Sehnsucht als das gewisseste Sein
Alles Fragen strebt nach Antwort, selbst wo nichts als Zweifel das
Resultat ausmacht, wird noch geantwortet. Besonders ausschließlich
und Bescheid gebend sogar, nämlich, dass wir nichts wissen
können. Nun hat das Fragen eine affekthafte Entsprechung, die hier
einiges verdeutlicht. Die Sehnsucht allerdings, die hier gemeint ist,
lässt ihr Ersehntes nicht aus dem Blick, so sehr sie darüber
im Ungewissen bleibt, was es sei. Sie sagt sich aber auch nicht, dass
sie wüsste, sie würde es nie erfahren. Sie lässt hier
mindestens offen, so sehnt sie sich weiter. Bei aller Unsicherheit
über ihre Inhalte ist sie selber ohnehin das Gewisseste, und derart
ist sie die einzig ehrliche Beschaffenheit des Menschen. Von seiner
Affektentsprechung in der Sehnsucht kann das Fragen einiges über
sich selber erfahren, indem es weiterfragt und durch den Anschein gerade
skeptischer Gewissheit sich nicht lähmen lässt.
Alles kann ungewiss sein, bevor es fest steht. Und die Sehnsucht nach
etwas nicht Zuhandenem ist daher noch das gewisseste Sein. Ja, sie
bleibt auch, wenn sie als erfüllt auf den Plan treten sollte, denn
nicht alles Ersehnte tritt mit seinem noch so voll Erscheinenden ein. Es
bleibt ein bedeutender Rest, der gerade durch sein Erscheinen wieder
getrübt sein mag. Indem genau das Wichtigste im Traum davon besser
war.
Abb. Ernst Bloch wikipedia
Foto: Hermann Achenbach