Brief an Reginus über die Auferstehung
Es gibt Menschen, lieber Reginus, die möglichst viel lernen wollen.
Und in diesem Vorsatz gehen sie an Probleme heran, die noch nicht
gelöst sind. Finden sie dann eine Lösung, bilden sie sich wer
weiß was ein. Ich bin aber der Meinung, dass sie dabei nicht von
der Wahrheit selbst ausgehen. Denn sie suchen mehr ihre Ruhe als die
Ruhe, die wir von unserem Erlöser und Herrn, Christus, empfangen
haben, als wir die Wahrheit erkannten. In ihr können wir wirklich
ruhen.
Wenn du nun unter dieser Vorbedingung nach der Auferstehung fragst, bin
ich bereit, dir zu antworten. Sie ist jedenfalls eine Notwendigkeit
für den Menschen. Trotzdem glauben viele nicht an sie, und nur
wenigen wird sie zuteil. Deshalb wollen wir jetzt über sie
sprechen.
Wie verhielt sich unser Herr, als er im Fleische war und sich als
Gottessohn offenbarte? Er wohnte an dem (unteren) Ort, an dem du auch
wohnst. Er sprach über das Gesetz dieser Natur: es heißt
"Tod".
Der Sohn Gottes, lieber Reginus, war aber auch ein Menschensohn. Daher
besaß er beides, das menschliche und das göttliche Wesen. Und
er konnte den Tod besiegen, da er ein Sohn Gottes war. Da er aber auch
Menschensohn war, konnte er die Möglichkeit (unserer) Rückkehr
zur Fülle der Fülle schaffen. Denn er war ursprünglich
von oben, ein Same der Wahrheit, er war, bevor die Welt mit ihren
unzähligen Herrschaften und Mächten entstand.
Ich weiß, dass ich hier über die Lösung eines schwierigen
Problems spreche. Doch wenn man von der Wahrheit selbst ausgeht, gibt es
nichts Schwieriges. Denn die Lösung selbst hat sich ja zu uns, in
die Mitte (die Welt), begeben, um nichts verborgen zu lassen und alles
aufzuzeigen, was unsere Existenz betrifft: Die Auflösung des
Bösen auf der einen Seite, das Offenbarwerden der Erwählten
auf der anderen. So ist die Wahrheit und der Geist von Gott ausgegangen.
Aus der Gnade (Gottes) folgt die Wahrheit.
Der Erlöser hat den Tod verschlungen. Er hat die Welt, die
vergänglich ist, (wie ein Kleid) abgelegt. Das ist es was du vor
allem wissen musst. Er hat (sich) in die Unvergänglichkeit
verwandelt und (ist auferstanden), indem er das Erscheinende vom
Nicht-Erscheinenden verschlingen ließ. So hat er uns den Weg zur
Unsterblichkeit gebahnt. Denn auf diese Weise ist es möglich
geworden, dass wir mit ihm leiden, wie der Apostel sagt, mit ihm
auferstehen und mit ihm zum Himmel auffahren. Wenn wir uns in diesem
Sinne in der Welt als Träger seiner Kraft beweisen, so sind wir
Strahlen seiner Kraft und sind von ihm ergriffen - bis wir in ihm
untergehen: das ist der Tod, während wir noch im Leben sind. Dann
werden wir von ihm auch zum Himmel emporgezogen wie die Strahlen von der
Sonne, und niemand kann uns zurückhalten: das ist die Auferstehung
im Geiste, die die der Seele und die des Fleisches in sich enthält.
Wenn nun einer nicht glaubt, so nützen ihm auch überzeugende
Argumente nichts. Denn hier geht es um Glauben, mein Sohn, und nicht um
Überzeugung (durch Argumente). Wer (dem wahren Wesen nach) tot ist,
wird auferstehen. Und gibt es einen unter den (sogenannten) Philosophen
hier in der vergänglichen Welt, der wirklich glaubt? Aber der Tote
wird auferstehen, auch wenn alle Philosophen in dieser
vergänglichen Welt es nicht glauben. Lass sie doch - sie sind
Menschen, die sich nur um sich selbst drehen. Aber wir haben durch
unseren Glauben den Sohn des Menschen erkannt und glauben, dass er von
den Toten auferstanden ist. Von ihm sagen wir: Er hat den Tod
vernichtet. Er ist ein Großer, an ihn glauben wir. (Groß) sind
daher auch wir Glaubenden.
Das Denken der Geretteten ist unvergänglich, und der Geist derer,
die ihn erkannt haben, kann nicht untergehen. Wir sind auserwählt
zur Rettung und Erlösung und sind von Anfang an dazu bestimmt,
nicht in die Torheit derer zu verfallen, die ohne Erkenntnis sind. Und
wir werden weise werden ganz wie solche, die die Wahrheit erkannt haben.
Wer in der Wahrheit bleibt, kann sie nicht verlieren, und sie kann sich
nicht wie etwas Entstandenes, (etwas Vergängliches also),
auflösen.
Mächtig ist die Fülle der Fülle. Ohnmächtig ist, was
sich davon getrennt hat: es ist entstanden als die (vergängliche)
Welt. Aber die Welt wird vom nicht Entstandenen, vom (wirklich)
Existierenden umfasst. Daher zweifle nicht an der Auferstehung, Reginus.
Einst existiertest du nicht im Fleisch, doch wurde dir Fleisch gegeben,
sobald du in diese Welt eintratest. Warum also solltest du nicht auch
Fleisch empfangen, wenn du in die Ewigkeit hinaufgehst?
Gehört dir nicht schon, was besser als alles Fleisch ist, was dem
Fleisch, das deinetwegen entstanden ist, Leben gibt? Und steht nicht,
was dir gehört, völlig zu deiner Verfügung?
Nun, was fehlt dir eigentlich, wenn du hier in der vergänglichen
Welt bist? Das zu erfahren gibst du dir doch solche Mühe! Du
weißt, dass auf die Geburt des Körpers wie eine Nachgeburt das
Alter folgt. Du bist also vergänglich. Aber der Verlust dieses
Vergänglichen ist gerade dein Vorteil. Denn wenn du diese Welt
verlässt, lässt du nichts Wertvolles hinter dir. Das Schlechte
ist minderwertig.
Nur die Gnade rettet uns aus diesen Orten der Vergänglichkeit, aus
dieser Welt, zu der wir gehören - niemand sonst. Aber wir sind
gerettet! Wir haben das Heil empfangen in vollem Umfang. Erfassen wir
doch diesen Gedanken in aller Klarheit! Verstehen wir ihn doch deutlich!
Manche Wahrheitssucher wollen auch wissen, ob der Gerettete, wenn er
seinen Körper verlässt, sofort gerettet wird. Darüber
kann kein Zweifel bestehen. (Denn es ist klar,) dass die sichtbare
Gestalt, wenn sie gestorben ist, nicht gerettet wird, wohl aber die in
der sterblichen Gestalt befindliche lebendige Gestalt. Sie ist es, die
aufersteht. Was also ist die Auferstehung? Es ist das Sichtbarwerden
derer, die auferstehen.
Du brauchst dich nur des Evangeliums zu erinnern, wo du liest, dass
Elias erschien und mit ihm Moses, um zu wissen, dass die Auferstehung
kein Hirngespinst ist. Sie ist kein Hirngespinst, sondern eine Tatsache.
Im Gegenteil: eher ist die Welt ein Hirngespinst als die Auferstehung,
die durch unseren Herrn und Erlöser, Jesus Christus, geschehen ist.
Worauf läuft nun eigentlich meine Belehrung hinaus? Alles, was
lebt, stirbt. Die Menschen leben in einer großen Illusion. Aus
reich wird arm, die Throne stürzen. Alles verändert sich. Die
ganze Welt ist eine Illusion. Aber ich will mich nicht mehr als
nötig über diese Wirklichkeit auslassen. Die Auferstehung
jedenfalls ist nicht von dieser Art. Ihre Wahrheit steht fest, ebenso,
dass, was wirklich existiert, offenbar werden wird, dass die Dinge sich
verwandeln und in eine neue Daseinsform übergehen werden. Denn die
Unvergänglichkeit senkt sich herab auf das Vergängliche und
das Licht strahlt herab auf die Finsternis und verschlingt sie. Die
Fülle der Fülle beseitigt den Mangel. Das sind die Merkmale
und Wahrzeichen der Auferstehung. Das ist es, was vom Guten bewirkt
wird.
Gib daher das Wissen preis, das nur Stückwerk ist, Reginus, und
wandle nicht nach dem Fleisch, sondern verlasse, was Stückwerk ist
- so wirst du die Auferstehung gewinnen. Sogar derjenige, der sterblich
ist, weiß von sich selbst, dass er sterben muss. Auch wenn er viele
Jahre im Leben verbracht hat, ergreift ihn schließlich der Tod. So
wisse doch auch du, dass du auferstanden bist und dass dich die
Auferstehung ergriffen hat. Jener weiß, dass er sterben muss. Aber
du, der du die Auferstehung hast, kannst dich doch nicht weiter so
verhalten, als ob du sterben müsstest. Eine solche Torheit
würde ich dir nicht hingehen lassen. Ein jeder muss sich in
mehreren Lernschritten üben, bevor er von den ersten Lektionen
befreit werden kann. Dann aber braucht er nicht mehr in die Irre zu
gehen, sondern kann sich selbst empfangen, so wie er im Ursprung war.
Diese Erkenntnis nun habe ich empfangen von meinem Herrn Jesus Christus,
der selbstlos alles verschenkt. Ich habe sie dir und deinen
Brüdern, meinen Söhnen, übertragen. Nichts habe ich euch
vorenthalten, was irgend zu eurer Stärkung dienen könnte. Habe
ich aber etwas geschrieben und verkündigt, was allzu tief ist, so
will ich es gerne weiter erklären, wenn ihr danach fragt. Nun aber
sei nicht neidisch auf jemanden in deiner Gruppe, der vielleicht dabei
helfen könnte. Viele werden gemeinsam ihre Aufmerksamkeit auf das
richten, was ich dir geschrieben habe. Diesen zeige ich, wie sie Frieden
untereinander halten und die Gnade empfangen können. Ich
grüße dich und alle, die euch brüderlich lieben.
Text: Übersetzung von Konrad Dietzfelbinger
Gemälde: Hermann Stenner (wikipedia)