Märchensymposium
Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
sind Schlüssel aller Kreaturen,
wenn die, so singen oder küssen,
mehr als die Tiefgelehrten wissen,
wenn sich die Welt ins freie Leben
und in die Welt wird zurück begeben,
wenn dann sich wieder Licht und Schatten
zu echter Klarheit werden gatten
und man in Märchen und Gedichten
erkennt die wahren Weltgeschichten,
dann fliegt vor einem geheimen Wort
das ganze verkehrte Wesen fort.
Novalis
Kommt uns das Leben nicht manchmal wie ein Traum vor? Wo sind die Tage
geblieben, wo die Jahre und Jahrzehnte? Gibt es etwas Konstantes in uns?
Wie "real" sind wir? Könnte es sein, dass wir uns selbst
und die, mit denen wir zu tun haben, jeden Tag erneut zur Realität
für uns machen, einer Realität, die uns fortwährend
wieder unter den Händen zerfließt?
In wenigen, kostbaren Augenblicken der Stille, wenn wir für einen
Moment aus dem Zeitenstrom herausgehoben werden, vermögen wir etwas
von dem vorüberflutenden Dasein zu schauen. Wir selbst, unsere
Freunde und Bekannten, die äußere Welt tauchen kurz auf und
verschwinden wieder, einer Fata Morgana gleich.
Was ist Realität? Was ist Illusion? Die indische Mythologie hat
sich tiefgehend mit dieser Frage befasst. Unser Verstand kann keine
Antwort darauf geben. Er kann die Mythen und Märchen nicht wirklich
begreifen. Er ist ganz und gar damit beschäftigt, sich in der Welt
der Materie, im Räderwerk der Zeit einzurichten.
Die Mythologie will uns den Grund des Daseins offenbaren. Sie deutet auf
den Urgrund hin. Ihre Bilder sind noch mit ihm verbunden. Sie
können nur intuitiv verstanden werden. Sie sind älter als der
Verstand. Wir hören von Göttern, göttlichen Wesen,
Heroenkämpfen, Unterweltfahrten.
Die Mythen und Märchen stimulieren eine tiefere Bewusstseinsebene.
Sie können nicht analytisch entschlüsselt, sondern nur
miterlebt werden. Ein inneres Mitschwingen kann zu einer Resonanz
führen, in der sich inneres Wissen abzeichnet: Ja, wir sind
flüchtige Erscheinungen im Zeitenstrom, aber in der Tiefe lebt noch
das Andere, das ganz Andere. Der Mythos weist auf das Göttliche,
Ewige in uns hin. Das Rad unserer Vergänglichkeit dreht sich, doch
die Nabe bleibt unbewegt. In ihr gibt es keine Zeit und keine
Gegensätze, in ihr sind "wir" göttliches Kind. Mythen
wollen die Verbindung zu unserer Ganzheit aufrechterhalten. Wenn diese
Verbindung in unser Bewusstsein tritt, begeben wir uns "auf den
Weg".
Die Realität des Überzeitlichen gehört zu den Erfahrungen
aller Völker. Überall auf der Welt weisen die Mythen auf die
im Urgrund beschlossene göttliche Dimension des Menschseins hin.
Wir sind nicht mehr der, der wir waren. Der Mythos kann in uns den Drang
wecken, unser jetziges Ego hinter uns zu lassen und aus dem
Individuellen zum Allgemein-Menschlichen emporzusteigen, das
Unsterbliche erneut zu erwecken, ihm zu begegnen und mit ihm zu
verschmelzen.
Märchen sind Kinder der Mythen, "spielerische Abkömmlinge
einer uralten intuitiven Schau des Lebens und der Welt"
(Gebrüder Grimm). Sie schenken uns das Gefühl, dass wir nicht
der bleiben müssen, der wir sind. Wir sind zu einer Verwandlung
gerufen. Märchen führen über die äußerlich
gesetzten Grenzen hinaus. Sie zeigen, dass diese Grenzen künstlich
sind, dass sie das "verkehrte Wesen" des Menschen betreffen, wie
Novalis sagt. Die Gänsemagd ist in Wirklichkeit keine Magd, sondern
eine Prinzessin, der Gärtnerbursche ist in Wahrheit ein
Königssohn, das Aschenputtel wandelt sich zur Prinzessin, der
Tölpel wird Gemahl der Königstochter.
Trotz der unterschiedlichen Wege der Verwandlung ist der Grundgedanke
immer derselbe: Der Mensch wird vom uneigentlichen zu seinem
eigentlichen Dasein geführt. "Wenn die echte Prinzessin sich in
die Rolle der Gänsemagd zwingen lässt, während die
niedrige Magd sich die führende Stellung anmaßt, so heißt
das, dass eine falsche, unedle Seite der Gesamtpersönlichkeit die
Herrschaft gewinnt und das eigentlich Königliche
unterdrückt", so sagt der Märchenforscher Max Lüthi.
Jeder trägt ein heimliches Königtum in sich. Das
"König sein" ist ein Bild für die vollendete
Selbstverwirklichung. Christa M. Siegert versteht dies nicht im Sinne
einer Kultivierung unseres Ich, sondern im Sinne der Mythologie: Das
ursprüngliche Wesen Mensch, das nicht der materiellen Welt
angehörte, ist Ziel der Vollendung. Die Begriffe "Gold" und
"Königtum" weisen auf das Überirdische hin, auf den
göttlichen Ursprung, auf das Unvergängliche.
Im Märchen erklingt das "geheime Wort" und Kinder
erspüren es. Es ist das Wort des Anfangs. Kinder stehen ihm noch
näher, es klingt in ihnen noch nach. Dieses "Wort"
verkörpert sich im Märchenhelden auf seinem Weg. Das, was in
seinem Inneren bereits angelegt ist, bildet sich heraus. Der
Märchenheld reflektiert nicht, er grübelt nicht über den
Weg, sondern intuitiv, fast traumwandlerisch folgt er ihm. Durch sein
"bodenloses" Vertrauen kann sich das Grundmuster des Seelischen
entfalten. Er verlässt sein altes Zuhause, wandert durch die
"Fremde" (durch das in ihm selbst, was er noch nicht kannte),
tut in Gefahren intuitiv das Richtige und vollendet, wie von einem
unsichtbaren Magneten geführt, seinen Weg.
Tiefstes Wissen der Menschheit äußert sich im Märchen.
Diese Broschüre enthält Worte des Erzählers Jörn-Uwe
Wulf und der Autorin Christa M. Siegert, die Teil von Vorträgen
waren. Das Lebendige, von der Phantasie weiter Ausgesponnene, in freier
Rede Vorgetragene mag der Leser selbst in sich wach rufen.
Text: Dr. Gunter Friedrich
Foto: HACH