ein Flammenmeer zu brennen
schien. "Keine Angst! Keine Angst!" dachte Peronnik und zog sich
einfach die Mütze übers Gesicht. So kamen sie ungeschoren aus
dem Höllenabgrund heraus auf eine öde Ebene, die mit den
bleichen Gebeinen vieler Ritter und Pferden angefüllt war.
Bald erreichten sie eine Anhöhe, auf der ein Apfelbaum voll roter
Früchte stand, bewacht von einem finsteren Zwerg mit einem feurigen
Stachel in der Hand. Peronnik beschloss, von diesem Baum einen Apfel
für den Zauberer mitzunehmen. Aber wie sollte er den
gefährlichen Zwerg überwinden? "Ich bin auf dem Weg zum
Schloss Kerglas, weil der Meister mich dort als Vogelfänger
einstellt. Seht hier, meine Vogelfalle!" sagte Peronnik und zog die
Fallenschnüre hervor. Der Zwerg wurde neugierig. "Vogelfalle?
Zeig mal, wie das geht! Ich brauche auch so etwas." Peronnik
schlingt das eine Ende der Fallenschnur um den Baumstamm und bittet den
Zwerg, das andere Ende fest zu halten, bis er die Leimruten gerichtet
hätte. Als der Zwerg das Ende fest hält, zieht Peronnik die
Schleife zu. Jetzt saß der Zwerg selbst wie ein Vogel in der Falle
und schrie vor Wut. Peronnik aber pflückte den Apfel, bestieg sein
Fohlen und setzte es in Trab.
Bald darauf kamen sie durch einen Garten, der von einem brüllenden
Löwen mit Schlangenmähne bewacht wurde. Mitten im Garten ragte
geheimnisvoll über alle anderen Pflanzen die kostbarste der Blumen
- die lachende Wunderblume - empor. Sie galt es zu befreien und
mitzunehmen. Aber wie? Peronnik verbeugte sich vor dem Löwen, mit
der Mütze in der Hand, und wünschte ihm Wohlergehen. "Bin
ich hier auf dem rechten Weg nach Schloss Kerglas?" "Was hast du
denn dort verloren?" "Nun, ich muss dem Meister von seiner
Freundin ein leckeres Geschenk überbringen, ein paar Lerchen zu
einer Pastete." "Lerchen? Lass mal sehen!" fragte der
Löwe lüstern. "Gern", sagte Peronnik, "aber sei
vorsichtig; wenn ich meinen Sack öffne, fliegen die Vögel
weg." "Gut, gut." Peronnik öffnete seinen Leinensack
voll verleimter Lerchenfedern, ahmte leise Lerchengetriller nach und
ließ den Löwen seinen Kopf immer tiefer in den Sack stecken.
Jetzt - schnell den Sack über den Kopf gezogen und mit der Schnur
festgezurrt! Dreimal einen Knoten, damit er sich nimmer löse! So!
Darauf pflückte Peronnik die lachende Wunderblume, schwang sich auf
das Fohlen und sie eilten weiter auf ihrem Weg.
Gar bald kamen sie zum Drachenteich, durch den sie schwimmen mussten.
Da kamen von allen Seiten Ungeheuer herbei, rissen ihren Schlund auf und
schnaubten voller Zorn. Peronnik blickte gelassen in ihre dunklen Rachen
und warf lachend die Perlen seines Rosenkranzes wie schwarzes Entenkorn
ins Wasser. Die Untiere stürzten sich gierig darauf und
verschlangen die Perlen. Jedes starb daran und hauchte seine
giftböse Seele aus; ein Drache nach dem anderen trieb mit seinem
gezahnten Rücken leblos im Teich. Peronnik erreichte froh mit
seinem Fohlen das andere Ufer und sie trabten weiter.
Bald gelangten sie ins Tal des sechsäugigen, schwarzen Riesen, der
mit seinem Fuß an einen Felsen geschmiedet war und ein eisernes
Kugelgeschoss in der Hand hielt, um es auf seine Opfer zu schleudern.
Peronnik musste sich etwas einfallen lassen, damit der Riese seine sechs
Auge schlösse und einschliefe, so dass er an ihm unbemerkt
vorbeiziehen könne. Aber was? Er begann, die Litanei als einen
Singsang monoton herunterzuleiern wie ein schläfriger Pfaff, so
lange, bis sich die sechs Augen des schwarzen Riesen nacheinander
schlossen und er zu schnarchen begann. Und jetzt vorsichtig, das Fohlen
am Zügel, an diesem Wächter, diesem Hüter der Schwelle
vorbeigezogen! So ritten sie weiter und gelangten bald ins Paradies der
Verführung.
Nun kam die schwerste Prüfung; denn das jenseitige Paradies war
voller Versuchungen. So unvorstellbar schön war es dort! Es gab
dort alles, was
man sich nur wünschen konnte: köstlichste Speisen und
Getränke, allerlieblichste Düfte, himmlischste Engelchöre
und vor allem die schönsten Jungfrauen. Sie tanzten und sangen und
lockten voller Liebreiz und Anmut. Peronnik verschlug es den Atem. Er
hob sich aus dem Sattel, um ihrem lockenden Tanz besser folgen zu
können. Doch was war das? Das Fohlen blieb wie angewurzelt stehen
und setzte keinen Fuß mehr voran. "Was ist los? Heh!" Aber
das Fohlen tat keinen Schritt. O weh! Zum Glück blitzte aber die
Erinnerung in Peronniks Herzen auf, die Erinnerung an die goldene Schale
und die diamantene Lanze, die Erinnerung an den Gral. "Alles nur
eitler Plunder hier", dachte Peronnik, zog seine Holunderflöte
hervor und blies darauf, so dass alle Engelchöre übertönt
wurden. Danach kaute er sein derbes, altes Brot und vergaß so den
Duft der verlockenden Speisen. Vor allem aber heftete er seinen Blick
fest auf die Ohren des Füllens, so dass die Schmeicheltänze
der Mädchen sich auflösten wie Zauberspuk und das Fohlen
plötzlich wieder fröhlich von dannen trabte.
So durchquerten sie das verführerische Paradies und gelangten an
einen Fluss, auf dessen anderer Seite endlich das Schloss des Zauberers
lag. Das Füllen kannte zum Glück die einzige Furt, um
hinüber zu gelangen. Am Ufer erwartete sie eine geheimnisvolle, in
schwarze Schleier gehüllte Dame, die mit über den Fluss
gebracht werden wollte. Peronnik ließ sie höflich hinter sich
aufsitzen. Als das Fohlen den Fluss schon halb durchquert hatte, fragte
die schwarze Dame: "Weißt du eigentlich, wer ich bin?"
"Ihr seid eine edle Dame aus dem Maurenland, nehm' ich an",
erwiderte Peronnik. "Ich heiße die Pest ... Da machte Peronnik
einen Satz, als wollte er sich vor Schreck in den Fluss stürzen.
Aber die verhüllte Dame beruhigte ihn: "Du hast nichts mehr vom
Tod zu befürchten, du Unschuldslamm. Ich werde dir eher
nützen." "Und wie wollt Ihr das anstellen, wo ich doch
etwas ganz Bestimmtes dem Zauberer entwenden will?" "Ich
weiß, was du willst. Aber vorher muss der Zauberer nochmals vom
Sündenapfel, vom Apfelbaum des Sündenfalls, essen, und ich
werde ihn dann anhauchen, verstehst du mich?" "Ach so geht
das", flüsterte Peronnik und er verstand. "Und wenn ich ihn
angehaucht habe", fuhr die Dame fort, "dann eile mit der
lachenden Wunderblume durchs ganze Schloss bis zur Gruft und öffne
das Gewölbe mit der Blume. Sie öffnet dir jede Tür und
erhellt alles Dunkle. Kein anderer Schlüssel taugt." Peronnik
bedankte sich bei ihr von Herzen, und da waren sie auch schon am anderen
Ufer angelangt.
Unterm Tor des Palastes saß der mächtige Zauberer, der Meister
aller Meister, und schmauchte Wolken aus seiner Goldpfeife. Als er das
Fohlen mit Peronnik und der verhüllten Dame herankommen sah,
brüllte er: "Beim Teufel, das ist mein dreizehnmonatiges
Fohlen, worauf dieser Tölpel reitet. Wie hat er das gefangen und
was will er hier?" "Ihr Zwillingsbruder schickt mich her,
Meister aller Meister. Ich soll Euch von ihm zwei seltene Kostbarkeiten
aus dem Maurenland überbringen: zum einen diesen köstlichen
Apfel der Freude und zum anderen die verhüllte Sklavin, die euch
all eure Wünsche erfüllt, so dass euch kein Wunsch mehr in der
Welt übrig bleibt." "Dann nur her mit dem Apfel und
herunter mit der Frau!" befahl der Zauberer. O, wie flink Peronnik
den Befehl ausführte! Ein Biss des Zauberers in den gepriesenen
Apfel und ein Anhauch der schwarzen Dame genügten - und wie vom
Blitz getroffen stürzte der Zaubermeister tot zu Boden.
Peronnik eilte mit der lachenden Wunderblume durch den ganzen Palast.
Endlich stand er vor der Gruft mit dem eisernen Tor. Als er es mit der
Blume anrührte, tat es sich von selbst auf. Ein klares, stilles
Licht ging von der Blume aus und erhellte das dunkle Gewölbe.
Peronnik fand darin die goldene Schale und die diamantene Lanze, den
ersehnten Schatz. Doch kaum hatte er beide in die Hand genommen, da
bebte die Erde unter ihm und mit einem ungeheuren Donner stürzte
der Palast ein und versank.
Peronnik stand allein mitten auf einer Waldwiese. Hatte er das alles nur
geträumt? Nein. Die goldene Schale und die diamantene Lanze lagen
wirklich vor ihm. Was nun? Peronnik sah ein, dass er den kostbaren
Schatz nicht für sich selbst errungen hatte, sondern dass ihm jetzt
eine neue Aufgabe auferlegt war. Daher machte er sich mit der Schale und
der Lanze auf den Weg in die Stadt, um allen Menschen, die in Not waren,
zu helfen. Doch das ist eine andere Geschichte ...
In diesem Märchen verbirgt sich unter der teilweise ironischen
Bildersprache der Einweihungsweg, der Prüfungsweg mit sieben
Selbsterkenntnisstufen. Peronnik symbolisiert den Menschen, in dem die
Seele nach ihrer wahren und höchsten Bestimmung verlangt. Darum
gilt er in der Welt als Narr. Er sehnt sich von ganzem Herzen danach,
den Gralsschatz aus dem Bann der Weltmacht, des großen Zauberers,
zu befreien. Das bringt einen Prozess der Selbsterkenntnis mit sich. Der
Zauberer, das höchste Machtprinzip unseres Daseins, reitet durch
unser Blut und Wesen und sitzt als Ego im Schloss unseres Gehirns.
Peronniks erstes Bemühen gilt dem dreizehnmonatigen Füllen. Er
muss es an sich binden, wenn er das Schloss des Zauberers finden will.
Was bedeutet dieses dreizehnmonatige Füllen? Es drückt sich
darin der Wille des Geistes aus, genauer der Christuswille, der in der
Welt des Zauberers im Hintergrund wohl präsent ist, aber nur einen
suchenden Menschen wie Peronnik zu tragen und zu führen bereit ist.
Nur vom dreizehnmonatigen Füllen, vom Christuswillen getragen und
geführt, kann es dem Gralssucher gelingen, die Prüfungen zu
bestehen. Christus wird oft auch als der "Dreizehnte"
bezeichnet, die entscheidende geistige Kraft hinter den zwölf
Jüngern.
Die erste Prüfung - der Ritt durch den Wald mit seinem
Höllenspuk, bei dem Peronnik seine Mütze übers Gesicht
zieht - verlangt Gleichmut und Gelassenheit. Der teuflische Spuk im
eigenen Unterbewusstsein muss unbeachtet bleiben. Wer sich mit dem
Willen des Geistes verbunden hat, kann auf sein Ziel gerichtet bleiben.
Die Skelette gestrauchelter Abenteurer beweisen, dass sie nicht von
diesem Willen getragen waren und ihnen deshalb der Gleichmut fehlte.
Die zweite Prüfung, bei der Peronnik den finsteren Zwerg unter dem
Apfelbaum einfängt, zielt auf die Überwindung des niederen
Ego-Prinzips in uns, das durch niederes Begehren den Sündenfall und
den Tod in die Welt gebracht hat. Peronnik überwindet den Zwerg,
der dieses Begehren (im Beckenbereich) symbolisiert, in der Schlinge
seiner Vogelfalle. Der Zwerg begibt sich in seiner Gier selbst dort
hinein.
Die dritte Prüfung, bei der Peronnik die lachende Wunderblume vom
schrecklichen Löwen befreit, ist entscheidend: Denn das reine
Seelenwesen im Herzen, diese edelste aller Blumen, muss von der
Machtgier, vom Hochmut und von der Habgier des Ego - dargestellt durch
den schlangenmähnigen Löwen - befreit werden. Das geschieht,
indem Peronnik diese Kraft (im Herzbereich) über ihre eigene
Schwäche, die Lüsternheit, straucheln lässt. Er zieht dem
Löwen den Sack mit Lerchenfedern über den Kopf und zurrt ihn
fest. Die Wunderblume erstrahlt über den Sieg und begleitet
Peronnik auf seinem Weg. Er wird sich der Bedeutung der Blume und ihrer
unschätzbaren Hilfe fortan immer mehr bewusst.
Die vierte Prüfung, in der Peronnik mit dem Füllen durch einen
Drachenteich schwimmt, betrifft die Notwendigkeit, unter allen
Umständen in der Welt der Bosheiten, Intrigen, Gehässigkeiten
und Attacken streitlos und neutral zu bleiben und Ruhe zu bewahren. Die
Drachen gehen durch die in den Teich gestreuten Rosenkranzperlen ein:
das Unheilvolle geht an sich selbst zu Grunde, wenn man ihm nicht auf
derselben Ebene begegnet.
Die fünfte Prüfung, in der Peronnik den schwarzen,
sechsäugigen Riesen einschläfert, zielt auf die Notwendigkeit,
den alten Egowillen mit seiner Selbstbehauptung unwirksam zu machen.
Dies gelingt, indem Peronnik - und das ist sicher eine ironische
Anspielung - durch den monotonen, einschläfernden Singsang der
Kirchenlitanei die sechs lauernden Augen des alten Willens zum
Einschlafen bringt. Erst dann kann er vorsichtig an ihm vorbeiziehen.
Die wiederholten Anspielungen auf den Klerus lassen vermuten, dass das
Märchen zur Zeit der Inquisition und Bekämpfung der Katharer
in Südfrankreich entstanden ist.
Die sechste Prüfung, bei der Peronnik durch das jenseitige Paradies
der Verführung reist und sein Ritt durch die verlockenden
Jungfrauen ins Stocken gerät, zielt auf die erforderliche
unerschütterliche Ausrichtung auf das eine Ziel. Erst als Peronnik
sich wieder an den Gral erinnert, auf der Holunderflöte seines Gott
ergebenen Gemütes bläst, das einfache, harte Brot seiner
freiwilligen Armut isst und den Blick fest auf die Ohren des
dreizehnmonatigen Füllens, also den Willen des Geistes, richtet,
verschwinden alle Versuchungen. Es gibt eine Ähnlichkeit zu den
Versuchungen Jesu in der Wüste. Das Füllen - die Christuskraft
- trägt den Seelenhelden nun wieder kraftvoll voran.
Die siebente Prüfung ist mit der Bereitschaft verbunden, beim
Durchqueren des Weltenstroms den Tod anzunehmen. Peronnik nimmt die
schwarze Dame mit auf sein Pferd. Sie kann ihm, wie sie ihn wissen
lässt, nicht mehr schaden. Er ist ein Unschuldslamm geworden, das
den Tod bereits durch den Erwerb der unsterblichen Wunderblume
überwunden hat.
Jetzt geht es nur noch um einen anderen Tod, nämlich den der Macht
des Ego und seiner Selbstbehauptung, symbolisiert durch den Zauberer.
Diese Macht in uns zu überwinden, erfordert tiefe Einsicht. Der
Zauberer lässt sich durch seine eigene Begierdennatur (diesmal im
Haupt) täuschen. Er fällt sich selbst zum Opfer, indem er
gierig den Apfel vom Sündenbaum isst und dadurch endgültig vom
Tod ergriffen werden kann.
Die sieben Prüfungen erfordern also Gleichmut, Begierdelosigkeit,
das Befreien und Bewahren der Rose des Herzens, ein streitloses Leben,
das Auslöschen des alten Willens, eine unerschütterliche
Hingabe an das eine Ziel sowie tiefe Selbsterkenntnis und konsequente
Eliminierung der Selbstbehauptung.
Für Peronnik wird so der Weg frei zum Schlossgewölbe, wo er
mit der siegreichen Wunderblume, die alles durchleuchtet und alles
öffnet, den Gralsschatz heben kann. Was bedeutet die goldene
Schale? Sie ist ein uraltes Bild für das vom Tod auferstandene,
unsterblich gewordene Seelengefäß, das Herz. Es wird von der
Christussonne golden durchstrahlt. Und was bedeutet die diamantene
Lanze? Sie symbolisiert eine neue, unsterbliche Lebensachse im Menschen,
die das Haupt mit einem neuen, schöpferischen Bewusstsein
krönt, das mit Gott vereint ist.
Beide zusammen, die mütterliche Schale und die väterliche
Lanze, bilden den Gralsschatz, das Vermächtnis des nach Geist und
Seele unsterblich gewordenen Menschen. Mit diesem Erbe hat der
Seelenheld seine höchste Bestimmung - sein wahres Selbst -
gefunden. Die Manichäer sprachen vom Christus-Selbst. Die Macht der
Selbstbehauptung - der Palast des Zauberers - stürzt ein. Peronnik
steht mit seinem Gralsschatz auf einer Waldwiese. Jetzt erkennt er seine
neue Aufgabe: Er wird, als Diener des Grals, in die Welt
zurückkehren, um die nach dem Geist Hungernden aus der Schale zu
laben und den Verirrten mit der Lanze den Weg frei zu kämpfen.
Über die eine Kraft, die dem Menschen einen solchen Weg
ermöglicht, die Kraft der Liebe, möchte ich Ihnen nun noch ein
Märchen aus China erzählen.
Wer von uns möchte nicht das Geheimnis der wahren Liebe
enträtseln?
Das Maß unseres Begreifens ist unser Bewusstsein. In unserer Welt
mit ihren tausend Arten des Liebesverlangens, der Sympathien,
Scheinbeziehungen und auch der edlen, humanistischen Bemühungen
machen wir Erfahrungen, die letztlich unsere Erwartung von der wahren
Liebe immer wieder enttäuschen. Wir sind wankelmütige Wesen
und unsere Gefühle und Wunschvorstellungen sind dem Wechsel
unterworfen. Unsere weltliche Liebe hält der Feuerprobe nicht
stand. Und doch ahnen wir, dass es eine unermessliche göttliche
Liebe gibt, die uns in unserem innersten Wesenskern berühren kann.
Sie kann eine unerschöpfliche Kraftquelle für uns werden.
Der Schlangenprinz
Es ist ein manichäisches Märchen, das ich Ihnen erzählen
möchte; es heißt Der Schlangenprinz:
Es war einmal im fernen Gebirge Chinas eine reine Jungfrau, die sammelte
für ihre Stiefmutter und Stiefschwester Reisigholz in den
Bergwäldern. Einmal entdeckte sie hoch oben unter einem Felsen eine
noch nie gesehene wunderschöne, glühend rote Blume mit einem
lichten Kelchgrund. Lange stand sie bewundernd davor und sah, wie
goldene Bienen die Blume umschwärmten. Sehnsüchtig brach sie
sich eine Knospe vom Blütenstand, steckte sie sich ins Haar und
ging nach Hause. Dort wurde sie mit Neid von der Alten und ihrer
hässlichen Tochter empfangen, die unbedingt auch eine solch
schöne Blume haben wollten. Sie schickten das Mädchen aus,
für die Tochter ebenfalls eine Blume zu holen.
Das Mädchen stieg betrübt nochmals in die hohen Berge. Doch
als es endlich die rote Blume wieder fand und zögernd eine Knospe
für ihre Stiefschwester brechen wollte, hörte es
plötzlich eine Stimme: "Darfst du das?" Es war der
König der Berge, der alle Bergblumen wie seine Kinder hütete.
Erschrocken fiel die Jungfrau weinend vor ihm auf die Knie und
erzählte ihm alles. Da hob der Bergkönig sie voll Mitleid auf
und sprach: "Willst du meine Gemahlin werden?" So geschah es,
dass die Jungfrau nicht mehr zu der Alten und ihrer Tochter
zurückkehrte, sondern mit dem König der Berge in sein
Grottenreich wanderte und mit ihm in Reinheit zusammenlebte, ihm bei der
Arbeit half und ihm jeden Tag ihre schönsten Lieder vorsang.
Soweit ist alles gut gegangen. Doch jetzt beginnt das Drama im
Märchen, das kosmische Schicksal der menschlichen Seele: Der
Bergkönig und die Jungfrau leben harmonisch zusammen im hohen
Gebirge, im Reich der Grotten, in einer unberührten Sphäre der
Harmonie, Schönheit und Liebe, während drunten in den
Tälern Unruhe, Angst, Habgier, Neid, Stolz, Macht- und Ruhmsucht
gären. Die Alte und ihre Tochter - sie verkörpern als
Stiefmutter und Stiefschwester ein geistfeindliches Prinzip - wollen
nach einem Jahr, als das Mädchen immer noch nicht heimgekehrt ist,
auf jene schöne Blume nicht verzichten. Die Alte macht sich im
Frühling auf den Weg in die Berge. Aber sie kann die Blume nirgends
finden.
Eines Tages begegnet ihr eine Natter am Weg und erzählt ihr, dass
der König der Berge glücklich mit der Jungfrau im Grottenreich
lebe. Jetzt stacheln Neid und Eifersucht die Alte an, das Mädchen
zu suchen. Nach langem Bemühen gelingt es ihr, der jungen Braut
hoch oben in den Bergen zu begegnen. Sie geht schmeichelnd auf sie zu
und sagt: "Ach, wie fein, dich wieder zu sehen! Zeig mir doch dein
neues Reich, du schönes Kind, damit ich sehe, ob es dir hier gut
geht." In ihrer Unschuld zeigt die Braut des Bergkönigs der
Alten die herrlichen Kristallgrotten mit Wänden aus Jaspis, Saphir,
Smaragd und Amethyst.
Doch die Alte will auch den Grottenbrunnen voll lebendigen Wassers
sehen, der keinem Sterblichen gezeigt werden darf. Die Braut
zögert; sie ahnt, dass sie das nicht tun darf. Aber sie will sich
der Alten gefällig erweisen und führt sie zu dem Brunnen. Die
Alte sagt: "Schau doch mal in den Brunnen hinab, damit du siehst,
wie schön du bist." Wieder zögert die Braut. Aber dann
beugt sie sich doch über den Brunnen und blickt in die tiefen
Wasser hinab. Da gibt ihr die Alte von hinten einen Stoß, so dass
sie in den Brunnen stürzt. Als nun der König von der Alten
erfährt, dass seine Braut aus Unachtsamkeit in den Brunnen gefallen
sei, ist er vor Schmerz untröstlich. Er setzt sich an den
Brunnenrand und seine Tränen fallen in die Tiefe. Da steigt aus dem
Brunnen ein weißes Vöglein, setzt sich auf seine Hand und
singt ihm ein Lied, wie er es oft von seiner Braut gehört hat.
Überglücklich trägt er das Vöglein in sein
Schlafgemach, wo es ihn fortan mit den Melodien seiner Braut
tröstet.
Darüber ist die Alte sehr erbost. Sie neidet dem König auch
diese zarte Liebe; denn sie will ihm ihre eigene Tochter zur Frau
bringen. Eines Tages kommt der König in sein Schlafgemach. Da
findet er das Vöglein tot auf dem Bett! Vor Schmerz ist er
untröstlich. Er begräbt das Vöglein vor dem Fenster und
tränkt die Erde mit seinen Tränen. Nicht lange währt es,
da wächst aus der Erde ein blühender Pfirsichbaum, der bald
sieben herrliche Früchte trägt. Der König legt die sieben
Früchte in eine Schale und genießt ihre Schönheit, ihren
Duft und Geschmack, die ihn an seine Braut erinnern, und er hegt und
pflegt den Pfirsichbaum als sein Liebstes.
Als die Alte das merkt, steigern sich ihr Neid und ihre Eifersucht.
Eines Tages kommt der König nach Hause, da liegt das
Pfirsichbäumchen gefällt und verwelkt vor seinem Fenster. Ein
unsägliches Weh erfasst ihn. Er kniet lange weinend davor; endlich
schneidet er aus dem Holz des Baumes geeignete Teile und baut sich
daraus eine Laute. Es wird eine ganz besondere Laute, die wundersam
erklingt, wenn er darauf die Lieder seiner Braut spielt. Es ist, als
würde sie im Geheimen mitsingen. So wird die Laute seine beste
Freundin. Doch die Alte gibt keine Ruhe. Aus Neid wird sie so grimmig,
dass sie eines Tages in Abwesenheit des Königs die Laute packt und
ins Feuer wirft, so dass sie verbrennt.
Als der König nach Hause kommt und seine Laute sucht, entdeckt er
in der Feuerstelle das letzte Gluthäuflein von ihr. Bestürzt
hebt er es in eine goldene Schale, die er neben sein Bett stellt. Fortan
kann ihn nichts mehr von der Schale mit der Glut trennen. Er sitzt davor
und grübelt, wie er das Flämmchen vor dem Erlöschen
bewahren kann. Da vernimmt er eines Nachts im Traum die Stimme seiner
Braut: "Du kannst mich wieder auferwecken zum Leben, wenn du hundert
Tage lang aus dem Grottenbrunnen Krüge lebendigen Wassers holst und
das Flämmchen damit begießt."
Da macht sich der König am anderen Tag freudig an die Arbeit. Jeden
Tag schleppt er aus dem Grottenreich sieben Krüge mit lebendem
Wasser herbei und begießt damit das Flämmchen in der Schale.
Am hundertsten Tag ist der König vor Anstrengung so erschöpft,
dass er sich zum Sterben niederlegt. Doch in diesem Augenblick, o
Wunder, erhebt sich aus der goldenen Schale seine geliebte Gemahlin,
schön wie die Morgensonne, und berührt den sterbenden
König. Da steht er auf und sie nehmen sich glückselig in die
Arme. Jetzt ist ihre Verbindung unzertrennlich vollzogen. Die lauernde
Alte stürzt sich beim Anblick des unbegreiflichen Wunders der Liebe
in eine Schlucht.
Dieses Märchen deutet auf ein geheimnisvolles Gesetz im All, auf
die unzerstörbare Liebe zwischen Geist und Seele, zwischen dem
Schöpfer und seiner Schöpfung. Selbst wenn die Menschenseele
von geistfeindlichen Mächten bedroht, verfolgt, gequält,
gekreuzigt, erstickt, verbrannt oder auch nur mundtot gemacht wird, so
bleibt sie doch unter verschiedenen Gewändern als
unzerstörbares Seelenprinzip mit dem Geist ewig verbunden. Diese
immerwährende Verbindung beruht auf der Kraft der wahren Liebe. Die
Wunderblume, die mystische Rose der Rosen ist das Siegel für diese
Liebe.
In dem chinesischen Märchen bildet die rote Blume die Basis
für die Verbindung von Seele und Geist. Wenn dann die feindliche
Macht - die "Stief-Macht" - mit Neid, Habgier und Eifersucht
tödlich dazwischen tritt, zeigt das kosmische Gesetz der Liebe und
Treue, der wahren Verbundenheit und Einheit, auf allen Ebenen der
Verwandlung seine Kraft:
Im Bild des weißen, singenden Vögleins bleibt die Braut
für den trauernden König auf der Ebene der reinen Empfindungen
lebendig. Durch den Tod des Vögleins und die Verwandlung zum
Pfirsichbäumchen mit den sieben herrlichen Früchten zeigt sich
die Liebe auf der Ebene des pflanzlichen Geschehens in der Natur. Durch
das Fällen des Baumes und den Übergang in das Holz der
klingenden Laute, in die Musik, bleibt die Verbindung von Seele und
Geist auf der Ebene der Intuition und Inspiration lebendig.
Und durch das Verbrennen der Laute und das daraus entstehende
Flämmchen der Glut in der goldenen Schale wird die Liebe zum Urbild
der göttlichen Flamme im Herzen.
Jetzt bedarf die reine Seelenflamme des lebendigen Wassers, damit sich
die Hochzeit von Geist, Seele und Körper vollständig und
dauerhaft vollziehen kann. Im Johannes-Evangelium heißt es dazu:
"Wenn ihr nicht wiedergeboren werdet aus Wasser und Geist", d.
h. aus lebendigem Wasser und göttlichem Feuer, "könnt ihr
nicht in das Reich Gottes eingehen!" In unserem Märchen
widerspiegelt sich am Höhepunkt der Wandlungen diese Synthese von
Wasser und Feuer auf höchster Ebene.
Warum trägt das Märchen den Namen Der Schlangenprinz? Es ist
ein Mysterienname, wie er in den alten Einweihungsschulen Ägyptens,
Chinas und Indiens für den nach Geist und Seele neu geborenen
Menschen gebräuchlich war. Er wurde König der Schlangen der
Sohn der Schlangen genannt. Die Schlange war ein heiliges Symbol
für die feurige Geistkraft, die in einem solchen Menschen
zirkuliert.
Abschließend will ich Ihnen noch ein Gralsmärchen
erzählen, das viele von Ihnen kennen werden und in dem die
befreiende und erlösende Kraft auch in einer geheimnisvollen roten
Blume gelegen ist.
Bevor ich damit beginne, bitte ich Sie, einen Blick in unsere heutige
Welt zu tun, die man als eine Ära der Medien bezeichnen
könnte. In ihr werden Männer, Frauen und Kinder - ähnlich
wie Hänsel und Gretel von der Hexe mit Lebkuchen - mit einer
Überfülle an Information und Faszination gemästet. Und
sie laufen Gefahr, dass Herz und Haupt, Empfinden und Denken immer mehr
auseinander klaffen und jedes für sich gleichsam verzaubert und
gebannt wird. So veröden und verarmen sie innerlich.
Jorinde und Joringel
Das ist eine Weltsituation, wie sie im Märchen Jorinde und Joringel
im Bild der Verzauberung durch die Erzzauberin dargestellt wird. Jorinde
und Joringel verkörpern - wie Hänsel und Gretel - die
weibliche und männliche Seelennatur in uns. Jorinde entspricht mehr
der weiblichen Intuition des Herzens und Joringel mehr dem
Vernunftaspekt im Haupt.
Doch jetzt das Märchen:
Jorinde und Joringel sind in den Brauttagen. Sie wandern im
Frühling Hand in Hand durch einen schönen Wald und merken
nicht, wie sich die Dämmerung naht. Plötzlich hören sie
ein Käuzchen schreien und hinter den Bäumen wird ein uraltes
Schloss sichtbar. Zu Tode erschrocken merken sie, dass sie dem Schloss
der Erzzauberin zu nahe gekommen sind. Da tritt sie auch schon aus dem
Gebüsch hervor, die kichernde Alte, tut einen unheimlichen
Zauberspruch und verzaubert die schöne, junge Jorinde in eine
Nachtigall.
Die Nachtigall singt "leide, leide, leide ..." und wird von der
Zauberin vor den Augen des Joringel in einem Korb fort getragen, fort
ins Schloss, auf Nimmerwiedersehen. Joringel steht wie gebannt vor
Schmerz und kann sich lange nicht rühren. Endlich erwacht er aus
seiner Ohnmacht und wird sich seiner Lage bewusst. Wie kann er Jorinde
erlösen? Er sucht zuerst den Weg in die Fremde. Sieben Jahre lang
hütet er die Schafe. Da hat er eines Tages einen wundersamen Traum.
Ihm träumt von einer roten Blume mit einer Perle darin. Die muss er
finden, wenn er seine Jorinde erlösen will, so sagt der Traum.
Als Joringel erwacht und sich die Augen reibt, ist er
unerschütterlich davon überzeugt, dass sein Traum wahr ist.
Und er macht sich auf den Weg, um jene wundersame rote Blume mit der
Perle darin zu suchen. Neun Jahre lang forscht er vergeblich danach.
Doch dann geschieht es eines Tages, ganz unvermittelt, dass ihm auf
einer Waldlichtung unter einem blühenden Weißdornstrauch ein
rotes Blümchen entgegenleuchtet, wie er es noch nie gesehen hat. Er
beugt sich zu ihm hinab und entdeckt in seinem glühendroten
Kelchgrund eine strahlende Perle.
Überglücklich pflückt Joringel die Blume, drückt sie
ans Herz und macht sich eilends auf den Weg zu jenem Schloss in den
tiefen Wäldern, in dem seine Jorinde verzaubert liegt. Als er es
endlich findet, berührt er mit der roten Blume das dreifach
verriegelte Eisentor und es springt wie von selbst auf. Er eilt durch
die vielen Gemächer des alten Schlosses, bis er in einen Saal
gelangt, in dem siebentausend Körbe hängen und in jedem Korb
ein Vöglein schluchzt und klagt. Wie soll er da seine Jorinde
herausfinden?
Da merkt er, wie die Erzzauberin heimlich herbei schleicht und einen
Korb mit einer Nachtigall wegtragen will. Flugs springt Joringel hinzu
und berührt mit seiner roten Blume die Nachtigall im Korb. Und
siehe da! Seine Braut Jorinde steht schön wie das Morgenlicht vor
ihm. Die alte Erzzauberin aber sinkt kraftlos zusammen.
Überglücklich nehmen sich Joringel und Jorinde an der Hand.
Und dann gehen sie gemeinsam hin und berühren mit der roten Blume
die siebentausend Körbe mit den verzauberten Vögeln. Und es
werden siebentausend Jungfrauen aus ihrer Verzauberung erlöst.
Wir empfinden intuitiv, welch eine Kraft durch die geheimnisvolle rote
Wunderblume wirksam werden kann. Diese erlösende Kraft, die, wie
der Gral, mit ihrem Licht und ihrer Liebe alles erhellt, auflöst
heil macht und eint, finden wir weder mit unserem forschenden,
spekulativen Intellekt, noch mit unserer träumerischen Emotion.
Um die Wunderblume zu finden, müssen wir symbolisch sieben Jahre
lang die Schafe hüten - auf unsere Gedanken und Gefühle achten
und sie reinigen - und dann auf die Stimme aus der Stille lauschen, die
uns den Weg zum innereigenen Gral zeigen will. Und wenn wir im
unerschütterlichen Glauben an unsere höchste Bestimmung
ausharren und nach weiteren Erfahrungsperioden reif geworden sind,
werden wir eines Tages, völlig unvermittelt, die Wunderblume mit
der Perle in uns selbst entdecken. Wir stoßen auf die Kraft der
Liebe, die unsere Konflikte, Gespaltenheiten und zwischenmenschlichen
Probleme, unsere Verhärtungen, Dunkelheiten und Ängste
aufzulösen vermag.
Der chinesische Weise Lao Tse sagt uns in seinem Tao Te King:
"Das Zarteste besiegt am Ende das Harte und Grobe."
Text: Christa Siegert
Gemälde: Dornröschen, Wikipedia