Das Evangelium nach Philippus
Ein Jude kann wieder einen Juden machen (d.h. einen Menschen zum
Judentum bekehren), den man dann Judengenossen nennt. Ein Judengenosse
aber kann nicht wieder einen Judengenossen machen. So gibt es auch
Menschen, die aus der Wahrheit stammen, nach der Wahrheit trachten und
andere sich ähnlich machen. Andere müssen sich damit
begnügen, ihnen ähnlich zu werden.
Der Sklave trachtet nur danach, frei zu werden, er kann aber nicht nach
dem Gut seines Herrn trachten. Der Sohn aber ist nicht nur Sohn, sondern
hat auch Anspruch auf das Erbe des Vaters.
Welche Totes erben, sind selbst tot und erben nur Totes. Die aber
Lebendiges erben, die leben und sie erben das Lebendige und das Tote
dazu. Die Toten erben nichts. Wie sollten die Toten erben? Wenn aber der
Tote das Lebendige erbt, wird er nicht sterben, sondern er wird trotz
allem leben.
Ein Heide kann im Grunde nicht sterben. Er hat ja gar nie gelebt, so
dass er sterben könnte. Aber wer an die Wahrheit glaubt, der lebt,
und er kann in Gefahr geraten, zu sterben. Er lebt seit dem Tag, da ihm
Christus erschienen ist. Denn jetzt wird die Welt (für ihn) erst
wirklich erschaffen, blühen die Städte und wird das Tote
beseitigt.
Als wir Juden waren, waren wir Halbwaisen. Wir hatten nur unsere Mutter
(das Gesetz). Als wir aber Christen wurden, bekamen wir zur Mutter hinzu
auch den Vater (die Erkenntnis).
Wer im Winter sät, erntet im Sommer, Der Winter ist die Welt, der
Sommer ist die Ewigkeit. Lasst uns in der Welt säen, damit wir im
Sommer ernten. Im Winter dürfen wir nicht beten, (dürfen wir
uns nicht der Betrachtung hingeben). Nach dem Winter kommt der Sommer.
Wenn aber einer im Winter ernten wollte, würde er nicht wirklich
ernten, sondern nur die Saat ausreißen, (und er könnte keine
Früchte sammeln.) Aber nicht nur wird ihm dann (im Winter keine
Frucht wachsen, sondern auch am Sabbat der Ewigkeit wird er nicht
ernten.
Christus kam, damit er die einen loskaufe, andere errette, andere
erlöse. Die Fremden kaufte er los und machte sie zu den Seinen. Die
Seinen aber, die er als Pfänder seines Willens hinterlegt hatte,
nahm er gesondert beiseite. Aber nicht erst, als er erschien,
hinterlegte er die Seele als Pfand seines Willens, sondern seitdem die
Welt besteht, ist die Seele in seinem Willen hinterlegt.
Nach seinem Willen aber erschien er dann, um sie wieder an sich zu
nehmen, da sie als Pfand ihm gehörte. Denn sie war unter die
Räuber gefallen und als Gefangene hinweggeführt worden. Er
befreite sie aber, und die Guten in der Welt kaufte er ebenso los wie
die Bösen.
Licht und Finsternis, Leben und Tod, Rechts und Links sind
Zwillingsbrüder in dieser Welt. Unmöglich lassen sie sich
voneinander trennen. Daher sind weder die Guten ausschließlich gut
noch die Bösen ausschließlich böse, noch ist hier das
Leben wirkliches Leben oder der Tod wirklicher Tod. Deshalb wird sich
alles auflösen zu seinem anfänglichen Ursprung. Die aber der
Welt enthoben sind, sind unauflöslich, sind ewig.
Die Bezeichnungen die den vergänglichen Dingen der Welt beigelegt
werden, verursachen eine ungeheure Irreführung. Sie richten
nämlich den Sinn vom Unvergänglichen auf das
Vergängliche. Und wer jetzt z.B. die Bezeichnung "Gott"
hört, erkennt dadurch nicht mehr das Unvergängliche, sondern
nur das Vergängliche. Das gilt auch für Worte wie
"Vater", "Sohn", "Heiliger Geist",
"Leben", "Licht", "Auferstehung",
"Kirche", und alle anderen Bezeichnungen. Sie werden nicht mehr
auf das Unvergängliche bezogen, und daher wird das
Unvergängliche nicht erkannt.
Wer unvergänglich ist, kann auf all diese Bezeichnungen verzichten.
Aber die sterblichen Menschen, die in der Welt sind, (sind Opfer vieler
Täuschungen. Würden sie) in der Ewigkeit sein, so würden
sie niemals Bezeichnungen (nach Art der Menschen) in dieser Welt
gebrauchen noch würden sie sie auf die irdischen Dinge beziehen.
Denn alle Bezeichnungen haben ein Ende in der Ewigkeit.
Einen einzigen Namen spricht man nicht aus in der Welt: den Namen, den
der Vater dem Sohn gegeben hat. Er ist über alle Namen: der Name
des Vaters. Denn der Sohn könnte nicht Vater werden, wenn er sich
nicht den Namen des Vaters beigelegt hätte.
Wer diesen Namen hat, kennt ihn wohl, spricht ihn aber nicht aus. Wer
ihn aber nicht hat, kennt ihn auch nicht. Jedoch bildete die Wahrheit
Begriffe in der vergänglichen Welt, unseretwegen, weil es hier
unmöglich ist, die Wahrheit ohne Begriffe kennen zu lernen. Die
Wahrheit ist einfach. Aber sie zeigt sich vielfältig unseretwegen,
um uns in ihrer Liebe durch die Vielfalt zum einfachen Namen zu
führen.
Die Herrscher unter de Himmel freilich wollten den Menschen
irreführen. Denn sie sahen, dass er mit dem wahrhaft Guten verwandt
ist. Und sie nahmen den Namen des Guten und legten ihn dem Nichtguten
bei, damit sie die Menschen durch die Namen, die sie mit dem Nichtguten
verbanden, täuschten.
Nur die Gnade kann dann den Menschen veranlassen, sich vom Nichtguten
wieder zu trennen und sich dem Guten zuzuwenden, indem er es erkennt.
Aber die Herrscher unter dem Himmel versuchten ihren Willen
durchzusetzen: den Freien zu ergreifen und ihn sich zum Sklaven zu
machen für ewig.
Es gibt (vergängliche) Kräfte, die dem Menschen
(vergängliche) Nahrung geben, da sie nicht wollen, dass er
(gerettet wird). Nur so können sie erreichen, dass sie (dauernd
bestehen). Wenn nämlich der Mensch diese (Nahrung) isst, entstehen
Opfer (für diese Kräfte). (Und die Menschen aßen) und
brachten diesen Kräften Tiere zum Opfer dar: die eigenen tierischen
(Eigenschaften). (Tiere) sind auch die, denen sie (die Opfer)
darbrachten.
Zunächst opferten sie ihnen, während sie noch lebten (ihrem
wahren Wesen nach). Indem sie aber opferten, starben sie (ihrem wahren
Wesen nach). Doch als der Mensch Gott tot dargebracht wurde, wurde er
wieder zum Leben erweckt.
Bevor Christus kam, gab es kein Brot in der Welt. Ebenso wie im
Paradiese Adams gab es damals in der Welt nur zahlreiche Bäume als
Nahrung für die Tiere. Sie bot keinen Weizen als Nahrung für
den Menschen. Der Mensch nahm Nahrung zu sich, die Tieren angemessen
war. Als aber Christus kam, der vollkommene Mensch, brachte er Brot vom
Himmel, damit sich der Mensch nähre von Nahrung, die ihm angemessen
wäre. Die Herrscher unter dem Himmel bildeten sich ein, sie
verrichteten ihre Taten in ihrer eigenen Kraft und nach ihrem eigenen
Willen. Aber insgeheim vollzog der Heilige Geist durch sie seinen
Willen.
Die Wahrheit, die von Anfang an ist, wird ausgesät an allen Orten.
Viele sehen, wie sie ausgesät wird. Wenige aber, die sie sehen,
ernten sie auch.
Etliche haben gesagt, Maria hätte (nach irdischer Art) empfangen
vom Heiligen Geist. Sie irren und wissen nicht, was sie reden. Wann hat
je ein (irdisches) Weib von einem Weib empfangen? Maria ist die
Jungfrau, (die Seele), die von keiner (irdischen) Macht je befleckt
wurde. Sie ist ein großes, unantastbares Heiligtum für die
Juden, das heißt die Apostel und die Apostelschüler. Diese
Jungfrau, die die Mächte unter dem Himmel nicht befleckt haben,
(ist rein geblieben), während die Mächte sich nur selbst
befleckt haben. Der Herr hätte nicht gesagt:" Mein Vater, der
im Himmel ist", wenn er nicht noch einen anderen, (irdischen), Vater
gehabt hätte. Sonst hätte er einfach gesagt: "Mein
Vater". Der Herr sprach zu den Jüngern: "(Ihr Kinder des
Reiches,) tretet ein in das Haus des Vaters. Aber nehmt nichts und tragt
nichts weg aus dem Haus des Vaters."
"Jesus" ist ein verborgener Name, "Christus" (der
"Gesalbte") ein offenkundiger Name. Deshalb gehört
"Jesus" nicht zu irgendeiner Sprache, sondern der Name lautet
immer eben "Jesus". "Christus" (der "Gesalbte")
aber lautet auf syrisch "Messias", auf griechisch
"Christos". Und so lautet er in jeder Sprache anders je nach der
Sprache. "Der Nazarener" aber ist der offenkundige Name des
verborgenen Namens. Christus enthält alles in sich: Mensch, Engel,
Mysterium und den Vater.
Etliche sagen: "Der Herr ist zuerst gestorben und dann
auferstanden." Sie irren. Denn er ist zuerst auferstanden und dann
gestorben. Wenn jemand nicht zuerst die Auferstehung erwirbt, kann er
nicht "sterben". (Nur wenn Gott in ihm lebt, kann er dem alten
Wesen nach sterben.)
Jeder wird doch ein kostbares Gut in einem kostbaren Behälter
aufbewahren. Trotzdem gab es immer wieder Menschen, die ungeheure
Schätze in Behälter steckten, die keinen Heller wert waren. So
ist es auch mit der Seele. Sie ist ein großer Schatz, aber sie ist
in einen wertlosen Leib geraten. Einige fürchten sich davor, nackt
aufzuerstehen. Deshalb legen sie Wert auf die Lehre, dass sie im Fleisch
auferstehen würden. Sie wissen nicht, dass eben diejenigen, die im
(vergänglichen) Fleisch leben, die Nackten sind, während
diejenigen, die sich ihres Fleisches entäußern und sich
"entkleiden", die Nicht-Nackten sind.
Denn Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht ererben. Um
welches Fleisch handelt es sich denn hier, das nicht ererben kann? Um
das Fleisch, von dem wir jetzt umhüllt sind. Welches Fleisch aber
wird erben? Das Fleisch Jesu und sein Blut. Deshalb sagte er: "Wer
nicht mein Fleisch isst und nicht mein Blut trinkt, hat kein Leben in
sich." Was ist unter diesem Fleisch und Blut zu verstehen? Sein
Fleisch ist das Wort und sein Blut der Heilige Geist. Wer diese
empfängt, der hat Nahrung und Trank und der ist bekleidet.
Ich tadle aber auch die anderen, die sagen: "Das Fleisch wird nicht
auferstehen." Beide sind im Unrecht. Wenn du sagst: "Das Fleisch
wird nicht auferstehen", so sage mir doch, was deiner Meinung nach
auferstehen wird, damit wir dir beipflichten können!
Wenn du sagst: "Der Geist im Fleisch wird auferstehen", oder
auch: "Dieses Licht im Fleisch wird auferstehen", so handelt es
sich beim Geist und beim Licht doch um etwas, das im Fleische ist. Und
was immer du anführen wolltest - es gibt nichts, das ohne Fleisch
sein könnte. Es ist also gar nicht anders möglich, als im
Fleisch aufzuerstehen, da doch alles im Fleische ist.
In dieser Welt sind diejenigen, die Kleider (das vergängliche
Fleisch) anziehen, wertvoller als die Kleider. Im Himmelreich jedoch
sind die Kleider wertvoller als die, die sie angezogen haben. Es sind
nämlich Wasser und Feuer (das Fleisch Jesu), durch die das ganze
Universum rein geworden ist.
Das Offenbare (das Erscheinende) existiert durch das Offenbare, das
Verborgene (das Unvergängliche) durch das Verborgene. Aber es gibt
Wesen, die sind im Offenbaren und sind doch verborgen. Wasser existiert
in Wasser, Feuer existiert in Salböl. Aber Jesus trug dieses alles
(Wasser und Feuer) im Verborgenen. Denn er zeigte sich nicht so, wie er
wirklich war, sondern so zeigte er sich, wie sie ihn würden sehen
können. Allen Wesen zeigte er sich. Den Großen erschien er
groß, den Kleinen klein. Den Engeln erschien er als Engel und den
Menschen als Mensch. So war das Wort vor allen verborgen.
Nur einige gab es, die ihn sahen und den Gedanken fassten, sie
sähen in ihm sich selbst (ihr wahres Wesen). Denn als er sich
seinen Jüngern im Glanz zeigte auf dem Berge, war er nicht klein.
Er war groß geworden, und er machte auch die Jünger groß,
damit sie imstande wären, seine Größe zu sehen. An jenem
Tage des Abendmahls sprach er: "Der du den Vollkommenen, das Licht,
mit dem Heiligen Geist vereinigt hast, vereinige nun auch die Engel mit
uns, den Abbildern."
Denkt nicht gering von dem Lamm. Denn ohne das Lamm ist es
unmöglich, den König zu sehen. Niemand kann unbekleidet (ohne
das unvergängliche Fleisch) seinen Weg zum König gehen.
Die Kinder des himmlischen Menschen sind zahlreicher als die des
irdischen Menschen. Wenn die Kinder Adams zahlreich sind, obwohl sie
sterben, wie zahlreich müssen dann die Kinder des vollkommenen
Menschen sein, die nicht sterben, wobei immer neue gezeugt werden!
Der Vater zeugt das Kind, aber das Kind hat keine Möglichkeit, ein
Kind zu zeugen. Wer gezeugt worden ist, (aber noch nicht erwachsen ist),
kann nicht selbst zeugen und das Kind zeugt sich keine Geschwister oder
wieder Kinder. Alle, die in der Welt gezeugt werden, werden durch die
Natur gezeugt. Die anderen durch den Geist. Die vom Geist gezeugt
werden, schreien von ihrem (unteren) Ort nach dem (vollkommenen)
Menschen hinauf, nach dem Ziel der Verheißung, die von oben
herabkommt. So ein Mensch wird (durch das Wort) aus dem Munde des Vaters
am Leben erhalten. Sobald das Wort von oben herabkommt, kann sich der
Mensch vom Wort, das durch den Mund des Vaters geht, nähren und
vollkommen werden. So werden die Vollkommenen durch einen Kuss schwanger
und gebären dann. Deshalb küssen auch wir einander und
empfangen die Schwangerschaft durch die Gnade, die wir uns gegenseitig
mitteilen.
Drei Frauen wandelten stets mit dem Herrn: seine Mutter Maria, seine
Schwester und Magdalena, die als seine Gefährtin bezeichnet wird.
Denn sowohl seine Mutter, als auch seine Schwester, als auch seine
Gefährtin waren eine Maria.
"Der Vater" und "der Sohn" sind einfache Namen. "Der
Heilige Geist" ist ein doppelter Name. Denn die ersteren sind die
selben an allen Orten: im Oben und Unten, im Nicht-Erscheinenden und im
Erscheinenden. Der Heilige Geist aber ist (anders) im Erscheinenden - im
Unten - als im Nicht-Erscheinenden - im Oben.
Die bösen Mächte dienen (ungewollt) den Heiligen. Die
bösen Mächte werden vom Heiligen Geist verblendet, damit sie
glauben, sie dienten einem Menschen der Welt, während sie doch
einem Heiligen dienen. So bat z.B. ein Jünger den Herrn eines Tages
um ein irdisches Gut. Der Herr sprach zu ihm: "Bitte nur deine
Mutter (den Heiligen Geist), und sie wird dir von den dir fremden Dingen
mitteilen."
Die Apostel sprachen zu den Jüngern: "Möge unser ganzes
Opfer Salz enthalten." Sie nannten die Weisheit, (die
"Sophia"), Salz. Ohne sie wird kein Opfer angenommen. Da die
Weisheit unfruchtbar ist, (sich den irdischen Mächten nicht
hingibt), bekommt sie keine Kinder, (entstehen keine vergänglichen
Früchte aus ihr). Darum heißt sie "reines Salz". Aber
an dem ihr angemessenen Ort, dem Ort des Heiligen Geistes, sind ihre
Kinder zahlreich.
Was dem Vater gehört, gehört auch dem Sohn. Aber solange der
Sohn klein ist, wird ihm das Seine nicht anvertraut. Ist er jedoch
erwachsen, so gibt ihm sein Vater alles, was er besitzt. Durch die
Wirkung des Heiligen Geistes entstehen auch Irrtümer, dann
nämlich, wenn Menschen irrig auf ihn reagieren. So ist es der
gleiche Hauch, durch den ein Feuer aufflammt oder erlischt. Etwas
anderes ist Echamoth und etwas anderes ist Echmoth. Echamoth ist die
Weisheit (Sophia) schlechthin. Echmoth aber ist die Weisheit (Sophia) im
Reich des Todes, die den Tod kennt. Sie heißt "die kleine
Weisheit".
Es gibt Tiere, die dem Menschen untertan sind, wie Ochse, Esel und
andere Arten. Andere gibt es, die ihm nicht untertan sind und einsam in
der Wüste umherschweifen. Der Mensch pflügt seinen Acker mit
Tieren, die ihm untertan sind. Und dadurch verschafft er sich und allen
Tieren Nahrung, sowohl denen, die ihm untertan sind als auch denen, die
ihm nicht untertan sind. Ebenso verhält es sich mit dem
vollkommenen Menschen. Durch Kräfte, die ihm untertan sind,
pflügt er und sorgt dafür, dass alles entsteht. Und durch ihn
besteht diese ganze Welt, die Guten und die Bösen, die Rechten und
die Linken.
Und so weidet auch der Heilige Geist alle und herrscht über die
Mächte, ob sie sich unterordnen oder nicht und einsam in der
Wüste sind. Denn die sich nicht unterordnen, treibt er zusammen und
sperrt sie ein, so dass sie, selbst wenn sie es wollten, nicht
entfliehen können.
Wenn jemand eine geschaffene Form ist, wird man finden, dass auch seine
Nachkommen als geschaffene Formen wohlgeraten sind. Ist jemand aber kein
geformtes Geschöpf, sondern ein gezeugtes Wesen, so wird man
finden, dass auch seine Nachkommen zeugungskräftige Samen und zwar
wohlgeratene Samen, sind.
Der Mensch aber wurde sowohl geformt als auch gezeugt, (er ist ein
Bastard). Kann man hier von Wohlgeratenheit sprechen? Zuerst kam der
Ehebruch, dann kam der Mord. Der Mensch wurde aus dem Ehebruch gezeugt,
ein Sohn der Schlange. Deshalb wurde er ein Mörder, genau wie sein
Vater, die Schlange, und tötete seinen Bruder. Jeder Verkehr, der
zwischen einander ungleichen Wesen stattfindet, ist Ehebruch.
Gott ist ein Färber. Die Farben haften an den Dingen. Daher gehen
die Farben, auch wenn sie gut sind - sie heißen dann "echt"
-, mit den Dingen zugrunde, wenn diese vergehen. Aber die Dinge, die
Gott färbt, werden durch Gottes Farben unsterblich, da seine Farben
unsterblich sind. So tauft Gott die Wesen, die er tauft, mit dem Wasser
der Unvergänglichkeit.
Niemand kann etwas Unvergängliches wahrnehmen, außer er wird
selbst unvergänglich. Es ist mit der Wahrheit nicht so wie auf der
Welt, wo der Mensch die Sonne sieht, ohne selbst Sonne zu sein, wo er
den Himmel sieht und die Erde und alles übrige, ohne selbst Himmel,
Erde und dergleichen zu sein. Sondern im Reich der Wahrheit siehst du
etwas von ihr und wirst selbst zu ihr. Du siehst den Geist und wirst
selbst zu Geist. Du siehst Christus: du wirst Christus. Du siehst den
Vater: du wirst zum Vater. Hier auf dieser Welt also siehst du alle
Dinge, siehst aber dich selbst nicht. In der anderen Welt jedoch siehst
du dich selbst. Denn was du dort siehst, das wirst du selbst.
Der Glaube empfängt, die Liebe gibt.
Niemand kann empfangen ohne Glauben.
Niemand kann geben ohne die Liebe.
Daher glauben wir, damit wir empfangen, und wir lieben, damit wir
wahrhaft geben. Denn wenn jemand gibt, aber nicht aus Liebe, so
nützt es ihm nichts, dass er gegeben hat.
Wer den Herrn nicht empfangen hat, ist noch Jude. Die Apostel vor uns
nannten ihn: "Jesus, Nazoräer, Messias", das heißt:
"Jesus", "Nazoräer", "Christus". Der letzte
Name ist "Christus", der erste ist "Jesus", der in der
Mitte ist "der Nazarener". "Messias" hat zwei
Bedeutungen: "der Christus" und "der feste Wert".
"Jesus" heißt auf hebräisch "die
Erlösung". "Nazara" heißt die "Wahrheit".
"Der Nazarener" heißt also "die Wahrheit".
Christus ist ein "fester Wert". Der Nazarener und Jesus sind
"feste Werte".
Wenn die Perle in de Schmutz geworfen wird, wird sie davon nicht
minderwertig. Auch wird sie nicht wertvoller, wen sie mit Balsam gesalbt
wird. Sie hat vielmehr stets den gleichen Wert bei ihrem
Eigentümer. So ist es auch mit den Kindern Gottes. Wo immer sie
sind - sie haben den gleichen Wert bei ihrem Vater.
Wenn du sagst "Ich bin Jude", wird niemand aufhorchen. Wenn du
sagst "Ich bin Römer", wird niemand erschrecken. Wenn du
sagst "Ich bin Grieche, Barbar, Sklave, Freier", wird sich
niemand aufregen. Wenn du aber sagst "Ich bin Christ", wird
alles erbeben. Ach erhielte ich doch diesen Namen!
Aber was (aus den Mächten dieser Welt) ist, kann diesen Namen nicht
ertragen. Denn der Gott (dieser Welt) ist ein Menschenfresser. Ihm wird
der Mensch (der Welt) geschlachtet.
Bevor also der (wahre) Mensch, (Jesus), geschlachtet wurde, schlachtete
man Tiere, (die Menschen der Welt). Denn diejenigen, denen geschlachtet
wurde, waren nicht (der wahre) Gott.
Glasgefäße und Tongefäße - beide entstehen durch
Feuer. Wenn aber Glasgefäße zerbrechen, können sie wieder
hergestellt werden. Denn sie sind mit Hilfe des Atemhauchs entstanden.
Tongefäße dagegen gehen endgültig zugrunde, wenn sie
zerbrechen. Sie sind ohne Atemhauch entstanden.
Ein Esel, der um einen Mühlstein im Kreise ging, ging und ging und
legte hundert Meilen zurück. Als er endlich losgemacht wurde,
befand er sich wieder am Ausgangspunkt. So gibt es auch Menschen, die
bringen große Entfernungen hinter sich und kommen doch keinen
Schritt weiter. Wenn es Abend wird, haben sie keine Stadt und kein Dorf,
kein Geschöpf und keine Natur, keine Macht und keinen Engel
gesehen. Vergeblich haben sie sich bemüht, die Elenden.
Jesus ist die Gnade. Man nennt ihn auf syrisch "Pharisatha", das
heißt "der Ausgebreitete". Denn er kam, sich an die ganze
Welt kreuzigen zu lassen.
Der Herr ging in die Färberei Levis. Er nahm 72 (Tücher in
unterschiedlichen) Farben, warf sie in den Kessel und brachte sie alle
weiß heraus. Da sprach er: "So auch ist gekommen der Sohn des
Menschen als Färber."
Die Weisheit, die man die "Unfruchtbare" (in bezug auf
Vergängliches) nennt, ist die Mutter der Engel und die
Gefährtin Christi. Als solche heißt sie Maria Magdalena. Der
Herr liebte Maria mehr als die anderen Jünger und küsste sie
oft auf den Mund. Die übrigen Jünger aber fühlten sich
zurückgesetzt und murrten. Sie sprachen zu ihm: "Weshalb liebst
du sie mehr als uns alle?" Und er antwortete: "Weshalb ich euch
nicht so liebe wie sie? Ein Blinder und ein Sehender, die beide im
Finstern sind, sind nicht verschieden voneinander. Wenn aber das Licht
kommt, sieht der Sehende das Licht, der Blinde jedoch bleibt in der
Finsternis."
Der Herr sprach: "Selig ist, wer wahrlich lebt, bevor er ins
(vergängliche) Leben eintritt. Denn wer wahrlich lebt, der hat
immer gelebt und wird immer leben."
Die Überlegenheit des (wahren) Menschen ist nicht offenbar (in der
erscheinenden Welt), sondern sie ist verborgen darin. Er ist Herr
über die Tiere, obwohl sie physisch stärker sind als er und
groß von Gestalt im Sichtbaren und im Verborgenen. Und er
ermöglicht ihnen ihr Leben. Sobald er sie aber sich selbst
überlässt, töten, beißen und fressen sie einander,
denn sie finden dann keine Nahrung mehr. Jetzt aber finden sie Nahrung,
weil der Mensch die Erde bearbeitet.
Wenn jemand zur Taufe ins Wasser hinuntersteigt, heraufkommt, ohne etwas
erhalten zu haben, und sagt: "Ich bin ein Christ", so hat er
diesen Namen nur auf Zinsen geliehen. Empfängt er bei der Taufe
aber den Heiligen Geist, so hat er diesen Namen als Geschenk erhalten.
Und wer ein Geschenk erhält, dem wird es nicht wieder weggenommen.
Wer aber nur auf Zinsen erhält, dem wird man es wieder abverlangen.
So ist es auch, wenn jemand sich in irgendein anderes Mysterium begibt.
Z.B. ist das Mysterium der Hochzeit groß. Denn ohne (heilige)
Hochzeit würde die Welt nicht bestehen können. Der Bestand der
Welt beruht auf dem (wahren) Menschen. Der Bestand des Menschen beruht
auf der heiligen Hochzeit. Erkennt daher, was eine heilige, unbefleckte
Gemeinschaft ist, denn ihre Macht ist groß. Ihr Abbild nur ist die
Gemeinschaft, bei der die Leiber befleckt werden.
Unter den unreinen Geistern (den Menschen der Erde) gibt es
männliche und weibliche. Männlich sind diejenigen die mit den
in einer weiblichen Gestalt beheimateten Seelen Umgang pflegen. Weiblich
sind diejenigen, die sich mit Seelen vereinigen, welche durch ihren
Ungehorsam in einer männlichen Gestalt sind. Und niemand kann sich
diesen (Geistern) entziehen, wenn er einmal von ihnen erfasst ist, es
sei denn, er erhält eine männliche heilige Kraft - den
Bräutigam - bzw. eine weibliche heilige Kraft - die Braut.
In dieser Welt empfängt man (Braut oder Bräutigam) aus dem
Brautgemach, das nur ein Abbild ist des oberen. Wenn die törichten
Frauen einen Mann sehen, der allein lebt, so stürzen sie sich auf
ihn, treiben ihren Mutwillen mit ihm und beflecken ihn. Genauso ist es
mit den törichten Männern. Wenn sie eine allein lebende
schöne Frau sehen, so beschwatzen sie sie, tun ihr Gewalt an und
beflecken sie.
Sehen sie aber, dass ein Man und seine Frau in ehelicher Gemeinschaft
leben, so können die Frauen nicht zum Mann und die Männer
nicht zur Frau eingehen. Ebenso ist es, wenn sich das Abbild (die
männliche oder weibliche Seele) und der Engel (die männliche
bzw. weibliche heilige Kraft) miteinander verbinden. Dann wird es
niemand wagen, zu diesem Mann oder zu dieser Frau einzugehen. Und so
können die unreinen Geister einen, der die Welt verlässt,
nicht mehr halten, obwohl er in der Welt war. Es ist ihnen deutlich,
dass er über die Begierde (des Fleisches) und die Furcht erhaben
ist. Er ist Herr über die Natur, er hat den Zustand des
Lebenshungers durch etwas Besseres ersetzt.
Wenn aber die bösen Mächte herankommen können, fassen sie
den Menschen und würgen ihn. Und wie wird er diesen Mächten
dann entrinnen oder sich vor ihnen verbergen können? Da gibt es
dann immer welche, die behaupten: "Wir sind gläubig", in
der Hoffnung, sich so vor den unreinen Geistern und Dämonen zu
verbergen. Denn wenn sie den Heiligen Geist hätten, könnte
sich kein unreiner Geist an sie heften.
Fürchte dich nicht vor dem Fleisch.
Liebe es aber auch nicht.
Fürchtest du dich davor, wird es Herr über dich.
Liebst du es, verschlingt und erwürgt es dich.
Der Mensch ist entweder in dieser Welt - oder in der Auferstehung - oder
an den Orten, die in der Mitte dazwischen sind. Ich hoffe sehr, dass ich
mich niemals in diesem Zwischenreich befinden werde! In dieser Welt gibt
es Gutes und Schlechtes. Aber ihr Gutes ist nicht wirklich gut, und ihr
Schlechtes nicht wirklich schlecht. Es gibt aber Schlechtes in dieser
Welt, das wirklich schlecht ist - und das nennt man die Orte, die in der
Mitte dazwischen sind. Dort ist der (wirkliche) Tod. Solange wir in
dieser Welt sind, müssen wir alles tun, um die Auferstehung zu
erlangen, damit wir, wenn wir das Fleisch ablegen, in der Ruhe gefunden
werden und nicht in die Orte des Zwischenreichs geraten. Denn viele
verirren sich auf dem Weg: Da ist es gut, wenn der Geist aus der Welt
herausfindet, bevor der Mensch gesündigt hat.
Manche Menschen wollen die Sünde nicht und sind auch nicht
fähig, zu sündigen. Andere wollen die Sünde; auch wenn
sie sie dann nicht tun, hilft es ihnen nichts, denn ihr Wollen bindet
sie an die Sünde. Es mag auch welche geben, die die Sünde
nicht wollen - aber sie doch tun. Die erfüllende Gerechtigkeit wird
sich beiden entziehen: denen, die nicht wollen, und denen, die nicht
tun.
Es sah einmal ein Apostelschüler in einem Traumgesicht Menschen,
die in einem Feuerhaus eingeschlossen waren. Gebunden lagen sie inmitten
der Flammen. (Sie waren ins Feuer des Grimms geworfen worden und ins
Wasser der Finsternis.) Und (die Umstehenden) sprachen zu ihnen:
"Ihr wäret imstande gewesen, euch zu retten. Aber euer Wille
(band euch an die Sünde). Ihr habt diesen Ort, den man die
äußerste Finsternis nennt, als Strafe erhalten. Es ist der Ort
des Feindes (des Todes)."
Seele und Geist sind aus Wasser und Feuer entstanden. Aus Wasser, Feuer
und Licht ist der Sohn des Brautgemaches entstanden. Das (unsichtbare)
Feuer ist das Salböl, das Licht ist das (sichtbare) Feuer. Ich
verstehe (unter dem Licht) nicht das unsichtbare Feuer, sondern das
andere, das weiß ist, schön leuchtet und Schönheit
verleiht.
Die Wahrheit kam nicht nackt in diese Welt, sondern sie kam in
Sinnbildern und Abbildern. Anders kann die Welt die Wahrheit nicht
empfangen.
Es gibt eine Wiedergeburt und ein Abbild für diese Wiedergeburt
(den sterblichen Menschen). Durch das Abbild muss die Wiedergeburt
bewerkstelligt werden.
Was ist die Auferstehung? Und wie verhält sich das Abbild zu ihr?
Durch das Abbild wird die Auferstehung bewerkstelligt. Dann gehen der
Bräutigam und das Abbild, mittels des Abbilds, in die Wahrheit ein.
Das ist die Wiederherstellung. Und das muss mit denjenigen geschehen,
die den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes nicht
nur leihweise erhalten, sondern ihn sich wirklich erwerben wollen. Wenn
jemand diese Namen sich nicht wirklich erwirbt, wird ihm der Name
(Christ) wieder weggenommen werden.
Die Namen werden durch die Salbung, die Kraft des Kreuzes, erworben.
Diese Kraft nannten die Apostel die "Rechte und die Linke". Denn
ein solcher Mensch, (der salben kann), ist nicht mehr nur ein Christ, er
ist ein Christus.
Der Herr vollzog alles in einem Mysterium: Taufe und Salbung, Abendmahl
und Erlösung und Brautgemach (die heilige Hochzeit). Und der Herr
sprach: "Ich bin gekommen, das Untere wie das Obere und das
Äußere wie das Innere zu machen. Ich bin gekommen, um sie alle
an jenem Ort zu versammeln." Hier aber offenbarte er sich durch
Sinnbilder und Abbilder. Diejenigen, welche sagen: "Auch oben gibt
es (Gestalten)", die täuschen sich. Derjenige nämlich, der
eine sichtbare (Gestalt) hat, der Mensch, heißt "der
Untere". Und derjenige, dem das Verborgene gehört, der ist
über ihm.
Mit Recht unterscheidet man das Innere und das Äußere und das
Äußerste des Äußeren. Deshalb nannte der Herr das
Verderben "die äußerste Finsternis". Noch weiter
außerhalb von ihr gibt es nichts. Er sprach auch von seinem
"Vater, der im Verborgenen ist", nämlich: "Gehe in
deine Kammer, schließe die Tür und bete zu deinem Vater, der
im Verborgenen ist" - das heißt, der das Innerste von ihnen
allen ist. Was aber das Innerste von ihnen allen ist, ist die Fülle
der Fülle. Weiter drinnen gibt es nichts. Das Innerste ist der, von
dem gesagt wird, dass er "über ihnen" ist.
Vor Christus kamen einige (aus der oberen Welt) heraus und konnten nicht
mehr in sie hineingelangen; und sie gingen (in die untere Welt) hinein
und konnten nicht mehr aus ihr herausgelangen. Christus aber kam, und
die (in die untere Welt) hineingegangen waren, brachte er heraus, und
die (aus der oberen Welt) herausgegangen waren, brachte er wieder
hinein. Als Eva noch in Adam war, gab es keinen Tod. Als sie sich von
ihm trennte, entstand der Tod. Wenn sie wieder in ihn hineingeht und er
sie zu sich nimmt, wird es keinen Tod mehr geben.
"Mein Gott, mein Gott, warum, o Herr, hast du mich verlassen!"
Es war am Kreuz, als er diese Worte sprach, (denn dort trennte er sich
von dem oberen Ort, er, der gezeugt wurde aus dem Heiligen Geist durch
Gott. Er erstand von den Toten auf, er wurde wieder, wie er gewesen war,
aber jetzt war sein Leib vollkommen.)
Er ist wieder im Fleisch, aber dieses Fleisch ist wahrhaftiges Fleisch.
Unser Fleisch hingegen ist kein wahrhaftiges Fleisch, sondern nur ein
Abbild des wahrhaftigen.
Für die Tiere gibt es keine Hochzeit im Brautgemach, auch nicht
für Sklaven oder für befleckte Frauen. Es wird nur Freien
zuteil und Jungfrauen. Durch den Heiligen Geist werden wir
wiedergeboren. Geboren aber werden wir durch Christus. In beiden
Vorgängen werden wir gesalbt vom Geist. Indem wir geboren werden,
werden wir wieder (mit Gott) vereinigt.
Niemand kann sich ohne Licht selbst sehen, weder im Wasser noch im
Spiegel. Andererseits sieht man auch im Licht nichts ohne Wasser und
Spiegel. Daher ist es notwendig, mit beidem getauft zu werden: mit Licht
und mit Wasser. Das Licht aber ist die Salbung.
In Jerusalem gab es drei verschiedene Gebäude als
Opferstätten. Das eine, gegen Westen gelegene, nannte man das
"Heilige". Das andere, gegen Süden, hieß "das
Heilige des Heiligen". Das dritte, gen Osten gelegene, nannte man
"Das Heilige der Heiligen". Es war der Ort, den nur der
Hohepriester betreten durfte. Die Taufe ist das Heilige. Die
Auferstehung ist das Heilige des Heiligen. Das Heilige der Heiligen aber
ist die Hochzeit im Brautgemach. Die Taufe zieht die Auferstehung und
die Erlösung nach sich, die Erlösung führt ins
Brautgemach. Das Brautgemach aber ist in dem, was erhabener ist als
diese alle, es gibt nichts Erhabeneres. (Es gab welche, die im
"Heiligen" beteten zu Jerusalem; andere gab es, die beteten im
"Heiligen des Heiligen" zu Jerusalem; und wieder andere, die
beteten im "Heiligen der Heiligen" zu Jerusalem. Aber sie
beteten nur und hielten Ausschau nach den Mysterien. Sie konnten nicht
eintreten in die Mysterien, bevor der Vorhang zerriss. Da aber zeigte
sich ein wahres Brautgemach, wo vorher nur ein Abbild des oberen war,
(der äußere Tempel). Sein Vorhang zerriss von oben bis unten.
Denn einigen war es bestimmt, von unten herauf nach oben zu gelangen.
Alle, die das vollkommene Licht(kleid) anlegen, können von den
Mächten nicht gesehen und daher auch nicht ergriffen werden. Wer
das Licht(kleid) anlegt im Mysterium, wird zur Vereinigung gelangen.
Hätte sich das Weib nicht vom Mann getrennt, so würde es nicht
sterben mit dem Manne. Diese Trennung ist die Ursache des Todes. Deshalb
kam Christus, damit er die Trennung, die vom Anfang (der Welt) an
bestand, wieder beseitige, sie beide vereinige und allen, die durch die
Trennung gestorben waren, Leben gebe und sie wieder vereinige. Im
Brautgemach aber ist es, wo sich die Frau (die Seele), mit ihrem Gatten
(dem Geist) vereinigt. Und wer sich im Brautgemach vereinigt, trennt
sich nie mehr. Eva konnte sich von Adam trennen, da sie noch nicht mit
ihm verbunden gewesen war im Brautgemach.
Die Seele Adams entstand aus einem Hauch. Ihr Gefährte ist der
Geist. (Der Hauch,) der ihm gegeben wurde, ist aus der Mutter. Aber (die
Mächte der Erde) nahmen seine Seele und setzten ein Abbild an ihre
Stelle, da sie, wenn sie sich mit dem Geist vereinigt, Worte spricht,
die erhabener sind als alle Schöpfungen der Mächte. Sie
missgönnten ihr ihre Verbindung mit dem Geist. (Diese Verbindung
ist das Brautgemach, das im Verborgenen ist. Als aber die Mächte
die Seele vom Geist trennten und sie durch ein Abbild ersetzten, wurde
auch aus dem Brautgemach ein bloßes Abbild, durch das sich die
Menschen befleckten.)
Jesus offenbarte sich am Jordan. Die Fülle der Fülle des
Himmelreiches offenbarte sich. Er, der vor der Entstehung der Welt
geboren war, wurde von neuem geboren. Der schon Gesalbte wurde wieder
gesalbt. Der schon Erlöste erlöste nun andere.
Ein Geheimnis sei ausgesprochen: An diesem Tage vereinigte sich der
Vater des Alls mit der Jungfrau (dem Heiligen Geist), die herabkam - und
ein Schöpfungsstrahl leuchtete auf. Jesus offenbarte sich im
großen (kosmischen) Brautgemach. Denn an diesem Tag entstand sein
(Licht-)Leib. Er ging aus dem Brautgemach hervor, er wurde von
Bräutigam und Braut erzeugt. Und so erzeugte Jesus das All in sich
durch diese beiden. So muss auch jeder seiner Jünger in seine Ruhe
eingehen. Adam entstand aus zwei Jungfrauen: aus dem (Heiligen) Geist
und aus der jungfräulichen Erde (der Seele). Deshalb wurde auch
Christus aus einer Jungfrau geboren, damit er den Fehltritt in Ordnung
bringe, der am Anfang der Welt geschehen war.
Es wachsen zwei Bäume im Paradies. Der eine macht zu einem Tier,
wenn man von ihm isst, der andere zu einem Menschen. Adam aß von
dem Baum, der zum Tier macht. Daher wurde er zum Tier und brachte selbst
Tiere hervor. Deswegen verehren die Kinder Adams die Tiere. (Der Baum,
von dessen Frucht Adam aß, ist der Baum der Erkenntnis des Guten
und Bösen. Und so wurden die Tiere zahlreich.
Wenn aber ein Mensch von dem Baum isst, der zum Menschen macht, wird er
zum Menschen und bringt Menschen hervor. Dann verehrt der Mensch den
Menschen.)
Gott schuf den Menschen. Aber jetzt schaffen die Menschen sich Gott. So
ist es in der Welt: die Menschen schaffen sich Götter und verehren
ihre Schöpfungen. Aber in Wahrheit müssten die Götter die
Menschen, (als ihre Erzeuger), verehren.
Die Werke des Menschen entstehen aus seiner Macht. Daher nennt man seine
Werke auch "die Mächte". Seine Kinder jedoch entstehen aus
der Ruhe, (seinem unveränderlichen Wesen). So wohnt seine Macht in
seinen Werken, während seine Ruhe sich in seinen Kindern zeigt. Und
du wirst finden, dass das auch für das Abbild des Menschen gilt.
Denn auch der abbildliche Mensch schafft seine Werke aus seiner Macht,
während er seine Kinder aus der Ruhe zeugt.
In dieser Welt dienen die Sklaven den Freien. Im Reich der Himmel werden
die Freien den Sklaven dienen. Die Kinder des Brautgemachs werden den
Kindern der irdischen Zeugung dienen. Die Kinder des Brautgemachs haben
alle denselben Namen. Zusammen haben sie an der Ruhe teil. Sie brauchen
keine äußere Wahrnehmung, denn sie haben (die innere
Betrachtung.) (Diejenigen, die in der Wahrnehmung leben, halten die
Vielheit der Dinge in Ehren. Aber diejenigen, die in der inneren
Betrachtung leben, halten die Ruhe in Ehren.)
Wer hinabsteigt ins Wasser der Taufe, den wird Jesus erlösen. Denn
er stieg aus dem Wasser der Taufe hervor. So wird er vollenden, die
getauft werden in seinem Namen. Sprach er nicht: "So werden wir alle
Gerechtigkeit erfüllen"?
Diejenigen, die sagen: zuerst stirbt man, dann ersteht man auf, irren.
Wenn man nicht zuerst, noch bei Lebzeiten, die Auferstehung gewinnt,
wird man im Tode nichts gewinnen. So reden sie auch von der Taufe und
sagen: "Groß ist die Taufe, denn wenn man sie empfängt,
wird man leben." (Aber wenn man die Taufe empfängt, ohne schon
zu leben, hat man nichts empfangen.)
Der Apostel Philippus sprach: Joseph, der Zimmermann, pflanzte einen
Garten, weil er Hölzer für sein Handwerk brauchte. Er zimmerte
das Kreuz aus den Bäumen, die er gepflanzt hatte. Und sein Same
hing (am Kreuz), das er gepflanzt hatte. Sein Same war Jesus, was er
pflanzte, war das Kreuz.
Der Baum des Lebens ist in der Mitte des Paradieses. Er ist der
Ölbaum, aus dem das Salböl entsteht. Und aus dem Salböl
ist die Auferstehung.
Diese Welt nährt sich von Leichen. Alle Dinge, die man in ihr isst,
sind sterblich. Die Wahrheit aber nährt sich vom Lebendigen.
Deshalb wird niemand, der sich von der Wahrheit nährt, sterben.
Jesus kam von jenem Ort und brachte Nahrung von dort. Und allen, die
wollen, gab er Leben, damit sie nicht stürben.
Gott schuf ein Paradies. Der Mensch lebte im Paradies. (Es gibt keine
Trennung darin, und der Mensch lebte darin im Angesicht Gottes. Dort
existiert die Einheit, und unter den Menschen ist keine Trennung. Dieser
Garten) ist der Ort, wo zu mir gesagt werden wird: "Mensch, iss
dies, oder iss jenes nicht, ganz nach deinem Wunsche." An diesem Ort
also werde ich alle Dinge essen, da sich hier der Baum der Erkenntnis
(des Lebens) befindet. Der Baum der Erkenntnis (des Guten und
Bösen) tötete Adam. Der Baum der Erkenntnis (des Lebens) macht
den Menschen lebendig. Der Baum, der das Gesetz ist, tötet. Er hat
zwar die Fähigkeit, die Erkenntnis des Guten und Bösen zu
verleihen. Aber er entfernt den Menschen weder vom Bösen noch
hält er ihn im Guten, sondern er bewirkt Tod für alle, die von
ihm essen. Denn dadurch, dass gesagt wird: "Esst dieses, esst jenes
nicht", (dass also ein äußeres Gesetz aufgestellt wird),
wird der Baum zur Ursache des Todes.
Die Salbung steht über der Taufe. Denn kraft der Salbung werden wir
Christen genannt, nicht kraft der Taufe. Und auch Christus wurde kraft
der Salbung so genannt, denn der Vater salbte den Sohn. Der Sohn salbte
die Apostel. Die Apostel salbten uns. Wer gesalbt worden ist, hat alles:
er hat die Auferstehung, das Licht, das Kreuz und den Heiligen Geist.
Der Vater gibt ihm dies alles im Brautgemach, dort empfängt er es.
Der Vater war im Sohn, und der Sohn im Vater. Das ist das Reich der
Himmel.
Sehr zutreffend sagte der Herr: "Einige gingen befreit lachend ins
Reich der Himmel ein und kamen lachend heraus aus der Welt." So wird
ein Mensch ein Christ, indem er die Taufe und die Salbung erhält
und sogleich lacht über die Welt. Auch Christus stieg hinunter ins
Wasser zur Taufe und stieg wieder herauf, befreit lachend über
diese Welt. (Er maß ihr keine größere Bedeutung mehr bei
als einem flüchtigen Scherz, sondern verachtete ihre
Vergänglichkeit.
Und lachend betrat er das Himmelreich.) Wenn einer die Welt verachtet
und sie wie einen Scherz verschmäht, wird er lachend aus ihr
herauskommen. Und so ist es nicht nur (bei der Taufe), sondern auch beim
Abendmahl, dem Brot und dem Kelch, und beim Öl (der Erlösung),
und es gibt sogar noch ein höheres (Mysterium, wo es auch so ist).
Die Welt entstand durch einen Fehltritt. Denn der sie schuf, (der
ursprüngliche Mensch), wollte sie unvergänglich und
unsterblich schaffen. Er kam jedoch zu Fall und erreichte nicht das Ziel
seiner Hoffnung. Daher wurde die Welt nicht unvergänglich, und
blieb auch er nicht unvergänglich, der die Welt geschaffen hatte.
Denn nichts in ihr ist unvergänglich. Unvergänglich sind
allein die Kinder (Gottes). Kein Ding wird Unvergänglichkeit
erhalten können, wenn der (Mensch) nicht wieder zu einem Kind
(Gottes) wird.
Wer nicht imstande ist, zu empfangen, der wird noch viel weniger geben
können.
Der Kelch des Gebetes enthält Wein und Wasser. Sie sind Sinnbild
des Blutes, das dankbar angenommen wird. Er ist gefüllt mit dem
Heiligen Geist, der dem ganzen vollkommenen Menschen bestimmt ist. Wenn
wir diesen Kelch trinken, werden wir den vollkommenen Menschen
empfangen. Das lebendige Wasser ist etwas Leibliches. Wir müssen
den lebendigen Menschen anziehen. Wenn wir also zur Taufe ins Wasser
hinuntersteigen, ziehen wir den (toten Menschen) aus, damit wir den
lebendigen anziehen können.
Ein Pferd zeugt ein Pferd, ein Mensch zeugt einen Menschen, ein Gott
zeugt einen Gott. Ebenso verhält es sich mit dem Bräutigam und
der Braut. Ihre Kinder entstehen aus der Hochzeit im Brautgemach. So gab
es auch niemals einen Juden, der aus einem Griechen hervorgegangen
wäre, solange das Gesetz besteht.
Auch wir waren Juden, von Juden gezeugt, bevor wir als Christen (aus
Christus) gezeugt wurden. (Wer aus dem Brautgemach gezeugt wird), wird
das "auserwählte Geschlecht des wahren Menschen und des Sohnes
des Menschen" genannt oder "der Nachkomme des Sohnes des
Menschen". Das "wahre Geschlecht" werden solche Menschen in
der Welt genannt. Das "wahre Geschlecht" ist der Aufenthaltsort
für die Kinder des Brautgemachs.
Wenn sich in dieser Welt Mann und Frau vereinigen, bedeutet dies, dass
sich Stärke und Schwäche vereinigen. Doch in der Ewigkeit ist
die Art der Vereinigung ganz anders, obwohl wir sie auch mit diesen
Namen (Hochzeit und Brautgemach) bezeichnen. In Wirklichkeit aber haben
die (Wesen) dort andere Namen, die höher sind als alle
ausgesprochenen Namen, und sie sind den Starken (der Welt)
überlegen. Denn dort, wo die wahre Gewalt ist, offenbaren sich
diejenigen, die stärker sind als die Gewaltigen dieser Welt. (In
dieser Welt) ist der eine stark (der Mann), die andere schwach (die
Frau). Und sie beide sind einer in dieser Welt. Dieser eine wird niemals
dem Herzen des Fleisches entsteigen können.
Es ist nicht unbedingt so, dass, wer das All besitzt, sich auch selbst
erkennt. Aber wer sich selbst nicht erkennt, kann auch nicht
genießen, was er besitzt. Nur wer sich selbst erkannt hat,
genießt es.
Der vollkommene Mensch kann nicht festgehalten, er kann auch nicht
gesehen werden. Würde man ihn sehen können, würde er auch
festgehalten werden.
Keiner erwirbt sich diese Gnade, außer er legt das vollkommene
Lichtkleid an und wird selbst vollkommen. Jeder der das Licht(kleid)
anlegt, wird ungesehen aus dieser Welt herausgehen können. Das ist
das vollkommene Licht(kleid), und wir müssen vollkommene Menschen
werden, bevor wir aus dieser Welt herausgehen können.
Wer aber das All gewinnt, ohne Herr zu sein über das All, gelangt
nicht an jenen Ort der Vollkommenheit, sondern er geht in die Mitte, die
dazwischen ist, als ein Unvollendeter. Nur Jesus kennt das Ende eines
solchen Menschen.
Der heilige Mensch ist durch und durch heilig, einschließlich
seines Leibes. Denn wenn er das Brot empfängt, heiligt er es, und
wenn er den Kelch empfängt, heiligt er ihn, wie er auch alles
übrige heiligt. Wird er da nicht auch den Leib heiligen? Jesus hat
das Wasser der Taufe geheiligt, und so hat er mit ihm den Tod
hinweggespült. Deshalb steigen wir hinunter ins Wasser der Taufe,
steigen aber nicht hinab in den Tod, damit wir nicht zusammen mit dem
Geist der Welt hinweggespült werden.
Wenn der Geist der Welt weht, wird Winter.
Wenn der Heilige Geist weht, wird Sommer.
Wer die Erkenntnis der Wahrheit hat, ist frei. Der Freie aber
sündigt nicht. Denn wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht.
Die Wahrheit ist die Mutter, die Erkenntnis ist der Vater. Diejenigen,
die nicht die Freiheit haben, gegen die Welt zu sündigen, nennen
sich "Freie, die nicht die Freiheit haben, zu sündigen".
Denn die Erkenntnis der Wahrheit erhebt zwar ihre Herzen, das
heißt, macht sie frei und bewirkt, dass sie sich über den Ort
(dieser Welt) erheben. Die Liebe aber ist immer dienstbar.
Wer also frei geworden ist durch die Erkenntnis, ist Knecht durch die
Liebe, Knecht derer, die noch nicht frei werden konnten dadurch, dass
sie die Erkenntnis aufnahmen. Die Erkenntnis aber macht sie dann
fähig zur Freiheit.
Die Liebe nimmt nichts an sich. Sie braucht nichts an sich zu nehmen, da
alles ihr gehört. Sie sagt nicht: "Das gehört mir"
oder ("Jenes gehört mir"), sondern sie sagt: "Ich
schenke alles dir".
Die Liebe des Geistes kann nichts für sich behalten. Sie ist Wein
und Öl. Wer sich mit ihr salbt, wird ihrer Freude teilhaftig.
Solange die mit ihr Gesalbten da sind, haben Anteil an ihrer Freude auch
die, welche in ihrem Umkreis stehen.
Wenn aber die mit Salbe Gesalbten nicht mehr bei ihnen stehen und sie
verlassen, müssen die Nicht-Gesalbten, die nur bei ihnen standen,
wieder in ihren üblen Geruch zurückfallen. Der Samariter gab
dem Verwundeten nichts als Wein und Öl, also nichts anderes als die
Salbe. Und er heilte seine Wunden. Denn die Salbe bedeckt eine Menge
Sünden.
Die Kinder einer Frau, die sie gebiert, gleichen dem, den sie liebt.
Liebt sie ihren Gatten, gleichen sie ihrem Gatten. Liebt sie einen
Ehebrecher, gleichen sie ihm. Es kommt oft vor dass eine Frau nur dem
Gebot gehorchend mit ihrem Gatten schläft, dass ihr Herz aber bei
dem Ehebrecher ist, mit dem sie auch Verkehr hat. Dann gebiert sie ein
Kind, das dem Ehebrecher gleicht. Ihr aber, die ihr mit dem Sohn Gottes
seid, liebt nicht die Welt, sonder liebt den Herrn, damit das, was ihr
zeugt, nicht der Welt, sondern dem Herrn ähnlich wird.
Der Mensch verbindet sich mit dem Menschen, das Pferd mit dem Pferd, der
Esel mit dem Esel, alle Arten mit ihren Artgenossen. So verbindet sich
auch der Geist mit dem Geist, das Wort vereinigt sich mit dem Wort, das
Licht vereinigt sich mit dem Licht.
Wenn du Mensch wirst, liebt dich der Mensch.
Wirst du Geist, vereinigt sich der Geist mit dir.
Wirst du Wort, vereinigt sich das Wort mit dir.
Und wenn du Licht wirst, vereinigt sich das Licht mit dir.
Wenn du wirst wie die Wesen von oben, werden sich die Wesen von oben auf
dich niederlassen.
Wenn du Pferd wirst oder Esel, Kalb oder Hund, Schaf oder ein anderes
von den Tieren, die außen und unten sind, können dich weder
der Mensch noch der Geist noch das Wort noch das Licht, auch nicht die
Wesen von oben und innen lieben. Sie können nicht in dir Wohnung
nehmen, du hast keinen Anteil an ihnen.
Wer nur gezwungen Sklave ist, kann frei werden. Wer durch die Gnade
seines Herrn frei geworden ist, sich selbst aber wieder in die Sklaverei
verkauft hat, kann nicht mehr frei werden.
Die Ackerfrucht der Welt bedarf des Zusammenwirkens von vier
Kräften. Eine Ernte wird in die Scheunen eingebracht nur durch die
Wirksamkeit von Wasser, Erde, Wind und Licht. Ebenso besteht die Frucht
Gottes durch vier Kräfte: Glaube, Hoffnung, Liebe und Erkenntnis.
Unsere Erde ist der Glaube, in dem wir Wurzel fassen. Das Wasser ist die
Hoffnung, durch sie ernähren wir uns. Der Wind ist die Liebe, durch
sie wachsen wir. Das Licht aber ist die Erkenntnis, durch sie reifen
wir. (Die Gnade ist ein Landmann. Die Frucht des Landmannes sind
Menschen, die hinaufgehen in die Höhe des Himmels.)
Selig ist der Knecht, der nie eine Seele irregeführt hat. Das ist
Jesus Christus. Er begegnete allen auf der Welt, ohne erkannt zu werden,
und legte niemandem eine Last auf. Deshalb ist er, da er so ist, selig,
denn er ist ein vollkommener Mensch. Er ist der Logos. Richtet euch nach
ihm, denn schwierig ist es, den vollkommenen Menschen zu erbauen. Wie
können wir dieses große Werk vollbringen? Wie wird (der
vollkommene Mensch) einem jeden Ruhe geben?
Vor allem dürfen wir niemanden betrüben, keinen Großen
und keinen Kleinen, keinen Ungläubigen und keinen Gläubigen.
Nur denen lässt sich aber Ruhe geben, die im Guten ruhen
(können).
Es gibt Menschen, die um ihres Vorteils willen dem "Ruhe" geben,
der sich ordentlich beträgt. Aber ein Mensch, der das Gute tut,
vermag so jemandem keine Ruhe zu geben. Denn das steht nicht in seinem
Belieben. Trotzdem ist es ihm unmöglich, jemanden zu betrüben,
außer wenn Menschen sich selbst seinetwegen Betrübnis
schaffen. Und so betrübt auch der, der das Gute tut, doch manchmal
andere. Nicht er betrübt sie also, sondern ihre eigene
Schlechtigkeit macht sie betrübt. Wer die Natur (des Guten) hat,
gibt dem Guten Freude. Auf Menschen, (die schlecht sind), wirkt aber
diese Natur so, dass sie sich selbst betrüben.
Ein Hausherr verfügte über alle Dinge: Kinder, Sklaven, Vieh,
Hunde, Schweine, Weizen, Gerste, Stroh und Gras, Rhizinusöl,
Fleisch und Eicheln. Es war ein kluger Mensch, der die richtige Nahrung
für jeden kannte. Den Kindern setzte er Brot vor, Olivenöl und
Fleisch, den Sklaven Rhizinusöl und Korn. Dem Vieh warf er Gerste
vor, Stroh und Gras, den Hunden Knochen, den Schweinen Eicheln und
Brotabfall.
Ebenso ist es mit dem Jünger Gottes. Wenn er klug ist, begreift er
die Jüngerschaft richtig und wird sich von den körperlichen
Formen nicht täuschen lassen. Er wird auf die Beschaffenheit der
Seele eines jeden achten und entsprechend mit ihm reden. Es gibt viele
Tiere auf der Welt, die menschliche Gestalt haben. Wenn er sie als
solche erkennt, wird er den Schweinen Eicheln vorwerfen, dem Vieh
Gerste, Stroh und Gras. Den Hunden wird er Knochen vorwerfen. Den
Sklaven wird er nur die Grundbegriffe der Lehre geben, den Kindern aber
die vollständigen Lehren.
Es gibt den Sohn des Menschen und es gibt den Sohn des Sohnes des
Menschen. Der Herr ist der Sohn des Menschen. Sohn des Sohnes des
Menschen ist derjenige, der durch den Sohn des Menschen geschaffen wird.
Der Sohn des Menschen erhielt von Gott die Fähigkeit, zu schaffen.
Er hat aber auch die Fähigkeit, zu zeugen. Wer die Fähigkeit
zu schaffen erhalten hat, ist selbst ein Geschöpf. Wer die
Fähigkeit zu zeugen erhalten hat, ist selbst ein Gezeugter. Wer
schafft, kann deshalb nicht auch schon zeugen. Wer aber zeugt, kann auch
schaffen.
Zwar gibt es die Redewendung: "Wer schafft, zeugt". Aber das
Erzeugnis des Schaffenden ist nur ein Geschöpf. Seine Erzeugnisse
sind nicht seine Kinder, sondern nur seine Werke. Wer schafft, wirkt im
Sichtbaren und ist selbst sichtbar. Wer aber zeugt, wirkt im Verborgenen
und ist selbst verborgen.
(Das Geschöpf) ist nur ein Abbild. Wer schafft, schafft im
Sichtbaren. Wer aber zeugt, der zeugt Kinder im Verborgenen.
Niemand weiß, an welchem Tag sich Mann und Frau miteinander
vereinigen - nur sie allein. Denn im geheimen vollzieht sich die
Hochzeit der Welt bei allen, die sich eine Frau genommen haben. Wenn
sich aber schon die Hochzeit der Befleckung im geheimen vollzieht, um
wie viel mehr ist die unbefleckte Hochzeit ein wirkliches Geheimnis. Sie
ist nicht fleischlich, sondern rein. Sie entspringt nicht der
(sklavischen) Begierde, sondern dem (frei gewordenen) Willen. Sie
gehört nicht zur Finsternis und Nacht, sondern zum Tag und zum
Licht.
Wenn eine Hochzeit sich nicht im geheimen vollzieht, so wird sie zur
Unzucht. Und die Braut begeht Unzucht nicht nur, wenn sie den Samen
eines anderen Mannes empfängt, sondern auch, wenn sie ihrem
Schlafgemach entweicht und sich öffentlich zeigt. Nur ihrem Vater,
ihrer Mutter, dem Freund des Gatten und den Kindern des Gatten darf sie
sich zeigen. Ihnen ist es erlaubt, täglich das Brautgemach zu
betreten. Die anderen aber mögen sich mit dem Wunsch begnügen,
die Stimme der Braut zu hören und von ihrer Salbe zu zehren! Sie
mögen sich nähren von den Abfällen, die von ihrem Tisch
fallen, wie Hunde!
Bräutigam und Braut gehören ins Brautgemach. Niemand kann
Bräutigam und Braut sehen, außer er wird selbst zu
Bräutigam oder Braut.
Als Abraham (seine Augen erhob), dass er sähe, was er sehen sollte,
beschnitt er das Fleisch der Vorhaut. Dadurch lehrte er uns, dass das
Fleisch vernichtet werden muss, bevor diese Welt verlassen werden kann.
Solange die Begierden des Menschen im Verborgenen sind, bleiben sie
bestehen und leben. Sobald sie ins Sichtbare treten, sterben sie, ganz
so, wie es beim leiblichen Menschen ist. Denn wenn seine Eingeweide zum
Vorschein kommen und aus dem Körper heraustreten, muss er sterben.
Ebenso ist es bei einem Baum. Solange seine Wurzel verborgen ist,
wächst er und lebt. Kommt aber seine Wurzel zum Vorschein, verdorrt
der Baum. Und so ist es mit jedem Geschöpf in der Welt, nicht nur
mit dem Sichtbaren, sonder auch mit dem Verborgenen. Solange die Wurzel
der Bosheit verborgen ist, ist sie stark. Wird sie aber erkannt,
löst sie sich auf. Wird sie sichtbar, schwindet sie dahin. Deshalb
sagt das Wort: "Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume
gelegt." Die Axt ist nicht dazu da, abzuhauen. Was man abhaut,
wächst wieder nach. Sondern die Axt gräbt hinunter bis zum
Grund, bis sie die Wurzel heraufbringt.
Jesus riss die Wurzel (der Welt) ganz heraus, andere taten dies nur
teilweise. Graben wir daher alle nach der Wurzel der Bosheit, die in uns
ist, und reißen wir die Wurzel ganz aus unserem Herzen! Sie wird
ausgerissen, indem wir sie erkennen. Erkennen wir sie nicht, wurzelt sie
weiter in uns und bringt ihre Früchte hervor in unseren Herzen.
Dann ist sie Herr über uns, wir sind ihre Knechte. Sie nimmt uns
gefangen, so dass wir tun, was wir nicht wollen, und nicht tun, was wir
wollen. Sie bleibt mächtig, weil wir sie nicht erkennen.
Und solange sie vorhanden ist, wirkt sie auch.
Die Unwissenheit ist die Mutter der Früchte der Bosheit. Die
Unwissenheit ist die Erzeugerin des Todes. Denn wer aus der Unwissenheit
ist, hat weder gelebt, noch lebt er, noch wird er leben.
Wer aber in der Wahrheit ist, wird vollendet werden, wenn die ganze
Wahrheit offenbar wird. Denn hierin ist die Wahrheit wie die
Unwissenheit: Wenn sie verborgen ist, ruht sie (unbeachtet) in sich.
Wird sie aber offenbar und erkannt, so wird sie (anders als die
Unwissenheit) gepriesen, weil sie mächtiger ist als die
Unwissenheit und der Irrtum. Sie nämlich macht frei. So sprach auch
das Wort: "Die Wahrheit wird euch frei machen, wenn ihr sie
erkennt."
Die Unwissenheit ist Knechtschaft. Die Erkenntnis ist Freiheit. Wenn wir
die Wahrheit erkennen, werden wir die Früchte der Wahrheit in uns
ernten. Wenn wir uns mit ihr vereinigen, wird sie uns als Fülle der
Fülle empfangen.
Jetzt besitzen wir die sichtbaren Dinge der geschaffenen Welt. Und wir
sagen: "Sie sind wertvoll und stark. Die verborgenen Dinge aber sind
wertlos und schwach." So ist es tatsächlich, wenn die Dinge der
Wahrheit in die sichtbare Welt treten. Dann sind sie schwach und gelten
als unwert. Verborgen aber sind sie stark und wertvoll. Die Mysterien
der Wahrheit sind die sichtbar gewordene Wahrheit. Sie sind ihre
Sinnbilder und Abbilder.
Das Brautgemach selbst aber ist verborgen. Es ist das Heilige der
Heiligen.
Der Vorhang verbarg es zwar noch, während Gott die geschaffene Welt
regierte. Wenn aber der Vorhang zerreißt und das Innere zum
Vorschein kommt, wird das Haus dieser Welt öde zurückgelassen,
ja es wird zerstört werden. Denn alles, was Abbild der
göttlichen Wahrheit war, wird aus den Orten (dieser Welt) fliehen -
allerdings nicht hinein ins Heiligste der Heiligen. Denn mit dem reinen
Licht und der makellosen Fülle der Fülle kann es sich nicht
verbinden. Doch wird es sich unter die Flügel des Kreuzes
flüchten und unter seine Arme. Die Arche wird ihm zur Rettung
werden, wenn die Sintflut über die Welt hereinbricht. (Früher)
konnten nur einige wenige, die zum Stamm der Priester gehörten, mit
dem Hohepriester hinter den Vorhang gelangen. Aber der Vorhang zerriss
nicht nur oben, so dass sich (das Verborgene) nur denen, die von oben
sind, geöffnet hätte. Auch zerriss er nicht nur unten, so dass
es sich nur denen, die von unten sind, gezeigt hätte. Sondern er
zerriss von oben bis unten. Die von oben öffneten uns, die wir von
unten sind, damit wir hineingehen könnten ins Verborgene der
Wahrheit, ins Verborgene, das das wirklich Wertvolle und Starke ist. Wir
betreten es zwar anhand wertloser und schwacher Sinnbilder. Aber sie
sind nur wertlos im Vergleich zur vollkommenen Herrlichkeit.
Es gibt nämlich eine Herrlichkeit, die andere Herrlichkeiten weit
übertrifft, und eine Kraft, die andere Kräfte weit
übertrifft. Deshalb hat das Vollkommene und das Verborgene der
Wahrheit sich uns geöffnet. Und das Heiligste der Heiligen hat sich
uns geoffenbart und das Schlafgemach hat uns zu sich hineingerufen.
Solange es nicht offenbart ist, ist die Bosheit zwar nichtig. Aber sie
ist noch nicht aus dem Samen des Heiligen Geistes entfernt, in dessen
Mitte sie sich eingenistet hat. Aus diesem Grund sind die Menschen
Knechte der Bosheit.
Wenn aber das Licht offen zutage tritt, dann wird sich das vollkommene
Licht über alle ergießen, und alle, die in ihm sind, werden
gesalbt werden. Dann werden die Sklaven frei, die Gefangenen losgekauft
sein. "Jede Pflanze des Himmels pflanzt mein Vater, der in den
Himmeln ist, und sie wird nicht ausgerissen werden."
Die Getrennten werden vereinigt, das Leere wird voll werden.
Alle, die das Brautgemach betreten, werden sich bei Licht vereinigen.
Sie vereinigen sich dann nicht wie bei den Hochzeiten der Befleckung,
für die (wir erst ein Licht anzünden) müssen, weil sie
sich nachts vollziehen. Das Feuer dieser Hochzeiten brennt nur nachts
und erlischt dann wieder. Die Mysterien der (heiligen) Hochzeit aber
vollziehen sich am Tage und im Licht. Und dieser Tag und sein Licht
verlöschen niemals. Wenn jemand Kind des Brautgemachs wird,
empfängt er dieses Licht. Wenn aber jemand es nicht empfängt,
während er noch in dieser Welt ist, so kann er es auch in der
anderen Welt nicht empfangen. Wer jedoch dieses Licht empfängt,
wird nicht erkannt, noch gehalten, noch von irgend jemand belästigt
werden können, ob er in der Welt lebt oder hinausgeht aus der Welt.
Er hat schon die Wahrheit empfangen in den Abbildern. Die Welt wurde
für ihn zur Ewigkeit, die Ewigkeit ist für ihn die Fülle
der Fülle. Sie ist jetzt ihm, dem wieder eins Gewordenen, offenbar.
Und er lebt nun (für die Augen der Welt) als Verborgener, doch
nicht mehr verborgen in Finsternis und Nacht, sondern verborgen in einem
vollkommenen Tag und einem heiligen Licht.
Text: Übersetzung von Konrad Dietzfelbinger
Bild: Philippus Icone vom Sinai 10. Jh.